Hallo,
ich brauche ein paar Erfahrungen und ein bischen Unterstützung.
Der Vater meines Sohnes ist letztes Jahr an einem bösartigen Gehirntumor erkrankt. Jetzt wächst der Tumor wieder und er muss sich neuer Chemo usw unterziehen. Die Chance dass er das nächste Jahr überlebt ist 20%.
Und ich weiss nicht mehr wie ich meinen Sohn (8J) auffangen kann. Ein großes Problem ist dass der Vater sich sehr zurückzieht. Manchmal ruft er an und will uns treffen, nur um dann wieder abzusagen. Als Kranker ist dass sein gutes Recht, als Vater ist es eine Katastrophe.
Mein Sohn hat große Ängste um seinen Vater. Inzwischen leidet auch die Schule darunter. Er ist der Typ der zwar viel quasselt aber nicht über die Dinge redet die ihn bedrücken. Ab und an explodiert er wegen einer Kleinigkeit. Er sagt, er kann nur noch an den Papa denken wenn er sich nicht ablenken kann (Fußball, Computerspielen, Musik, TV). Um diesen Satz von ihm zu hören mußte ich ihn regelrecht festnageln. Dann ging es für ein paar Tage besser, aber es hält nicht lange vor. Sein Benehmen schwankt zwischen frech und rotzig, kindlich und schusselig, und dem Bedürfnis es mir in allem recht zu machen.
Die Klassenlehrerin und die Erzieher im Hort wissen Bescheid, und ich habe mich auch an einen Kinderpsychologen gewandt. Die Termine gibt es mit größeren Abständen, und wir hatten bis jetzt nur ein Kennenlern Gespräch.
Die Angehörigengruppe für Hirntumorpatienten kann ich aus zeitlichen Gründen schlecht besuchen. Die Teilnahme wäre mit einigem Aufwand an zeit und Babysitter suchen verbunden. Und diese Zeit möchte ich lieber zu Hause verbringen. Ein Beratungsgespräch hatte ich schon.
An so Tagen wie heute weiß ich nicht mehr weiter.
Cassis
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01.11.2011, 14:32
Vater schwer erkrankt -wie kann ich meinem Sohn helfen?
Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.
Karl Valentin
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01.11.2011, 16:12
AW: Vater schwer erkrankt -wie kann ich meinem Sohn helfen?
Hallo Cassis,
zunächst einmal möchte ich dir meine tiefempfundene Anteilnahme aussprechen
Ich finde es gut, dass du professionelle Hilfe in Anspruch nimmst, denn die Situation ist weder für dich noch für deinen Sohn einfach und wird sich ja in absehbarer Zukunft auch nicht entspannen.
Ohne eigene Erfahrungen mit solch einer Situation zu haben, denke ich doch, dass das Verhalten deines Sohnes völlig normal ist: er versucht halt auf seine Art, mit der Wucht der Ereignisse und seinen Ängsten umzugehen. Aber er hat dich, du bist für ihn da, wenn er dich braucht, das weiß er (und du solltest es ihm auch immer wieder sagen), und das ist doch schon ungeheuer wertvoll.
Hab keine Scheu, den Kinderpsychologen in Anspruch zu nehmen, wenn du Probleme mit bestimmten Verhaltensweisen deines Sohnes hast.
Vielleicht hilft dir ja auch der Kontakt zu anderen, von ähnlichen Schicksalen Betroffenen? Du schreibst ja, dass zusätzliche Termine für dich schwierig sind, aber vielleicht findest du ja hier Kontakte und Unterstützung.
Alles Liebe für dich, ich wünsche dir viel Kraft
Moderation in der Religion, der Politik und im Glücklicher Leben.
... und seit dem 16.11. unter demselben Nick bei Be Friends Online unterwegs
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01.11.2011, 16:26
AW: Vater schwer erkrankt -wie kann ich meinem Sohn helfen?
Liebe Cassis
Leider kann ich nicht viel beitragen, aber ich habe mich im Web umgeschaut und bin auf viele Seiten gestoßen, die genau dein Problem zum Thema haben. Es gibt Foren, wo sich Kinder schwerkranker Eltern austauschen, Selbsthilfegruppen für Kinder, usw. Gib doch einfach mal als ersten Anhaltspunkt „Kinder schwerkranker Eltern“ in google ein, um ein paar Treffer zu erhalten.
