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  1. Registriert seit
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    Ein bisschen was "von der Seele schreiben"

    Ich bin um die 30 und alleinstehend. Ich war schon immer eher "schwermütig", als Teenager auch mal eine Zeit lang wegen depressiver Verstimmungen in Therapie. Ich hatte dann lange Zeit mehr oder weniger Ruhe - ich habe immer gemerkt, dass mich manche Dinge länger und intensiver beschäftigen als andere und ich mir oft Auszeiten und Zeit für mich nehmen muss, um mein Leben zu meistern. Ich würde trotzdem sagen, dass ich sehr viel sehr gut hinbekommen habe, ich bin karrieretechnisch gut aufgestellt, habe ein funktionierendes soziales Umfeld, habe bislang eigentlich alles erreicht, was ich erreichen wollte. Bis mein langjähriger Partner sich Anfang des Jahres von mir getrennt hat, was mich wieder total aus der Bahn geworfen hat.

    Die Depressionen sind wieder zurück und schlimmer als vorher. Anfangs habe ich es noch als Trennungsschmerz abgetan. Irgendwann bin ich dann zum Arzt, habe AD bekommen und warte aktuell immer noch auf einen Therapieplatz (Großstadt - hier kann man leider bis zu einem Jahr warten). Ich habe mich durch diese ganzen Monate gekämpft, bin weiter arbeiten gegangen, auch als ich dann noch einen Krankheitsfall in meiner engeren Familie hatte. Ich bin wieder auf die Beine gekommen und mein Umkreis sagt mir, dass ich einen sehr guten Eindruck machen würde, so aktiv wäre, viel aktiver noch als in der Beziehung. Das Problem ist: Es geht mir nicht gut. Ich flüchte viel zum Sport und in andere Aktivitäten, weil ich Angst habe, mit meinen Gedanken alleine zu sein. Ich kann nicht schlafen, schwanke immer zwischen innerer Unruhe und absoluter Antriebslosigkeit. Sobald ich Zeit für mich habe, schlafe ich nur noch, kann mich zu nichts aufraffen, weil es mich so viel Kraft kostet, diese Fassade nach außen hin aufrecht zu erhalten. Manchmal liege ich stundenlang zu Hause und kann nur noch weinen. Meine Familie wohnt entfernt und weiß nur teilweise über das Ausmaß, kann aber mit Depression oder psychischen Krankheiten allgemein nichts anfangen. Meine Freunde wissen nichts davon und können mich glaube ich auch langsam nicht mehr verstehen, weil ich langsam über den Zeitpunkt hinaus bin, an dem man nach einer Trennung Narrenfreiheit hat. Zumal ich auch den meisten gegenüber den Anschein erwecke, dass es mir gut geht. Aber es ist Sommer und für mich sieht dennoch alles nur grau aus und ich weiß einfach nicht mehr, wie ich mich noch aus diesem Loch heraus ziehen soll.

    War jemand in einer ähnlichen Situation und hat eventuell Tipps oder mag sich einfach nur austauschen?

  2. Avatar von Mediterraneee
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    AW: Ein bisschen was "von der Seele schreiben"

    Darf ich fragen, aus welchem Grund Du Dich Deinen Freunden nicht anvertraust? Dass man Arbeitskollegen oder flüchtigen Bekannten nicht die eigene Depression vor die Füße legt, okay. Aber vor guten Freunden sollte es doch eigentlich nicht nötig sein, eine schöne Fassade aufrecht zu erhalten.
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.



