Es ist kein Buchtipp, es ist trotzdem natürlich ein in gewisser Weise doch interessantes Werk:
Herbert A. und Elisabeth Frenzel, Daten deutscher Dichtung, Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte, in zwei Bänden, München 35. Aufl. 2007 (dtv 3003 und 3004)Quelle: Welt OnlineAlle fünf Jahre wird Elisabeth Frenzel als alte Nazisse entlarvt. Mit schöner Regelmäßigkeit kehren die Artikel wieder, in denen Zeitgenossen die (Mit-)Verfasserin des germanistischen Evergreens "Daten deutscher Dichter" als politisch anrüchig bloßstellen. Jetzt hat Volker Weidermann in der "FAS" der 94-Jährigen, die seit zwei Jahren in einem Berliner Pflegeheim dahindämmert, gewissermaßen den Todesstoß versetzt. Verwegen, der Mann. Ein toller Hecht! Und der Verlag lässt prompt mitteilen, dass "Daten deutscher Dichtung", 1953 erstmals bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und seit 1962 in über 30 Auflagen bei dtv unter die Leute gebracht, vom Markt genommen wird.
Aufmerksam wurde ich in der Tat durch den Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Volker Weidermann, Standardwerk mit Lücken: Ein grotesker Kanon:
"Die Bücherverbrennung war eben nicht die verrückte Idee einiger wahnsinniger Nazi-Funktionäre gewesen, sondern das Werk von deutschen Germanistikstudenten, Bibliothekaren, deutschen Bürgern. Und die waren nach dem Krieg noch die gleichen. Die Universitäten waren die gleichen, die Professoren blieben, fast ausnahmslos, die gleichen, die zwölf Jahre zuvor ihre Institutsbibliotheken ausräumen und die Bücher von Juden, Kommunisten und Pazifisten verbrennen ließen. Bis zum Jahr 1950 gab es an westdeutschen Universitäten fünf Germanisten, die aus dem Exil zurückgekehrt waren und an einem Institut eine Anstellung gefunden hatten. Erst Ende der sechziger Jahre begann sich Grundsätzliches zu ändern. Aber es gibt Kontinuitäten.
Dies ist die Geschichte von Elisabeth Frenzel, die sich am 26. April 1933 am theaterwissenschaftlichen Institut der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität immatrikulierte und ihr Studium sieben Jahre später mit einer Dissertation zum Thema „Die Gestalt des Juden auf der neueren deutschen Bühne“ abschloss. Danach war sie an der von Alfred Rosenberg konzipierten nationalsozialistischen Eliteuniversität „Hohe Schule“ wissenschaftliche Mitarbeiterin und arbeitete dort, in Zusammenarbeit mit dem „Institut zur Erforschung der Judenfrage“, an einem „Lexikon der Juden im Theater und Film“. 1945 sollte es publiziert werden. Es kam nicht mehr dazu. Aber acht Jahre nach Kriegsende brachte Elisabeth Frenzel, zusammen mit ihrem Mann Herbert A. Frenzel, der in der Nazizeit bei der NS-Propagandazeitschrift „Der Angriff“ als Kulturredakteur und Chef vom Dienst gearbeitet hatte, ein anderes Lexikon heraus: „Daten deutscher Dichtung“, bis heute ein Grundlagenwerk der deutschen Germanistik."
Quelle: F.A.Z.... In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 10. Mai war auf die antisemitische Dissertationsschrift Elisabeth Frenzels und die erstaunlichen Lücken in dem 1953 erstveröffentlichten Lexikon hingewiesen worden, in dem unter anderen die Werke Kurt Tucholskys, Klaus Manns und Oskar Maria Grafs fehlen (Taten deutscher Dichtung: Standardwerk mit Lücken).
Der dtv-Verleger Wolfgang Balk teilte mit: „Selbstverständlich können wir der ausführlichen Darstellung – auch wenn sie uns peinlich berührt – nichts entgegensetzen.“ Aus „urheberrechtlichen Gründen“ habe man das Werk, das 2007 in der 35. Auflage bei dtv erschien, nicht generell überarbeiten können. Lizenzgeber ist Kiepenheuer & Witsch, dessen Verleger Helge Malchow die Entscheidung Balks ausdrücklich begrüßt.
In Diskussionen wird die Beweislage gelegentlich schwierig. Ich sah den Bericht in der FAS und erwarb noch eines der letzten Exemplare der beiden dtv-Bände. Heute erzählte mir meine Buchhändlerin, das Werk sei vom Markt genommen. Und ich recherchierte obiges.
"Wer sich mit der deutschen Literatur wissenschaftlich beschäftigt, für den ist das Buch der Frenzels nach wie vor eine Voraussetzung. Fast jeder kennt die beiden Bände, früher orange eingebunden, heute leuchtend rot. „Daten deutscher Dichtung“ definiert den Kanon und beschreibt die Werke in wenigen, sachlichen Worten. Fast nur Daten. Fakten. Grundlegendes. „Daten sind die Voraussetzung aller geschichtlichen Erkenntnis.“"
In germanistischen Bibliotheken wird das Buch weiter greifbar sein.![]()
Dass ein großer Verlag so schnell auf bestürzende Erkenntnisse reagierte (?), da ziehe ich meinen Hut.![]()
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16.05.2009, 17:15Inaktiver User
Elisabeth Frenzel als alte Nazisse entlarvt
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16.05.2009, 17:19
AW: Elisabeth Frenzel als alte Nazisse entlarvt
Das Problem ist ja auch nicht, was drin steht, sondern das, was nicht drin steht. Ich schmeiße meins jetzt auch nicht aus dem Regal.
