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  1. Moderation
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    Ausruf "Die Mutterglück-Falle"

    Nachdem ich es schon kürzlich in einem Thread erwähnt hatte, möchte ich euch eine kurze Rezension des neuen Buchs von Karin Deckenbach liefern.


    Mutterglück-Gluttermück – so persifliert die Autorin die Vorstellung, dass die ständige Präsenz der Mutter für Mutter und Kind die einzig richtige Lebensform ist. Die Vorstellung, dass Kind und Mutter mindestens drei, besser sechs oder gar zwölf Jahre in enger Symbiose leben sollten, steckt hierzulande tief in den Köpfen von Müttern, Vätern und der Politik.

    Ehegattensplitting, Halbtagsschulen, teure Kindergärten ohne Mittagsessen, Kindergeld, die Mitversicherung der Mütter über die Väter, das Scheidungsrecht, die nach wie vor vorhandene Benachteiligung unehelicher Kinder – all das sind die politischen Grundlagen, die die Einverdiener-Familie mit Ganztagsmutter fördern.

    Dazu kommt die gesellschaftliche Tabuisierung der "Fremdbetreuung": der schlechte Ruf der Kinderhorte, die Unterstellung, dass Kinder bei Tagesmüttern und in Kinderkrippen "abgeschoben" oder "wegorganisiert" werden und der stets präsente Schlachtruf "Wenn du nicht für dein Kind da sein willst, warum willst du dann überhaupt eines bekommen?", den sich merkwürdiger Weise immer nur Mütter und nie Väter anhören müssen.

    In einem leider sehr kurzen, aber hochinteressanten Abschnitt leitet sie den "Gluttermück"-Gedanken historisch her und schildert auch die Situation in anderen europäischen Ländern. Sie führt den Nachweis, dass die Geburtenrate heute stets dort am geringsten ist, wo die Emanzipation am wenigsten in den Köpfen der Menschen verankert ist. Wo Frauen und Männer im Berufsleben gleichgestellt sind, steigt die Geburtenrate wieder.

    So macht Deckenbach den "Gluttermück"-Gedanken als Hauptverantwortlichen für die niedrige Geburtenrate in Deutschland aus. Denn er verlangt einerseits von den Frauen, ihr komplettes Leben dem Kinderwunsch zu unterwerfen, andererseits von den Männern, eine mit großer wirtschaftlicher Verantwortung belastete Einzelverdienerrolle einzunehmen. Während der Arbeitsmarkt immer mehr Flexibilität verlangt, verlangt die klassische Gluttermück-Ehe eine Sicherheit, die im Berufsleben der 30 – 40jährigen heute nicht mehr vorhanden ist. Kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen in Deutschland, Frauen wie Männer, gegen Kinder entscheiden.

    Der Gedanke der Vollzeit-Mutter ist zudem wirtschaftlich schädlich, den er verdammt gut ausgebildete Menschen zur Unproduktivität. Eine Frau, die nichts außer Hausarbeit und der Betreuung der eigenen Kinder leistet, trägt nichts zur wirtschaftlichen Entwicklung bei. Dagegen schafft Arbeit Arbeit: Eine Familie mit zwei Verdienern gibt mehr aus, nimmt mehr Dienstleistungen in Anspruch, steigert die Gesamtproduktivität. Damit wird die politische Untermauerung der "Gluttermück"-Idee zur teuren Farce.

    Deckenbach schreibt polemisch, im Grundton verärgert und manchmal ziemlich reißerisch. Die feministische Überhöhung des Weiblichen karikiert sie ebenso wie die patriarchaische Haltung christlicher Politiker. Besonders die geschilderten Fallbeispiele machen deutlich, zu welch absurden Situationen die "Mutterglück-Falle" manchmal führen kann. Auch wenn diese Polemik dem Buch etwas Sachlichkeit nimmt, macht sie es doch zu einer unterhaltsamen Lektüre. Und gibt manche Anregung, die eine oder andere Studie nachzulesen.