  3. Registriert seit
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    AW: Ein bisschen was "von der Seele schreiben"

    Zitat Zitat von Mediterraneee Beitrag anzeigen
    Darf ich fragen, aus welchem Grund Du Dich Deinen Freunden nicht anvertraust? Dass man Arbeitskollegen oder flüchtigen Bekannten nicht die eigene Depression vor die Füße legt, okay. Aber vor guten Freunden sollte es doch eigentlich nicht nötig sein, eine schöne Fassade aufrecht zu erhalten.
    Weil ich glaube, dass sie damit nicht umgehen können. Meinen engeren Freunden habe ich mich natürlich anvertraut. Ich habe ihnen nicht 100% erzählt, vielleicht 60%. Aber schon bei den 60% spüre ich, wie es sie hilflos macht und sie nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Sie wissen einfach nicht, was sie sagen sollen. Und wie soll ich dann sagen, dass ich vor einer Geschäftsreise weinend auf der Flughafentoilette sitze, weil ich einfach keine Energie mehr habe und weiß, dass mich noch ein mehrstündiges Meeting erwartet?

  4. Avatar von Mediterraneee
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    AW: Ein bisschen was "von der Seele schreiben"

    Ich würde trotz aller Bedenken versuchen, den Freunden reinen Wein einzuschenken.
    Denn nach dem, was Du im Eingangsposting geschrieben hast,

    Zitat Zitat von Karlskrona Beitrag anzeigen
    Meine Freunde wissen nichts davon und können mich glaube ich auch langsam nicht mehr verstehen, weil ich langsam über den Zeitpunkt hinaus bin, an dem man nach einer Trennung Narrenfreiheit hat. Zumal ich auch den meisten gegenüber den Anschein erwecke, dass es mir gut geht.
    könnte es sein, dass Deine Freunde Deine Depression für schlichten Trennungschmerz halten und glauben, die angemessene Zeit dafür sei jetzt langsam mal um. Sie verstehen vielleicht nicht, was Dich wirklich plagt, und wären eventuell hilfsbereiter und mehr für Dich da, wenn sie es täten. Kann das sein?

    Gleichzeitig denke ich, dass Freunde natürlich eine tolle Stütze sind, aber Du Dich unbedingt um weitere Hilfe kümmern musst.
    Da ein Therapieplatz noch nicht zur Verfügung steht: Siehst Du in Deiner Umgebung andere Möglichkeiten?

    Sportliche Betätigung hilft sehr viel. Sie diszipliniert Dich, holt Dich aus "Löchern" raus und kann Dir Kraft geben, auch mental. Insofern sieh den Sport nicht als eine Flucht, so wie Du es oben beschrieben hast, sondern als Medizin, um das Gedankenkarussell mal für ein paar Augenblicke anzuhalten.
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.


  5. Avatar von Mediterraneee
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    AW: Ein bisschen was "von der Seele schreiben"

    Was für Gedanken sind das denn, die Dich umtreiben, wenn Du weinst?
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.



  6. Registriert seit
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    AW: Ein bisschen was "von der Seele schreiben"

    Zitat Zitat von Mediterraneee
    Sie verstehen vielleicht nicht, was Dich wirklich plagt, und wären eventuell hilfsbereiter und mehr für Dich da, wenn sie es täten. Kann das sein?
    Ich glaube sie würden es auf jeden Fall versuchen, ich glaube aber, dass sie im Zweifel eher noch hilfloser wären.

    Zitat Zitat von Mediterraneee
    Was für Gedanken sind das denn, die Dich umtreiben, wenn Du weinst?
    Ich denke oft, dass es einfach nicht mehr besser wird. Dass ich einfach allein mit mir und meinen Gedanken bleiben werde. Ich habe eine einzige richtige Vertrauensperson in der Familie, bei der ich das Gefühl habe, genau so angenommen zu werden wie ich bin. Leider ist diese Person inzwischen schon sehr alt und wird nicht mehr ewig da sein. Darüber hinaus war das mein Ex. Auch wenn ich während unserer Beziehung keine depressive Episode hatte, hatte ich das Gefühl auch dort voll und ganz angekommen zu sein und war mir einfach wirklich sicher, dass ich dort angekommen bin, fühlte mich aufgehoben. Oft denke ich dann, dass Glück vielleicht einfach nichts für mich ist. Dass ich jede Zeit in der ich glücklich bin mit einem noch heftigeren Einbruch "bezahlen" muss, weil das einfach nicht so für mich bestimmt ist. Ich weiß natürlich, dass ich noch verhältnismäßig jung bin usw., dass ändert nur leider nichts an meiner Gefühlswelt, die oft trotz AD so aussieht.

