Hallo, liebes Forum!
Ich bin neu hier und habe mich extra wegen des im Titel erwähnten Themas hier angemeldet. Seit einiger Zeit beschäftigt mich das Thema Eifersucht und seine vielfältigen Facetten sehr. Eigentlich war meine Meinung bisher immer, dass Eifersucht ein sehr persönliches Problem mit dem eigenen Selbstbewußtsein sei. Nun habe ich aber einen Film gesehen, der mir zu Denken gegeben hat: Elementarteilchen. Dort wird, wie auch im gleichnamigen Roman, die Thematik aus Huxleys "Schöne neue Welt" behandelt. Es wird die These aufgestellt, dass die sexuelle Revolution mitsamt seiner offenen Beziehungsstrukturen im Grunde die Wurzel allen Übels sei. Gewalt, Krieg und Zerstörung humanen Lebens seien die Folge aggressiver Sexualität. Nun kam mir der Gedanke, dass das, was sich so zerstörerisch auf das Große, Ganze einer breiten Öffentlichkeit auswirkt, auch im Kleinen einer privaten Beziehung zu erheblichen Verletzungen führen kann, die durchaus legitim sind. Bisher habe ich immer die Meinung vertreten (wie auch der Großteil des Forums), dass der Partner mit Eifersucht nicht behelligt werden, sondern man an sich selbst arbeiten sollte.
Nun hat sich der Gedanke eingeschlichen, ob Eifersucht nicht doch mehr ist, als nur eine "Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft". Ist dies vielleicht nicht tatsächlich der Vorbote einer Entwicklung innerhalb der Beziehung, die sich überhaupt nicht aufhalten lässt, egal wie sehr versucht wird an sich selbst zu arbeiten? Mir stellt sich die Frage, ob Eifersucht nicht einem zutiefst menschlichen Bedürfnis entspringt, Geborgenheit und Exklusivität innerhalb einer Beziehung zu erfahren und weniger mangelndem Selbstbewußtseins. Ebenso frage ich mich, ob das Argument, man müsse es einfach akzeptieren, dass es auch andere schöne Menschen gibt, einer obsoleten Ideologie folgt, die in ihrer härtesten Konsequenz tatsächlich direkt in die "Schöne, neue Welt" führt, so wie Michel Houellebecq es in seinem kompromisslos kulturpessimistischen Roman entworfen hat. Man findet immer mehr Ansätze eines "Jeder gehört Jedem" - Gefühls, einer "Sexualität ist ein freies Gut"-Argumentation, die Eifersucht zu etwas Antiquiertem erklärt und in die Steinzeit verdammt, direkt zum Muttchen an den Herd. Es ist verpönt, den Pornoskonsum des Partner zu mißbilligen und immer wieder hört man das Argument, dies sei das Recht von Jedem.
Wer Huxleys Roman gelesen hat, wird vielleicht tatsächlich die Frage stellen, ob unsere Gesellschaft nicht bedenkenswerte Ähnlichkeit zur im Roman skizzierten Utopie aufweist. Ebenso der von Huxley behandelte Aspekt "Elebnisgeselllschaft" scheint schon längst Realität geworden zu sein. Ich aber interessiere mich vor allem für das Bild der Sexualität in jenem Roman.
Langer Text, lange (sicherlich provokante) Frage: Ist Eifersucht nicht vielleicht das einzig humane Symptom in einer inhumanen Gesellschaft, die sich in Bezug auf ihre Sexualität immer stärker einer Utopie annähert, in der Exklusivität, Verbundenheit und Zweisamkeit einer Beliebigkeit und Offenheit weichen muss?
Befinden wir uns nicht schon längst in der "Schönen, neuen Welt"?
Ich hoffe, manch einer kann meinen Gedankengang nachvollziehen und ich möchte defintiv festhalten, dass ich nicht dafür eintrete, Sexualität zu verdammen.
Liebe Grüße!
