Liebes Nordsternchen,
zuerst einmal wünsche ich Dir ganz ganz viel Kraft und Zuversicht!!!
Ich habe mit meinem Sohn das Gleiche hinter mir - nein - eigentlich ist es noch immer akut, nun bereits seit 6 Jahren und ich selbst bin am Ende meiner Kräfte.
Doch nun zunächst zu einer Zwangseinweisung: manchmal geht es nicht anders und ja - es ist die Hölle für Eltern und Kind. Doch ich wusste damals keinen anderen Weg mehr. Auch ich habe ihn überredet mit in eine Klinik zu kommen und ihn dann schließlich dort gelassen. Als sich die Tür hinter ihm schloss habe ich gezittert wie Espenlaub. Und doch habe ich damals keine andere Chance gesehen.
Hat es geholfen? Nicht wirklich!
Er lehnt nach wie vor wirkliche Behandlung ab und hat immer wieder hochdepressive Phasen. Inzwischen versuche ich ihm die Verantwortung für sich selbst zu übergeben, was auch heißt, dass ich ihn nicht mehr zu Ärzten begleite. Er fühlte sich jedesmal verraten wenn ich auch meine Sicht der Dinge geschildert habe und meine Therapeutin riet mir mich innerlich abzugrenzen um ihm den Schritt in seine Eigenverantwortung leichter zu machen.
Ich kann Dir nur raten auf das Gespräch zwischen Richter und Sohn zu vertrauen. Ich arbeite selbst als Betreuerin, stelle also auch bei anderen Menschen manchmal Unterbringungsanträge. Ein Richter, der schon länger diese Arbeit macht wird sehr sehr gründlich prüfen ob ein Freiheitsentzug gerchtfertigt ist. Nur wenn klare Selbstverletzungs - oder Suizidgefahr vorliegt wird er der Unterbrinung zustimmen. Falls er sich nicht sicher ist wird er ein Gutachten anfordern.
Ich habe in diesen Jahren gelernt die Verantwortung manchmal einfach an Fachärzte abzugeben und ich glaube, dass das richtig ist. Wir Mütter sind in einer solchen Situation überfordert, sehen nicht wirklich klar.
Das was glaube ich ganz ganz wichtig ist:
Sag Dir immer wieder, dass Du das Beste für Deinen Sohn willst und nur so handeln kannst, wie Du es jetzt machst. Versuche kein schlechtes Gewissen zu bekommen - auch wenn er sich erstmal verraten fühlt. Du willst ihn nicht verraten - Du willst ihm helfen!!!
Fühl Dich mal gedrückt - antigone
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Ergebnis 11 bis 20 von 26
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28.04.2011, 14:11
AW: suche eltern von "depressiven" jugendlichen
Auf Sturm folgt Ruhe! (Swahili - afrikanisches Sprichwort)
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29.04.2011, 07:59
AW: suche eltern von "depressiven" jugendlichen
ich danke euch alle für die unterstützende wort. es hilft schon zu sehen, dass man nicht völlig alleine ist und andere es auch "überlebt" haben.
sobald ich die kraft finde antworte ich ausführlicher
liebe grüsse
nordsternchen
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29.04.2011, 15:48Inaktiver User
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29.10.2013, 23:37
AW: suche eltern von "depressiven" jugendlichen
Liebes Nordsternchen!
Bist Du noch hier? Seid Ihr anderen noch da?
Ich habe diese Einträge eben gerade gefunden. Ich bin in genau der gleichen Situation und ziemlich verzweifelt. Auch mein Sohn 15 Jahre ist mittel- bis schwer depressiv. Er bekommt schon Tabletten, das reicht aber alles nicht und es wird immer schlimmer. Er entzieht sich mir völlig, ist nur noch bei seiner ebenfalls depressiven Freundin und ich komme überhaupt nicht mehr an ihn ran. Seit einer Woche war er auch nicht mehr in der Schule. Er hätte letzte Woche auf eine offene Station gewollt, geht er aber nicht. Jetzt habe ich einen Therapeuten gefunden, doch der hat nicht so schnell und nicht so viel Zeit, wie mein Sohn es bräuchte. Alle sagen sofort einweisen, Suizid-gefärdet, er ritzt und es ist kein Einsehen da. Er kriegt auch Medikamente, die nimmt er immerhin. Doch ich sehe, dass es ihm so nicht besser gehen wird. Es ist ein Abwärtsstrudel. Ich habe schon den Brief fürs Amtsgericht geschrieben, doch mir dreht sich der Magen um und ich weiß nicht, wie ich ihn in die Klinik bekommen soll. Es ist furchtbar!!!!