Dein Sohn braucht Hilfe und vielleicht braucht er auch Kontakt mit anderen Kindern, die genau seine Probleme auch haben, ob Internetforum, eine Spielgruppe oder vielleicht ein Kuraufenthalt. Das schlimmste für ein Kind ist das Gefühl mit seinem Problem ganz allein zu sein auf dieser Welt, gemeinsam fühlt man sich stärker. Vielleicht würde es deinem Sohn helfen zu erfahren, dass das Schicksal auch in anderen Familien zuschlägt. Für euch alle alles Gute.
"Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen Monat für Geld zu arbeiten.”
(John D. Rockefeller)
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01.11.2011, 16:54
AW: Vater schwer erkrankt -wie kann ich meinem Sohn helfen?
Neben den Hilfen "von außen"...du hilfst ihm doch schon *knuddel*.
Cassis, du hast schon eine Menge bewegt, angeleiert, du bist für ihn da. "Daneben" zu stehen, lässt einen manchmal hilflos sein. Wirklich beeinflussen kannst du nichts. Weder die Krankheit deines Ex - noch die Gefühlswelt deines Sohnes. Es ist dieses Bedürfnis, spürbar etwas zu bewegen... deinem Sohn zu helfen, damit er sich wieder "normal" fühlt (und verhält)...das wäre dann für dich messbar, dass du ihm geholfen hast.
Diese Situationen, wo man einfach nur "da" sein kann, finde ich auch immer in dem entsprechenden Moment oder Zeitraum irgendwie...unbefriedigend (ich hoffe, du verstehst, was ich meine).
Seine Gefühle gehören aber dazu, sind ein normaler Prozess. Damit wird er lernen müssen umzugehen - und du als seine Mutter auch. So schwer es sein mag.
Und noch etwas: Hilfe von außen ist sicherlich auch gut. Ich würde an deiner Stelle nur aufpassen, dass du nicht in "hektischen Aktionismus" verfällst - nur weil du dich selbst so hilflos fühlst. Ruhige Zeiten zusammen mit dir, in denen er auch die Zeit und den Raum bekommt, sich fallen zu lassen, sind immens wichtig. Und vor allen Dingen hinschauen, was ER braucht.
PS: Ich habe meinen Vater mit 8 Jahren an den Gehirntumor verloren. Von Therapien und sonstigen Hilfsangeboten wusste man damals noch nicht viel. Für mich egal. Denn das, was ich am meisten vermisst habe, war die Nähe, Wärme, Verständnis, "Gesehen-Werden" und auch "Aushalten meiner Verzweiflung" von den Menschen, die mir am nächsten waren. Zuallererst meiner Mutter.Herr, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Verleihe mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und schenke mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!
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Reife ist der Zustand kurz bevor die Verrottung einsetzt
(...geklaut...)
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01.11.2011, 16:58
AW: Vater schwer erkrankt -wie kann ich meinem Sohn helfen?
ich schließe mich den mitfühlenden wünschen meiner vorrednerinnen an.
auch ich dachte sofort an eine art selbsthilfegruppe. ich weiß, dass es so etwas für kinder mit eltern in trennung gibt und es gibt auch trauergruppen für kinder. hier würde ich bei der klinik nachfragen, ob sie so etwas anbieten oder örtliche kontakte haben.
vielleicht könnt ihr auch ein ritual finden, wo er nicht so richtig über seine gefühle sprechen muss. vielleicht einen stimmungsbarometer (bild ist nur ein beispiel) oder einen kalender in den er einträgt, ob es ihm eher so
so
oder auch so
geht (nur als beispiel).
ich finde persönlich nicht, dass das sein gutes recht ist. auch als todkranker mensch ist er vater und er hat nur noch eine bestimmte zeit. es ist wichtig, dass er sich verabschiedet bzw. seinen abschied plant von seinem sohn. das ist seine verantwortung als vater.Ein großes Problem ist dass der Vater sich sehr zurückzieht. Manchmal ruft er an und will uns treffen, nur um dann wieder abzusagen. Als Kranker ist dass sein gutes Recht, als Vater ist es eine Katastrophe.
