Antworten
Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 10 von 15
  1. User Info Menu

    smile Vom Kohlenpott - erzählen...

    Als der Pott noch den Namen Kohlenpott zu Recht trug, als in den Zechensiedlungen noch Familien der Bergleute wohnten, als aus den Schloten der Stahlwerke und Kokereien noch Dreck herausqualmte, als sich Straßenbahnen noch kreischend durch enge Straßen mit grauen Häusern quälten, als Mutter noch einmachte was im eigenen Garten geerntet wurde und sonntags der Duft von panierten Koteletts durch die Straßen zog und einem das Wasser im Mund zusammen laufen ließ, als nach der Kartoffelernte auf Bauers Feld die Leute noch die übersehenen Kartoffeln einsammelten, als der Aschenwagen die Eimer mit Kohlenasche auflud und der Küchenabfall auf dem Komposthaufen landete, als im Konsum noch in Tüten abgewogen wurde und die Lehrerein noch „Frollein“ genannt wurde…

    …und wir Blagen im Winter die Straße herunterbretterten, „Brennholz“ schrien – auch wenn nur eine dünne Schicht Raureif gerade so ausreichte, damit die Kufen nicht auf den Asphalt zum Stillstand kamen.

    Es gab Zeiten, da schämte ich mich ein wenig, im Ruhrgebiet zu wohnen. Da war ich noch ein Junge. Und Mülheim kannte außerhalb des Potts sowieso niemand. Später wurde ich stolz, den Pott meine Heimat nennen zu dürfen. Unvergleichlich diese Landschaft in ihrer Mischung aus Industrie und Landswirtschaftsidylle, und die Menschen sind nirgendwo toleranter, wo jeder doch irgendwie „Zugereister“ ist.

    Wer kennt ihn so, den Kohlenpott, und wer kann was dazu erzählen? Egal watt, Mensch – schieß los!

  2. User Info Menu

    AW: Vom Kohlenpott - erzählen...

    Du sprichst mir aus dem Herzen lieber Daniel. Seid ihr auch mit dem Schlitten die Kohlenhalden runter?
    Leider wurde ich aus meinem geliebten Pott verschleppt und lebe schon seit 30 Jahren im südlichen Deutschland, aber sobald ich hinter Köln aufe A3 bin wittere ich Heimatluft und mein Auto fährt von selbst. Ich bin in Gladbeck geboren (da hat mein Vater auf Graf Molkte einen Job gekriegt) aber kommen tun wir von Essen. Gruß an alle Pöttis Annalisa

  3. Inaktiver User

    AW: Vom Kohlenpott - erzählen...

    Zitat Zitat von Daniel-G Beitrag anzeigen
    Wer kennt ihn so, den Kohlenpott, und wer kann was dazu erzählen? Egal watt, Mensch – schieß los!
    ich selber bin nicht dort geboren, der rest meiner familie aber und wir sind früher sehr sehr oft hin gefahren.
    als wir näher kamen und die luft immer schlechter wurde.....
    und als ich mich an den trinkhallen mit süßigkeiten eingedeckt habe.....
    es hatte seinen charme....... der kohlenpott

  4. Inaktiver User

    AW: Vom Kohlenpott - erzählen...

    Ach wie schön, bin im Ruhrgebiet / Pott geboren und bis zum Abi aufgewachsen. Da fällt mir schon noch was ein ... mehr dazu die Tage


    Daniel: noch watt wegen Mühlheim: Rot-Weiß oder Schwarzweiß oder ganz anderer Verein ?

  5. User Info Menu

    smile AW: Vom Kohlenpott - erzählen...

    Zitat Zitat von annalisa53
    Du sprichst mir aus dem Herzen lieber Daniel. Seid ihr auch mit dem Schlitten die Kohlenhalden runter?
    Nee, die Halden waren für uns Kinder zu weit weg. Beliebt war auf der Heimaterde in MH die „Schlucht“. Die Bahnen waren nicht gerade halsbrechrisch, aber die Kleinen und nicht mehr ganz kleinen hatten ihren Spaß bei Pickern. (Picker = Schlitten). Spannendere Bahnen gab es z.B. am Priestershof. Aber Straße ging ja auch noch, damals. Wurde ja nicht gestreut - für die paar Autos. Der Bus fuhr bei Schnee mit Schneeketten.

