Seit ich 14 bin, kämpfe ich mit Depressionen. Offenbar liegt das bei uns irgendwie in der Familie, denn meine Großmutter väterlichherseits, mein Vater und auch eine meiner Töchter haben, in unterschiedlichen Ausprägungen, damit zu tun. Das bedeutet für mich, dass ich seit dreißig Jahren immer wieder dieses "blöden Phasen" habe. Als Teenager und junge Erwachsene, aber auch Anfang dreißig habe ich heftig darunter gelitten, habe inzwischen auch einige Therapien hinter mir und würde im großen und ganzen sagen, ich kann heute damit leben. Das klingt im Augenblick, da es mir ganz gut geht, so belanglos, als ob das ein Klacks in meinem Leben wäre. Aber so ist es nicht. Es gibt immer wieder Phasen, in denen ich auf dem Bett liege und mir denke, wozu sich immer wieder aufrappeln, wozu immer wieder diese Anstrengung, wenn ich immer wieder in diesem dunklen Loch lande? Schlimm wird es, wenn solche Phasen mit äußeren Schwieirgkeiten zusammentreffen und sich gegenseitig verstärken.
Manchmal habe ich das Gefühl, meine Kraft reicht womöglich irgendwann nicht mehr... ich weiß, dass es da ein paar Faktoren gibt, die mein Befinden stark beeinflussen und achte möglichst darauf, mein Leben so zu gestalten, dass es mir auch von außen Halt gibt. Ich habe z.B. einen Job, den ich unbedingt wollte und der mir ein "gutes Gefühl" gibt, ich achte auf einen geregelten Lebenswandel (so gut es geht, denn der Punkt Schlaf kommt doch immer wieder zu kurz) und auch auf eine Stabilität in meinen Beziehungen...
Aber da liegt auch ein Problem... nur sehr wenige Menschen in meinem Umfeld wissen überhaupt von meinen Problemen. Wenn es mir nicht gut geht, ziehe ich mich zurück. Und dann ist da mein Partner, der äußerst liebevoll ist, der aber gleichzeitig so... anstrengend ist! Er meint es gut, er möchte mich unterstützen, ist sehr liebevoll etc. und dann "bewirkt" er nichts und ist furchtbar enttäuscht, wir kriegen uns dann oft in die Haare, streiten teilweise bis zur Erschöpfung und brauchen manchmal tagelang, um uns davon zu erholen.
Manchmal wache ich morgens auf und habe das Gefühl, eine dunkle Wolke zieht über meine Seele. Ich fühle mich leer und beziehungslos, habe das Gefühl, keinen Kontakt nach außen knüpfen zu können. Instinktiv ziehe ich mich dann zurück. Früher habe ich auf die Frage, was denn los wäre, "nichts" gesagt, was zu längeren Diskussionen führte. Heutzutage versuche ich zu erklären, wie es mir geht, welche Gefühle und Sorgen mir durch Kopf und Seele gehen und dann versucht er sie zu entkräften, mir die "positiven Seiten" zu zeigen etc. Was in dem Moment halt nichts bringt...
Das Glück ist, dass solche Phasen momentan nach ein paar Stunden oder spätestens ein, zwei Tagen wieder vorbei sind. Dennoch sind sie anstrengend und unsere Kommunikation gefährdet dann immer wieder meinen dringend benötigten stabilen Rahmen. Daher meine Frage an euch, die ihr vielleicht auch seit vielen Jahren damit lebt, welche Strategien habt ihr? Wie geht ihr mit der Außenwelt, dem Partner in solchen Situationen um? Gibt es wege, mit den dunklen Phasen umzugehen, ohne "anzuecken", ohne andere vor den Kopf zu stoßen (ich muss dazu sagen, dass mein Partner auch sehr sensibel ist und sich von den Stimmungen/Gefühlen anderer nur schwer abgrenzen kann)
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07.09.2015, 17:21Inaktiver User
Mit Depressionen leben - welche "Überlebensstrategien" wendet ihr an?
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07.09.2015, 18:30
AW: Mit Depressionen leben - welche "Überlebensstrategien" wendet ihr an?
Liebe Daisy,
habe gerade dein Post gelesen und will dir erstmal ganz spontan dazu antworten.
Ich selber habe auch schon Phasen gehabt, in denen es mir nicht so gut ging.
Und auch wenn es sich seltsam anhört, mir hat es geholfen allein zu sein.
Damals habe ich mir auch ganz gezielt Hilfe in form einer Therapie geholt.
Wenn es nötig gewesen wäre, hätte ich auch Medikamente genommen.