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29.06.2009, 16:51
Einige Denkansätze zum Thema Eifersucht
Geändert von leonce_und_lena (29.06.2009 um 16:56 Uhr)
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29.06.2009, 20:11Inaktiver User
AW: Einige Denkansätze zum Thema Eifersucht
hallo leo-lea (scusi, bin im abk.-wahn),
ich finde das spannend was du da schreibst - eifersucht sozusagen als symptom, oder phänomen einer zunehmend kaputt-selbstverwirklichten gesellschaft.
was ich mich jedoch gefragt habe: ist es nicht eine frage des maßes? denn: wenn eifersucht tatsächlich "nur" dem bedürfnis nach geborgenheit und beziehungsexklusivität entspringen würde, wäre doch vermutlich jeder in einem ähnlichen maß eifersüchtig.
aber es gibt menschen die sind es so gut wie gar nicht, und andere schon beim kleinsten seitenblick auf einen "fremden" vertreter des anderen geschlechts. wie würde das zu deiner these passen?
und weiter: oft sind menschen ja tatsächlich "mit gutem grund" eifersüchtig - weil sie zu recht den verdacht haben, dass ihre beziehung eben keine exklusive mehr ist. - ok, andererseits gibt es männliche wie weibliche "psychopathen", die vor eifersucht vergehen, wenn sie ihren partner mal einen halben tag nicht sehen...
nur so ein paar gedanken...
von bohemienne
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30.06.2009, 12:48Inaktiver User
AW: Einige Denkansätze zum Thema Eifersucht
Hallo leonce_und_lena,
interessante Gedanken... Ich persönlich sehe da mehrere Themen. Eifersucht habe ich nie nur als Ausdruck mangelnden Selbstbewusstseins erlebt. Ich erlebe es eher so, dass in jeder Beziehung neu geklärt wird, wo Grenzen gezogen werden: Einige leben absolut monogam, andere definieren offene Beziehungen und leben auch gut damit. Deshalb ist Eifersucht oft auch Ausdruck einer realen oder vermuteten Regel-Verletzung: "Vereinbart war Treue, du wendest dich einem anderen Menschen zu." Demnach relativiert sich Eifersucht auch an der Beziehung - es steht also auch die Frage nach der Bedeutung einer Beziehung dahinter.
Ich selber könnte nicht in einer offenen Beziehung leben, es wäre spannend, hier mal von dieser Seite zu erfahren, was für sie Beziehung bedeutet. Für mich bedeutet Beziehung tatsächlich ein gewisses Maß an Ausschließlichkeit und auf jeden Fall auch an Geborgenheit. Aber dies erlebe ich auch in anderen Beziehungsformen wie Freundschaften (wenn auch in anderer Form).
So ganz verstehe ich einige Aussagen von Dir nicht (Huxley habe ich vor 15 Jahren gelesen, Houellebecq gar nicht). Meinst Du, wir sind auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der ein gesichtsloses, anti-individuelles Ausagieren der aktuellen Bedürfnisse erfolgt? In der der "Kick" egozentrisch und ohne Rücksicht auf Verluste wichtiger ist als das Pflegen von Beziehungen?
Ja, ich glaube, es gibt Tendenzen dazu. Es gibt Menschen, die sich vor der Verantwortung, die eine Beziehung mit sich bringt, drücken (siehe z.B. die plakativen Aktionen einiger Promis, per SMS eine Beziehung zu beenden etc.). Gleichzeitig gibt es aber auch eine Tendenz, wieder enger aneinander zu rücken. Wirtschaftskrise&Co. verweisen sehr darauf, dass ein Leben, das nur an sich selbst ausgerichtet ist, irreal ist. Und auch die "Selbstverwirklicher" spüren an der ein oder anderen Stelle, dass der Mensch nicht nur Individuum, sondern auch Gemeinschaftswesen ist.
Hhhmmmm, spannend...
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30.06.2009, 18:29
AW: Einige Denkansätze zum Thema Eifersucht
Findet man Eifersucht nicht eher gekoppelt an eine Vorstellung von Zweisamkeit?
Hat es eine Zunahme von Eifersucht gegeben in der Welt?
Gab es Eifersucht nicht schon immer in den meisten Gesellschaften?
Ich weiß nicht warum Gefühle, die die Menschen umtreiben gehäuft in 'modernen' Zeiten auftreten sollen.
Liebe Grüße,
MatratzeNow, bring me that horizon.
Mein Avatar zeigt Euch Smashie. - Sie wurde nur 3 Jahre alt.
