Meine Mutter (55) ist gegenwärtig zum vierten Mal in ihrem Leben, davon zum dritten Mal in den letzten zehn Jahren wegen Depressionen (bipolar) in der Klinik. Fast meine gesamte Kindheit (und die meiner Schwester) war von unserer kranken, hilflosen Mutter geprägt, die von uns versorgt wurde, statt für uns zu sorgen. Seit nunmehr 8 Wochen ist es also mal wieder soweit. Noch eine Woche bevor sie mit dem Rettungswagen in die Klinik musste, hat sie geleugnet, überhaupt einen Arzt zu brauchen. Inzwischen nimmt sie soweit ich weiß vier verschiedene Medikamente (gegen Depression, Haluzinationen, Angst und ein Beruhigungsmittel). Besser geht es ihr aber kein bisschen. Meine Schwester und ich sowie mein Vater, von dem meine Mutter seit 5 Jahren getrennt lebt, besuchen sie (zumindest gefühlt) ständig. Zudem ruft sie eigentlich jeden Tag jeden von uns mehrmals an (meistens wenn man gerade mal nicht daran gedacht hat). Die Besuche und Anrufe verlaufen meistens gleich, sie heult, wiederholt tausendmal, dass sie Angst hat, dass sie nicht mehr allein leben will usw.
Ich bin mittlerweile so genervt, von dem Weg ins Krankenhaus, jedesmal anderthalb Stunden hin und zurück, von den Anrufen, die jederzeit kommen können, von den ständig neuen Katastrophen, die von heute auf morgen eintreten können, und auch wütend auf meine Mutter. Ich werfe ihr in Gedanken vor, dass ihr die letzten Jahre ja alle anderen Menschen immer egal waren, dass sie eigentlich noch nicht mal Besuch wollte, sich immer nur um ihre Katzen gekümmert hat, andere Menschen schamlos ausgenutzt hat, und auch, dass sie noch vor zwei Monaten um jeden Preis von meinem Vater geschieden sein wollte - heute ist er der liebste und beste. Stattdessen hat sie in der Vergangenheit diverse Beziehungen zu verheirateten Männern gepflegt, die jetzt natürlich nichts mehr von sich hören lassen.
Statt etwas zu ändern, hat sie ihren Frust in kleinkindähnlicher Manier immer bei meiner Schwester abgelassen, die zuletzt selbst schon völlig fertig war. Insgeheim denke ich, sie hat es sich zum Teil selbst zuzuschreiben, dass es ihr wieder so schlecht gehen konnte und dass sie sich jetzt allein fühlt.
Ich selbst hatte vor zwei Jahren selbst eine mittelschwere Depression uns weiß, wie schlecht es einem gehen kann und wie hoffnungslos man sich fühlt. Ich weiß auch - vom Verstand her - dass viele meiner unausgesprochenen Vorwürfe ungerechtfertigt sind bzw. es mich auch nichts angeht, wie meine Mutter ihr Leben gestaltet. Ich bin nur einfach so frustriert, dass ich bzw. wir uns immer und immer wieder dieselben Klagen anhören müssen, bei jedem Besuch zehnmal dieselben Fragen, wann man wiederkäme usw.
Sie selbst ist der Ansicht, in diesem Krankenhaus würde sie nicht gesund werden, zeitweilig wollte sie unbedingt in eine andere Klinik. Mir wurde gesagt, dass das nicht möglich sei, da man sich bei einer psychiatrischen Behandlung die Klinik nicht selbst aussuchen könne. Zudem meint sie, in dieser Klinik gäbe es nicht genug Therapie, was ich nicht beurteilen kann. Zudem bin ich nicht sicher, ob man darauf überhaupt eingehen soll, da sie bei den letzten Aufenthalten in anderen Krankenhäusern ähnliches gesagt hat.