Dies war aber wohl nicht nötig. Es geht mir jetzt gut, aber ich muss auf mich achten.
Ich achte darauf, mich genug zu bewegen, das tut mir gut. Andere Sachen entdecke
ich gerade noch für mich.
Ganz schwierig bis nahezu unmöglich finde ich es, einem Partner in dieser Phase
Hilfe zu leisten. Gut wäre es evtl. wenn sich dein Partner auch Hilfe als Angehöriger holt.
Ich würde mir ganz schnell Hilfe holen und es dringend machen.
Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du das schaffst.


Herzliche Grüße
Kakaoliese
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07.09.2015, 18:50
AW: Mit Depressionen leben - welche "Überlebensstrategien" wendet ihr an?
Hallo daisy,
Die Themen habe ich mit meinem Mann auch durchgemacht, das ist für beide Seiten nicht einfach. Er musste auch erst lernen, dass mein Verhalten nichts mit ihm zu tun hatte. Das war rational noch gut machbar, emotional war es für ihn auch schwierig.
Du wirst dich in deinen akuten schlechten Phasen nicht anders verhalten können, aber er kann das vielleicht lernen? Wäre er bereit dazu, sich entsprechend einzulesen? Es bringt euch beide ja nicht weiter, wenn ihr euch aneinander abarbeitet.
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08.09.2015, 00:36
AW: Mit Depressionen leben - welche "Überlebensstrategien" wendet ihr an?
Ich hatte auch mal Depression. Bei mir kam es durch Einnahme eines Medikamentes, welches ich für längere Zeit einnehmen musste. Dafür war ich aber nicht beim Arzt, aber es gab auch keine Zweifel, dass es Depressionen waren. Ich recherchierte im Internet sehr lange, bis ich auf Zufall zu einen pflanzlichen Johanniskrautpräparat namens Laif 900 kam und ging in der Apotheke. "Haben Sie das schon einmal mit ihren Arzt besprochen?", wurde ich natürlich auch gefragt. Ich verneinte.
Erstmal nahm ich es, aber nur paar Tage, schien aber wieder etwas rückfälliger nach einiger Zeit zu werden. So beschloss ich diese weiterzunehmen und habe letztendlich meine Depression bekämpft. Ich hatte wirklich starke Stimmungsschwankungen, wechselte meine Launen sehr schnell (redete erst alles gut und 2 Minuten später drehte ich alles um). Meine Gedanken waren sehr unruhig. Ich hielt mich für ein Versager und 30 Sekunden später sah ich die Welt mit anderen Augen. Ich war antriebsloser, als sonst, kein Vergleich zu jetziger Phase. Meine Gedanken drehten sich von gut auf schlecht. KeiN Bock auf nichts. Es wurde mit der Zeit durch die Medikamente immer schlimmer. Daher beschloss ich auch etwas zu unternehmen, weil es sich in heftigen Depressionen ausweitete. Ich habe öfters mein Wecker überhört. Die Gefahr irgendwann von der Arbeit zufliegen, aufgrund das ich nie schaffte aufzustehen, war sehr groß. Ich konnte um 7 Uhr schlafen gehen, fühlte mich um 5 Uhr früh nicht ausgeschlafen. Ich fühlte mich nie ausgeschlafen.
Einer aus meinen Freundeskreis sagte mir daraufhin, dass mit mir wirklich was nicht stimmte. Ich merkte es aber auch selber, als ich früh nicht aufstehen konnte, egal wann ich schlafen ging, fast den ganzen Tag noch müde war. Nicht nur ich war der Ansicht, dass ich Depressionen hatte. Eine Freundin gab mir recht. Ich will auch keine Werbung für Laif 900 machen, aber mir haben die so geholfen und bin ich immer noch dankbar, dass ich nicht so schnell mit der Internetrecherche abgebrochen hatte. Es war nicht leicht an der Info zukommen. In etlichen Foren war ich, bis ich jemand über das Medikament schreiben sah. Natürlich habe ich aber nicht explizit nach solchen Stichwörtern wie Pflanzliche Präparate über Google gesucht, sondern eher, was man allgemein dagegen tun kann.
Wenn dir eine Therapie geholfen hat, ist es auch gut. Irgendwie muss man sich ja auch helfen. ich habe mich in. der Zeit, als ich Depressionen hatte, öfters entschuldigt bei meinen Freunden, weil sie sich mit mir abgeben müssen. Naja eine Freundin von meinen Freundeskreis habe ich mit meinen Stimmungsschwankungen besonders genervt. Die anderen nicht so sehr. Man hat es mir aber nicht ganz so übel genommen und es hat keine Freundschaften zerbrochen.
