Elizabeth Harrower - In gewissen Kreisen
Elizabeth Harrower (1928) ist eine australische Schriftstellerin. Vor einigen Jahren habe ich von ihr “Die Träume der anderen“ gelesen, eine subtile, messerscharfe Analyse eines ehelichen Missbrauchs, des Teufelskreises von Sadismus, Manipulation, Selbsttäuschung, Ohnmacht. Das hat mir sehr gut gefallen und nachgehallt. Darum also nun ein weiteres Buch von ihr. “In gewissen Kreisen“ sollte eigentlich 1971 herauskommen, doch die Autorin zog es kurz vor der Veröffentlichung zurück.
Die Geschichte beginnt kurz nach dem zweiten Weltkrieg und reicht bis in die 60er Jahre hinein. Es geht um zwei Geschwisterpaare und eine fünfte Person ganz unterschiedlicher Herkunft und Prägung, deren Leben miteinander verwoben werden. Der Roman besteht eigentlich vornehmlich aus Gesprächen zwischen den Protagonisten. Die aktuellen Entwicklungen und Ereignisse erfährt man also indirekt, als Basis und Hintergrund für die Beziehungen und Wechselwirkungen untereinander.
Die zentralen Fragen sind ähnlich wie in “Die Träume der anderen“: Was für ein Leben soll man führen, will man führen, kann man führen. Inwieweit ist man festgelegt durch kindliche Prägung, je nachdem in welche Kreise man hineingeboren wird, welche Denkbilder man kennenlernt, welche Beziehungsdynamiken. Wie frei ist man, innerlich und äußerlich, was ist ein gelungenes, was ist ein verschwendetes Leben?
Auch die Konflikte, die ein sich veränderndes Rollenbild der Frau bereithält, werden schmerzhaft offengelegt: die Unvereinbarkeit all der theoretischen Möglichkeiten mit den eigenen Träumen und den oft gänzlich anderen Lebensentwürfen der Männer. Wo hinein soll man investieren, in Beruf, Berufung, in privates Glück? Wird man belohnt für Hingabe, Aufopferung, Festhalten?
Elizabeth Harrower war selbst damals offenbar nicht zufrieden mit dem Roman, ich selbst finde ihn sehr lesenswert. Ich mag ihren klugen, analytischen Stil und wie treffend sie bestimmte Atmosphären und Stimmungen schildert, vor allem eine Art zwingende und (beinahe) nicht zu durchbrechende Unausweichlichkeit, in der sich die Akteure befinden oder in die sich hineinmanövrieren. Dass es in dieser Geschichte einen gemäßigten Verlauf nimmt und es nicht zu extremen Handlungen oder einem dramatischen Ausbruch kommt, finde ich durchaus lebensecht und fühle mich nicht enttäuscht.
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14.04.2020, 12:07Inaktiver User
AW: 2. Teil von: Ich lese gerade.....
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14.04.2020, 17:45Inaktiver User
AW: 2. Teil von: Ich lese gerade.....
Hm, also ich bin jetzt mit dem Buch fertig. Habe es im Original gelesen und fand es von einigen Längen abgesehen, gut. Mir gefiel der neutrale staccatoartige Ton und ich konnte mir ein gutes Bild der Personen zeichnen. Zum Ende, da bin ich nun auch einigermaßen ratlos und vermute: sie wurde irgendwie von der Untergrundbewegung Mayday "gerettet"?
Ich habe dann mal gegoogelt und verstehe jetzt aber nicht die Verbindung zu "Alias Grace" - geht es dort nicht um etwas ganz anderes oder fehlt mir hier eine Gehirnwindung?
Werde mir aber vielleicht wirklich mal die Serie zu Gemüte führen....
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15.04.2020, 10:39Inaktiver User
AW: 2. Teil von: Ich lese gerade.....
Danke für diesen Tipp! Ich hatte gedacht, die bedeutenden australischen Schriftsteller (und deren Meisterwerke wie "Voss", "Lilian's Story", "On the Beach") mittlerweile zu kennen, aber Harrower war mir noch nicht begegnet! Deiner Beschreibung nach ist Harrower genau mein Fall!
Meine subjektive Erklärung (in Weiß):
Das Ende von "Alias Grace" ist das Gleiche in Grün wie bei der Magd: Grace spürt in ihrem Bauch etwas heranwachsen, was ein Kind oder ein Tumor sein könnte, also Leben oder Tod bedeuten kann. Grace hat auf ihrem Weg gelernt, alles anzunehmen, was kommt, und bleibt daher ruhig und gelassen angesichts dieser Frage. Genau wie Desfred, die am Ende des Buchs auch nicht weint, oder tobt, oder sich in Ängste oder Erwartungen hereinsteigert.
Eine weitere Parallele beider Handlungen ist, dass das Opfer (die eingekerkerte, ungebildete Grace bzw. die versklavte Desfred) sich als mental stärker als die vermeintlich äußerlich Stärkeren (der gebildete Anwalt bei Grace bzw. das Kommandantenpaar bei Desfred) erweist. Auch das ist bei der Magd im Buch eher angedeutet und bei Grace expliziter dargestellt; in der Magd-TV-Serie hingegen wird Desfreds Stärke noch mehr betont.
