Stimmt schon, aber zumindest Hermine im Steppenwolf empfand ich auch als starke Figur (auch wenn sie nur ein Alter Ego war).
Ich konnte mich auch identifizieren und habe mir die Frage nach Darstellung von Mann und Frau bei ihm nie gestellt. Ich empfand die Bücher immer als sehr persönlich, mit klarem Fokus auf dem Protagonisten (der meiner Meinung nach häufig autobiografisch beeinflusst war), deshalb hat mich das teilweise Vernachlässigung weiterer (weiblicher) Charaktere nicht gestört.
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Thema: Hermann Hesses Siddartha
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24.01.2010, 18:41Inaktiver User
AW: Hermann Hesses Siddartha
Geändert von Inaktiver User (25.01.2010 um 17:35 Uhr)
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25.01.2010, 14:20Inaktiver User
AW: Hermann Hesses Siddartha
Genau das hat mich im Nachhinein irgendwie gestört: Dass mich das gar nicht gestört hat.
Wie kann sich ein 16-jähriges Mädchen mit einem vergrätzten Fünfzigjährigen identifizieren? Tat ich, taten viele mit dem Steppenwolf. Und Hesse selbst hat es offenbar auch nicht verstanden.
Lege ich ein Buch wie "eine Frau Jahrgang 13" neben den "Steppenwolf", eine bewegende Lebensgeschichte einer Frau, die durch alle Kriegswirren gegangen ist und gehungert und gelitten hat, ohne sich aufzugeben - dann kommt mir dieser intellektuelle Harry Haller wie ein Jammerlappen vor. Er leidet zwar auch unter dem Krieg. Aber in ganz anderen Sphären.
Und als junges Mädchen hat mich das auch nicht so interessiert, da ging es mir mehr um das Bürgerliche und das Mittelmaß und diese Dinge. Das war halt so die Zeit.
Hermine war ein gutes Gegengewicht, stimmt. Aber sie trat so spät auf, da war man schon eins mit dem Titelhelden.
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25.01.2010, 16:17Inaktiver User
AW: Hermann Hesses Siddartha
Da hast du recht. Gestört hat es mich nie, aber ich fand es damals schon sehr bemerkenswert, dass ein Fünfzigjähriger vor mehreren Jahrzehnten etwas schrieb, mit dem sich so viel Jahre später ein so junges Mädchen voll identifizieren zu können meint. Das warf für mich einige Fragen auch (theoretisch auch die nach der Eignung von Hesse als "Mentor", das verwarf ich aber, weil es mir zu sehr gefiel). Ich empfand es damals eher als beruhigend, dass bestimmte Fragen scheinbar nicht Alters-. Zeit- oder Geschlechtsabhängig sind.
Da hast du vollkommen Recht, aber ich habe nie verglichen. Meine Sorge damals war ja das Leid auf anderem Niveau. Warum leidet man an Normalität? Will man das und warum? Warum meint man an der ganzen Welt zu erkranken und warum gibt es scheinbar niemanden, dem es ähnlich geht (so empfand ich das in meinem damaligen Umfeld)?
Andere Geschichten, schrecklichere, wahre, mit mutigen, bewunderswerten Potagonisten habe ich auch gelesen und ich fühlte mich auch betroffen, aber eben nicht persönlich. Es gab da weniger dieses: ja, genau, darum gehts auch mir! Das war eine andere Ebene.
Ja, so ähnlich ging es mir auch. Das eine empfand ich für mich persönlich in der akuten Situation relevant, das andere wichtig und bemerkenswert für alle Menschen.
Ich habe Hermine als den Teil von Harry verstanden, der lebendiger ist, leichter und sich selbst weniger das Leben schwer macht. Harry hatte sich selbst in seiner ganzen Intellektualität so viel aufgeladen, so viele Regel und Grenzen und auch Verbote, dass er dieses und jenes nicht mögen dürfe, daran keinen Gefallen finden darf, vielleicht aus Furcht dann zu sein wie die anderen, von denen er sich distanzieren will und an denen er das gleiche kritisiert. Beides scheint ihm nicht vereinbar, "geistige" und "weltliche" Welt. Dann kommt Hermine, symbolisiert auch verführerisch die andere Welt, reißt alles nieder und nimmt ihn mit. Für mich war unter anderem das die lebensbejahende Komponente in dem Buch, die Aussöhnung mit der eigenen Widersprüchlichkeit und die Distanz von den engen Grenzen der selbstauferlegten "Zwangsintellektualität", die Akzeptanz der eigenen Person in ihrer ganzen Vielfältigkeit usw. Deshalb habe ich mich damals mit beiden Figuren gleich identifiziert. Ich sah gar keine Trennung und genau das war für mich das wichtige und ansprechende am Steppenwolf. Für mich war es am Ende nicht mehr Gejammer und Gemecker über andere, sondern der kritische Blick auf sich selbst, und die Annahme, dass genau das, was ich damals zu denken glaubte, und was Harry dachte, in dieser Form eigentlich Blödsinn ist. Mich hat es zu mehr Gelassenheit angeregt und das war das, was ich damals brauchte.
