Hallo mitleserinnen,
ich hab´s schon letzte woche zuende gelesen und dementsprechend schon wieder einiges vergessen und möchte ein paar lose eindrücke und fragen aufwerfen:
Folgendes hab´ich auch so empfunden: Man bleibt einfach dran, weil man gründe für den/die selbstmord/-e erwartet! Gleichzeitig ist der stil wirklich gut, ich würde auch jederzeit wieder was von Eugenides lesen.
Warum aber wird eurer meinung nach lux so vergleichsweise auffällig dargestellt, während die anderen mädchen so "blass" bleiben? Klar, Lux ist in ihrem verhalten und in ihrem äußeren auffälliger und wird so von der erzählergruppe eher wahrgenommen.... aber dennoch, ich habe zu den ganzen anderen mädchen keine gesichter, keine vorstellung, während Lux für mich klarer greifbar ist. Warum macht der autor das wohl so? Er hätte ja auch den anderen mädchen charakter verleihen können [mal über die beschriebene leidenschaft zweier schwestern für halma (!) hinaus]!
Außerdem: Dem angesprochenen punkt mit der milieu-kritik möchte ich zustimmen. Ich mein´, das ist doch auch seltsam, wie abgeschottet diese mädels da leben! Und keinen außer der gruppe gleichaltriger juckt das auch nur ansatzweise wirklich. Alle nachbarn reden viel drüber und streuen gerüchte und augenscheinlich gibt es ja keine anonymität in dieser gegend, sondern durchaus nachbarschaftliche beziehungen, aber in diesem fall eingreifen kann und will keiner. Selbst der pastor, der nach dem selbstmord Cecilias zum gespräch eintrifft, läuft beim kommunikationsunfähigen mathelehrer-papa und noch mehr bei der (für mich in ihren motiven und denkweisen völlig diffus bleibenden) mutter gegen wände des schweigens.
Und warum wenden sich die mädchen nicht an irgendjemanden, damit ihnen hilfe zukommen könnte? Warum hat keine von ihnen auch nur irgendeine freundin, irgendeinen wirklichen kontakt von außerhalb und offensichtlich auch keinen drang danach? Ich habe mitunter auch den eindruck gehabt, dass die mädchen sich hinter ihren fassaden, in ihrer gemeinschaftsstiftenden geschwistergruppe so fürchterlich unwohl gar nicht fühlen... sondern als gäbe ihnen das auch einen identitätsstiftenden und besonderen status...
Letztlich wirft das buch für mich zudem unterschwellig die frage auf:
Wenn man selbst sowas in der nachbarschaft mitbekommen würde - was täte man selbst?
Würde man´s nicht auch nur befremdet und ein bisschen neugierig betrachten statt einzugreifen? Wahrscheinlich.
Was meint ihr?
LG von K.![]()
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08.04.2008, 19:47Inaktiver User
AW: BriComm Lesekreis liest: Jeffrey Eugenides "Die Selbstmordschwestern"
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08.04.2008, 19:48Inaktiver User
AW: BriComm Lesekreis liest: Jeffrey Eugenides "Die Selbstmordschwestern"
Zitat von Mamouna
Na, das scheinbar ach so friedliche Kleinbürgertum mit Reihenhäuschen und Co. - im Idealfall eben (wie bei den Lisbon's) auch noch gläubig und nach christlichen Werten (übertrieben) lebend und falsch noch dazu. Vom Freiheitsgedanken ist bei den Eltern nirgendwo was zu spüren. Die Töchter haben durch die Einengung den wahren Drang danach. Dies erklärt zwar nicht die Selbstmorde, aber nachvollziehen könnte ich es. Außerdem erfahren wir soviele Dinge nicht, dass ich zwischendurch öfters mal dachte: "Na, was wird sich denn sonst noch so alles in diesem Haus abspielen, was noch nicht mal die Jungs bemerkt haben..."
Vielleicht bin ich beruflich vorbelastet
, um zu solcher Ansicht zu kommen!
