Liebe Leserinnen,
in der aktuellen BRIGITTE WOMAN (Heft 2) schreibt Judy Herzberg über ein Familienmöbel aus solider Eiche, an dem laut gefeiert, leise denunziert, köstlich getafelt, verzweifelt geweint, fröhlich gekichert und hart gearbeitet wurde. Ein Tisch, der vieles ertragen und noch lange nicht ausgedient hat.
Uns interessiert: Haben Sie auch Möbel, die Geschichten erzählen? Welche?
Wir sind gespannt auf Ihre Erzählungen.
Herzliche Grüße
Ihr Brigitte.de-Team
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15.01.2008, 18:18
Wie viele Leben hat ein Tisch?
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15.01.2008, 19:20
AW: Wie viele Leben hat ein Tisch?
Ja, hab ich!
Einen Nachtschrank von Tante Mariechen.
Sie hat zwei Exemplare zu ihrer Hochzeit geschenkt bekommen. Im Krieg starb ihr Mann und sie hat sein Bett und Nachttisch verbrannt. Ihr Nachttisch wurde auf den Dachboden verbannt. Allerlei Getier eroberte sich das Konglomerat von Bett, Nachttisch, Marmorplatte,...
Als Kind entdeckte ich den Nachtschrank beim Spielen und befreite ihn von Spinnweben. Ich öffnete die Tür und ein wohliger Duft kam mir entgegen und es glitzerte und knisterte beim reingreifen. Ich fand Seifen über Seifen. Wunderschön verpackt, fein gewickelt oder ganz große Seifenkunstwerke (Fee, Baum mit Vögeln,...). Für mich ein herrlicher Schatz auf der Flucht vor langweiligen erwachsenen Familienfesten. Ich kann mich nicht daran erinnern jemals irgendjemandm von meinem Fund erzählt zu haben. Den vielen rührenden und lustigen Geschichten über Tante Mariechen lauschte ich immer besonders gern...
Nun, langes Schreiben, kurzer Sinn:
Zum 30. Geburtstag schenkte mir meine Mutter diesen Nachtschrank mit Marmorplatte, restauriert. Im Schrank fand ich Zeichnungen von Tante Mariechen, Liebesbriefe, Handarbeiten, Fotos die sie zeigen und auch eines mit ihrem Mann.
Ich liiiebe diesen Schrank und bewahre dort -natürlich- meine Seifen und Badeperlen auf
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16.01.2008, 12:55Inaktiver User
AW: Wie viele Leben hat ein Tisch?
Ein Schwager meiner Schwester war Junggeselle.Er hatte in seiner Küche den Küchenschrank,den sein Vater um die Jahrhundertwende für seine Braut schreinern liess.Eigentlich hätte dieser Schwager gern einen modernen Schrank in der Küche gehabt,konnte aber einfach das altgediente gute Stück doch nicht einfach entsorgen.Mein Ex und ich waren mal bei ihm zu Besuch und sahen das schöne Möbel ---was soll ich sagen....wir hatten danach bald das gute Stück und er hatte den modernen Küchenschrank.Mein Ex hat den Kasten abgeschliffen,die Schubladen gelüftet und mit Jute bezogen und ausgekleidet,das Ganze bekam eine nette Beize und ab sofort wars unser Wohnzimmerschrank...sozusagen der Hausaltar,über den er wachte,als ob sein Herzblut da drin fliessen würde.Heute,in meiner 2. Ehe hat der Schrank seinen Platz in meinem Arbeitszimmer,beherbergt altes schönes Geschirr,Wolle,Garn etc. Fotos,alte Fotoapparate usw.
Für kein Geld würde ich den hergeben
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16.01.2008, 15:51
AW: Wie viele Leben hat ein Tisch?
Mein Familien-Thron:
Als ich 15 war, sah ich bei einer Freundin, bei der eine amerikanische Versteigerung wegen Hausaufgabe stattfand, einen Stuhl...DER Stuhl schlechthin. Nein, es war ein Thron aus der spanischen Renaissance, üppig, gross, handgeschnitzt und wunderschön. Ich rannte nach hause und erzählte aufgeregt von meiner Entdeckung. Mein Vater verschwand mit zwei anwesenden Freunden und kam nach einer halben Stunde mitsamt Stuhl zurück, stellte ihn mitten ins Wohnzimmer, nahm mich an die Hand, setzte mich drauf und sagte: er gehört dir- wenn du mal heiratest, kannst du ihn mitnehmen !