Durch Hilfesuchende in anderen Foren fand ich auch Hilfe für mich selbst und konnte mir selbst helfen. Ich wünsche dir natürlich auch alles Gute, dass auch du schaffst die Depressionen in den Griff zu bekommen oder auch ganz loszuwerden. ich kann das echt völlig verstehen. Eine Bekannte die selber an einer psychischen Erkrankung leitet, erzählte ich auch über meine Depressionen. Mir erwähnte sie, dass sie das auch habe und sagte etwas über Johanniskraut. Sie kenne auch jemanden, bei der es so schlimm war, dass sie sich kaum dusche. Naja so schlimm war es bei mir Gott sei Dank noch nicht, aber ich empfand meine Situation auch ziemlich heftig. Auch sie erzählte etwas über Johanniskraut, dass helfen sollte. Das realisierte ich aber nicht und unternahm vorerst nichts. Erst als es richtig schlimm wurde, ergriff ich die Gelegenheit. Meine Wohnung sah sehr schlimm aus zu dieser Zeit.Geändert von nadine-1986 (08.09.2015 um 08:20 Uhr) Grund: unnötiges Vollzitat entfernt
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08.09.2015, 06:52Inaktiver User
AW: Mit Depressionen leben - welche "Überlebensstrategien" wendet ihr an?
Hallo daisymiller,
Du schreibst, Du hast mit Depressionen zu tun seitdem Du 14 bist- diese Gefühle in Deiner Familie generell bekannt sind....
Wenn wir Kind sind, dann ist unser Verstand noch wenig gut ausgebildet und wir erleben die Welt in erster Linie durch das Fühlen und "inneren Antennen" mit denen wir wortlos verstehen, wie die Stimmung der Menschen um uns herum ist.
Das bedeutet, dass ein Kind sehr gut spüren kann wie es den Menschen um sich herum geht.
Je kleiner das Kind desto stärker diese Fähigkeit und mit zunehmendem Alter wächst der Verstand und diese Gefühlsfähigkeit wird immer mehr in den Hintergrund gedrängt bis wir schließlich kaum noch unser Gefühl wahrnehmen oder wahrnehmen wollen
Der Kopf erklärt uns dann ja die Welt!
Dazu kommt, dass ein Kind so tief verbunden mit seiner Familie ist, dass es alles auf sich nehmen würde, nur damit es den anderen (vor allem der Mutter) gut geht.
Das ist ein Prozess, der ganz von alleine abläuft- den auch niemand stoppen kann.......es ist IN einem Kind drin, dass es alles für den geliebten Menschen auf sich nimmt.
Diese zwei Umstände können dann ganz leicht dazu führen, dass eine depressive Mutter ihre Gefühle auf das Kind überträgt bzw das Kind diese dann spürt und in sich aufnimmt und sie zu seinem Eigenen macht. Und wenn das nur oft genug vorkommt, kann darin auch gelernt werden, dass so eine Grundstimmung einfach zum Leben dazu gehört. Alles bringt Vertrautheit- auch ständige unangenehme Gefühle!
Diese Übertragung kann auf diese ARt und Weise auch über Generationen weiter getragen werden...
Mit diesem "Ausflug" möchte ich Dir aufzeigen, dass es durchaus gut sein kann, dass Du "übertragene Gefühle" lebst und es gar nicht DEINES ist, was Du da spürst. Und ich meine damit, dass es für Dein Leben kein Grund gibt sich so zu fühlen, aber es für einen Menschen damals Sinn gemacht hat.
Insofern wäre es interessant zu sehen, was in Deinem LEben alles war und was tatsächlich bei Dir wirkt!?
Ein Weg dazu wäre sicher die Methode der "Familienaufstellung", wobei ich da auf den strang dazu hinweise, der hier im Forum vorhanden ist- sich erst informieren und mit der Thematik auseinander setzen halte ich für sehr wichtig dabei.
DAs aber eingebettet in eine Therapie, denn nur Familienstellen wäre sicher zu kurz gefasst-
es gibt viele Therapeuten, die das Familienstellen in ihrer Arbeit eingebettet anbieten.
Sich professionelle Hilfe zu holen, wäre also ein guter Weg und der kann Dir ganz sicher neue Richtungen aufzeigen.
Den möglichen Hintergrund der Übertragung sollte einfach im Hinterkopf behalten werden, denn es ist eine Möglichkeit und birgt noch einmal zusätzlich viele Wege
alles Gute
kenzia
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08.09.2015, 06:54
AW: Mit Depressionen leben - welche "Überlebensstrategien" wendet ihr an?