    Mein Fazit: Lesenswert für alle, die sich regelmäig in Diskussionen über "Kind&Karriere" in Deutschland verwickeln lassen. Daumen schräg nach oben!

    Grüße, Cariad

  2. Inaktiver User

    AW: "Die Mutterglück-Falle"

    @Cariad:
    Vielen Dank für die ( echt professionelle ) Zusammenfassung - scheint ja ein interessantes Buch zu sein. Die einzelnen Punkte, die dem "Gluttermück" die Grundlagen geben, sind hier ja alle im einzelnen schon oft erwähnt und kritisiert worden.

    Was sind denn die historischen Wurzeln ? Und schlägt die Autorin auch vor, welche Partei man demnächst wählen sollte ?

    Na ja, muss es wohl meiner Frau schenken, damit ich es lesen kann ....

  3. Moderation
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    AW: "Die Mutterglück-Falle"

    Die historischen Wurzeln, kurz gesagt:

    - Vor der Industrialisierung liefen Kinder nebenher. Sie hatten zu arbeiten, so bald sie es konnten. Außer der kleinen Oberschicht wäre nie jemand auf die Idee gekommen, sie "aufziehen" zu müssen. Sie waren unbeaufsichtigt, aber eben in der Nähe. Der Adel ließ klassischerweise die Kinder von Kindermädchen, Ammen, Gouvernanten o.ä. aufziehen.

    - Erst mit dem Aufkommen des reichen Bürgertums entstand das Bild der Hausfrau, die sich um ihre Kinder kümmerte, gleichzeitig mit einem Wandel des Kinderbilds. Die Kindheit als kritische Lebensphase wurde entdeckt. Von Arbeiterinnen wurden diese Nur-Mütter beneidet, ihr Vorbild schien erstrebenswert. (Allerdings erfüllte nur eine verschwindend geringe Anzahl von Frauen dieses Bild.)

    So weit, so international.

    - Im Dritten Reich in D wurde das Mutterbild dann entscheidend geändert: Frauen sollten so viele deutsche Kinder wie möglich bekommen, also wurde verheirateten Frauen das Arbeiten erschwert (zumindest so lange, bis sie dann später in den Munitionsfabriken dringend gebraucht wurden, weil es keine Männer mehr gab).

    - Nach dem Krieg wurde in Westdeutschland die staatliche Prägung und Vereinnahmung der Kinder sowohl im 3. Reich als auch im Sozialismus verdammt, die Kindererziehung sollte wieder Privatsache sein. Daher wurde (frag mich nicht, wann) zb der generelle Nachmittagsunterricht abgeschafft.

    - Gleichzeitig kam der Feminismus und damit das Bedürfnis der Frauen nach wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Unabhängigkeit. Das hatte zwei archetypische Ausprägungen: einerseits die Karrierefrau, die sowieso keine Kinder hatte, und andererseits die Weiblichkeits-Mystikerin, die die Mutterschaft auf ein Podest stellte und bei der zwischen Atemkurs, Ökobrei-Kochen und Mutter-und-Kind-Yoga keine Zeit mehr fürs Arbeiten blieb.


    Hm, das jetzt so weit aus meiner Erinnerung.

    Grüße, Cariad

  4. Inaktiver User

    AW: "Die Mutterglück-Falle"

    Mir kommt das alles sehr bekannt vor. Welche neuen Erkenntnisse liefert dieses Buch denn?

  5. Moderation
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    AW: "Die Mutterglück-Falle"

    @Apfeltasche: Das Buch ist keine Studie, es trägt nur die einzelnen Elemente der "Mutterglück-Falle" zusammen. Für jemanden, der schon den totalen Überblick über diese Situation hat, gibt es demnach nichts Neues. Ich hatte ihn nicht (und wenn ich in diesem und anderen Foren mitlese, haben ihn die wenigsten ;-) ).

    Grüße, Cariad

  6. Inaktiver User

    AW: "Die Mutterglück-Falle"

    Jetzt ist es mir eingefallen: "Herrad Schenk: Wieviel Mutter braucht der Mensch? Der Mythos von der guten Mutter".

