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  1. Registriert seit
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    AW: Den Mut finden, Dinge anzusprechen (CN Suizid)

    Hallo Lily,

    auch ich habe in meinem Leben sehr viel über Suizid nachgedacht, tue es auch öfter noch, dennoch werde ich diesen Schritt nie tun, weil ich in der Familie einen Suizid hatte und weiß, wie es ist, als Angehörige damit fertig zu werden.

    Drüber nachdenken heißt nicht, es auch zu tun, die Gedanken machen sich oft irgendwie selbstständig. Und das ist gar nicht so selten. Denken bedeutet noch lange nicht tun. Ab einem gewissen Punkt muss man sich Hilfe holen.

    Nie, nie, nie aber würde ich das meinen Angehörigen jedoch antun. Es gibt immer einen besseren Weg, immer, glaube mir.

    Es ist sehr mutig und auch gut, dass du hier schreibst.

  2. Avatar von Himiko
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    AW: Den Mut finden, Dinge anzusprechen (CN Suizid)

    Liebe Zuta,
    offensichtlich ist das eine Betrachtungsweise, die Dir persönlich hilft (und was einer Person hilft, hilft erfahrungsgemäß meistens auch noch anderen, deswegen ist es gut, dass Du sie mitteilst ), und aus Deiner Geschichte ist es auch sehr verständlich, dass und warum sie das tut.

    Meine Erfahrung ist allerdings eine andere. Die einzige Person, eine (immer noch) sehr gute Freundin, der ich meine Gedanken als sehr junge Frau andeutungsweise anvertraut habe, hat ganz ähnlich geantwortet: „wie kannst Du das Deinen Angehörigen antun“ etc. Sie hat damit (nur) erreicht, dass ich nie wieder darüber gesprochen und, was dieses Thema betraf, auch ihr gegenüber sehr sorgfältig die Fassade gewahrt habe. (Hätte ich meine Gedanken in die Tat umgesetzt, wäre sie dann eben genau so überrascht worden wie alle anderen.)
    Ich nehme an, ich habe sie schockiert und überfordert, und es ist bzw. war ihr gutes Recht, so zu reagieren. Aber hilfreich für mich war es nicht.

    Möglicherweise ist aus meinem vorigen Beitrag hier auch schon klar, warum nicht. Jemandem zu sagen, der das Leben u. a. deshalb unerträglich findet, weil er sich über seine Grenzen hinaus an die Wünsche, Ansprüche und Bedürfnisse anderer anpasst, er solle anderen zuliebe dieses unerträgliche Leben weiterführen, ist kontraproduktiv, weil es das bestehende Ungleichgewicht nur noch weiter vergrößert, sofern die Person diesem Rat folgt (was ich glücklicherweise nicht getan habe). Und ich finde das in moralischerHinsicht auch durchaus fragwürdig, denn: schulde ich es meinen Angehörigen, zu leiden? Und wieviel Leiden wäre das? Gibt es irgendwo ein Maß, das mir sagt, wann und wieviel genug ist? Oder sind ihre Bedürfnisse und Gefühle bis in alle Ewigkeit immer wichtiger als meine?

    Und wenn mir jemand versichert hätte, es gebe immer einen besseren Weg, dann hätte diese Person bei mir jede Glaubwürdigkeit verloren, weil mein Eindruck gewesen wäre, dass sie eine innere emotionale Notwendigkeit, ein eigenes Bedürfnis dazu bringt, etwas zu behaupten, was sie gerne so hätte, was sie aber gar nicht wissen kann. Ich kann das respektieren, ich kann Mitgefühl dafür haben, dass jemand eine solche Dringlichkeit verspürt. Aber mir persönlich weiterhelfen tut es nicht.
    Denn aus meiner Sicht kann das niemand für eine andere Person beurteilen, ob es einen besseren Weg gibt. Und ich glaube, dass mir da auf den zweiten Blick mehr Menschen zustimmen würden, als man erst mal annimmt. Wer will sich denn z. B. anmaßen, zu behaupten, für die Paralympics-Siegerin Marieke Vervoort habe es „einen besseren Weg“ gegeben? Das kann doch nur sie selbst wissen.
    Und ich weiß, als nächstes kommt dann von vielen das Argument, das sei doch etwas ganz anderes, denn ihr Leiden sei ja ein körperliches gewesen und kein „bloß seelisches“. Der Ansicht kann man natürlich sein. Aber hilfreich für Menschen wie mich ist man damit nicht. Jemand, der meint, ich stelle mich bloß an und müsste mich nur mal etwas mehr zusammenreißen, kann mir beim Überleben nicht helfen.

