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    Das Leben nach der Depression

    Liebe Foris,

    ich stecke derzeit mitten in einer mittelschweren Depression. Ich befinde mich zwar nach fünf Monaten auf dem Weg der Besserung, frage mich aber, ob das Leben nach der Depression das gleiche sein wird wie vorher.

    Bei mir äußerst sich die Depression dahingehend, dass (ganz typisch) alles bei mir ein Angehen ist. Morgens komme ich kaum aus dem Bett, und an schlechten Tagen will ich einfach gar nichts außer mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Mir geht es schlecht im doppelten Sinn: Mental und körperlich, d.h. mir ist tatsächlich übel, als hätte jemand meinen Magen in der Hand und würde ihn drehen. Ich kann dann auch nichts essen. An schlechten Tagen heule ich außerdem mind. eine Stunde. Derzeit arbeite ich halbtags (von der Neurologin krank geschrieben mit stufenweiser Wiedereingliederung), damit mein Tag Struktur bekommt. Ich bekomme Ciralopram (40mg) und Amisulprid (50 mg).

    Wie gesagt, es hat sich schon gebessert: Nicht jeder Handgriff fällt mir mehr schwer, und auch das Heulen hat sich gebessert (seit einer Woche schon nicht mehr, juchu).

    Was allerdings ein Problem ist, sind die schweren Gedanken, die mich während der Depression und insbesondere während der Heulattacken umtreiben. Es sind ganz existentielle Dinge, die mir plötzlich klar geworden sind: Ich habe mit 42 meinen Platz im Leben noch nicht gefunden. Es gibt kaum jemanden, der sich wirklich für mich interessiert (ich habe nur wenige Freunde, die ich auch nicht als sehr eng bezeichnen würde). Ich schäme mich für meine Wohnung (sie ist von der Bausubstanz nicht besonders schön), meine Wohngegend (gefühlt viel Müll und Graffiti), meinen Körper (Übergewicht), meinen Beruf (ich habe nicht das aus mir gemacht, was ich intellektuell hätte machen können) Ich würde gern Geborgenheit erfahren, einen Platz in einer Gemeinschaft haben. Das fehlt mir sehr.
    Meine Neurologin nennt dies "gesteigerte Vulnerabilität" während der Depression - die "kleinen Teufelchen", die hochkommen.

    Diese belastenden Gedanken und Erkenntnisse sind mit der Besserung der Depression ja aber nicht einfach weg. Ich befürchte, dass die Depression (also das Schlechtfühlen und die Antriebslosigkeit) irgendwann wieder weg sein wird, mich aber die o.g. Gedanken weiterhin umtreiben und belasten werden.

    Inwieweit habt ihr die Erfahrung gemacht, dass Dinge, die bei euch während der Depression aufgebrochen sind, euch auch nach der Depression weiter umgetrieben haben? Wie hat die Depression euer Leben verändert? Wie war das Leben "danach" - seid ihr anders mit euch umgegangen, habt ihr Erkenntnisse gewonnen, die euer weiteres Leben geprägt haben?

    PS: Ich glaube, ich sollte meine Signatur mal ändern...

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    AW: Das Leben nach der Depression

    Liebe Avocado!

    Ich verstehe Deine Frage so: Dir sind während der Depression einige Dinge aufgefallen, die ja auch dann nicht weg sind, wenn die Depression weg ist, und wie geht man dann damit um, richtig?

    Zitat Zitat von Avocado_Diaboli Beitrag anzeigen
    Es sind ganz existentielle Dinge, die mir plötzlich klar geworden sind: Ich habe mit 42 meinen Platz im Leben noch nicht gefunden. Es gibt kaum jemanden, der sich wirklich für mich interessiert (ich habe nur wenige Freunde, die ich auch nicht als sehr eng bezeichnen würde). Ich schäme mich für meine Wohnung (sie ist von der Bausubstanz nicht besonders schön), ...
    Mir fällt als erstes dazu ein: Mach Dir keine Vorwürfe! Es gibt Gründe, warum diese Dinge so sind, wie sie sind. Und Du wirst sie dann angehen, wenn die Zeit dafür gekommen ist, wenn Du also bspsweise genügend Kraft hast, um Deine Wohnung zu renovieren oder renovieren zu lassen.

    Jetzt kannst Du Dich in aller Ruhe darauf konzentrieren, wieder gesund zu werden. Danach schaust Du Dir Deine "Baustellen" an und fängst einfach dort an, wo Du am meisten Lust zu hast. Jedenfalls: Belaste Dich jetzt nicht mit Gedanken daran, was Du alles verkehrt gemacht hast.
    (Und falls doch, dann sagst Du Dir ganz schnell: "na und? so ist das eben in meinem Leben" oder was Ähnliches.

    Ich wünsch Dir alles Gute!

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    AW: Das Leben nach der Depression

    Liebe Avocado,
    Ich litt mit Anfang 20 mehrere Jahre an Depressionen, mit Medikamenten und Verhaltenstherapie. Machst Du eine Therapie? Ich empfehle dir das ganz dringend.
    Da Du Dich noch am Anfang Deiner Genesung befindest halte ich es für ratsam, Dich zunächst komplett darauf zu konzentrieren, in vielen kleinen Schritten, aber nicht den dritten vor dem zweiten probieren, da stolperst du zwangsläufig. Also erstmal ganz gesund werden und DANN die Dinge verändern, die du aus eigener Kraft ändern kannst. Momentan brauchst Du all Deine Kraft für den Alltag und zum Genesen, verlang da nicht zu viel von Dir. Das Du Teilzeit arbeitest finde ich ganz klasse, mir hat das auch sehr geholfen.
    Mitgenommen habe ich aus der Depression (ist nun 15 Jahre her) auf mich und meine Bedürfnisse zu achten und wie wichtig es ist, das seelische Gleichgewicht zu halten. Ich akzeptiere mich wie ich bin und vergleiche mich nicht mit anderen.

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    AW: Das Leben nach der Depression

    wie kann das leben nach dem "schub" sein?

    ich bezeichne es als schub, weil es kommt in wellen immer wieder. meine aufgabe, die ich mir selbst stelle: aufpassen, wachsam sein. auf mich achten.

    ich möchte nie wieder dermassen abstürzen. weiss aber: das risiko ist da.
    also wachsam auch im sinne von: was hat den ersten derben schub ausgelöst und was tue ich jetzt damit es nie wieder soooooo übel wird.

    ich gehe sehr viel achtsamer mit mir und meinem umfeld um.

    und ich akzeptiere, dass es für mich eine chronische sache ist- ich kann es in schach halten. ich habe einen ganzen erste-hilfe-kasten für mich entwickelt. und ich bin mit meinem hausarzt im reinen.

    ich habe keine ängste mehr was krankengeld, längerfristige arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, therapie, medikamente und kontakte zur krankenkasse betrifft, ich habe meine hilfstruppen parat. und ich bin wachsam.
    und trotzdem kommen in meinem weg immer wieder unebenheiten.

    aber ich hoffe wirklich, dass ich mich nicht noch einmal so verliere wie beim riesen-crash vor ein paar jahren.
    und selbst wenn es passieren sollte- weiss ich: es gibt ein leben danach. ich schaffe das.

    sich selbst in einer liebevollen art und weise im auge und im arm zu behalten. - das ist mein motto.
    hinfallen ist keine schande, liegenbleiben schon.

    das leben ist kostbar, lasst uns jeden tag gebührlich feiern

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