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    Gedicht des Tages (15)

    Wie gehabt, ein Gedicht pro Tag ... aber das wisst ihr ja schon ...






    Z.W.

    Nimm dir die Brille aufs Land
    damit du besser die Finsternis siehst
    die verdienstvolle Freundin
    Kupferstiche
    und die Kerne der Thujen
    wie sie wuchsen entlang der Schultern
    und verschwanden in der Verbannung
    gemeinsam mit den Göttern

    Josef Hruby
    Aus: Den Kopf voll Safran. Gedichte





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    Re: Gedicht des Tages (15)

    Die Kartenlegerin

    Das Schiff war schon im Hafen leck.
    Man besserte an dem Schaden.
    Das Schiff hatte Fässer geladen
    Und Passagiere im Zwischendeck.

    Mittags stieg eine Negerin
    In das Matrosenlogis.
    Sie wäre Kartenlegerin,
    Bedeutet sie.

    "Two shillings" - oder ein Kleidungsstück,
    Sie zeigt auf wollene Sachen.
    So eine weiss manchmal, wie man sein Glück
    Kann machen.

    Sie reden voreinander dumm,
    Gaben der Alten zu saufen,
    Drückten ihr lachend am Busen herum
    Und liessen sie dann laufen.

    Nachts hockte die alte, schwarze Kuh
    An Deck zwischen Fässern und Tauen.
    Vor ihr lag Kuttel Daddeldu
    Dienstmüde und dachte an Frauen.

    Da legte die Kartenlegerin
    Die Karten, die ihn betrafen,
    An Deck und murmelte vor sich hin.
    Kuttel war eingeschlafen.

    Sie murmelte Worte in den Wind.
    Das Schiff fing an zu rollen.
    Das Schiff und die Menschen darauf sind
    Verschollen.

    Ringelnatz

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    Re: Gedicht des Tages (15)


    Veilchenglück

    Im Kornfeld -
    das Veilchen,
    verborgen zwischen den Halmen,
    Duft verströmend
    gegen die Einsamkeit,
    verbündet
    mit dem Wind,
    der die Halme auseinanderbiegt,
    das Veilchen sichtbar macht,
    den Duft
    über den Rand des Feldes trägt.

    [(c) Annette Gonserowski]

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    Re: Gedicht des Tages (15)

    Schlummerlose Nächte


    Legt mir unters Haupt Melissen,
    meine Träume sind so wild.
    Ihrer Grabesnacht entrissen
    schwebt vielleicht ihr süßes Bild
    über mein verödet Kissen.


    Martin Greif
    (1839-1911)

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    Re: Gedicht des Tages (15)

    Ich möchte, dass du
    eines weißt.

    Du weißt ja, wie das ist:
    Betrachte ich
    den kristallenen Mond, den roten Zweig
    des säumigen Herbstes an meinem Fenster,
    berühre ich
    beim Feuer
    die ungreifbare Asche
    oder die runzeligen Körper des Holzes,
    bringt mich das alles zu dir,
    als wäre alles, was da ist,
    Düfte, Licht, Metalle,
    nichts anderes als ein Schwarm kleiner Schiffe,
    hinsegelnd zu deinen Inseln, die mich erwarten.

    Nun aber,
    wenn du allmählich aufhörst, mich zu lieben,
    werde ich aufhören, dich zu lieben, allmählich.

    Wenn du auf einmal
    mich vergisst,
    suche nicht nach mir,
    denn ich werde dich schon vergessen haben.

    Scheint er dir lang und irre lodernd,
    der Fahnenwind,
    der mein Leben durchweht,
    und entscheidest du dich,
    mich auszusetzen am Rand
    des Herzens, in dem ich verwurzelt bin,
    so bedenke,
    dass am selben Tag,
    zur selben Stunde,
    ich die Arme erhebe
    und meine Wurzeln sich aufmachen,
    einen anderen Boden zu suchen.

    Doch wenn du
    jeden Tag,
    jede Stunde
    empfindest, dass du für mich bestimmt bist,
    mit unverrückbarer Süße,
    wenn jeden Tag
    eine Blüte aufsprießt zu deinen Lippen,
    um mich zu suchen,
    ach, meine Liebe, ach, meine,
    so wiederholt sich in mir all dies Feuer,
    und nichts erlischt in mir, nichts wird vergessen,
    meine Liebe nährt sich von deiner Liebe, Geliebter, *
    und solange du lebst, wird sie in deinen Armen sein,
    ohne die meinen zu verlassen.

