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  1. Avatar von Lilou157
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    AW: Das Loch in das ich fiel

    Irgendwie fand ich es grade tröstlich den Strang hier zu lesen

    Mein Sohn hatte vor 9 Monaten eine Stammzelltransplantation (aufgrund eines Immundefekts, nicht wegen Krebs), meine Mutter hat Leukämie und braucht eine Knochenmarktransplantation.
    Seit der SZT meines Sohnes ist nichts mehr wie es einmal war. Vor allem auf sozialem Plan finde ich nicht mehr in unser früheres Leben zurück.

    In der Akutphase hatten wir auch viel Unterstützung, vor allem praktisch, mit der Betreuung der anderen Kindern, Gartenarbeit, und wir haben sehr viel Mitmenschlichkeit und Solidarität erlebt. Emotional habe ich damals keinen an mich rangelassen, es gab für mich keinen Trost während mein Kind um sein Leben kämpfte, und es gab für mich keinen von ausserhalb der das hätte verstehen können und mit dem ich darüber hätte weinen wollen. Wahrscheinlich habe ich damals schon so einige vergrault, die für mich da sein wollten und die ich zu oft habe abblitzen lassen und habe ich damit deren Unsicherheit im Umgang mit uns verstärkt.

    Nun in der Nachphase fühle ich mich recht einsam und unverstanden mit allem. Die meisten um uns rum, denken es ist nun alles gut und erwarten von mir, dass wir wieder zum normalen Leben zurückkehren. Es gibt aber keine einfache Rückkehr zu vorher. Es ist nicht mehr wie es einmal war.

    Letzte Woche war ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder auf einem Geburtstagsbrunch und ich kam mir so fremd vor, zwischen meinen langjährigen Freundinnen. Ich habe einfach (noch?, ich hoffe, dass sich das wieder ändert) nichts zum Mitreden, mein Alltag mit medizinischer Nachsorge, Therapien, Isolation und all den dazugehörigen Aengsten, der Krankheit meiner Mutter, ist einfach so anders. Ich kann auch teilweise nicht nachvollziehen, über was andere sich alles Sorgen und Gedanken machen, bzw ich kann es nachvollziehen, ich kann es auch verstehen und als berechtigt ansehen, aber ich habe einfach eine andere Einstellung dazu. Wenn meine Freundin über ihre ewig zankenden Kinder jammert, denke ich nur: sei doch froh, dass ihr alle zusammen seid und euch habt, nach 7 Monaten Trennung sieht man das einfach anders. Es hilft natürlich der Freundin nicht, wenn ich das so sage, weil sie ja ein reales Problem damit hat, also sage ich einfach nichts.

    Ich empfinde es auch so, dass Freunde auf Dauer immer weniger nachfragen. Bei besagtem Geburtstagsbrunch fragte eine Freundin wie es meiner Mutter geht, ich: nicht gut, sie: wie ich dachte sie würde die Chemos gut vertragen, ich: das Gut ist schon 2 Monate her. Und ich habe mir dabei gedacht: irgendwann antworte ich dir auf die Frage: och, die ist seit 2 Monaten tot.
    Ich kann es durchaus verstehen, dass Leute nicht permanent nachfragen wollen und können, dass sie ihr eigenenes Leben und ihre eigenen Sorgen haben und sich nicht immer mit unseren nerverending Krankheitsgeschichten befassen wollen, vor allem da mein Sohn eben seit 6,5 Jahren schwer krank ist. Trotzdem kränkt es mich auch. Weil ich mir eben auch wünschen würde, dass andere noch nachfragen, auch wenn wir nicht mehr in der Akutphase sind, in der es um Leben oder Tod geht. Dennoch ist es eben das was mein Leben am Meisten ausmacht, was mir sehr wichtig ist, und verletzt es mich eben auch wenn andere es übergehen.

    Ich verstehe durchaus die Aengste und Verunsicherung von anderen Leuten, ich sehe das ja schon wenn mein Sohn seinen Mundschutz trägt, dann geht uns jeder aus dem Weg und meidet ein Gespräch. Ich kann es auch durchaus verstehen, dass andere Leute nicht wissen was sie sagen sollen, wie sie mit uns umgehen sollen (zugegebenermassen bin ich hier auch sicher nicht die einfachste), sich nicht trauen nachzufragen. Dennoch fühle ich mich dadurch sehr einsam und unverstanden. Viele sagen mir auch, du meldest dich wenn du was brauchst, wenn du reden willst, ich bin da. Hm, das ist dann wiederum etwas was ich nicht mache , und wo andere sich dann vielleicht denken es ginge mir gut, auch wenn dem nicht so ist.

    In den letzten Wochen wurden wir auch öfters gefragt ob wir zusammen mit anderen was unternehmen würden. Wir hatten vorher ein sehr reges soziales Leben, haben viel mit Freunden unternommen, an Wochenenden, sind zusammen in Urlaub gefahren. Das ging anfangs aber nicht, weil mein Sohn noch isoliert und vorsichtig sein musste, mittlerweile ist das aufgelockert, wir beginnen langsam wieder kleinere Dinge zu unternehmen, aber mittlerweile fragen auch nur noch wenige nach, weil sie eh denken dass ich sie abblitzen lassen, und meine Bedenken/Aengste zu grösserer Kinderschar bei gemeinsamer Unternehmung kennen.

    Sicher wäre es an mir, wieder mehr auf die Leute zuzugehen, zu sagen, jetzt sind wir bereit, brauch ich Hilfe, brauch ich jemanden zum reden. Aber das fällt mir wahnsinnig schwer. Und die meisten haben eben nach all der Zeit aufgegeben mir nachzulaufen.

    Das Soziale bei solchen Situationen ist nicht so einfach und ich habe eigentlich vorher gar nicht so damit gerechnet, dass das Nachher so schwierig werden würde. Vielleicht brauchen wir auch einfach noch Zeit, alle, ich und die um mich rum.
    "Wir können für unsere Kinder nicht jeden Tag die Sonne scheinen lassen,
    aber bei Regen können wir den Regenschirm halten"

    (E. Gombault)

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