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08.04.2008, 20:02
AW: BriComm Lesekreis liest: Jeffrey Eugenides "Die Selbstmordschwestern"
ja, das stimmt. so könnte ich es mir auch vorstellen. ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, wenn kleinere kinder (sagen wir im vorschulalter) im spiel sind, dass viele mütter sagen: ich möchte nicht, dass du da hin gehst.
Zitat von Inaktiver User
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08.04.2008, 20:05Inaktiver User
AW: BriComm Lesekreis liest: Jeffrey Eugenides "Die Selbstmordschwestern"
@ Konstantina:
Klasse Beitrag!!
Stimme Dir voll und ganz zu!!
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08.04.2008, 22:35
AW: BriComm Lesekreis liest: Jeffrey Eugenides "Die Selbstmordschwestern"
Hallo, alle miteinander,
also Konstantina, ich finde, Deine Einschätzung trifft es genau. Die Sache mit Lux empfinde ich auch so; sie ist die Einzige, die eine Kontur hat, die Schwestern sind im Nebel, ebenso übrigens wie die beobachtenden Jungen. Selbst die neugierigen Nachbarn werden deutlicher gemacht.
Alles in allem finde ich, daß das Buch sich zum Teil gut gelesen hat, aber so richtig klar komme ich mit dem Ganzen nicht. Es deprimiert ja geradezu, daß eine ganze Familie so unauffällig auffällig existieren kann und niemand nimmt ernsthaft Anstoß daran und versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen.
Es bleibt vieles offen, wie gesagt, die Gründe für die Selbstmorde bleiben eigentlich mehr der eigenen Phantasie überlassen.
Ich werde sicher noch einen anderen Roman von Eugenides lesen, aber ehrlich gesagt, so richtig ist dieser Roman nicht mein Fall!
Gruß lu.lu
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09.04.2008, 09:04
AW: BriComm Lesekreis liest: Jeffrey Eugenides "Die Selbstmordschwestern"
aber meint ihr nicht, dass genau das heutzutage oft geschieht? dass in familien seltsame sachen passieren (verhungernde kinder etc.) und die nachbarn zwar neugierig sind, aber im endeffekt nichts tun?
Zitat von lu.lu
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09.04.2008, 09:23
AW: BriComm Lesekreis liest: Jeffrey Eugenides "Die Selbstmordschwestern"
Zitat von Giulianna
Das finde auch, dass die Erwachsenen hier so gut wie gar nichts unternehmen.
Die Jugendlichen sind eher hilflos und wissen auch wahrscheinlich, dass die Erwachsenen eher "ablehnend" reagieren werden, wenn sie um Hilfe bitten.
<<Die guten Bücher sind in einer Art Fremdsprache geschrieben.>>
Marcel Proust
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09.04.2008, 09:49Inaktiver User
AW: BriComm Lesekreis liest: Jeffrey Eugenides "Die Selbstmordschwestern"
Hallo,
ich möchte noch mal was zu Eugenides sagen, obwohl ich nicht mit Euch mitgelesen habe.
Die Selbstmordschwestern hatte mir ja auch sehr gut gefallen, besonders die Erzähl-Art von Eugenides.
Ich habe es so gesehen, dass er eine traurige Geschichte sehr gefühlvoll erzählt und besonders das Hilflose der Anderen (Mitschüler der Mädchen und der Nachbarn - wobei es bei den Nahbarn vielleicht eher Gleichgültigkeit war?) herausstellt.
Die Eltern wollten ihre Mädchen wahrscheinlich einfach nur behüten vor allem Schlechten in der Welt, was natürlich genau das Falsche ist, sie waren da wohl überängstlich. Kinder müssen zu lebenstüchtigen Menschen "erzogen" (schreckliches Wort!) werden, aber das ist eben auch nicht gerade einfach.
Ich persönlich finde es sehr schade, dass Eugenides nach
Die Selbstmordschwestern (bisher?) nur noch einen Roman veröffentlicht hat, Middlesex.