Natürlich wurde mir schon mehrfach geraten, eine Angehörigengruppe aufzusuchen, die es auch in der Klinik gibt. Aber ich habe absolut keine Lust darauf, noch an einem weiteren Tag dorthin zu fahren und mir noch mehr Zeit ans Bein zu binden.
Ich befinde mich mitten in meinen Examensklausuren und habe sowieso schon zu wenig Zeit.
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17.09.2008, 12:31
Mutter depressiv - ich hab die Nase voll
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17.09.2008, 14:13
AW: Mutter depressiv - ich hab die Nase voll
Ach, wie finde ich mich in deiner Geschichte finde ...vor 20 Jahren!
Da war ich kaputt vom ewigen "Sterben" und nicht mehr "Wollen" meiner Mutter.
Sie "stirbt" seit 54 Jahren!
Ich habe erkannt,(mit Unterstützung),
dass es das "gute Recht" meiner Mutter ist,
so zu sein, wie sie ist oder sein will!
Ebenso habe ich erkannt, dass ICH ihr n i c h t helfen kann,
weil sie sich gar nicht helfen lassen will/wollte.
Es ist auch mein "gutes Recht", mich weder erpressen,
noch manipulieren zu lassen von meiner Mutter noch von sonstwem!
Dazu musste es erst MIR so mies gehen, dass ich den Zustand nicht mehr aushalten konnte und auch nicht mehr wollte.
ICH habe mich komplett zurückgezogen von meiner Mutter,
habe Unterstützung auf meinem WEG bei Therapeuten gefunden und war bereit,
neue Dinge auszuprobieren,
andere Ansichten von allen Seiten auf mich wirken zu lassen und
sie dann für mich, und nur für mich, umzusetzen.
ICH habe mich getraut, in mir zu verändern, was ich verändern konnte!
Leicht war es nicht, das muss ich sagen,
aber ich bewundere MICH heute selbst,
dass ich den Mut dazu hatte, mal bei mir zu gucken und auch mal "gucken zu lassen"!
Deine Mutter hat alles Recht der Welt so zu sein, wie sie ist!
Und DU hast es auch!
Du hast alles Recht dazu, die Nase gestrichen voll zu haben und dich auszuklinken!
Es sind altüberlieferte Verhaltensmuster, die ungefragt und ungeprüft übernommen werden ...
so und so müsse es/man sein!
MAN muss sich doch kümmern!
WER sagt das?
Jemand, der nicht in meiner Haut steckt und n i c h t m e i n Leben lebt!
Und wer überhaupt ist "man"?
Ich bin nicht "man", ich bin ich!
Und warum m u s s "man" sich kümmern?
Weil es i m m e r so war?!?
Ich habe damals auch alles versucht, nix war richtig für meine Mutter!
Woher sollte ICH auch wissen, was für meine Mutter richtig und angemessen wäre?
Ich habe nur gedacht, ich wüsste es.
Als ich sie "losliess", änderte sich was bei mir und witzigerweise auch bei meiner Mutter in Bezug auf mich!
Heute hat sie meine Schwester immer noch voll im Griff!
Meine Schwester sagt, sie kann nicht anders, sie kann aus ihrer Haut nicht raus.
Immer wieder lässt sie sich erpressen, ich nenne das "emotionale Manipulation"!
Meine Schwester hat Angst davor, von meiner Mutter nicht mehr "geliebt" zu werden ...wieso eigentlich?
Auch sie kann meiner Mutter nichts Recht machen!
Das wird sie in diesem Leben auch nicht mehr können!
Obwohl sie wirklich ALLES für meine Mutter tut!
Isso!
Sie "zerfleischen" sich sinnbildlich beide aneinander, machen sich beide kaputt!
Sie halten sich beide in "Abhängigkeit" und wissen es nicht. Genauso habe ich es auch lange Jahre "mitgespielt" und habe es nicht gewusst!
