Hallo,
Ich schreibe zum ersten Mal in einem Forum. Kurz gesagt, ich habe eine ziemliche Identitätskrise. Ich hab drei Kinder (9, 5 und 2) , einen tollen Mann und einen Hund, ein Universitätstudium abgeschlossen und schreibe derzeit eine Doktorarbeit. Berufserfahrung konnte ich bisher kaum sammeln und die Doktorarbeit zieht sich viel länger hin, als ich mir das hätte träumen lassen. Ich schreibe nach 4 Jahren immer noch am ersten Kapitel. Vor allem nach meinen letzten Gesprächen mit meinem Doktorvater fühl ich mich sehr zurückgeworfen, zweifel, ob ich das Thema je in den Griff kriege und habe kaum Lust, mir den Text überhaupt nur anzusehen. Was mich überhaupt noch am Ball bleiben lässt ist folgendes: Als ich Kinder kriegte war ich glaube ich eine ziemlich vielseitige Persönlichkeit. Ich hab sehr viel gelesen, im Chor gesungen, mich ehrenamtlich engagiert, bin zu Vorträgen gegangen, habe Gitarre gespielt, gezeichnet, ich hab angefangen, Handarbeiten zu machen und kreativ gekocht und gebacken (vegan - das war für mich eine Herausforderung und hat mir ziemlich viel Spaß gemacht, weil ich dann eben Grund hatte, was auszuprobieren und nicht einfach alles nachzukochen, was meine Mutter so toll kann). Dann hab ich mit der Doktorarbeit angefangen und nach und nach die anderen Hobbies und Interessen aufgegeben. Ich hab erkannt, dass, wenn ich so ein Mammutprojekt neben den kleinen Kindern (die nie in eine Krippe gegangen sind) stemmen will, ich mir nicht so viele andere Interessen leisten kann. Zum Teil hat mich das auch entlastet, vor allem, wenn das Backen in der Weihnachtszeit mehr sozialer Druck als Spaß an der Freude war...dann hab ich mir eben gesagt: Ok, du musst das nicht, das machen ja die Omas mit den Kindern, du bist eben die Mama, die nebenher lieber eine Doktorarbeit schreibt.
Das Problem ist also, dass ich einerseits am liebsten diese Doktorarbeit hinschmeißen würde, weil ich immer wieder das Gefühl hab, das ist es einfach nicht wert, dieser ganze Druck, den ich mir da antue, ohne dass es mich beruflich wirklich weiterbringt (für den Lehrerberuf, den ich anstrebe, braucht man keine Doktorarbeit). Vor allem, da ich oft wahnsinnig müde und entnervt von den Kindern bin (der Kleine schläft nicht durch, ich bin ständig übermüdet). Wenn dann mal Zeit ist, weil der Kleine bei der Oma ist, geht oft ga nichts, weil ich am liebsten nur pennen würde und mich kaum konzentriere kann.
Andererseits hab ich buchstäblich Angst davor, in ein schwarzes Loch zu fallen. Was hab ich dann noch, außer meiner Familie? Wer bin ich dann noch? Eine HAusfrau, die gern Gamo of Thrones guckt...Dann bin ich auf einen Schlag Nur-Mama. Bis ich arbeiten kann, dauert es mindestens noch ein Jahr, bis der Kleine in den Kindergarten kommt - und auch das wäre reichlich früh, denn ich muss das Lehramtsreferendariat machen, und das geht nur Vollzeit. Klar, ein Jahr lässt sich überbrücken, nach jahrelangem Nicht-Berufstätig-Sein müsste ich ziemlich vorsorgen, garderobemäßig usw., ich könnte mich schon mal wieder einlesen etc. Aber wird es wirklich nur ein Jahr, oder werden wir uns als Familie das noch nicht zutrauen, werde ich noch ein Jahr warten müssen, oder sogar noch länger (mein Mann arbeitet super viel...). Ich hab das Gefühl, wenn ich jetzt die Doktorarbeit hinschmeiß, schmeiß ich alles weg, wo ich die letzten Jahre meine (knappe) Freizeit und Energie reingesteckt hab. Übrig bleibt ein müdes Gerippe, das gar nicht weiß, was es eigentlich im Leben möchte (jedenfalls keine Helikoptermom werden, die nur um ihre Kinder und deren schulischer Erfolge oder Misserfolge kreist!).
Bin dankbar über Ratschläge jeglicher Art, aber bitte nicht schimpfen, dass ich nicht dankbar bin über das was ich hab (das bin ich nämlich absolut! Aber ich muss trotzdem wissen, was ICH mit MEINEM Leben anfangen soll...)Ich kann mich nicht NUR über das Muttersein definieren - aber sich über eine Doktorarbeit zu definieren, war vielleicht wirklich der falsche Weg, oder?