Außerdem ist es sicherlich für die Wissenschaft notwendig, wenn z.B. Zitate überprüft werden sollen. Schade, dass es nicht einfach erweitert werden kann.
Aber danke für die Informationen, Tom, ich hatte das gar nicht mitbekommen.
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16.05.2009, 17:38Inaktiver User
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16.05.2009, 18:47
AW: Elisabeth Frenzel als alte Nazisse entlarvt
Dass das Buch weiter in Bibliotheken zugänglich ist, finde ich richtig - es darf natürlich nicht das einzige Lexikon zur deutschen Literatur dort sein!
Und da es auch genug andere Literaturlexika gibt, die Schriftsteller wie Klaus Mann, Kurt Tucholsky und Oskar Maria Graf angemessen würdigen, besteht hier nicht die Gefahr, dass sie vergessen werden.
Ein Schicksal, das jedoch auch ohne ideologische Motive nach einer gewissen Zeit die Mehrzahl der Schriftsteller trifft - wie viele Autoren der Goethezeit etwa, die damals sehr populär und entsprechend wichtig waren, fehlen in heutigen Literaturgeschichten, oder werden zumindest nicht mehr gelesen. (Außer von Spezialisten, die sie für ihre Diss wieder ausgraben...)
Man versuche beispielsweise, einen der ungeheuer populären Abenteuerromane des Bestsellerautors des 19. Jahrhunderts, Fürst Herrmann von Pückler-Muskau zu finden - es ist nahezu unmöglich, der Mann ist nur als Eiscreme zu bekommen.Ich habe eine Wassermelone getragen.
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16.05.2009, 19:21Inaktiver User
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20.05.2009, 10:34
AW: Elisabeth Frenzel als alte Nazisse entlarvt
Danke Tom für die Info. Das war mir völlig unbekannt. Ich habe auch ein Standardwerk von Frau Frenzel im Regal stehen: "Stoffe der Weltliteratur" - das galt zu meinen Studienzeiten als maßgebliches Nachschlagewerk der Vergleichenden Literaturwissenschaft.
Ich werd´s jetzt auch nicht aussortieren, aber bei Gelegenheit mal überprüfen, ob es auch dort auffällige Auslassungen gibt.asa nisi masa
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20.05.2009, 10:40
AW: Elisabeth Frenzel als alte Nazisse entlarvt
Die Juristen der Nazizeit sind ebenfalls nahtlos weiterbeschäftigt worden und inzwischen in Amt und Würden gestorben.
Was glaubt ihr denn, warum so viele "bedeutende" Nazis unbehelligt uralt werden durften ?
Und erst wenn sie sowieso schon kurz vor ihrem Ableben sind werden sie vor Gericht gezerrt und dann meist wegen ihrer Altersgebrechen begnadigt.
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20.05.2009, 22:03Inaktiver User
AW: Elisabeth Frenzel als alte Nazisse entlarvt
Quelle: F.A.Z., 24.04.2007, Nr. 95 / Seite 38Anders als der Präsident des Frankfurter Landgerichts, Berhard Kramer, der die Strafanzeige gegen Broder im Februar 2006 gestellt hatte, fasste das Gericht die Äußerung Broders „Es bleibt der Hautgout, dass die Erben der Firma Freisler entscheiden, was antisemitisch ist und was nicht“ keineswegs als Beleidigung der Frankfurter Richter auf. Vielmehr müsse sich die deutsche Justiz ihrem historischen Erbe stellen, meinte das Amtsgericht - ließ allerdings keinen Zweifel daran, dass Broders Äußerung gerade in juristischen Kreisen als arge Geschmacklosigkeit empfunden werde.
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20.05.2009, 22:14
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16.10.2009, 14:45Inaktiver User
AW: Elisabeth Frenzel als alte Nazisse entlarvt
Als ich jung und unwissend war, waren mir die Frenzels schon ein große hilfe. Später, als ich merkte, dass mir lieb und teuer gewordene autoren fehlten (ich glaube, irgendwo gibt es auch eine desideratenliste), war mir dann die gleichzeitig stattfindende biosoziografische debatte ziemlich egal. wichtig für mich war nur: andere hatten mir viel fleissarbeit abgenommen. denken wir an könnecke, den jesuiten salzer, wilpert/gühring u.a., die jahrelang material, dass ich für meine beschäftigung mit literatur täglich benötige, zusammengetragen haben. Danke für die biografischen angaben. Ist sie inzwischen tod? Dann hätte ich gerne die genauen daten: wann und wo; dann kann ich den artikel in der wikipedia korrigieren. -peter



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