Nordstern, wie ist es bei Euch weitergegangen? Verzeihen die Jungs es einem irgendwann? Ich sehe absolut keine andere Möglichkeit ihm zu helfen. Ich kann doch nicht länger daneben stehen und zugucken.
Mein Sohn hat noch nie Kontakt zum Vater gehabt, dieser hat sich als er 1,5 Jahre alt war verabschiedet - ja, so was gibt es immer noch.
Ich wünschte, er würde freiwillig in Behandlung gehen. Nun habe ich jedoch das Gefühl, dass er gar nicht mehr in der Lage ist, eine solche Entscheidung zu treffen und richtig darauf wartet, dass sie für ihn getroffen wird. Außerdem ist ja dann auch die Schuldfrage geklärt: Mutter.
Ich sitze hier und heule und weiß leider nicht mehr, was ich noch tun kann.
Also, solltet Ihr noch irgendwie hier sein, ich freue mich sehr darüber von Müttern zu hören, die in einer ähnlichen Situation stecken oder steckten - auch wenn ich das wirklich niemandem wünsche.
Liebe verzweifelte Grüße
Zwilla
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30.10.2013, 16:28
AW: suche eltern von "depressiven" jugendlichen
Hallo Zwilla,
diese Strang ist ja mittlerweile recht alt, vielleicht versuchst du dein Anliegen, in einem eigenen darzustellen. Dann hast du sicher mehr Chancen auf Unterstützung, wie wär' s?
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Ja, du steckst in keiner leichten Situation, in einem Dilemma.
Egal wie du dich nun entscheidest, einweisen oder nicht, Angst davor Vertrauen zu behalten oder nicht, kann dir hier leider keiner abnehmen. Das stelle ich mir nicht einfach vor.
Sag' mal, wer hat die Diagnose gestellt?
Wie lange nimmt dein Sohn schon die Antidepressiva? Du weisst, dass die Wirkung erst nach einigen Wochen einsetzt?
Was bräuchtest du denn, um dich zu entscheiden, ihn einzuweisen?
Wer kann dich in dieser Situation unterstützen?
Wie wäre es, seine Freundin vielleicht auch ins Boot holen?
Du beschreibst, dass dein Sohn signalisiert hatte, in eine Klinik zu wollen.
Vielleicht wäre dieses eine Möglichkeit, ihn daran zu erinnern und ihm mitzuteilen, dass du nun entschieden hättest, das dies nun der Weg ist, auch auf Anraten von Arzt (?) und Therapeuten (?) ?
Hat sich dein Sohn konkret zum Suizid geäußert, wenn ja, wie genau?
Wie ritzt er, längst oder quer, wie tief sind seine Wunden, desinfiziert und verbindet er sie?
Solltest du wirklich eine suizidale Tendenz deines Sohnes vermuten, wäre ein Handeln sicher notwendig.
Ob dein Sohn dir eine solche Entscheidung gegen seinen Willen verzeihen wird, kann dir leider niemand beantworten.
Aber aufgrund meiner beruflichen Erfahrung verzeihen Kinder und Jugendliche, wenn die Eltern ihnen später sagen, dass sie keine andere Möglichkeit sahen, als so oder so zu handeln, auch dass es ihnen sehr leid täte. Das können Kinder/Jugendliche verstehen - wenn es aufrichtig vorgetragen wird und gemeint ist und sich nicht gerechtfertigt wird. Also geht es da nicht um die Entschuldung, sondern die Verantwortung für die Entscheidung zu tragen (ich hoffe, du verstehst, was ich meine).
Kopf hoch, suche dir Unterstützer, Verbündete, vielleicht auch den Vater, die dich unterstützen, auch in deiner Entscheidung, was du tun möchtest, willst, musst.
Alles Gute und lieben Gruß
Kekole
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30.10.2013, 21:40
AW: suche eltern von "depressiven" jugendlichen
Hallo Kekole!