Ganz liebe Grüße
Arivella
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28.07.2015, 13:23
Identitätskrise - Angst davor, "nur" noch Mama zu sein
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28.07.2015, 13:43Inaktiver User
AW: Identitätskrise - Angst davor, "nur" noch Mama zu sein
Dass es Tiefpunkte bei so einem Projekt gibt, ist normal. Aber man darf ruhig dann und wann mal die eigenen Ziele hinterfragen. Erinnerst du dich noch, wie es sich anfühlte, als du mit der Arbeit anfingst? Was war da deine Triebkraft? Gilt die noch? Machst du das für dich oder für den Rest der Welt?
Vielleicht hilft es dir, mal bewusst vier Wochen frei von der Doktorarbeit zu nehmen? Wie würde sich das anfühlen?
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28.07.2015, 13:51Inaktiver User
AW: Identitätskrise - Angst davor, "nur" noch Mama zu sein
Vielleicht hilft es dir, das Ganze nicht so absolut zu sehen, sondern das Leben als eine Reihe von Phasen zu sehen. Und jetzt ist vielleicht halt mehr Mama/Familie angesagt, dann kommt wieder was anderes.
Man vergisst das nur so leicht wenn man drinsteckt, mir ging es jedenfalls so.
Schade find ich persönlich halt, wenn man so quasi gegen sein Leben lebt als es einfach anzunehmen wie es jetzt eben grad ist. Man kann ja dazu tun, dass sich das dann auch wieder ändert.
Aber sich in dieser anstrengenden Kinderphase noch so viel anderes aufladen seh ich kritisch. Man muss sich doch nix beweisen, oder? Ich denk, du leistest momentan genug.
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28.07.2015, 13:59
AW: Identitätskrise - Angst davor, "nur" noch Mama zu sein
Auch als Doktorand ohne weiter Belastungen wie Familie gibt es Durststrecken, wo man alles hinschmeißen will.
Bei Dir sehe ich eher das Problem, dass Du wohl nicht mehr so viel Kontak zu Kommilitonen hast wo man auch mal gegenseitig Frust ablassen kann oder auch mal gegenseitig die Gliederung oder die Experimente besprechen.
Kannst Du Dich da vernetzen? Aufhören würde ich nicht, die nichtgefangenen Fische neigen dazu, zu den allergrößten zu werden.Geändert von taggecko (28.07.2015 um 14:10 Uhr) Grund: Fehlerteufel
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28.07.2015, 14:05
AW: Identitätskrise - Angst davor, "nur" noch Mama zu sein
Vielen Dank für eure Antworten!
@Cariad: Die Idee, mal vier Wochen alles ruhen zu lassen ist bestimmt nicht schlecht, um sich nochmal in Ruhe klar zu werden über alles. Ein bisschen Angst hab ich vor dem wahrscheinlichen Fall, dass ich danach wieder einsteige, aber lange brauche, um wieder reinzukommen. Ich hatte nämlich schon öfter Pausen gemacht, die längste war letztes Jahr, da dachte ich wirklich, ich hör auf. Wie es sich am Anfang angefühlt hat? Viiiel unvorbelasteter natürlich, ich hab mir keine Vorstellung gemacht, WIE schwer und frustrierend so eine Arbeit sein kann!
@Hilfskonstruktion: Ja, du hast natürlich absolut recht. Ich würde übrigens auch niemandem jemals dazu raten, das so zu machen, wie ich das gemacht habe. Damals dachte ich, eine Doktorarbeit könnte ein schöner Ausgleich sein, aber dafür ist es meiner Ansicht nach mit zu viel Druck und Frustration verbunden. Außerdem muss man hochkonzentriert arbeiten, sehr viel schwierige Texte (auch englisch) lesen, exzerpieren...und das geht alles nur, wenn man ausgeschlafen und voller Energie ist und das ist bei mir eigentlich nur Sonntags der Fall...
Jedenfalls ist es eine Sache, etwas gar nicht erst anzufangen (sehr weise!), und eine andere, etwas Begonnenes abzubrechen...Leiedr kommt es auch nicht wirklich in Frage, die Doktorarbeit auf später zu verschieben, wenn die Kinder älter sind, weil ich mich irgendwann um den Berufseinstieg kümmern muss...
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28.07.2015, 14:06Inaktiver User
AW: Identitätskrise - Angst davor, "nur" noch Mama zu sein
Wenn Du die Möglichkeit hast zu promovieren, dann tu es. Und zwar jetzt.