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08.09.2015, 07:21
AW: Mit Depressionen leben - welche "Überlebensstrategien" wendet ihr an?
Eine Aufgabe zu haben ist schon mal wichtig. Gebraucht zu werden. Solange man gebraucht wird, kommt man nicht auf dumme Gedanken. Mit dem Schlaf habe ich immer wieder einmal meine Problem, auch in Phasen, in denen ich mich eigentlich wohlfühle. Entscheidend war für mich die Angst davor zu verlieren, dass ich evtl. zu wenig Schlaf bekomme. Wenn ich aufwache und nicht mehr einschlafen kann, stehe ich auf und mache irgendwelche Routineaufgaben oder lese. Habe ich z.B noch schnell die Spülmaschine ausgeräumt, oder Wäsche zusammen gelegt, dann kann ich mit leichterem Gewissen am anderen Tag faul sein.
Depressive neigen dazu Perferktionisten sein zu wollen, schaffen sie die selbstgesteckten Ziel nicht, so zieht sie das runter.
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08.09.2015, 13:00Inaktiver User
AW: Mit Depressionen leben - welche "Überlebensstrategien" wendet ihr an?
Wenn's ganz schlimm ist, versuche ich, in Sekunden zu denken.
Keine Ahnung, ob die Kraft noch für die nächsten 5 Minuten reicht oder sogar für die ganze nächste Stunde, aber eine Sekunde, einen Atemzug schaffe ich bestimmt noch.... irgendwie...
Bis jetzt hat das immer mehr oder weniger gut geklappt.
Von Herzen alles Liebe Dir !


verschwiegen
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08.09.2015, 15:46Inaktiver User
AW: Mit Depressionen leben - welche "Überlebensstrategien" wendet ihr an?
Hallo kenzia,
ein interessanter Gedanke, den du da aufzeigst... in meiner Familie väterlicherseits gab es einige "Unglücksherde", die diese Stimmung erklären. Meine Großmutter war z.B. zeitlebens unglücklich, weil sie sehr früh Halbwaise geworden ist, keine Schule besuchen durfte und dann mit 15 an einen Mann verheiratet wurde, den sie nicht liebte und der eigentlich auch nicht in der Lage war, sich um eine Familie zu kümmern. Dennoch hatten sie Kinder, die sie mehr oder weniger alleine durchbrachte. Mein Vater wuchs also in bitterster Armut auf und ging mit 14 von zuhause weg, um Geld zu verdienen und die Familie zu ernähren. Die Umstände, die die eigenen Möglichkeiten einschränken, das eigene Selbstbewusstsein beschneiden etc. machen sich irgendwo auch psychisch bemerkbar. Mein Vater ging dann als junger Mann nach Deutschland und holte meine Mutter nach, als ich eineinhalb Jahre alt war. Was einerseits gut gemeint war, andererseits mir selber einen neuen Knacks verpasste... so wirkt sicher einiges als "Echo" nach, aber gleichzeitig hat auch jeder von uns tatsächliches Leid erfahren.
Was so fies an der ganzen Geschichte ist, ist der Umstand, dass die emotionalen Muster noch nachwirken, auch wenn sich die äußeren Verhältnisse schon längst geändert haben. Meine Kinder und ich leben "Lichtjahre" von den Verhältnissen der vorherigen Generationen. Ich lebe mit dem Mann zusammen, den ICH mir ausgesucht habe (auch gegen die "Konventionen"), habe ein Universitätsstudium hinter mir und einen Job, von dem ich gut leben kann... und dennoch "leide" ich immer wieder.
Daher danke ich dir für die Anregung und werde diesem Gedanken nachgehen.
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08.09.2015, 15:51Inaktiver User
AW: Mit Depressionen leben - welche "Überlebensstrategien" wendet ihr an?
da hast du sicher recht... vor allem kann man es mir in solchen Phasen gar nicht wirklich "recht machen", ich bin dann in meinem Denken sehr negativ und anderen Argumenten gegenüber nicht zugänglich. Da wir aber beide sonst sehr reflektierte und eher rationale Menschen sind, fällt es meinem Partner auch ganz schön schwer, in solchen Situationen "nichts" zu sagen, keine Argumente (die ja normalerweise das sind, was mich überzeugt) zu verwenden, sondern einfach da zu sein, mir am besten körperlichen Halt zu geben (wo ich in solchen Phasen eher anschmiegsam bin wie ein Kaktus *seufz*).
Aber wir geben uns beide Mühe und werden immer besser *lächel*...


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