Vielen Dank, dass Du mir geantwortet hast! Du hörst Dich so an, als ob Du Dich auskennst. Ich habe noch nie über Längsritzen nachgedacht, auch bei meinem vielen lesen in den letzten Wochen bin ich da nicht drauf gestoßen. Habe vermutlich immer mehr nach Depression gesucht. Er ritzt quer. Wie tief und wie oft, sagt er mir nicht. Ich habe es am Oberschenkel gesehen und am Arm. Ich habe auch Desinfektionsmittel bei ihm auf dem Tisch gesehen .. und den Papierkorb voller blutiger Taschentücher.
Die Diagnose haben drei Leute unabhängig voneinander gestellt. Die Therapeutin in der Uniklinik für Psychotherapie, die ihn inzwischen 5 x gesehen/gesprochen hat (sie ist - der Zufall wollte es so - eine gute Freundin meiner Mutter, hat also auch noch einen starken persönlichen Anhalt sich den Jungen genau anzugucken), dann unsere Hausärztin (sie ist meine beste Freundin und war schon bei der Geburt von ihm dabei, sie hat auch mehrfach mit meinem Sohn gesprochen) und ein fremder Therapeut. Alle sagen mir, dass mein Sohn suizidale Gedanken hat. Die äußert er jedoch nur, wenn ich nicht dabei bin. Alle drei haben mir auch sehr zu den Medikamenten geraten. (Bei mir gibt es sonst nur Homöopathische Kügelchen und wir sind eigentlich hier immer alle fit, daher fiel mir das besonders schwer.) Die nimmt er jetzt seit knapp 2 Wochen. Ja, ich weiß, dass sie jetzt erst langsam anfangen zu wirken. Inzwischen kriegt er zusätzlich zu dem Fluocetin noch ein anderes Antidepressiva, dass er abends nehmen soll und das "schlafanstoßend" wirkt. Er leidet nämlich auch unter absoluter Schlaflosigkeit. Das hat er mir auch nie gesagt.
Ich hatte gestern wirklich einen sehr schweren Abend und war sehr am Zweifeln. Als ich dann ins Bett gehen wollte, sah ich im Bad zwei Blutflecken. Er hat also wieder geritzt bevor er zu seiner Freundin losgegangen ist. Und hat dies mir hinterlassen. Es kommt mir wirklich so vor, dass er die Entscheidung für die Klinik nicht mehr alleine treffen kann. Er schreit ja mit soclhen Hinterlassenschaften schon fast danach, dass ich Entscheidungen treffe. Da war ich dann wieder fest entschlossen. So schwankt es immer hin & her. Ich suche und grübel darüber, ob es einen anderen Weg gäbe, doch ich finde keinen. Und keiner der Fachleute macht mir irgendwie Mut, dass es auch anders ginge. Für mich ist diese Krankheit so unsagbar schwer vorstellbar. Ich bin ziemlich lebenslustig und kann mir diese dunklen Wände, von denen Betroffene schreiben, nur sehr schwer vorstellen. je mehr ich darüber lese, desto mehr verstehe ich und sortiere meine Eindrücke neu. Doch das es meinen Sohn getroffen hat, fällt mir immer noch sehr schwer zu akzeptieren.
Die Situation ist in den letzten drei Monaten hier eskaliert. Das ist genau der Zeitraum, den er mit seiner Freundin zusammen ist. Sie ist erst 14 und selbst depressiv. Ich durfte ganz lange nichts von ihr wissen, sie sprach kaum ein Wort, wenn sie hier war. Sie huschte immer nur ins Zimmer und wieder raus. Das fand ich schon komisch. Leider ist auch ihre Familie schwierig. Ihre Mutter weiß seit April, dass sich ihre Tochter ritzt - und hat nichts unternommen. erst jetzt sind sie mit meinem Sohn mit in die Klinik gegangen. So hocken nun zwei depressive Kinder zusammen, kriegen Medikamente, gehen nicht mehr in die Schule und entziehen sich meinem Einfluss indem sie einfach bei ihr sind. Die Mutter trennt sich gerade und hat vermutlich selbst den Kopf voll. Von da ist keine Unterstützung zu erwarten. Die Freundin immerhin hat meinem Sohn gesagt, er solle in die Klinik gehen, da sieht sie noch klarer. Hat aber auch nichts genutzt.