Sie kam als Streuner mit einem Trichter um die Beine, den sie sich dann selbständig ausgezogen hat.
NYC's ACC platzierte sie auf der berüchtigten **Kill List**
Kein Foster - keine Rettung.
Smashie starb am 17.09.2016.
Ihre grünen Funkelaugen gibt's nicht mehr.
Sie war eine sehr liebe, menschenliebende zarte Fee.
Es ist ein Privileg die tägliche **Kill List** zu bekommen.
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30.06.2009, 19:22Inaktiver User
AW: Einige Denkansätze zum Thema Eifersucht
Dieser These würde ich widersprechen. Gewalt, Krieg und Zerstörung gab es schon vor der sexuellen Revolution. Das gib es wahrscheinlich schon, seitdem es den Menschen gibt.
Menschen sind hier sehr unterschiedlich. Einige sind eifersüchtig, andere wiederum nicht und hier kann es auch wieder ganz verschiedene Auslöser geben. Für den einen ist Porno ein Problem, für den anderen nicht, für den sind es dann aber Freundschaften zum anderen Geschlecht etc. Genauso ist für einige Menschen die freie Sexualität ein hohes Gut, das unbedingt verteidigt werden muss, es gibt aber auch andere Menschen, die diese gerne und freiwillig für eine Beziehung aufgeben wollen.
Sehr interessante Frage.
Ich betrachte unsere Gesellschaft nicht als inhuman. Für mich ist unsere Gesellschaft zutiefst menschlich und da gehört für mich auch beides dazu; die Eifersucht, Wunsch nach Verbundenheit/Exklusivität und gleichzeitig auch die Beliebigkeit und Offenheit. Von daher glaube ich nicht, dass wir auf irgendetwas zusteuern, was nicht auch in uns schon längst verwurzelt ist. Vielleicht ist dieser Zwiespalt, den jeder mehr oder weniger stark ausgeprägt mit sich herumträgt nur deutlicher sichtbar durch Medien- und Konsumangebote, die wahrgenommen werden können?
Eine Utopie würden wir wahrscheinlich leben, wenn wir davon ausgingen, dass dieser innere Zwiespalt jemals beseitigt werden könnte...Geändert von Inaktiver User (30.06.2009 um 19:26 Uhr)
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02.07.2009, 09:26Inaktiver User
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02.07.2009, 10:55
AW: Einige Denkansätze zum Thema Eifersucht
Das jeweilige Gefühl von Eifersucht ist genauso individuell wie die jeweiligen anderen Lebens-Gewohnheiten, finde ich.
Es kommt immer darauf an, was ein Paar miteinander verbindet und welche Regeln zu Beginn der Partnerschaft gültig waren.
Manche sind eben sehr eifersüchtig, andere weniger und noch ganz andere überhaupt nicht. Kann man nicht einheitlich definieren.
Eifersucht als Gradmesser der "Qualität" einer Beziehung?
Nein, das wohl eher nicht.
Aber, auch hier gilt: Was für MICH gilt, muss für andere noch lange nicht gelten.
50+
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02.07.2009, 11:19
AW: Einige Denkansätze zum Thema Eifersucht
Mit Eifersucht als Gesellschaftsphänomen kann ich gar nichts anfangen. Für mich ist und bleibt Eifersucht ein Beziehungsphänomen.
Und da, finde ich, hat Eifersucht sehr wohl mit der Beziehungsqualität bzw. dem momentanen Beziehungszustand zu tun.
Ein Partner, der sich wohl und in seiner Beziehung geborgen, geliebt und sicher fühlt, wird doch wohl kaum zu Eifersucht neigen oder?
nette Grüsse,
Kraafaufgewacht und umgezogen: befriendsonline.net

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02.07.2009, 12:28
AW: Einige Denkansätze zum Thema Eifersucht
Doch, doch.
Gerade DANN kommt es sehr oft zu Eifersuchtsattacken, eben WEIL er/sie diese Exklusivität auf ALLE Bereiche des täglichen Lebens ausdehnen will.
SO wurde ICH zumindest von einem belehrt, der es wissen muss
Es klingt paradox, gell?
Für mich nur schwer nachvollziehbar - aber das heißt ja nichts
50+
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02.07.2009, 12:29Inaktiver User


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