  7. Avatar von Mediterraneee
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    AW: Ein bisschen was "von der Seele schreiben"

    Dein letztes Posting liest sich für mich, als hätte ich selbst das vor sieben oder acht Jahren geschrieben. Wort für Wort.
    Exakt so habe ich mich gefühlt. Bei mir war es eine Trennung, Einsamkeit, unerträgliche Jobsituation und aus all dem bedingt das Gefühl, dass in meinem Leben jeder Halt verloren gegangen ist. Ich hatte das Gefühl, dass niemand meine Situation verstehen kann und mich an die Hand nimmt.

    Und doch geht es mir heute gut und ich bin zuversichtlich und glücklich. Weil eben doch irgendwann Dinge passieren, die das Leben verändern. Ich weiß noch, dass ich damals darüber nachdachte, dass sich mein Leben nicht mehr lohnt. Ganz schwarze Gedanken waren das. Aber dann passierte Verschiedenes, teils durch meine eigene Aktivität, teils zufällig, und es war, als würde frisches klares Wasser in mein Leben strömen und den ganzen Staub wegspülen.

    Irgendwie neigt der Mensch dazu, in dunklen Stunden immer zu denken, dass sich nichts mehr ändert. Aber das ist tatsächlich nie so. Vielleicht wirst Du nicht der Superduperglückspilz werden, aber besser wird es ganz bestimmt. Auch wenn das jetzt völlig blöd und abgedroschen klingt, es ist so. Man kann es nur nicht sehen, wenn man drinsteckt.
    Ich hab in letzter Zeit manchmal an mich selbst in dieser Phase gedacht und wünschte, ich könnte meinem damaligen Ich sagen "Hey, halt noch ein bisschen durch, das wird nicht immer so bleiben." Aber vermutlich hätte mein früheres Ich geantwortet "jaja, bla bla!".

    Dass Du noch vergleichsweise jung bist, besagt nicht, dass Deine Gedanken unpassend sind. Dieses Es-wird-nicht-besser-Gefühl kann man in jedem Alter haben. Ich habe in einem alten Tagebuch von mir gelesen, da hab ich so ein Gefühl mit 21 schon mal gehabt.

    Dass Dir Vertrauenspersonen fehlen, ist natürlich bitter. Auch das kenne ich, ich war damals sehr einsam. Ein Gefühl so schwer wie Blei.
    Wie ist es denn mit Dir selbst? Kommst Du gut mit Dir klar? Magst Du Dich? Bist Du Dir selbst eine gute Freundin?
    Was tust Du für Dich? Verwöhnst Du Dich manchmal mit irgendwas, gutes Essen, Wellness oder so?
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.



  8. Registriert seit
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    AW: Ein bisschen was "von der Seele schreiben"

    Vielleicht ist das Leben, was du bis jetzt geführt hast, doch nicht das, was dir wirklich gut tut?
    Hast du das schon mal hinterfragt?

    Freunde, denen man nur 60% erzählt.. So etwas würde ich nicht ein Freundschaftsverhältnis nennen.
    Manchmal ist eine Krise eine Gelegenheit, um über den Ablauf der Dinge nachzudenken, also auch eine Chance..


  9. Registriert seit
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    AW: Ein bisschen was "von der Seele schreiben"

    Zitat Zitat von Mediterraneee Beitrag anzeigen
    Ich weiß noch, dass ich damals darüber nachdachte, dass sich mein Leben nicht mehr lohnt. Ganz schwarze Gedanken waren das.
    Genau so sieht es in mir aus. Um mich herum heiraten die ersten, andere finden ihre Erfüllung im Job. Ich habe das Gefühl, dass ich dieses unheimlich schwere Gewicht mit mir herumtragen muss, während alle anderen locker leicht durch ihr Leben springen. Und auch nicht nachvollziehen können, wie kräftezehrend es ist, diese schweren Gedanken die ganze Zeit mit mir tragen zu müssen.