Der Vater meines Sohnes hat sich vor fast 14 Jahre verabschiedet. ich habe vor drei Jahren versucht wieder Kontakt aufzunehmen, um für die Jungs vorzufühlen, er hat sich darauf nie gemeldet.
Also zusammengefasst ist mein Kopf ziemlich klar: ich muss handeln. Das ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Dass mich mein Sohn dafür hassen wird, muss ich in Kauf nehmen, um ihn zu schützen und eine Chance zu haben, dass es ihm wieder besser geht. Er ist ein ganz toller Kerl und hat noch so viel vor gehabt. Das scheint gerade alles vergessen zu sein. In den Herbstferien war die Freundin zwei Wochen nicht da. Da fing er wieder an zu leben, dachte ich. Wurde aktiver mit anderen Freunden, ist 3 Tage mit mir nach Wien gefahren!!! Und ich konnte wieder mit ihm reden, ihn mal in den Arm nehmen. Alles sehr vorsichtig, aber immerhin. Daran halte ich mich grad fest. Ich will meinen Sohn wieder haben!!!
Mein Bauch findet das alles ganz ganz furchtbar. Und ich fürchte mich wirklich vor den nächsten Tagen.
Mal sitze ich hier und es rollen die Tränen in Strömen, mal bin ich wieder halbwegs gefasst. Meine Flasche mit Rescue-Tropfen habe ich grad immer dabei ...
Danke, danke für Dein Ohr!
Liebe Grüße
Zwilla
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30.10.2013, 22:38
AW: suche eltern von "depressiven" jugendlichen
Hallo Zwilla,
ich habe Deine verzweifelten Zeilen mit großer Aufmerksamkeit gelesen.
Ich darf Dir erst einmal einige Ratschläge geben.
1.
Es ist für Angehörige - aus der fehlenden Distanz heraus- unmöglich, dem Patienten, in diesem Falle dem eignen Kind, zu helfen! Es ist absolut unmöglich!!
2.
Beschreibe mir bitte ganz kurz zusammengefasst seine Symptome.
Essverhalten?
Kommunikation?
Schlafstörungen?
Ist er lethargisch?
Hat er Selbstmordgedanken geäußert?
Alles, was sich gegenüber früher verändert hat.
Wie kommt er aus dem Bett?
Wie ist sein Verhalten am Morgen - am Abend?
Kann er lachen, weinen ?
3.
Wenn er unter einer Depression leidet,
so wirst Du Dich nicht in seine Gedankenwelt versetzen können. (siehe oben)
Die Krankheit ist für den Betroffenen absolut schrecklich.
Die Welt ist für ihn grau in grau, der Depressive sieht in seinem Leben keinen Sinn mehr.
Wenn dies also auf ihn zutreffen sollte,
kann ich nur raten ihn in die psy. Abteilung einer Klinik aufnehmen zu lassen.
4.
Das setzt allerdings voraus, dass er selber zustimmt und das will.
Eine Einweisung ist kaum möglich, solange er sich dagegen ausspricht.
Es wird sich (zurecht !) kein Richter dazu hergeben,
es sei denn, es besteht unmittelbare Gefahr für Leib und Leben des Betroffenen.
Dies kann aber nur ein Arzt nach sehr gründlicher Untersuchung beantworten
Fatal ist, dass die Betroffenen dies kaum zugeben können.
5.
Es scheint aus Deiner Schilderung heraus die Gefahr eines Suizides gegeben.
(Bei einer schweren Depression ist das die folgerichtige, logische Konsequenz,
die Seele will endlich Ruhe haben, das Leid ist nicht mehr zu ertragen)
Daraus folgt:
Gibt es eine Person, die ihn überzeugen könnte, freiwillig in eine Klinik zu gehen.
Ein Klinikaufenthalt in einer Psychiatrie ist völlig normal! man lässt ja auch seinen Blinddarm behandeln
z.B. in der Chirurgie.
Wenn ja,
dann musst Du mit ihm in die Notaufnahme einer psy. Abteilung gehen.
Hat er suizidale Gedanken, so muss man und wird ihn dort stat. aufnehmen.