Der damals schon weitgereiste Thron ( in Spanien erbaut, irgendwann nach Argentinien übergesiedelt) trat seine weitere Überseereise nach Deutschland an, wo er an meinem 21. Geburtstag in meinen Besitz überging. Er überstand seitdem schadlos weit über 20 Umzüge, lebte in kleinen Wohnungen, in grossen Häusern, wurde aus Platzgründen bei Verwandten zwischengelagert, bekam eine neue Polsterung, wurde von einem Fachmann geschätzt, bekam etliche Kaufangebote aber blieb mir treu...und ich ihm.
Vor acht Monaten durfte er eine erneute weite Reise in seine Heimat zurück antreten und steht nun an dem Platz, auf den er immer gewartet hat: in unserem Haus im Süden. Er geniesst die Bewunderung aller Besucher, gibt mir Schutz wenn ich traurig bin, macht mir Freude wenn ich glücklich bin und lässt mich ausruhen wenn ich müde bin. Er ist ein Stück Kindheit, Geborgenheit, Wehmut, Sehnsucht, Heimweh, Erinnerung und Glück.
Ich wünschte, er könnte seine/meine Erlebnisse denen, die ihn eines Tages nach meinem Ableben beherbergen werden, erzählen und weitergeben...aber bis dahin leben wir hoffentlich noch viele viele Jahre gemeinsam !!
wini-pur
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18.01.2008, 20:30
AW: Wie viele Leben hat ein Tisch?
So einen "Thron" habe ich auch, nur dass er weder so alt, noch so weitgereist noch so unglaublich schön ist.
Er ist auch kein Einzelstück sondern gehört zu meiner Couchgarnitur. Wir haben 1982 geheiratet und uns ein Wohnzimmer in Eiche natur, glaugt und gewachst gekauft. Die Couchgarnitur ist eigentlich viel zu massiv für unser Wohnzimmer, aber super gemütlich. Der einzige Sessel ist sozusagen meiner. In diesem Sessel habe ich gesessen, wenn ich meine Kinder gestillt habe, in ihm sitze ich natürlich beim Fernsehen, aber auch mittags wenn ich meine Zeitung lese und kurz mal abschalte. Ich hab auch schon darin geschlafen und als meine erwachsenen Kinder noch klein waren, haben wir alle drei darin gekuschelt. Meine Couchgarnitur ist bereits 26 Jahre jung, aber ausser das sie neu aufgepolstert wird, wird ihr mit Sicherheit nix schlimmeres geschehen, denn sie ist zwar nicht trendy und nicht cool, aber gemütlicher geht kaum noch und meinen Sessel, den geb ich eh nicht mehr her.
ceta
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20.02.2008, 12:43
AW: Wie viele Leben hat ein Tisch?
Bei mir ist es eine Bank, die in Seeshaupt am Starnberger See in der Küche des Pachthofes zur Post hinter einem großen quadratischen Tisch aus Fichtenholz stand. Daran hatte die Famile Huber samt vier Kindern, zwei weiblichen und einem männlichen Landwirtschaftslehrling Platz. Ich meckerte einige Mal, wenn 'mein' Platz besetzt war. Da ritzten die beiden ältesten Huberkinder in die braun lasierte Lehne: Dieser Platz gehört E.
Als ich dreißig Jahre später bei Hubers - diesmal in ihrem eigenen Haus in Oberfranken - zu Besuch war, war der Tisch immer noch Familienmittelpunkt und auf der Lehne war zu lesen: Dieser Platz gehört E. Hubers leben leider nicht mehr. Ob es die Bank noch gibt weiß ich nicht. Jedenfalls hat es mich damals sehr berührt, dass niemand die Worte überstrichen hatte. Ein bisschen gemahnte es mich auch daran, dass ich nicht immer einfach zu nehmen gewesen war.
Singschwan.


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