dass es ihm schwerfällt und er den begegnungen aus dem weg geht, weil es ihm weh tut, kann ich verstehen. hier wäre es hilfreich mit ihm gemeinsam eine beratung zu finden, um dieses problem zu lösen.
er muss mit ihm ja nicht über sein sterben sprechen. aber eine feste spielzeit (= kartenspiel) in der woche, und wenn es nur eine halbe stunde ist, könnte hilfreich sein. auf alle fälle besser als termine ausmachen und dann absagen.
was passiert entscheidet er, doch ich finde es ist ein versuch wert mit ihm darüber zu reden.Immer nur zu meckern auf das blöde Scheißsystem, das ist schön bequem, du bist nicht Teil der Lösung, du bist selber das Problem und feige außerdem, sei nicht so unsportlich, es geht nicht ohne dich, so funktioniert das nicht, es geht nicht ohne dich
Die Ärzte
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01.11.2011, 17:12
AW: Vater schwer erkrankt -wie kann ich meinem Sohn helfen?
Cassis, ich kann leider ueberhaupt nichts Konstruktives beitragen, aber ich wollte auf jeden Fall auch mein Mitgefuehl in dieser schweren Situation aussprechen und Dir eine
da lassen.
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01.11.2011, 18:46
AW: Vater schwer erkrankt -wie kann ich meinem Sohn helfen?
@ Signora
Danke, vor dem Aktionismus graust es mir auch. Wir sind beide tagsüber sehr eingespannt. Er ist bis 17:15 im Hort und hat zweimal die Woche Training. Da möchte ich keine extra Termine dranhängen. Ich war schon erleichtert dass der Kinderpsychologe Am Wochenende waren wir viel unterwegs. Heute ist Feiertag und wir sind zu Hause geblieben. Ich brauche solche Pausen unbedingt, und ihm scheint es gut zu tun dass ich nur da bin.
@ Xanidae
Auf seine Verpflichtung als Vater habe ich ihm schon so oft hingewiesen, dass ich Fusseln auf der Zunge habe. Das fiel ihm schon sehr schwer als er noch nicht krank war, und jetzt....
Das, was ich nie zusammen kriege ist, dass die beiden sich total gut verstehen wenn sie sich dann treffen. Dann ist er ruhig und geduldig, geht auf das Kind ein.
Letzte Woche hatte unser Sohn Geburtstag. Er rief zwei Tage vorher an, was wir machen würden. Am Geburtstag selber hat er abgesagt und ich konnte hören, dass es ihm schlecht ging. Er hatte vergessen, dass es auch der erste Tag der neuen Chemo gewesen war. Abends hat er zum Gratulieren nicht angerufen. Ich wollte ihn erinnern, und habe auf seinem handy angeklopft. Später rief er zurück, sprach mit unserem Sohn aber vergaß zu gratulieren. Um wenigstens noch etwas zu retten habe ich eine sms hinterhergeschickt: Dein Sohn hat Geburtstag! Eine 3/4 Stunde später hat es dann endlich geklappt.
Und das ist zur Zeit mit das größte Problem. Wann ist er schlurig und ein A****, und wann läßt ihn sein Gedächtnis im Stich. Das Kurzzeitgedächtnis ist stark eingeschränkt.
Am Samstag haben wir ihn kurz gesehen um etwas abzuholen. Wir haben beide einen Schreck bekommen weil er so schlecht aussah. Diesmal hatte er die Glückwünsche aufgeschrieben, und man konnte an der krakeligen Schrift sehen wieviel Mühe ihn das gekostet hat. Seit dem ist mein Sohn extrem verstört und ich bin dankbar für die Herbstferien. Von dem Geld, dass er geschenkt hat, hat sich mein Sohn einen Mp3 Player gekauft. "Den hat mir doch der Papa geschenkt, oder?" "Ja, natürlich hat er das." Außer songs habe ich auch noch Fotos von den beiden und uns dreien draufgezogenEigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.