Wichtig ist, dass er von allem, was ihn bedrückt, erst einmal medikamentös abgeschirmt wird.
Bevor ich mich weiter äußere,
gib mir erst einmal bitte seine Symptome bekannt.
Wenn er Selbstmordgedanken hätte, dann ist schnellsten zu handeln.
Vom Gedanken zur Umsetzung reichen wenige Ausgenblicke.
LG
Paros
um ein wertvolles Mitglied einer Schafherde werden zu können,
muss man entweder selbst Schaf sein oder bellen können.
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30.10.2013, 22:43
AW: suche eltern von "depressiven" jugendlichen
Liebe Zwilla,
dass dich die Situation mitnimmt, kann ich vielleicht etwas nachvollziehen und nachfühlen, wie es auch dir im Moment ergeht. Eine echt schwierige Situation in der du steckst, sicher auch dein Sohn.
Lass dich ein wenig visuell trösten, du Arme, puh.
Tränen und dann wieder einen klaren Kopf zu haben, ist ok, darf sein, und du kommst und spürst dich vielleicht etwas mehr. Das ist wichtig und gut, auch wenn es nicht leicht ist.
So erst einmal ein paar Infos für dich und spreche mal relativ Klartext.
Zum Ritzen längs/quer, bezieht sich auf die Innenseiten der Unterarme, längs wäre schon ein Spiel mit dem Leben. Das ist bei deinem Sohn ja nicht der Fall?
Außerdem, wenn jemand konkret seine Suizidgedanken formuliert, also wie es vonstatten gehen kann, wäre sofort eine stationäre Lösung von Nöten.
Ansonsten kann es auch ein Versuch sein, die Probleme, die gerade erdrückend erscheinen, durch Aussprüche, wie "ich bringe mich um", ersteinmal nur eine Entlastung sein, könnte dann auch heißen, "ich haue in den Sack und mache ne Weltreise", "nur so wie es ist, halte ich nicht mehr aus".
Ich kann natürlich die schwere der gefühlten Not, deines Sohnes nicht einschätzen, aber gut geht es ihm sicher nicht.
Nochmal was zum Ritzen, es ist eine Möglichkeit den Druck innerer Not zu lindern und sich damit psychisch zu entlasten. Das Ritzen ist damit nicht das Problem, ok?
Außderdem ist es derzeit eine Art "Mode", also nicht immer "pathologisch", wenn Jugendliche ritzen, so meine Erfahrung aus meiner Arbeitspraxis mit Familien.
Aber auch hier kann ich die Situation deines Sohnes nicht einschätzen, will nicht etwas erschweren oder bagatellisieren.
Was dein Sohn jetzt braucht, ist eine ruhige, klare und bestimmte Mutter, die ihm sagt, dass sie ihn liebt und nun Alles tun wird, damit sein Leiden gelindert wird.
Ja, ich weiss, das klingt leichter gesagt, als getan. Aber es wäre vielleicht eine Lösung.
Auch dich sicher plagende Schuldgefühle, die auch da sein dürfen, sind nachvollziehbar. Allerdings schwächt dich dieser Zustand.
Du darfst eine Entscheidung treffen in dieser Situation, du bist die Mutter deines Sohens und für sein Wohl verantwortlich.
Ist eine "gute Mutter" nicht eine "gute Mutter", auch wenn sie sich eingesteht, die Situation, ohne Hilfe von außen, nicht mehr allein stemmen zu können?
Was würdest du darauf antworten?
Ich würde sagen, ja sie wäre ein "gute Mutter".
Was mich ein wenig stutzig macht ist, dass fast alle involvierten HelferInnen, direkt mit eurer Familie verbandelt sind. Eine Idee, die mir da kam, war drei erwachsene Frauen "gegen" einen Jungen, dein Sohn könnte dieses, als Koalition gegen sich empfinden.? Zumal in der Pubertät Erwachsene sowieso meist doof sind.
Guddi, was könntest du machen,
- die Situation so lassen, wie ist.
- den Sozial-Psychiatrischen Dienst um Unterstützung bitten.
- das Jugenamt um Hilfe bitten, kann aber dauern.
- Kontakt mit der Schule aufnehmen.
- eine Einweisung veranlassen, da du die Verantwortung, im Moment nicht mehr übernehmen kannst.