    Liebe Zuta, es tut mir leid, dass ich Dir widerspreche. Ich hätte Deinen mitfühlenden Beitrag, der klar aus eigener Betroffenheit kommt, eigentlich sehr gerne so stehen lassen. Aber nach einigem Nachdenken konnte ich das einfach nicht. Denn genau so wie sicher manche empfinden wie Du, so gibt es ebenso noch andere, die wie ich empfinden. Und die bringst Du mit Argumenten wie „das kannst Du Deinen Angehörigen nicht antun“ und „es gibt einen besseren Weg“ zum Verstummen. Wenn wir uns einig darüber sind, dass Sprechen wichtig und hilfreich ist (und ich glaube, das sind wir), dann ist es also vermutlich ratsam, solche Argumente nur mit Vorsicht und Zurückhaltung zu gebrauchen.

    Ich wünsche Dir alles Gute und grüße Dich herzlich!
    Himiko
    We are born to be happy, not perfect.


  3. Registriert seit
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    AW: Den Mut finden, Dinge anzusprechen (CN Suizid)

    Himiko, ich danke dir für deinen einfühlsamen und richtigen Beitrag.

    Ich möchte das Leid nicht durch meinen Ausruf relativiert wissen, und du hast natürlich recht, wenn du das noch einmal betonst.

    Ich könnte es jetzt umformulieren und sagen, bevor ich diesen Schritt tun würde, könnte ich versuchen, auf eine bessere Alternative zu hoffen, selbst wenn diese mir gerade im Moment nicht mal ansatzweise in Sicht erscheint.

    Wie ich schon schrieb, Suizidgedanken hatte ich auch oft. Sehr oft und sehr konkret. Da ich aber die wirklich harte Realität als Angehörige kenne, musste ich einfach darauf hinweisen.

    Ich lebe ja meist nicht völlig losgelöst. Würde ich wollen, dass meine Angehörigen diesen Schmerz und diese Bürde ihr Leben lang weiter tragen? Bei mir war das tatsächlich immer der Punkt, an dem ich mich dagegen entschieden habe.

  4. Avatar von Himiko
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    AW: Den Mut finden, Dinge anzusprechen (CN Suizid)

    Zitat Zitat von Zuta Beitrag anzeigen
    Himiko, ich danke dir für deinen einfühlsamen und richtigen Beitrag.
    Danke für Dein Verständnis!
    Zitat Zitat von Zuta Beitrag anzeigen
    Ich könnte es jetzt umformulieren und sagen, bevor ich diesen Schritt tun würde, könnte ich versuchen, auf eine bessere Alternative zu hoffen, selbst wenn diese mir gerade im Moment nicht mal ansatzweise in Sicht erscheint.
    Da würde ich sofort zustimmen. Denn das war letztendlich auch für mich entscheidend (man weiß es ja erst im Rückblick): wirklich erst alles, alles zu versuchen, bevor ich aufgebe.
    Zitat Zitat von Zuta Beitrag anzeigen
    Würde ich wollen, dass meine Angehörigen diesen Schmerz und diese Bürde ihr Leben lang weiter tragen? Bei mir war das tatsächlich immer der Punkt, an dem ich mich dagegen entschieden habe.
    Wenn Dir das die Kraft gegeben hat und gibt, die Du brauchst, dann ist das wundervoll. Und dagegen wollte ich auch absolut nichts sagen. Jeder muss letztendlich seinen eigenen Weg finden.
    We are born to be happy, not perfect.

  5. Avatar von Mediterraneee
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    AW: Den Mut finden, Dinge anzusprechen (CN Suizid)

    Ein schöner, einfühlsamer und konstruktiver Dialog zwischen Euch beiden. Danke dafür.
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.


  6. Avatar von Himiko
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    AW: Den Mut finden, Dinge anzusprechen (CN Suizid)

    Mediterraneee:
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  7. Registriert seit
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    AW: Den Mut finden, Dinge anzusprechen (CN Suizid)

    Ich möchte mich auch noch mal für die konstruktiven Beiträge in diesem Thread bedanken.

    Ich bin auch eher zwiegespalten, was Sätze wie "Das kannst du deinen Angehörigen nicht antun" oder "Deine Angehörigen werden darunter leiden" betrifft. Ich persönlich glaube, dass man damit bei vielen Suizidgefährdeten die negativen Gedanken (meist unabsichtlich) noch verstärkt, weil derjenige dann vielleicht noch mehr Schuldgefühle hat als vorher.
    Auch in den Fragen, die Himiko gestellt hat, kann ich mich wiederfinden.

