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  1. Avatar von haeschen92
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    Etwas, was Mut macht: Nach 5 Jahren melde ich mich wieder

    Hallo ihr lieben starken Frauen :-)

    vielleicht kennen mich noch ein paar von euch. Vor 5 Jahren bekam ich meine Erstdiagnose und war in diesem Forum eine Zeit lang ziemlich aktiv. Jetzt, wo ich die goldene Zahl erreicht habe und endlich als geheilt gelte, wollte ich mich mal wieder melden, denn ich habe euch nicht vergessen. Man ließt immer so viel von den Geschichten, die schlecht ausgingen, weil die gesunden nicht mehr schreiben. Das wollte ich mal ein bisschen brechen und vielleicht gibt meine Geschichte allen, die gerade richtig am beißen sind, ein wenig Mut und Kraft.

    Ich bekam die Diagnose extrem jung, mit gerade mal 22. Und der Tumor war sehr aggressiv mit Lymphknoten- und Lympfbahnenbefall. Insgesamt hatte ich 3 Tumore in der Brust, einer so groß wie ein Tennisball. Dosisdichte- und dosisintensive Chemo, Ops, Bestrahlung.... das volle Programm. Es war oft sehr schwer, für mich, meine Familie, meinen Partner und meine Freunde. Jetzt ist meine Diagnose 5 Jahre her. Am Ende der Therapie konnte ich keine einzige Treppenstufe mehr laufen. Ich war abgemagert und am Ende meiner Kraft. Die Reha hat mir super viel geholfen, körperlich wieder einigermaßen fit zu werden. Mein Freund und ich ( wir hatten zusammen gewohnt und waren 4 Jahre zusammen) haben die Beziehung beendet. Wir waren einfach vieeeeel zu jung für so eine Härteprüfung. Ich habe den Weg zurück in mein Studium leider nicht mehr gefunden. Die Chemo hat alles, was ich gelernt hatte, weggeblasen und ich hätte den Bachelor nicht mehr machen können. Also stand ich da. Therapie vorbei, Freund weg, Wohnung weg, Studium weg. Und dann gab es nur einen Weg: nach vorne. Ich war plötzlich frei von allem. So furchtbar frei. Wie ein Sträfling der aus der Haft kommt und den ersten Fuß auf freien Boden setzt. Wohin geht man? Wohin will man? Was, wenn man so fruchtbar frei ist?

    Ich habe lange darüber nachgedacht und eines war klar: jetzt mach ich es BESSER. Es war für mich die zweite Chance, das zweite Leben, das nicht jeder bekommt. Ich habe mich endlich für meinen Traumstudiengang Design beworben, was ich schon immer tun wollte. Ich hatte mich nur nie getraut. Ich habe hart für meine Bewerbungsmappe gearbeitet und es geschafft. Ich habe ein neues Leben in einer neuen Stadt angefangen und inzwischen arbeite ich in Berlin, hab ein gutes soziales Umfeld und trotz Totalamputation ohne Aufbau läuft es mit den Männern auch gut. Ich kann euch eines mit 100% Sicherheit sagen: Ich wäre ohne den Krebs niemals glücklicher, als ich es jetzt bin. Denn jetzt bin ich ICH. Ich treffe meine Entscheidungen ganz anders, liebe mein Leben und trotz der Angst, die natürlich immer wieder kommt, war der Krebs ein guter Lehrmeister für mich.

    Ich weiß, wie schwer es ist. Ich weiß, dass es einem nichts bringt, wenn man einem sagt, dass es vorbei geht. Ich weiß auch, wie unfassbar mühsam es für mich ungefähr ab der Halbzeit der Therapie wurde, wie sehr ich die Bestrahlung gehasst habe. Wie wütend ich auf alles und jeden war. Wie verlassen ich mich gefühlt hatte und wie lehr ich nach der Therapie war. Aber es geht vorbei. Und es wird manchmal einfach alles gut. Und dann wartet ein Leben auf euch. Eines mit viel mehr Extremen als vorher, weil ihr extremer werdet. Aber das ist real. Und das ist gut. Ihr werdet wissen, wer ihr seid und was ihr wollt. Ihr werdet fühlen, was euch gut tut und was nicht. Ihr werdet Erfahrungen gemacht haben, die keiner hat und diese Erfahrungen machen euch stark, nicht schwach. Der Krebs wird für immer ein Teil von uns sein, aber wir werden das beste daraus machen. Denn wir wissen, worum es geht im Leben. Und zwar um Leben.

    Ich wünsche euch allen alles alles Gute. Viel Kraft in der schweren Zeit, viel Kraft um danach ins Leben zurück zu finden. Viele Freunde, die es verstehen, wenn ihr gerade keinen Nerv für sie habt und trotzdem immer für euch da sind. Viel Liebe und Zärtlichkeit, Kuchen und Sonnenschein. Und ganz viel Zeit auf dieser Welt, die gleichzeitig so furchtbar und doch so angsteinflößend schön sein kann.