Wenn dein Sohn dann mehr oder weniger freiwiilig dem Klinikbesuch zustimmt, könnten sich erstmal Profis um ihn kümmern und er zur Ruhe kommen, auch ihr.
Wichtig wäre vielleicht eine anschließende Familietherapie zu beginnen oder schon während des Klinikaufenthaltes. So könnte euch Beiden geholfen werden, wie ihr wieder in Kontakt kommt und für deinen Sohn, altersgemäß eine "gute" Bindung wieder herzustellen ist. Und dein zweiter Sohn auch wieder mehr "Platz" einnehmen kann.
Tja du - liebe Zwilla. Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen, vielleicht in der Klärung eine Entscheidung zu treffen.
Kopf hoch und alles Gute.
Kekole
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30.10.2013, 23:03
AW: suche eltern von "depressiven" jugendlichen
Hallo Zwilla,
noch ein kurzer Nachtrag.
Deine Globuli in allen Ehren, vergiss es bitte ganz schnell. Ich möchte Dir nicht zu nahe treten, aber:
Es ist in etwa so, als wolltest Du eine Lungenentzündung mit Hustentropfen behandeln wollen.
Bei Globuli muss man daran glauben können, dies ist aber einem Depressiven versagt. Es glaubt an nichts mehr.
Nochmal einige Fakten, die Du beherzigen solltest, ich weiß zu genau wovon ich rede:
Dass die Depression eine sehr ernstzunehmende Krankheit ist, zeigt allein die Zahl der Todesfälle. Mehr als
10 % der schwer an Depressionen erkrankten Menschen begehen Selbstmord. Erschreckend hoch ist der Anteil der Patienten, die wieder erkranken: Mehr als zwei Drittel werden innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Entlassung erneut in eine Klinik eingewiesen. Bei 30 Prozent der Patienten wird die gleiche Diagnose gestellt, 39 Prozent werden wegen einer anderen psychischen Erkrankung wieder aufgenommen. Ein Drittel der Wiedererkrankten wird bereits in den ersten 30 Tagen nach ihrer Entlassung wieder eingewiesen, knapp die Hälfte in den ersten drei Monaten. Dies Zahlen muss man natürlich unter dem Aspekt sehen.........
Im Falle Deines Sohnes ist aber wohl von einer reaktiven Depression auszugehen -
es sei denn er war schon immer sehr melancholisch -
reaktive Depressionen sind in der Regel gut behandelbar.
Aber auch hier gilt: Es kann Wochen und Monate dauern.Geändert von paros (30.10.2013 um 23:15 Uhr)
um ein wertvolles Mitglied einer Schafherde werden zu können,
muss man entweder selbst Schaf sein oder bellen können.
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31.10.2013, 09:28
AW: suche eltern von "depressiven" jugendlichen
Ihr Lieben!
ich bin ganz gerührt über Eure ausführlichen Antworten! Danke, danke. Das tut mir gut.
War gestern Abend so kaputt, dass ich am Tisch eingeschlafen und dann ins Bett gekrochen bin. Das zieht so viel Energie ...
Zuerst einmal ganz schnell ... ich wollte die Depression auch nicht mit Kügelchen heilen :) wollte damit nur sagen, dass ich grundsätzlich erstmal gucke, wie man eine Erkältung etc mit Naturmitteln lindern kann und nicht immer gleich beim Arzt sitze und Medikamente gebe. Das dies hier eine völlig andere Liga ist, ist mir klar. Und - nachdem ich mich damit beschäftigt hatte - habe ich ja auch die Medikamente mit ihm angefangen.
Liebe Paros, ich versuche mal auf alles zu antworten:
Essverhalten? - bis vor 1 Monat sehr überlegt: viel Salat, nix was dick macht (er ist ja Sportler und Athlet und sein Körper ist ihm sehr wichtig) Müsli. Seit kurzem - ich denke auch durch den Einfluss seiner Freundin - die geht morgens ohne Frühstück los und holt sich dann irgendwo einen Schokoriegel. So was kennen meine Kinder nicht und das hat mein Sohn auch immer doof gefunden und nicht mit seinen Idealen vereinbar. Mich lässt er grad mit Essen - wenn er überhaupt mal da ist - total auflaufen. Nachmittag um 4 steht er da "Gibts was zu essen??" Sorry, da gibt´s grad nix, außer Müsli oder mal was, was übrig blieb. Hab ich zu normalen Zeiten gekocht, auch mit Ansage "Gibt heute Abend was Richtiges." dann geht er 5 Minuten vorher oder knallt mir an den Kopf, dass er jetzt keinen Hunger hat, geht später einen Döner essen.