Suche einen Krippenplatz für den Kleinen oder schafft Euch eine Hilfe an. Dann schaffst Du Dir Freiraum, einige Stunden am Vormittag und zwar regelmäßig, so als ob Du berufstätig wärst.
Dein Mann arbeitet viel, also sollte das finanziell möglich sein.
Auf seine Unterstützung und seine volle Zustimmung zu Deinem Projekt sollte selbstverständlich sein.
Oder habt Ihr einen Ehevertrag, in dem er sich verpflichtet, sollte die Ehe schief gehen, Dich über Jahre zu finanzieren?
Er arbeitet sich in der Ehe hoch und Du?
In fünf Jahren sind Deine Kinder aus dem Gröbsten heraus und was machst Du dann? Dich ärgern, dass Du ohne Doktortitel arbeiten musst.
Hast Du alle Forschungsarbeit denn schon erledigt, so dass Du nur noch schreiben musst? Oder musst Du noch unterwegs sein, in Archiven und Bibliotheken arbeiten?
Oder machst Du Feldforschung und musst noch viel los?
Wenn Du das Material zusammen hast, dann komm' in die Puschen und schreibe. Zu einer Promotion gehört viel Disziplin. Kinder abgeben, Tür zu, Händi aus, Ohren auf Durchzug, an den Schreibtisch und durch!
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28.07.2015, 14:08
AW: Identitätskrise - Angst davor, "nur" noch Mama zu sein
Hallo taggecko,
die Isolation ist vielleicht wirklich ein Faktor. Danke für den Tipp, es gibt schon Kontakte zu anderen Doktoranden, die ich intensivieren könnte.
Liebe Grüße,
Arivella
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28.07.2015, 14:11Inaktiver User
AW: Identitätskrise - Angst davor, "nur" noch Mama zu sein
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28.07.2015, 14:15
AW: Identitätskrise - Angst davor, "nur" noch Mama zu sein
Könntest Du Dir insoweit Unterstützung holen, dass Du feste Zeiten in der Woche für Deine Doktorarbeit nutzen kannst? Klar - hier mal eine Stunde, da mal eine Stunde - da brauch man sich aus meiner Sicht gar nicht erst dransetzen, man braucht ja immer eine Weile, bis man wieder "richtig drin" ist.
An sich müsstest Du die Arbeit ja dann vor dem Start des Referendariats fertig bekommen, denn Familie, Doktorarbeit und Referendariat wäre ja noch um einiges schwieriger als jetzt zu organisieren.
Wie war denn so generell Eure Planung mit der Aufgabenteilung? Du schreibst, dass Dein Mann viel arbeitet - wie bringt er sich denn ein in Euer Familienleben?
Wenn er sich am Sa und So jeweils vormittags um Kinder und Haushalt kümmert und Du vielleicht noch einen Vormittag unter der Woche den Jüngsten unterbekommst, dann hast Du immerhin ein paar Zeitfenster für die Doktorarbeit und wirst sehen, wie Du dann voran kommst.Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben.
Christian Fürchtegott Gellert (1715-69)
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28.07.2015, 14:21
AW: Identitätskrise - Angst davor, "nur" noch Mama zu sein
Die Doktorarbeit würde ich fertigmachen. Du hast sie angefangen, es war dein Ziel zu promovieren. Vielleicht fändest du es in ein paar Jahren, wenn vielleicht alles seinen geregelten Gang läuft, ziemlich schade, wenn du hingeworfen hättest.
Ich versteh schon, dass das momentan schwer ist. Als mein Sohn ganz klein war, dachte ich auch: "Juhuu! Ich hab dann soviel frei in meiner Elternzeit. Da hole ich endlich eine Zusatzqualifikation nach". Nunja... Es ging dann schon. War aber sehr mühselig und hat viel länger gedauert. Denn so mit Freizeit überschüttet wird man dann auch nicht mit einem Schulkind und einem Kleinkind...
Der Tipp, dich zu vernetzen, ist Gold wert. Das war es, was mich bei meiner Fortbildung immer wieder aufgerappelt hat. Wenn ich so tagelang in meinem Elternzeit-Kokon war, entfernte sich die Arbeit gedanklich immer weiter. Um als Damoklesschwert trotzdem über mir zu schweben ("eigentlich sollte ich jetzt...").
Wenn ich dann wieder mit meinen zwei Kolleginnen telefoniert oder mich aufgerappelt hatte, Unterlagen zu holen, dann ging plötzlich wieder was. Dann war ich gedanklich wieder dabei.
Vielleicht ist das ja auch ein Faktor, der dir weiterhilft.


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