Die weiblichen Figuren sind ansonsten eher schwach, aber ich habe beim Lesen selbst nie einen Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht, allein weil ich mich ja auch mit den Männer identifizieren konnte. Selbst wenn es kategorisch gedacht gewesen wäre, hätte mich das nicht interessiert und für mich keinen Unterschied gamacht. Ich empfand einige Texte von Hesse als egoistisch und ich hatte auch kein Problem damit, sie selbst ebenfalls egoistisch zu nutzen. Ich hab damals gelesen, was ich brauchte, was wirklich gemeint war, war mir wahrscheinlich egal.Geändert von Inaktiver User (25.01.2010 um 17:38 Uhr)
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25.01.2010, 16:59Inaktiver User
AW: Hermann Hesses Siddartha
Dieses Hin und Her zwischen dem Geistigen und dem "Weltlichen" ist ja ein Thema, was bei Hesse immer wieder auftaucht. Narziss und Goldmund handelt auch genau davon.
Oft wird das Weltliche, Gefühlsmäßige, Intuitive, auch das Fröhliche mit dem Weiblichen verbunden - warum? Weil Frauen die Verführerinnen sind. Jedenfalls aus Männersicht. Aber natürlich treiben diese Gegensätze auch Frauen um. Von den Philosophen wird dies kaum beachtet. Wir fühlen uns zwar angesprochen und vielleicht auch gemeint, und wir identifizieren uns auch - aber im Weltbild der meisten Denker kommen wir gar nicht wirklich vor. Nicht als Denkerinnen.
Ich finde gerade dieses Nebeneinanderlegen solch unterschiedlicher Bücher, die mich auf ganz verschiedene Art berühren, sehr reizvoll.
Was meinst du damit, einiges von Hesse sei "egoistisch"?
Natürlich nutzt jeder Literatur so, wie es ihm gerade passt. Das ist das Recht der Leserin.
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25.01.2010, 17:28Inaktiver User
AW: Hermann Hesses Siddartha
Stimmt, da ist es auch sehr deutlich.
Ja, das kann gut sein, nur ist es mir nicht negativ aufgefallen, weil es mir egal war, was die Denker diesem Fall dachten. Darüber habe ich nicht nachgedacht, weil es für mich nicht wichtig war. Allein meine als natürlich empfundene Identifikation hätte mir als Gegenthese gereicht.
Ja, das finde ich auch. Ich wollte das auch nicht in besser und schlechter bewerten.
Hermann Hesse schrieb meiner Meinung nach häufig auf sich bezogen, seine Gedanken und Anschauungen, teilweise nicht ohne Pathos und mit vergleichsweise wenig Distanz, manchmal fast schon ein bisschen belehrend. Er lässt für mein Empfinden im Vergleich zu anderen Autoren dem Leser weniger Interpretationsfreiheit (wobei das natürlich ein subjektives Empfinden ist und auch wieder nur Interpretation), gelegentlich fast als wolle er nicht anregen, sondern überzeugen. Bei anderen Autoren empfinde ich es oft so, dass Dinge mehr angedeutet werden oder verschiedene Charaktere eine Dialektik darstellen, bei Hesse las ich oft ein direktes "so und so meine ich das". Ich hatte manchmal das Gefühl, die Distanz zwischen Autor und Figuren (meistens der Protagonist, und wenn nicht, dann oft recht klar gekennzeichnet wie in "Unterm Rad" durch Hermann Heilner) sei nicht sehr groß. Bei anderen Autoren habe ich das in dieser Form selten so empfunden.
Ich meine egoistisch in diesem Fall gar nicht negativ, sondern auf sich bezogen, als ginge es bei ihm nicht so sehr um die Kunstform "Literatur" als eigenständige Sache, sondern vor allem auch um eigene Gedanken, Anschauungen und Rückschlüsse, die in Romanform verpackt geäußert werden. Damals hat mich das angesprochen, ich empfand es als unmittelbar. Heute schätze ich bei Literatur häufig eher andere Sachen.
Sehe ich auch so.Geändert von Inaktiver User (25.01.2010 um 17:34 Uhr)
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25.01.2010, 18:01Inaktiver User
AW: Hermann Hesses Siddartha
Du schreibst das sehr passend. Ja.
Beim "Glasperlenspiel" war mir das zum Beispiel zu viel. Das Buch habe ich ein paar Mal angefangen, aber nie geschafft. Seine Märchen finde ich auch allzu pathetisch.
Aber seine Essays sind wunderbar. Auch die "Briefe an junge Menschen" - wo auch wieder die Grenze zu Belehrung manches Mal überschritten wurde, aber seine wichtigste Botschaft ist eben die, die man auch als Titel gewählt hat: "Die Antwort bist du selbst". Immer wieder dies: Vertrauen zu sich haben. Nicht jemand anders hinterher laufen, sondern selbst den Weg finden. "Den Träumen Altäre bauen" - das sind so Bilder, die brauche ich immer mal wieder



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