Kommunikation? Zu mir komplett abgebrochen. Er kann mich kaum angucken. Ganz schlimm. Wir waren ja drei tage in Wien zusammen, da war es viel besser. Wir haben wirklich wieder mal etwas geredet. das tat so gut.
Schlafstörungen? Muss schlimm sein, mir erzählt er jedoch nichts dazu. Er kann wohl erst in den Morgenstunden einschlafen.
Ist er lethargisch? Inzwischen wirkt er lethargisch. Fährt nicht mehr Rad, lieber Bus, wenn er weg will.
Hat er Selbstmordgedanken geäußert? Mir gegenüber nie.
Wie kommt er aus dem Bett? Bis vor etwa einem Monat hatte er das voll im Griff. Ist sogar manchmal vor der Schule in die Muckibude gefahren. Am Wochenende auch gerne mal bis 13 h geschlafen. Wenn er wollte, was vorhatte, war das jedoch kein Problem.
Wie ist sein Verhalten am Morgen - am Abend?
Kann er lachen, weinen ? Er ist sehr angespannt mir gegenüber schon länger. Wenn er dann mal lachte, erschrak er fast, weil das ja hieß, dass es ihm grad gut geht und er mich lieber anpampte. Das habe ich lange als normales pubertierendes Verhalten verbucht, kenne ich von den Kindern von Freundinnen, dass man der Mutter gegenüber nur ja nie lustig sondern bitte immer genervt ist.
Alles, was sich gegenüber früher verändert hat.
Das, was sich am meisten verändert hat ist, dass er nur noch bei seiner Freundin ist. Er flüchtet von zuhause. Dabei hat gerade er es so schön und ich habe ihm meist viele Freiheiten gelassen, weil er total zuverlässig und vernünftig war. Bislang keine Alkoholexsesse, keine wilden Partys, immer alles im Rahmen. Wie gesagt, sein Sport ist ihm schon immer sehr wichtig. er tanzt inzwischen in der Goldgruppe Standard und macht dazu Jumpstyle (ist so was wie Hipphopp nur für harte Jungs mit Techno und einer unglaublichen Geschwindigkeit) Dazu Muckibude alle 2 Tage und viel viel Radfahren. So war er immer sehr beschäftigt. Ich habe versucht ihn hier zu behalten. gerade auch mit den Medikamenten. Auch die Therapeutin hat ihm das gesagt. Doch dann ist er wieder weg und wenn ich sage er soll sich an Regeln halten, kriege ich so bitterböse SMS und "ich soll mich aus seinem Leben raushalten, sonst ist er ganz weg und dann soll ich mir nicht einbilden wieder ankommen zu können ..." Da kriege ich dann solche Angst, dass ich es ihm so schwer machen könnte, dass das dann der Auslöser ist, das er sich was antut. So halte ich still. Was sicher nicht richtig ist. Doch so habe ich ihn in den letzten zwei Wochen immerhin zu den Terminen in der Klinik bekommen und zum Therapeuten. Es ist ganz furchtbar den Kontakt so entgleiten zu sehen. Ich wünschte, ich könnte mit der Mutter seiner Freundin reden, doch die ist so tiefen-entspannt und nur froh, wenn es ihrer Tochter besser geht. "Die tun sich doch so gut!" sagt sie immer. Das ist nur leider kurzfristig gedacht. So habe ich keine Ahnung, wie ich im Moment an ihn ran kommen könnte. Wenn ich ihm sage, er hat einen Termin in der Klinik, dann darf ich ihn abholen und hinbringen. danach fahren wir nach Hause, er duscht, geht kurz mal raus mit einem Freund aus dem Ort und spätestens Abends fällt die Tür ins Schloss, meist ohne Gruß. das ist furchtbar!!!