Bis ich eben ausgestiegen bin, aussteigen musste,
weil völlig am Ende im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich wünsche dir die Kraft und die Möglichkeit, jemanden zu finden,
der dich auf d e i n e m Weg und bei deinem Anliegen unterstützt!
Hilfe dafür/dabei gibt es, wenn DU sie willst!
DIE Nummer ist für einen allein zu gross!
Deine Mutter ist genau so richtig, wie sie ist, sonst wäre sie ja anders
und DU auch!
Soviel erstmal von mir.
Ich schreibe hier seltenst oder gar nicht, doch vielleicht nützt es dir etwas,
wenn du auch hierbei spürst:
Du bist damit nicht allein!
Alles Liebe
Lyanna
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18.09.2008, 08:07Inaktiver User
AW: Mutter depressiv - ich hab die Nase voll
nur gnaz kurz: es ist NICHT DEINE GESCHICHTE.
Du kannst ihr helfen, soviel DU es vermagst. Und wenn das erschöpft ist, ist Ruhe - kein Telefon, keine Besuche, kein Sonstwas mehr.
Meine Mutter hat mir - gottseidank nur einmal - ähnliches aufgebunden, manische Depression. Und der Punkt, wo ich nicht mehr gesprungen bin, war schnell erreicht.
Danach ging's - wunderbarerweise
auch ohne mich.
Alles Gute für dich!
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23.09.2008, 23:11
AW: Mutter depressiv - ich hab die Nase voll
...ich verstehe dich gut.
Ich habe seit ein paar Monaten keinen Kontakt mehr mit meiner Mutter, weil ich schon selbst beinahe draufgegangen wäre.
Seither geht es mir besser.
Ich wünsche dir alles Gute!
Sumpfhuhn
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23.09.2008, 23:38
AW: Mutter depressiv - ich hab die Nase voll
ich kann eure erschöpfung und euren frust durchaus verstehen. ich habe selbst mehrere depressiv-kranke über lange zeit begleitet. ich verstehe auch, dass man sich alles, was sich da an belastung zusammenballt, mal von der seele reden bzw. schreiben will...
dennoch, depression ist eine durchaus ernst zu nehmende und oftmals sehr schwere krankheit. manche menschen bringen sich deshalb um - nicht weil sie nicht mehr leben wollen, sondern weil sie dieses leben nicht mehr ertragen können.
Für uns 'gesunde' ist sie nur so ungleich schwerer zu verstehen als z.b. ein gebrochenes bein oder krebs.
Deshalb hier die Frage: würdet ihr genauso 'genervt' reagieren, wenn eure mütter beispielsweise über viele jahre an MS leiden würden - häufig fast gesund wirken, bis der nächste Schub kommt?
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24.09.2008, 00:45Inaktiver User
AW: Mutter depressiv - ich hab die Nase voll
Tanguera.
Wenn sie damit aufgewachsen ist, ist es sehr wohl auch ihre Geschichte.
Sie ist es erst dann evtl nicht mehr ab dem Zeitpunkt an dem sie auszog.
Sus halte Abstand.. verbitte dir die Anrufe usw.. wechsel im Notfall wenn gar nichts geht die Telefonnummer.
Sowas ist ganz furchtbar..
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24.09.2008, 10:48
AW: Mutter depressiv - ich hab die Nase voll
Nun ja, was heißt genervt reagieren. Ich weiß wohl was du meinst. Ich habe eigentlich sehr viel Geduld, aber die nützt einem wenig, wenn man darüber hinaus keine Strategien hat, sich selbst zu schützen. Das Problem im Vergleich zu einer "körperlichen" Krankheit sehe ich vor allem darin, dass meine Mutter die Verantwortung für ihre Genesung bei anderen sieht. Wenn meine Mutter MS hätte und ständig zu mir sagen würde, "Du musst mir helfen, dass ich gesund werde", wäre ich auch so belastet, ja.