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15.04.2020, 12:53Inaktiver User
AW: 2. Teil von: Ich lese gerade.....
Galah, das freut mich! Patrick White war übrigens ein Bewunderer von Elizabeth Harrowers Werk und hat sie ermutigt zu schreiben. 1971 (als "In gewissen Kreisen" veröffentlicht werden sollte) war sie sehr bekannt in Australien, aber in den frühen 90ern waren all ihre Bücher vergriffen und wurden nicht mehr aufgelegt.
Zitat: "Patrick White, who urged Harrower to keep working, once inscribed a book to her with the injunction “To Elizabeth, luncher and diner extraordinaire. Sad you don’t also WRITE.” Quelle
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15.04.2020, 12:56
AW: 2. Teil von: Ich lese gerade.....
Danke, Saruma, für die Erinnerung. Ich bin vor einiger Zeit auf einem Festival über die neuaufgelegten Romane von E. Harrower gestolpert und hab sie dann wieder vergessen
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Galah, kennst du Ruth Park und 'The Harp in the South' ?"I don't want to be part of a world where being kind is a weakness" - Keanu Reeves
Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.
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16.04.2020, 19:09Inaktiver User
AW: 2. Teil von: Ich lese gerade.....
@ Galah, Danke für die Erklärung, jetzt habe ich es verstanden. Habe "Alias Grace" mal auf meine Leseliste gesetzt.
Habe nun mit Palm Beach, Finland von Antti Tuomainen
Ein finnisches Küstenkaff mit frischem Anstrich à la «Miami Vice» - der neue Investor hat den tristen Ort in «Palm Beach, Finland» umgetauft. Olivia Kosk ist nach gescheiterter Ehe gerade erst dorthin zurückgekehrt, als sie einen fremden Mann in ihrer Küche auffindet. Ermordet. Ziemlich unschön. Da die Polizei vor Ort nicht weiter weiß, wird Kommissar Jan Nyman in das kuriose Ferienparadies entsandt, getarnt als urlaubender Mathelehrer. Nyman fühlt sich zu Olivia, der Hauptverdächtigen, absolut hingezogen. Dass sie dringend Geld braucht, unterscheidet sie keinesfalls von allen anderen in Palm Beach. Aber dann tritt auch noch ein Auftragskiller auf den Plan, der Bruder des Toten. Und er will sich rächen.
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18.04.2020, 13:28Inaktiver User
AW: 2. Teil von: Ich lese gerade.....
Ich lese gerade "Ein Mann namens Ove". Den Film habe ich schon vor längerer Zeit gesehen und fand ihn war nicht sooooo gut, das Buch ist wesentlich besser. Sehr viel trockener Humor, was ich liebe. Klare Empfehlung für alle die es noch nicht gelesen haben und nach leichter aber nicht seichter Lektüre suchen.
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18.04.2020, 14:21Inaktiver User
AW: 2. Teil von: Ich lese gerade.....
Der Wal und das Ende der Welt
Eine Empfehlung von Lorolli
DAS Buch der Stunde das uns Hoffnung macht,
Ein Dorf,eine Epedemie,Eine globale Krise und ganz viel Menschlichkeit
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18.04.2020, 15:23
AW: 2. Teil von: Ich lese gerade.....
Für Galah und weil die Frage „Bücher zum Thema Seuche“ jetzt vielleicht noch andere interessiert, hier ein Link dazu:
Eine kurze Geschichte der Epidemien in der Literatur | MDR.DEWenn mich die weltpolitische Lage deprimiert, denke ich an die Ankunftshalle in Heathrow. Es wird immer behauptet, wir leben in einer Welt von Hass und Habgier, aber das stimmt nicht. Mir scheint wir sind überall von Liebe umgeben. Oft ist sie weder besonders glanzvoll noch spektakulär, aber sie ist da. Väter&Söhne, Mütter&Töchter, Ehepaare, Verliebte, alte Freunde.
Ich glaube, wer darauf achtet, wird feststellen können, dass Liebe tatsächlich überall zu finden ist
Intro "Tatsächlich Liebe"
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23.04.2020, 12:06Inaktiver User
AW: 2. Teil von: Ich lese gerade.....
Hallo Galah, auf der Suche nach Lesestoff bin ich gerade zufällig auf dieses Buch gestoßen: "Epidemie" von Egon Hostovský (1908-1973), 108 S. Könnte vielleicht potentiell interessant sein, aber natürlich ohne Gewähr, da nicht selbst gelesen.

Klappentext: "Epidemie oder das Lachen eines Don Quijote: In seinem letzten Prosawerk verabschiedet sich Egon Hostovský mit einem lauten Knall von seinem Publikum. Obwohl er die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten angenommen hatte, war er dort doch nie richtig heimisch geworden. Das geschäftige, immer nach Geld strebende Land blieb ihm fremd. Er musste darüber lachen. In der amerikanischen Provinz erlebt ein verheirateter Mann mittleren Alters, wie eine tödliche Seuche um sich greift. Doch all seine Versuche, die Behörden und die Mitmenschen zu energischen Maßnahmen zu bewegen, schlagen fehl. Am Ende begreift auch er: The show must go on! Alles Andere wäre ein Kampf gegen Windmühlen…"


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