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    ich selber bin nicht dort geboren, der rest meiner familie aber und wir sind früher sehr sehr oft hin gefahren.
    als wir näher kamen und die luft immer schlechter wurde.....
    und als ich mich an den trinkhallen mit süßigkeiten eingedeckt habe.....
    Man muß auch nicht im Pott geboren werden um da zu Hause zu sein. Aber die Luft damals erforderte eine gewisse Widerstandskraft , ließ sich erschnuppern, wenn man weg war und sich der Heimat wieder näherte. Ja, die Trinkhallen, wo die Halbstarken mit ihren Mopeds herumstanden und ein Bier aus der Flasche nahmen. „Bude“ nannte man eine Trinkhalle. Da holten die Blagen auch schon mal ein paar Pullen Bier für Vatter, kastenweise war damals noch selten. Außerdem gabs da Mohrenköppe oder Rollmöpse (aus großen Gläsern). Und für den Raucher mit schmalem Portemonnaie Zigaretten in 5er oder 6er-Pakungen. Man(n) rauchte gern „Orienta“ oder „Eckstein“. Und die Süßigkeiten für uns Blagen waren enorm verlockend. Einmalig fand ich „Brausetütchen“ in verschiedenen Geschmäckern, Stück 2 Pfg. Naja, man mußte diese Tütchen mehr oder weniger auslutschen, und der Inhalt prickelte spannend auf der Zunge.

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    Daniel: noch watt wegen Mühlheim: Rot-Weiß oder Schwarzweiß oder ganz anderer Verein
    Ne richtige Fußballhochburg war MH wohl nie. Und ich hatte eigentlich keinen Lieblingsverein. Es gab Zeiten, da spielte VfB Speldorf (am Blötterweg) ganz gut. Bin später manchmal nach Styrum rüber, der 1. FC Styrum spielte in der 2. Bundesliga. Und auch zum Uhlenkrug (SW Essen) zog es mich gelegentlich.

    Zum ÖPNV: In den Anhängern(!) der Linienbusse durfte geraucht werden, und auch die Straßenbahn hatte Raucheranhänger, oft jedenfalls. Aber - wat waren die Busse und Bahnen immer voll! Man kriegte kaum Luft, und dann quetschte sich noch immer der Schaffner durch um Fahrscheine zu verkaufen und die Wochenkarten zu lochen („knipsen“).

  6. Inaktiver User

    AW: Vom Kohlenpott - erzählen...

    an das knipsen der fahrscheine kann ich mich kaum noch erinnern. aber an die buden natürlich! für mich waren der bringer immer knöteriche (ich glaube, damals kosteten 2 stück einen pfennig oder so).
    und zwischen kirche und schule einmal in der woche gab es beim bäcker aufgeschnittenes brötchen mit plattgedrücktem mohrenkopf.

    halden zum runterschlittern hatten wir nicht, aber als ganz, ganz kleine haben mir vater oder mutter mit dem schlitten hinter sich her gezogen.

    merkwürdigerweise fühlt sich eine hälfte von mir dort auch noch zu hause, obwohl mein richtiges zuhause 600km weiter südlich liegt. so richtig kann ich mir auch nicht vorstellen, dort wieder zu leben, dazu habe ich mich wohl zu sehr an das leben hier gewöhnt.

    früher übrigens, als ich noch im pott lebte, war es mir auch peinlich. allein schon der dialekt! watt, datt, gezz - oh hilfe.
    in meinem späteren zuhause allelrdings lernte ich, wie sehr dialekte geschätzt wurden/werden, dadurch habe ich dann auch meinen dialekt gepflegt. jetzt kann ich ihn besser als je zuvor

  7. User Info Menu

    smile AW: Vom Kohlenpott - erzählen...


    Zitat Zitat von Inaktiver User
    für mich waren der bringer immer knöteriche (ich glaube, damals kosteten 2 stück einen pfennig oder so).
    Genau! Hätte ich fast vergessen - für 10 Pfg. gab es immerhin 20 Stück, abgezählt in ein kleines Tütchen.

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    gab es beim bäcker aufgeschnittenes brötchen mit plattgedrücktem mohrenkopf
    Die hießen „Matschbrötchen“, jedenfalls in MH. Waren aber nicht so mein Ding.

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    in meinem späteren zuhause allerdings lernte ich, wie sehr dialekte geschätzt wurden/werden
    Klar! Jeder kann wissen, daß ich aus dem Pott komme. Es gab Leute, die wollten mir sagen, wir im Kohlenpott sprächen einfach nur „schlechtes Deutsch“ und das hätte mit Dialekt nix zu tun. Gejuckt hat mich das noch nie, heute würde ich denen ins Gesicht lachen

    Was ich schade finde, ja mir sogar etwas ans Herz geht: daß die Zechen weg sind . Hier und da steht noch ein Förderturm, als Denkmal quasi, oder man hat eine Seilscheibe irgendwo einbetoniert, mit einer entsprechenden Erinnerungstafel. Naja, es gibt inzwischen Wanderwege, die zu den ganz alten und/oder weniger alten Resten der Ruhrbergbaus führen. Da kann man Wanderung und Heimatkunde schön verbinden. Zum Glück findet der Interessierte auch im Internet viele schöne Fotos von unseren Zechenlandschaften. Mein Vater hat ja alles mögliche fotografiert, aber nie die „ollen Zechen“ oder „Fabriken“. Dabei boten doch Kokereien (z.B. Zollverein in E) geradezu dramatische Motive.