    Zitat Zitat von Mediterraneee Beitrag anzeigen
    Ich hab in letzter Zeit manchmal an mich selbst in dieser Phase gedacht und wünschte, ich könnte meinem damaligen Ich sagen "Hey, halt noch ein bisschen durch, das wird nicht immer so bleiben." Aber vermutlich hätte mein früheres Ich geantwortet "jaja, bla bla!".
    Weißt du diese Gedanken hatte ich auch, allerdings vor längerer Zeit, als ich wirklich "glücklich" war. Ich weiß noch, ich war mit meinem Ex zusammen und von vielen lieben Menschen umgeben. Und da dachte ich: Wenn mein damaliges ich doch wüsste, wie gut es mir jetzt geht. Dass ich jetzt angekommen bin. Und nun bin ich weiter davon weg als je zuvor und denke mir nur: Da habe ich mich wohl zu früh gefreut.

    Zitat Zitat von Mediterraneee Beitrag anzeigen
    Wie ist es denn mit Dir selbst? Kommst Du gut mit Dir klar? Magst Du Dich? Bist Du Dir selbst eine gute Freundin?
    Was tust Du für Dich? Verwöhnst Du Dich manchmal mit irgendwas, gutes Essen, Wellness oder so?
    Das schwer zu beantworten für mich. Ich glaube alles in allem bin ich ganz ok. Es kommt einfach immer ganz darauf an, wen oder was man als Vergleich heran zieht. Ich habe einen guten Job, mit dem ich gut herum komme, einen gefestigten Freundeskreis und soliden familiären Hintergrund. Alles in allem. Aber natürlich ginge immer noch mehr. Ich könnte mir zum Beispiel einen Job suchen, bei dem ich besser für das entlohnt werde, was ich mache. Ich könnte versuchen, mir noch mehr Zeit für meine Freunde zu nehmen, mehr für mich selber machen. Irgendwie ist die Decke aber immer irgendwo zu kurz und ich muss auch ehrlich sagen: Ich schaffe es aktuell nicht. Mir fehlt die Energie. Ich koche und esse eigentlich leidenschaftlich gerne, nehme aber seit Monaten nur noch ab, weil ich keinen Appetit mehr habe. Manchmal vergesse ich ganze Mahlzeiten in Reihe. Ich weiß nicht, ob ich mir selbst eine gute Freundin bin. Sagen wir so: Ich versuche es.


  10. Registriert seit
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    AW: Ein bisschen was "von der Seele schreiben"

    Zitat Zitat von putulu Beitrag anzeigen
    Vielleicht ist das Leben, was du bis jetzt geführt hast, doch nicht das, was dir wirklich gut tut?
    Hast du das schon mal hinterfragt?

    Freunde, denen man nur 60% erzählt.. So etwas würde ich nicht ein Freundschaftsverhältnis nennen.
    Manchmal ist eine Krise eine Gelegenheit, um über den Ablauf der Dinge nachzudenken, also auch eine Chance..
    Weißt du, ich glaube nicht, dass das an meinem Leben liegt, eher an mir. Ich glaube diese Traurigkeit, diese Schwermütigkeit, die nehme ich überall mit hin.

    Ich habe in der Vergangenheit bei Freunden (nicht den jetzigen) versucht, zu erklären, wie ich mich fühle. Leider ist das für andere oft nicht nachzuvollziehen. Oder sie sind schlicht überfordert davon. Und teilweise kann ich das auch nachvollziehen und möchte sie einfach nicht in diese Situation bringen. Ich glaube durch meine eigene Geschichte bin ich da schon etwas anders geprägt, aber ich kam z.B. deutlich an meine Grenzen, als eine Freundin innerhalb relativ kurzer Zeit eine Psychose bekam. Natürlich möchte man helfen, kann es aber nicht. In diese Situation möchte ich meine Freunde nicht bringen.

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