    Fühlt euch unbekannterweise fest gedrückt von dem inzwischen 27 jährigen Häschen
    "Frei sein heißt, wählen zu können, wessen Sklave wir sein wollen"

  2. Avatar von Brausepaul
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    AW: Etwas, was Mut macht: Nach 5 Jahren melde ich mich wieder

    Ich bin nur durch Zufall über dein Post gestolpert und zum Glück hatte ich auch noch keinen Kontakt mit dieser verdammten Krankheit in irgendeiner Form.
    Aber ich finde deine Zeilen unglaublich motivierend für jede/n der/die grade damit kämpft.
    Und vor allem was du daraus gemacht hast.

    Hut ab und alles Gute auch weiterhin.
    Toll das man auch mal positive Nachrichten liest.
    Ob du denkst, du kannst es, oder du kannst es nicht.
    Du wirst auf jeden Fall recht behalten.

    - Henry Ford -

  3. Avatar von Moonflower83
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    AW: Etwas, was Mut macht: Nach 5 Jahren melde ich mich wieder

    Ich kenn dich noch und ich drück dich mal, bei mir sind es am heutigen Tag 8 Jahre nach Diagnose!
    ▬|████|▬


    Whatever you give a woman, she will make greater. If you give her sperm, she will give you a baby. If you give her a house, she'll give you a home. If you give her groceries, she will give you a meal. If you give her a smile, she will give you her heart. She multiplies and enlarges what is given to her.
    If you give her any crap, be ready to receive a ton of sh*t!!!!

  4. Avatar von Vienna__
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    AW: Etwas, was Mut macht: Nach 5 Jahren melde ich mich wieder

    Wow kann ich nur sagen, für diesen Post! Wie schön, dass Du das hier schreibst und so anderen Mut machst. Alles Liebe und Gute Dir weiter.

  5. Avatar von Hair
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    Kuss AW: Etwas, was Mut macht: Nach 5 Jahren melde ich mich wieder

    Licht und Liebe für Dich, schön, dass Du hier schreibst.


  6. Registriert seit
    22.06.2017
    Beiträge
    707

    AW: Etwas, was Mut macht: Nach 5 Jahren melde ich mich wieder

    Liebes Häschen,

    ich danke dir. Ganz ganz tief bon Herzen. Du machst so verdammt viel Mut. Gerade als junge betroffene (ED 2017 mit 26) gibt es leider wenig positive Langzeitrückmeldung von anderen jungen Brustkrebslern.

    Ich wünsche uns beiden, dass die Zukunft nur Gesundheit für uns bringt. Ich bewundere deinen Lebenswandel. Seit der Erkrankung gibt es so einige Störfaktoren in meinem Leben, die ich bisher nicht ausräumen konnte. Ich hoffe sehr, mich so wie du irgendwann von einigen Dingen loslösen zu können. Dann wäre der Krebs vllt nicht ganz so furchtbar sinnfrei in mein Leben geplatzt.

    Mach bitte bitte so weiter, wie bisher. Und melde dich doch mal in 3, 5 und auch 10 Jahren hier. Hoffentlich hab auch ich dir dann viel positives zu berichten.


    Liebe Grüße und nur das Beste für dich,
    Kathikind
    "I'm bulletproof, nothing to lose,
    Fire away, fire away.
    Ricochet, you take your aim,
    Fire away, fire away.
    You shoot me down, but I won't fall,
    I am titanium.
    You shoot me down, but I won't fall,
    I am titanium..." (Sia, Titanium)

  7. Avatar von Tirza
    Registriert seit
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    3.272

    AW: Etwas, was Mut macht: Nach 5 Jahren melde ich mich wieder

    Hallo Haeschen, schön von Dir zu lesen😊.Und toll, dass du so mutig einen Neuanfang gewagt hast!
    Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen glücklich zu sein!

    Voltaire


  8. Registriert seit
    15.05.2016
    Beiträge
    1.307

    AW: Etwas, was Mut macht: Nach 5 Jahren melde ich mich wieder

    Wow was für ein toller Beitrag! Vielen Dank dafür und alles Gute weiterhin!
    Sowas zu lesen hilft wenn man gerade wieder so ein Tief hat. Dabei habe ich nur noch 6 Chemos und dann bin ich durch.
    Aber ja, auch jetzt bin ich viel kompromissloser geworden als ich es war und ich mache mehr Pläne und mehr das, was ich wirklich will. Für sowas ist so eine Sch**** Krankheit scheinbar gut ;-)
    Alles Liebe
    Jule

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