    Pablo Neruda

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    Re: Gedicht des Tages (15)

    mögen in manchen Gewittern
    Stürmen
    einige Blätter und Äste
    vom Lebensbaum
    abgefallen sein
    der Stamm
    hat standgehalten
    und je tiefer
    die Wurzeln noch reichen
    je mehr die Krone
    dem Licht entgegenwächst
    um so grünere Blätter
    stärkere Äste
    werden nachreifen

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    Re: Gedicht des Tages (15)


    Über den Wolken

    Schweben himmelwärts,
    unter mir tanzen Wolken -
    Ich bin vogelfrei.

    Hab weiße Taubenflügel -
    Flieg hinaus in die Weite.

    [© Rosalva Godim + Annette Gonserowski]

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    Re: Gedicht des Tages (15)


    DIE BAYERN UND BÖHMEN SIND SCHULD


    Im Bayrischen Wald und im Böhmerland,
    wo einstmals die Wiege der Saurier stand,
    blieb hiervon kein einziges Tier,
    nur Bayern und Böhmen und Bier.

    Doch damals, da grasten auf Bergen und Höh'n
    die freundlichen Saurier, so lieblich zu seh'n,
    der Dino-, der Cotylosaurus,
    der gräßliche Tyrannosaurus.

    Was grasten sie da, was fraßen sie da,
    die Ichthyo- und die Archäoptera?
    Die Wissenschaft weiß nichts Genau'res,
    doch sicherlich mochten sie - Saures.

    Ihr Saurierkraut, ja, ihr Sauerkraut,
    das mochten sie, weil sich's so leicht verdaut.
    Es hat so viel Vitamin C,
    da tat kein Saurierbauch weh.

    Da kamen die Bajuwaren daher,
    und grade mit denen begann das Malheur,
    da kamen die Böhmen, o Schreck,
    sie aßen das Sauerkraut weg.

    So sind sie in Scharen verdorben,
    die Saurier, ganz aus-ausgestorben.
    Das hat von uns keiner gewullt,
    die Bayern und Böhmen sind schuld.
    Jawoll.


    Günter Saalmann
    Aus: Das Gedicht Nr.13. Alle meine Kinder. Die Poesie der ersten Jahre



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    Re: Gedicht des Tages (15)

    Das Schlüsselloch

    Das Schlüsselloch, das im Haupttor saß,
    Erlaubte sich nachts einen Spaß.
    Es nahten Studenten
    Mit Schlüsseln in Händen.
    Da dachte das listige Schlüsselloch:
    Ich will mich verstecken,
    Um sie zu necken!
    Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch.
    Alsbald nun tasteten die Studenten
    Suchend,
    Fluchend;
    Mit Händen
    An Wänden.
    Und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter.
    Schlüsselloch lachte heiter.

    (Die Herren erreichten ihr Zimmer nimmer.
    Eigentlich war die Sache noch schlimmer.
    Ich selbst war nämlich bei den Studenten -
    Doch lassen wir es dabei bewenden.

    Ringelnatz

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    Re: Gedicht des Tages (15)

    Die Töchter der Gärtnerin


    Die eine füllt die großen Delfter Krüge,
    Auf denen blaue Drachen sind und Vögel,
    Mit einer lockern Garbe lichter Blüten:
    Da ist Jasmin, da quellen reife Rosen
    Und Dahlien und Nelken und Narzissen ...
    Darüber tanzen hohe Margeriten
    Und Fliederdolden wiegen sich und Schneeball
    Und Halme nicken, Silberflaum und Rispen ...
    Ein duftend Bacchanal ...
    Die andre bricht mit blassen feinen Fingern
    Langstielige und starre Orchideen,
    Zwei oder drei für eine enge Vase ...
    Aufragend mit den Farben die verklingen,
    Mit langen Griffeln, seltsam und gewunden,
    Mit Purpurfäden und mit grellen Tupfen,
    Mit violetten, braunen Pantherflecken
    Und lauernden, verführerischen Kelchen,
    Die töten wollen ...


    Hugo von Hofmannsthal
    (1874-1929)

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