Zitat von Blickwinkel
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24.09.2008, 11:16
AW: Mutter depressiv - ich hab die Nase voll
Das was hier beschrieben wird, ist nicht ursächlich in der Depression zu suchen. Ich halte das für ein charakterliches Problem.
Zitat von Blickwinkel
Das hier beschriebene Phänomen kenne ich nicht nur von Depressiven. Das legt so manch anderweitig Erkrankte als auch völlig Gesunde an den Tag.
Und es trifft auch nicht zu, dass Depressive ihr Leben nicht in die Hand oder Verantwortung übernehmen. Auch das habe ich erlebt .. einen Depressiven der von sich aus in Behandlung ging, der niemanden die Verantwortung für seine Genesung in die Schuhe schob. Ja, natürlich benötigte er Unterstützung und die hat er sich auch geholt wo er sie bekommen konnte. Der Unterschied war ... er machte niemanden ein schlechtes Gewissen.
Die Mutter hat ein charakterliches Problem. Die Depression kommt lediglich erschwerend hinzu und macht es ihren Kindern damit doppelt schwierig.
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24.09.2008, 11:53
AW: Mutter depressiv - ich hab die Nase voll
zuerst einmal, sorry für den ausdruck "genervt" - mir fiel einfach kein passenderer ein...
Zitat von Sus08
ich kann natürlich nicht ausschließen, dass die struktur deiner mutter grundsätzlich so ist, dass sie selbst niemals verantwortung für sich übernehmen kann/will. aber in der aktuellen situation macht es ohnehin keinen unterschied.
depressionen zeigen sich grundsätzlich sehr unterschiedlich. eines habe ich aber mehrfach erlebt: sie spüren aber begreifen nicht, sind zutiefst verunsichert und wirklich absolut hilflos gegenüber ihrer krankheit. sie verlieren den bezug zu "normalen" gefühlen - liebe, freude, glück, interesse usw. werden zu worthülsen, selbst die erinnerung daran ist empfindungsneutral. das gesamte ich fokusiert sich auf einen zustand, den ich nie selbst erlebt habe, der mir aber mehrfach beschrieben wurde, als einen, der nur einen einzigen ausweg zuzulassen scheint - die selbsttötung, damit "es" aufhört. Anders scheint "es" nicht zu bekämpfen zu sein ... deshalb vielleicht die unentwegten hilferufe. auch der kranke geist begreift gerade noch, dass irgendwas an dieser ultimativen 'heilung' nicht in ordnung ist...
Zurück zur Beispiel-MS - hier sind die "normalen" Gefühle (hoffnung, glücksmomente, liebe, anteilnahme usw.) nicht beeinträchtigt. der kranke mensch weiß um seinen zustand, begreift seine krankheit irgendwie, lernt mit der krankheit umzugehen. von daher wären unentwegte "hilf mir" betteleien in diesem fall sicher ausschließlich an der struktur der person festzumachen.
Was bleibt ist unser wissen, dass wir in beiden fällen nicht helfen können - ein quälendes wissen, dem man sich hilflos gegenüber sieht. es liegt am einzelnen, ob er zum reinen selbstschutz sich zurückziehen muss oder seine machtlosigkeit letztendlich doch ertragen kann. denn eines ist sicher - depressive verlieren ihre sozialen kontakte, was sollte sie noch halten, wenn sie auch noch ihre kinder verlieren?
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24.09.2008, 12:03
AW: Mutter depressiv - ich hab die Nase voll
Ich habe diese charakterschwäche nicht ausgeschlossen. und wenn die mutter von sus08 schon viele jahre krank ist, erinnert sich sus vielleicht schwerer, ob mutter schon immer so war...
Zitat von SpezialEdition
glaub mir, depressionen haben viele verschiedene kostüme... ich habe hier auch kein theoretisches wissen wiedergegeben - in meinem hinterkopf vergleiche ich mit fällen, die ich z.T über monate andere sogar über jahre begleitete...


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