Ansonsten noch ein paar Kurzgeschichten.
Middlesex fand ich noch viel, viel besser als Die Selbstmordschwestern.
Von Zeit zu Zeit schaue ich, ob es inzwischen etwas Neues von Eugenides gibt, aber außer Kurzgeschichten in englischer Sprache bisher wohl nicht
Liebe Grüße
Regine
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09.04.2008, 14:17Inaktiver User
AW: BriComm Lesekreis liest: Jeffrey Eugenides "Die Selbstmordschwestern"
Regine,
Es macht wirklich den eindruck, als wäre es hauptsächliches anliegen der eltern ihre mädchen in einem extremen maße vor dem schlechten in der welt zu behüten. Gleichzeitig scheint es auch eine religiöse komponente zu geben (Marienbildchen und ich meine auch gelesen zu haben, dass die familie zur kirche geht) Dennoch bleibt das unmotiviert, man erfährt nichts wirklich über ihre gründe (was natürlich wieder am erzähler liegt). Dennoch, wie seltsam: Der vater ist doch mathelehrer, der erlebt doch jeden tag an seiner schule, wie die anderen kinder leben, was die machen, wovon sie sprechen, dass sie ausgehen, sich vergnügen! Da muss man/-n doch mal merken, dass man selbst mit seinem erziehungskonzept auf dem falschen dampfer sitzt. Aber wahrscheinlich kommt er gg. die noch "verbohrtere" mutter nicht an. Die beiden scheinen ihre eigenen kinder überhaupt nicht zu kennen und gerade die mutter ist in ihren sanktionen ignorant und grausam. Gleichzeitig zeugt das familienleben auch nicht von liebevollem umgang miteinander: Man spielt miteinander spiele, schaut zusammen tv...mehr fällt mir schon gar nicht ein. Für mich ist da gar kein LEBEN in dem haus.Die Eltern wollten ihre Mädchen wahrscheinlich einfach nur behüten vor allem Schlechten in der Welt, was natürlich genau das Falsche ist, sie waren da wohl überängstlich. Kinder müssen zu lebenstüchtigen Menschen "erzogen" (schreckliches Wort!) werden, aber das ist eben auch nicht gerade einfach.
lu.lu,
Ja, absolut. Wenn man allein schon die mehrseitige beschreibung dieser alten griechischen nachbarin liest, fragt man sich schon um wen sich das buch eigentlich drehtDie Sache mit Lux empfinde ich auch so; sie ist die Einzige, die eine Kontur hat, die Schwestern sind im Nebel, ebenso übrigens wie die beobachtenden Jungen. Selbst die neugierigen Nachbarn werden deutlicher gemacht.
Aber die kennen die beobachtenden jungs besser, weil sie einblick in deren leben haben, genauso wie in das leben des alkoholikers, des mongoloiden kindes usw. Die erzählperspektive ist ungewöhnlich und interessant, aber sie verhindert auch verständnis bzw. erkenntnis. Ich muss sagen, dass mich das schon ein bisschen stört!
LG von K.
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09.04.2008, 18:24Inaktiver User
AW: BriComm Lesekreis liest: Jeffrey Eugenides "Die Selbstmordschwestern"
Konstantina, ich denke, dass vom Autor ganz gewollt am Ende etwas Ungeklärtes oder besser noch: Geheimnisvolles zurückbleiben soll. Ja genau, die Lisbon-Mädchen umgibt etwas Geheimnisvolles, Mysteriöses ...
Zitat von Inaktiver User
In der Realität gibt es ja auch manchmal Ähnliches, nie vollkommen Aufgeklärtes ... ich brauche da doch beispielsweise nur an den Tod von Marilyn Monroe zu denken, wobei dieser Vergleich ja vielleicht etwas hinkt, denn Marylin war ja kein junges Mädchen mehr, aber ich meine eben dieses Mysteriöse ...
Ich mag so etwas in Romanen, wenn es so gut gemacht ist wie bei Eugenides.
LG
Regine


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