Karl Valentin
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01.11.2011, 19:32
AW: Vater schwer erkrankt -wie kann ich meinem Sohn helfen?
Cassis, was und wieviel weiß dein Sohn?
Herr, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Verleihe mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und schenke mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!
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Reife ist der Zustand kurz bevor die Verrottung einsetzt
(...geklaut...)
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01.11.2011, 19:41
AW: Vater schwer erkrankt -wie kann ich meinem Sohn helfen?
Hallo Cassis,
Dich und vor allem Deinen Sohn.
Bei uns war es nur ein sehr guter Freund, aber mein Sohn war im gleichen Alter.
Finde ich gut, dass Du ihn zum Geburtstag so unterstüzt hast, vergiß doch einfach die Überlegungen warum etwas nicht klappt. Unser Freund war so glücklich endlich zu wissen, dass er nicht verrückt war, oder vergeßlich, aber leider starb er dann auch an seinem Tumor.
Aus meiner Sicht war das Wichtigste der regelmäßige Kontakt, denn die äußeren Veränderungen sind im Endstadium wirklich täglich zu sehen. Für die Kinder ist es eher unheimlich wenn der Vater plötzlich anders aussieht, oder seine Körperfunktionen nach und nach den Dienst aufkündigen. Ist es für Dich möglich die Besuche spontan und auch ohne große Planung zu machen-Planung kannst Du sowieso bald vergessen, oder gibt es dort eine neue Familie, die es als störend empfindet?
Dein Ex wird sich hoffentlich realistisch mit der Situation beschäftigt haben.
Bei uns war die Veränderung von einem sportlichen Mann mit ca 80 kg in ein embryonal verkrümmtes Wesen mit ca 35 kg schon schwer verdaulich.
Bleib im Gespräch so lange irgendmöglich und viel Kraft
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01.11.2011, 19:54
AW: Vater schwer erkrankt -wie kann ich meinem Sohn helfen?
Sehr viel,
wir waren vor und nach der OP im Krankenhaus. Zwischen und OP und Bestrahlung hat sein Vater bei uns gewohnt, was erstaunlich gut lief. Während der stationären Bestrahlung haben wir ihn besucht. Die hat er psychisch gar nicht vertragen, und sich erst mal nicht gemeldet. Im März hatte er noch einen Schlaganfall, der das Gedächtnis und das Sehfeld eingeschränkt hat. Wir haben ihn regelmäßig besucht, auch in den Wochen der Reha. Es ging ihm stückweise besser und für einige Zeit sah es besser aus. Aber dann hatte er auch wieder Kraft am Rad zu drehen und sich wieder abzugrenzen. Die Tatsache, dass auf einmal seine Ex ihm zur Seite steht, war für ihn sehr schwierig. Da ist er oft zwischen Dankbarkeit und Abgrenzung geschwankt. Im Sommer haben wir ihn einmal getroffen, und in den letzten zwei Monaten kamen diese Anrufe, dass er uns sehen wolle, die dann wieder abgesagt wurden. Daraufhin hat mein Sohn eine Woche so gepunkt, dass die Erzieherin nachgefragt was denn los sei. Hausaufgaben hat er in der Woche dann auch total verweigert. Später kam die Erklärung, er müsse immer an den Papa denken, wenn er still sitzt und keine Ablenkung hat.
Aktuell habe ich ihm nicht gesagt, dass der Tumor wieder wächst. Wenn ich versuche mit ihm darüber zu reden, dass es für den Papa auch wieder schlecht aussehen kann, blockt er total ab. Er will es nicht wissen, und meint ich würde ihm Angst machen. Den schlechten Zustand seines Vaters am Samstag habe ich ihm so erklärt, dass der Papa neue Medikamente nehmen muß die ihn müde machen.
Also, soweit möglich rede ich mit ihm über alles, und versuche so offen zu sein wie möglich. Er ist ein helles Köpfchen, und versteht intellektuell mehr als er emotional verkraften kann. Verstellen oder verschweigen ist ganz schwer, dass merkt er. Ich sage daher auch ganz deutlich wenn ich auf seinen Vater wütend bin und warum. Und wenn ich der Meinung bin es liegt an der KrankheitEigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.
Karl Valentin


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