    Dort wird auch geschildert, wie das früher so war, und dass der Streit um "arbeitende Mütter" eigentlich recht neu ist. Denn beispielsweise haben früher Frauen in der Landwirtschaft selbstverständlich gearbeitet, anders ging das doch gar nicht. Oder würde man eine Bäuerin, die nebenher eine Heerschar von Kindern aufzieht, als "Nur-Hausfrau" bezeichnen?

    Und dass es den Kindern nicht schadet, wenn ihre Mütter arbeiten, dazu gibt es auch genügend Literatur, und dass die Mutter immer präsent sein muss - wer behauptet das heute ernsthaft? Dennoch ist doch Mutterglück nichts, was den Frauen eingeredet wird. Und die Sorgen mit den Kindern auch nicht. Dazu muss man sich ja auch hier nur im Forum umschauen.

    Dass mehr Betreuung her muss, da sind sich ja alle einig, aber nur so allgemein. Da wird zum Beispiel mit großer Empörung auf den Vorschlag, in den Schulen umsonst Mineralwasser (!) auszuschenken, reagiert. Dafür seien doch schließlich die Eltern zuständig!

    Und dann ... die Eltern werden ja auch gern für alle Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht (von den erwachsenen Kindern). Hmm. Und manchmal stimmt es ja auch.

    Ehrlich gesagt: Ich finde das Thema ausgesprochen frustrierend.


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    AW: "Die Mutterglück-Falle"

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    Ehrlich gesagt: Ich finde das Thema ausgesprochen frustrierend.
    Ich auch!

    Zur allgemeinen Verwirrung hier noch ein Buch mit der Gegendarstellung zu oben genanntem Literaturvorschlag:

    Schatz, wie war dein Tag auf dem Sofa? Hausfrau - die unterschätzte Familien-Managerin / von Catharina Aanderud

    Kurzbeschreibung
    »Und was machen Sie so - beruflich?« Diese Frage löst bei vielen Frauen Unsicherheit aus. Sie sind ja »nur« Hausfrau. Dabei gibt die Antwort einer selbstbewussten Mutter in einem bekannten Werbespot die Richtung vor: »Ich führe ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen.«
    Catharina Aanderud diskutiert vorurteilsfrei Möglichkeiten, wie der Hausfrauenrolle angemessene Wertschätzung zukommen kann. Dazu zählt die Frage, ob Hausfrauen ein Gehalt gezahlt werden sollte, das deren vielfältige Aufgaben einer »Familien-Managerin« würdigt. Hier sind auch Politik und Wirtschaft gefordert. Am Anfang steht jedoch die Anerkennung des umfassenden Jobs, den Frauen tun, die sich um Kinder und Haushalt kümmern: Sie sind gleichzeitig Psychologin, Pädagogin, Motivationstrainerin, Coach, Ernährungsexpertin ... Höchste Zeit für die Anerkennung, die Hausfrauen zusteht!

    Über den Autor
    Catharina Aanderund Catharina Aanderud war nach ihrem Studium der Psychologie, Theologie und Philosophie lange Zeit als Redakteurin und freie Journalistin für verschiedene namhafte Zeitungen und Zeitschriften tätig. Die verheiratete Mutter eines 15-jährigen Sohnes lebt in Hamburg und ist heute als Hausfrau, Biografin und Autorin tätig (u.a. »Die Gesellschaft verstößt ihre Kinder« und »Weniger ist mehr«).

    zitiert aus Amazon.

    Das Buch habe ich gestern in einer Buchhandlung mal angelesen.

    In diesem Buch steckt nun doch wieder der versteckte Vorwurf an Frauen, die trotz Kindern arbeiten gehen. Ein Kapitel geht recht kritisch mit der Einstellung französischer Frauen um, die die Kindererziehung nicht in den zwangsläufigen Mittelpunkt ihrer Lebensplanung stellen und auf ausserfamiliäre Betreuung setzen.