Das mit den "Involvierten Helfern" finde ich auch teils schwierig, teils auch beruhigend. Meine Freundin/Hausärztin macht es sich da sicher nicht leicht, sie sagte mir, wenn es nicht mein Sohn gewesen wäre, hätte sie ihn gleich irgendwie in die Klinik auf Station gebracht. Und bei der Therapeutin in der Klinik sind wir aus Zufall gelandet. Sie hatte gerade Notdienst. Sie und ich auch haben meinen Sohn gefragt, ob das ok ist oder ob wir in der Klinik einen anderen Ansprechpartner haben sollen. Er sagte, es sei ok. Er kennt die Frau auch privat gar nicht. Ich glaube, dass es grad gut ist, dass die auch ein wenig mich oder die Familie kennen und sicher nicht mal eben so (ich hoffe eigentlich dass das eh nie der Fall ist.) solche wichtigen Diagnosen treffen. Haben auch alle in ihren Teams mit anderen darüber gesprochen und es gibt wohl Kataloge, nach denen eine Depression eingestuft wird. Da kommen sie unabhängig voneinander zu den gleichen Ergebnissen.
Wie und was er für "suizidale Gedanken" hat, kann ich nicht sagen. Bis Mitte September dachte ich, dass es "nur" die Pubertät ist, dass er sich von mir zurück zieht und ich das aushalten muss.Er hat eine gute Anzahl an Freunden und viele viele Freundinnen, seinen Sport, kam so lala durch die Schule, meisterte das aber schon immer allein und auch sehr verlässlich, hat viele Pläne, was er machen will. Dann kam die neue Freundin. Und dann kam die Offenbarung mit dem Ritzen und er knallte mir an den Kopf wie schlecht es ihm geht und wie ungesehen und ungeliebt er sich fühlt. Das tut mir endlos leid. Ich will jetzt gar nicht hier mich rechtfertigen. Kann nur sagen, dass ich meine Kinder alle unglaublich und alle gleich liebe und immer alles gegeben habe. Ich war viel zuhause und habe immer wieder Angebote gemacht. Und dennoch werfe ich mir jetzt vor, dass ich es früher hätte erkennen müssen. (doch das ist mein Problem, jetzt muss ich erstmal gucken, dass ich ihn wieder kriege.)
Ich sitze nun hier und warte darauf, dass sich die Klinik meldet. Die müssen wohl eine Stellungnahme an das Gericht schicken. Und mir dann sagen, wie es weiter geht. habe Angst. Ich würde ihn gerne bei seiner Freundin abholen - heute muss er eh kommen, weil ich ihm nur bis heute morgen die Tabletten mitgegeben habe. Und dann versuchen ihm ganz klar zu sagen, dass jetzt der Punkt gekommen ist, das ich entscheiden muss. Und ich will, dass es ihm besser geht. Das ich ihn in ärztliche Behandlung geben möchte, da ich ihm so nicht weiterhelfen kann. Dass er für eine Woche in die Klinik gehen soll und wir dann weiter gucken, was ihm helfen wird. Ich möchte gerne, dass er selbst ein paar Sachen einpacken kann. Und ich hoffe, dass er sich darauf einlässt und mitkommt. Habe von Müttern gelesen, die ihr Kind "in die Falle locken mussten" wie sie schrieben. Das finde ich ganz ganz furchtbar.
Mein Vater hat schon gesagt, dass er dann zu uns kommt und uns fährt. So hoffe ich, dass ich ihn mitkriege. Kann auch sein, dass er versucht abzuhauen. ich kann es grad nicht mehr einschätzen.
Ich habe einfach keine Ahnung, was ich sonst tun könnte. Dann erinnere ich mich an die letzten Blutflecken auf dem Boden, die mich anschrieen "Tu was!!!" Fällt Euch irgendwas ein, was ich sonst tun könnte???
Mit zweimal die Woche zu einem Therapeuten gehen und Medikamente nehmen und ansonsten mit der Freundin im Bett liegen und weiter nicht in der Schule sein, ist es wohl nicht getan. Das heißt, hier ist ein Einschnitt erforderlich. (sagt mein Kopf.) Wie ist das umzusetzen, fragt der Bauch.
Das ist meine Situation heute morgen.
ich danke Euch sehr, dass Ihr mir zuhört!!!
Ganz liebe Grüße
Zwilla


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