    Mir gehen momentan verschiedenste Gedanken durch den Kopf, mit Suizid haben sie allerdings zum Glück alle nichts zu tun. Ich sitze gerade an dieser Arbeitsprobe, tatsächlich funktioniert das auch gut. Ich hoffe, dass ich sie morgen fertig habe.
    Ich überlege, dass ich bei den nächsten Bewerbungsgesprächen tatsächlich mal meine Behinderung anspreche und sage, dass sie mich eigentlich im Alltag null beeinträchtigt (mit der Ausnahme, dass mein Gleichgewichtssinn gestört ist und ich bis heute nicht wirklich Fahrrad fahren kann und noch nie einen Purzelbaum schlagen konnte - aber solange ich nicht Radrennfahrerin oder Turnerin werden will, sollte mich das eigentlich auch nicht von einem Beruf abhalten, in dem man ohnehin hauptsächlich vor dem PC sitzt oder telefoniert).

    Es ist tatsächlich so, dass ich zu Schulzeiten sehr darunter gelitten habe, weil ich eben doch oft ausgelacht wurde. Ich hatte damals sehr gute Freunde und war nicht alleine, aber es hat trotzdem Spuren hinterlassen. Das ging sogar bis in die Oberstufe hinein.
    Seitdem zucke ich jedes Mal innerlich kurz zusammen, wenn mich jemand auf meine Behinderung anspricht - auch wenn es die fragende Person in vielen Fällen überhaupt nicht böse meint.
    Ich habe damals jahrelang Krankengymnastik gehabt, die aber irgendwie nichts gebracht hat. Ich frage mich, ob man in meinem Alter überhaupt noch etwas dagegen tun kann oder ob es eben einfach so ist. Eventuell muss ich mir da mal ärztlichen Rat holen.

    Momentan sieht der Plan so aus, dass ich jetzt erst einmal diese beiden Bewerbungsgespräche, die ich nächste Woche noch habe, hinter mich bringe, und mich dann komplett darauf konzentriere, meine Masterarbeit irgendwie fertig zu schreiben. Und um alles andere mache ich mir dann Gedanken.

  8. Avatar von Mediterraneee
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    AW: Den Mut finden, Dinge anzusprechen (CN Suizid)

    Das ist gut so, Lily, einen Schritt nach dem anderen.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass die Reaktionen Deiner Mitschüler auf Deine Behinderung Dich tief verletzt haben und noch in Dir stecken. Aber zum Glück hast Du es heute mit Erwachsenen zu tun, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie damit auch erwachsen umgehen. Ich wünsche es Dir.
    Du hast ja geschrieben, dass Du in Deinem Umfeld sehr geschätzt bist und sogar Teamchefin beim Sport etc. bist. Du siehst, die Behinderung ist da gar nicht wichtig.
    Mein Mann hat übrigens auch heftige Probleme mit dem Gleichgewichtssinn. Er kann deswegen vieles nicht tun, zum Beispiel mit einem Schiff oder Boot fahren, danach ist ihm stundenlang kotzübel. Das ist eben so, dann fahre ich eben nicht mit ihm Boot. Kein Problem.

    Hab einen schönen Abend und Sonntag mit Deinen Eltern und tu Dir was Gutes!
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.



  9. Registriert seit
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    AW: Den Mut finden, Dinge anzusprechen (CN Suizid)

    Zitat Zitat von Antje3 Beitrag anzeigen
    Liebe Lily

    Du gehst nicht zur Therapie, um Deine Therapeutin glücklich und zufrieden zu machen und eine Musterpatientin zu sein.

    Es ist ausgeschlossen, daß Du sie „enttäuscht“ – denn sie soll und darf nicht „Erwartungen“ an Dein Verhalten stellen – sondern sie ist dafür da, Dich zu unterstützen.

    Antje
    Liebe Lily,

    ich bin selbst Therapeutin und möchte das von Antje Geschriebene unterstreichen! Eine Therapeutin, die mit Suizidgedanken nicht umgehen kann, wäre vollkommen fehl am Platz in diesem Beruf. Und dass Klientinnen nicht von Tag 1 an alles auf den Tisch legen, ist auch ganz normal. Es muss ja auch erst mal Vertrauen entstehen, bevor man sich ganz öffnen möchte.

    Alles Gute für dich!


  10. Registriert seit
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    AW: Den Mut finden, Dinge anzusprechen (CN Suizid)

    Ich kenne mich damit leider auch aus, daher mal ein Punkt, der mir sehr geholfen hat:

    Ein gesunder Mensch bringt sich nicht um. Das bedeutet, dass die Stimme/ der Gedanke, der mich dazu verleitet, "ungesund" ist. Ungesund in dem Sinne, dass sie nicht meine Stimme/ mein Gedanke sein kann.

    Es ist also so, dass sich suizidale Menschen irgendwann einmal eine sehr negative Außensicht zu eigen gemacht haben (internalisiert/ Introjekt) und die mit ihrer eigenen Sicht / Wesen / Identität verwechseln.

    Wichtig ist also, das heraus zu finden. Heraus zu finden, woher die negative, fiese Stimme kommt. Sich klar zu machen, dass man das nie und nimmer selbst (gewesen) ist.

    Alles Gute Dir - und euch.

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