    Aber wie dem auch sei - mich machen die unterschiedlichen Haltungen und Forderungen zu diesem Thema langsam kirre. Insbesondere dadurch, dass immer (!) eine versteckte Moral oder Anklage dahinterstehen und natürlich auch sich gegenseitig ausschliessenden finanziellen Forderungen an den Staat und an die Gesellschaft.

    Es nervt! Soviel Bohei wurde im Leben noch niemals um das Thema gemacht!


  8. Moderation
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    AW: "Die Mutterglück-Falle"

    Soweit ich weiß, wurde Herrad Schenk dann gleich wieder der Vorwurf gemacht, dass sie ja keine eigenen Kinder hat.

    ...und natürlich auch sich gegenseitig ausschliessenden finanziellen Forderungen an den Staat und an die Gesellschaft.
    Zumindest hier ist Deckenbach "billig": Sie empfiehlt, die teure Förderung (Krankenversicherung, Rente, Ehegattensplittung) der zuhausebleibenden Mutter einzudampfen. Selbst wenn dann die Kitas und KiGas aufgestockt werden, ist das immer noch ein Plus-Geschäft.

    Mal blöd gefragt: Wie kann ein Problem nerven, wenn es noch nicht gelöst ist? Ja, verflixt, wir leben eben in einer Demokratie und müssen jedes Problem, jeden Wert, jede Lebensform durchdiskutieren. So ist das nun mal. Was wäre die Alternative? "Leben und Leben lassen" geht nur in einem Staat, in dem gar niemand gefördert oder unterstützt wird. Und das wäre kein Staat, in dem ich leben wollte.

    Grüße, Cariad


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    AW: "Die Mutterglück-Falle"

    Mal blöd gefragt: Wie kann ein Problem nerven, wenn es noch nicht gelöst ist? Ja, verflixt, wir leben eben in einer Demokratie und müssen jedes Problem, jeden Wert, jede Lebensform durchdiskutieren. So ist das nun mal. Was wäre die Alternative? "Leben und Leben lassen" geht nur in einem Staat, in dem gar niemand gefördert oder unterstützt wird. Und das wäre kein Staat, in dem ich leben wollte.
    @Cariad,

    ich diskutier das hier schon seit Wochen!



    Demokratie heisst ja, dass man verschiedene Lebensmodelle durchaus auch nebeneinander bestehen lassen kann. So der grundsätzliche Tenor dieser Diskussion.

    Aber...

    wie du schon richtig bemerkt hast, kann man nicht alle Lebensmodelle nebeneinander finanziell fördern. Und an dieser Förderung (geldwerter) scheiden sich die Geister aller und auch dieser beiden Autorinnen mit ihren gegensätzlichen Standpunkten.

    Sie empfiehlt, die teure Förderung (Krankenversicherung, Rente, Ehegattensplittung) der zuhausebleibenden Mutter einzudampfen. Selbst wenn dann die Kitas und KiGas aufgestockt werden, ist das immer noch ein Plus-Geschäft.

    Genau, und in Buch 2 / Internet ist im Gegensatz dazu höhere Hausfrauenvergütung angedacht, und zwar bis in Grössenordnungen von 900 Euro pro Familie.

    Des einen Plus ist des anderen Minus.

    Was soll man denn jetzt finanziell fördern:

    Hausfrauenvergütungen oder Kinderbetreuungsmöglichkeiten?



    Auf fröhliches Diskutieren freut sich

    Elwyn


  10. Registriert seit
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    AW: "Die Mutterglück-Falle"

    Soweit ich weiß, wurde Herrad Schenk dann gleich wieder der Vorwurf gemacht, dass sie ja keine eigenen Kinder hat.
    @Cariad,

    immerhin hat Frau Aanerud ein ganzes Kind (!) und argumentiert für die Generationen der Nur-Mütter.



    Mit ihrem einen Kind hätte sie aber in so mancher Grossfamilie, in der Demographie-Debatte und - da verheiratet - gegenüber Alleinerziehenden verloren, oder nicht?


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