  8. Inaktiver User

    AW: Vom Kohlenpott - erzählen...

    ja, die zechen ..
    die habe ich als kind und jugendliche gar nicht so mitbekommen. eher das hüttenwesen (mannesmann, krupp, hahn und so).
    als ich ganz klein war, gab es in meiner nachbarschaft sogar ein stahlwalzwerk.

    kürzlich war ich mal (wieder) in essen und habe zum ersten mal eine zeche von der nähe gesehen

    was ich immer wunderschön fand, waren die wälder dort. jetzt ist es ja noch grüner, aber schon früher war es ziemlich grün.

  9. User Info Menu

    AW: Vom Kohlenpott - erzählen...

    Als alte Duisburgerin kann ich mich noch an die vielen Stahlwerke erinnnern, die Niederrheinische Hütte z.B. hatte sogar ein eigenes Strandbad für die Belegschaft und deren Angehörigen! Mein Opa war auf der Niederrheinischen Hütte, später gehörten die zu Thyssen, da war dann auch meine Mutter beschäftigt. Das war in Wedau, gegenüber dem Ausbesserungswerk der Bahn. Bis ich so ca. 15 Jahre alt war, verbrachte ich meine Sommer dort, natürlich gab es eine feste Clique.

    Als Kind kaufte meine Mutter noch Milch lose in einer Milchkanne. Später gab es dann Flaschenmilch, gold und silber Milch, je nach Fettgehalt. Hach, das waren noch Zeiten. Wir hatten zum Spielen eine sogenannte "Wildnis", das waren die Brachen der ausgebombten Häuser, wo wir z.T. auch Zugänge zu den Kellern fanden. Bis die Leute das rausbekamen und die Zugänge zugemauert worden sind, damit wir Kinder da nicht mehr rein konnten.

    Jesses, lang lang ist's her... ich bin nur immer geplättet, wenn mich Leute von woanders als Duisburgerin identifizieren anhand meines Dialekts, obwohl ich überzeugt bin hochdeutsch zu sprechen, meine Mutter bestand immer darauf. Sie hat immer mit unserer Oma väterlicherseits gemeckert, wenn die mit uns Düsseldorfer Platt sprach (das kann ich auch noch ).
    Normale Menschen machen mir Angst!!!

    **Ich bin nicht dick - das ist erotische Nutzfläche!**

  10. Inaktiver User

    AW: Vom Kohlenpott - erzählen...

    Der Pott ist auch meine Heimat. Ich wohne jetzt etwa 50 km vom Pott entfernt. Daher bin ich noch oft im Pott zu Besuch. Ich organisiere Klassentreffen und Treffen mit meinen früheren Kolleginnen.
    Ich bin mitten aus Gelsenkirchen, aus Schalke. In Schalke gab es allein vier Stahlwerke. Gelsenkirchen wurde die "Stadt der Tausend Feuer" genannt, weil es da so viele Stahlwerke gab.
    Wir haben in den Trümmern gespielt, haben auch Steine geklopft. Der frühere Schalker Fussballspieler "Kuzorra" hat uns die Steine immer abgekauft. Seine Mutter guckte oft aus dem Fenster und hat sich immer gefreut, wenn sie uns Kinder spielen sah.
    Später haben wir in den Rohbauten verstecken gespielt.
    Auf der Straße wurden Hüpfkreise gezogen, wurde Völkerball gespielt. Wenn ein Auto kam, musste es warten, bis wir Kinder von der Straße gingen. Heute stehen da nur noch Autos, kein Platz mehr zum Spielen. Wir haben auch schon mal mit 10 bis 20 Kindern ein Auto weiter weg getragen, wenn es uns im Weg stand.
    Zum Schlittenfahren gingen wir manchmal in den Stadtgarten. Dort war ein größerer Hügel, auf dem man bergab sausen konnte.
    Die Trinkhallen, ja die waren auch immer schön. Man konnte für 5 Pfennig ein paar Bonbons kaufen. Ein Nachbarkind musste manchmal für die Eltern zwei Zigaretten kaufen. Beide Eltern haben dann eine Zigarette mit Genuss geraucht.
    Da könnte ich auch stundenlang erzählen.

Antworten
Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •