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  1. Registriert seit
    08.12.2018
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    Für eine Ehe zu wenig, für eine Trennung zu viel

    Liebes Forum,

    die Überschrift sagt eigentlich schon alles. Meine Frau (32) und ich (34) leben seit nunmehr drei Monaten in einer WG zusammen, ohne, dass einer den Mumm hätte, die Ehe zu beenden. Uns beide macht dies mental ziemlich fertig und wir wissen nicht weiter.

    Kurz zu uns: Meine Frau kenne ich seit 15 Jahren, zusammen sind wir seit sechs Jahren und verheiratet seit drei Jahren. Zwischen uns steht kein Lebensthema, das wir unterschiedlich sehen würden. Uns ist beide der Beruf wichtig, wir wollen (derzeit) keine Kinder und haben auch ansonsten viele gleiche Vorlieben, Wünsche und Ziele.

    Was in der letzten Zeit passiert ist: Ich habe mich in den letzten zwei Jahren verändert, was zum Teil – ich möchte die Probleme nicht gänzlich darauf schieben – auch mit meiner psychischen Verfassung zu tun hat (dazu gleich mehr). Als meine Frau und ich zusammen kamen, war das ein ziemlicher Akt, da ich eigentlich keine Beziehung wollte. Ich fühlte mich alleine wohl, wollte mich nach niemandem sonst richten müssen und habe ansonsten in mir selbst geruht. Meine Frau hat mich damals jedoch schnell eines besseren belehrt und mir gezeigt, dass man auch noch ein eigenes, selbständiges Leben neben einer Beziehung führen kann und Platz zur Selbstverwirklichung bleibt. Dies war bzw. ist uns beiden zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig gewesen, da wir beide sehr freiheitsliebend sind.

    Mit der Zeit hat sich bei mir jedoch etwas verändert: Je enger die Beziehung zu meiner Frau wurde, umso mehr Angst bekam ich, sie zu verlieren. Komischerweise ging diese „Verwandlung“ bei mir ebenso einher mit wachsendem beruflichen Erfolg, mit dem ich nicht klar kam. Ich stellte mir immer die Frage, warum gerade ich kleiner Hansel so viel Erfolg hat, schob das alles auf Glück und Zufall. Trotz des Erfolges wuchs in mir die innere Unzufriedenheit und Zerissenheit. Mein Selbstvertrauen sank mehr und mehr. Der Erfolg blieb jedoch da. Ich hatte spätestens nach der Eheschließung das Gefühl, dass meine Frau die einzige Konstante in meinem Leben ist, die es zu bewahren gilt. Zu meinen Verlustängsten gesellten sich zwanghafte Gedanken, bspw. in der Art, dass meiner Frau etwas zugestoßen sein könnte. Hörte ich am Tag mal zwei Stunden lang nichts von ihr, wurde ich nervöser und nervöser und war irgendwann der festen Ansicht, meine Frau muss einen tödlichen Verkehrsunfall gehabt haben. Dies führte zu einem unglaublichen Klammern meinerseits und dazu, möglichst einheitliche Lebensabläufe zu haben. Neben ständigem SMS hatte ich es am liebsten, wenn wir Wochenenden zusammen auf dem Sofa verbrachten und verstand es als Zurückweisung, wenn meine Frau mal etwas mit Freundinnen machen wollte etc. In diesem Fällen sorgte ich mich dann wieder: Hoffentlich kommt sie heil am Verabredungsort an etc. Meine Verlustängste steigerten sich immer weiter, führten dazu, dass ich kaum noch Sex mit meiner Frau haben konnte, da mir folgender Gedanenkreisel im Kopf rum ging: Wenn ich keine Errektion bekomme, wird sie denken, dass ich sie nicht attraktiv finde, sie wird sich schlecht fühlen und mich verlassen. Nebenbei: Ich finde meine Frau hochattraktiv, das mangelnde Sexualleben führte dazu, dass ich mich mehr und mehr selbst befriedigte, dabei an meine Frau dachte. Mit zunehmender Zeit ging es jedoch soweit, dass ich andere Frauen immer attraktiver fand, meine Lust ins Unermessliche stieg und ich in Gedanken an andere Frauen teilweise mehrmals täglich selbst Hand anlegte.

    In der Zwischenzeit sind weder meine Frau noch ich fremd gegangen. Meine Frau hat das Ganze über sich ergehen lassen. Im Nachgang frage ich mich fast, wie sie es so lange mit mir aushalten konnten. Im Übrigen führten wir ein ziemliches Spießerleben, zwei bis drei Urlaube im Jahr, Ausflüge an den Wochenenden und ansonsten viel Zeit zu Hause auf dem Sofa. Wenn ich mich betrachte, wie ich heute bin, kann ich das kaum glauben, wie die Anfangszeit mit meiner Frau war. Dort hatten wir tollen, heißen Sex an vielen verschiedenen Orten. Es ist mir unbegreiflich.

    Im Spätsommer offenbarte sich meine Frau mir. Sie sehe uns als beste Freunde, ihr fehle der Sex , sie fühle sich nicht begehrt, sie wisse nicht, wie es weiter gehen solle. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht für uns beide absehbar, dass ich therapeutische Hilfe benötige. Kurz nach unserem Gespräch suchte ich jedoch den Rat eines Therapeuten auf, bei dem ich nun regelmäßig bin. Ich leider unter Verlustängsten und Zwangsgedanken, ausgelöst von einem Ereignis im Säuglingsalter. Je enger die Bindung zu einem Menschen wird, umso schlimmer wird es. Mit diesem Problem ging auch das Klammern einher, weil das Gefühl auch nur für einen Abend alleine zu sein, für mich unertäglich ist.
    Die Beziehung zu meiner Frau ist bei ehrlicher Betrachtung tatsächlich vollends abgedriftet, angefangen von verniedlichenden Kosenamen hin zu sonstigen kindischen Verhaltensweisen. Unsere Ehe ist keine reizvolle, „erwachsene“ Beziehung, sondern eine friedliche Koexistenz, deren Hauptaufgabe für mich darin besteht, nicht alleine zu sein.

    Seit Spätommer schlafen meine Frau und ich in getrennten Betten, sie trägt keinen Ehering mehr, wir tauschen keinerlei Zärtlichkeiten aus. Im Grunde ist es derzeit gar nicht so viel anders als vor Beginn der Krise, wir leben nämlich ansonsten harmonisch miteinander, gehen Essen, kochen gemeinsam, machen Ausflüge, etc. Ehrlich gesagt, so richtig fehlt mir auch der Sex derzeit nicht. Mir fehlen die sonstigen Zärtlichkeiten viel mehr, mal in den Arm genommen zu werden, sie zu streicheln etc.

    Nun, die Zeit verging ins Land, wir hatten uns ganz gut eingegroovet. Bis Anfang Dezember ging es uns auch nicht schlecht damit, so, wie es war. Dann kam es jedoch so, dass meine Frau einen Schicksalsschlag erlitt, da ihr Vater verstorben ist. Da ihre Mutter alleine ist, meine Frau keine Geschwister hat und auch sonst kaum jemand da ist, um der Mutter beizustehen, lastet auf den Schultern meiner Frau eine hohe Last. Leider nehmen in der Zwischenzeit auch die Spannungen zwischen meiner Frau und ihrer Mutter zu. Da meine Frau auch beruflich nicht glücklich ist, befindet sie sich in einer akuten Lebenskrise. Nach dem Tod ihres Vaters dachte ich schon, dass es nun ganz aus sein wird, jedoch rückten wir wieder mehr zusammen, waren füreinander da etc. Meine Frau begann auch über die Zukunft zu sprechen, über Urlaube zu sinnieren, Kontakt zu meiner Familie zu suchen etc. Heiligabend feierten wir zusammen, am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag zusammen mit ihrer Mutter und meiner Familie.

    Diese emotional beladenen Tage – auch gestern Silvester, was meine Frau und ich ebenso zusammen gefeiert haben – führten dazu, dass ich aber erkannte, dass die Art des Zusammenlebens zwischen meiner Frau und mir so nicht ewig weiter geht, wie gesagt: Im Herbst meinte, sie, wir seinen lediglich beste Freunde, womit sie wohl recht hat, aber die Art des jetzigen Zusammenlebens befeuert dies ja zusätzlich.

    Mir geht es zunehmend schlechter, die Ungewissheit frisst mich auf, ich kann das Jahr nicht recht planen, ich weiß nicht, ob wir nächste Woche noch zusammen wohnen. Ich bin kurz vor dem Durchdrehen. Andererseits weiß ich, dass sich meine Frau derzeit noch in einer Aufarbeitungsphase befindet, um den Tod des Vaters zu verkraften und versucht, sich mit ihrer Mutter einzupendeln. Da bleibt nicht viel Platz derzeit für mich. Bei mir ist es so, dass ich lange in mich gegangen bin, zunächst dachte ich, ich spreche das Ende der Beziehung deswegen nicht aus, weil ich bloß Angst vor dem Alleinsein habe. Aber das ist es nicht. Es drohen für mich keine durchgreifenden finanziellen Konsequenzen oder ähnliches. Ich muss dazu sagen, dass ich neben meiner Therapie andere Dinge, die mir zugesetzt haben, geklärt habe. Da war einmal die für mich wichtige Frage, ob ich aus dem Familenunternehmen ausscheiden möchte oder nicht. All diese Fragen habe ich geklärt, durch die Therapie ist mein Selbstbewusstsein auch wieder etwas gestiegen un ich bin mir über meinen „Marktwert“ bewusst. Anders als im Spätsommmer stehe ich nun doch selbstbewusster da und weiß, dass mein Leben nicht endet, nur weil ich mich von meiner Frau trenne. Eine Beziehung ist nur ein Teilaspekt in einem Leben. Natürlich ist man besorgt, wie das Leben nach einer Trennung weiter geht. Derzeit treibt mich die Frage um, mit dem wem ich in den Urlaub fahren soll, wenn nicht mit meiner Frau.

    Zwischen den Jahren und auch heute haben meine Frau und ich viel gesprochen über uns: Ihr geht es genauso schlecht wie mir. Sie sagt aber auch, dass sie derzeit Abstand von allen Menschen um sich herum möchte, da sie auch die Sache mit ihrem Vater aufarbeiten will. Dazu muss man sagen, dass meine Frau vor Jahren auch eine Therapie gemacht hat, weil sie in Drucksituationen die Nähe von Menschen meidet und so vor ein paar Jahren bspw. noch nicht mal mehr Bus fahren konnte, weil da so viele Menschen drin sind. Auch heute sagte sie wieder, wir sind wie beste Freunde, sie vermisst die Sexualität, an deren Rückkehr ich jedoch im Rahmen der Therapie arbeite. Ich erkenne nun ja auch, dass die Art der Beziehung, die wir geführt haben, nicht zukunftsfähig ist und ich so was auch nicht möchte. Nur unsere Beziehung hatte auch viele gute Zeiten und Momente. Deswegen sagt auch meine Frau: Der Satz, dass sie die Beziehung beendet, kommt ihr nicht über die Lippen und dass sie Angst davor hat, ohne mich zu sein. Sie sagt zwar, dass ich mich bereits extrem geändert habe – so klammere ich eigentlich gar nicht mehr – sie aber Angst davor hat, dass ich „rückfällig“ werde. Ebensowenig, wie es meine Frau schafft, die Beziehung zu beenden, schaffe ich es. Ich hänge so stark an ihr, dass ich mir auch kein Leben ohne sie vorstellen kann. Nur der Zustand, wie er jetzt herrscht, macht uns kaputt. Zum Paartherapeuten möchte meine Frau nicht. Ich glaube, sie hat derzeit noch Schwierigkeiten damit zu akzeptieren, dass ihre alten Probleme zurück sind.

    Was ratet ihr mir? Danke!


  2. Registriert seit
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    AW: Für eine Ehe zu wenig, für eine Trennung zu viel

    Hallo Interpolis, ich hab da so ein Bild vor Augen. Da klammert einer, im wörtlichen Sinn, er zieht an dem anderen, versucht ihn in seine Richtung zu zerren. Und der andere versucht mit aller Kraft sich dagegen zu wehren,stemmt sich dagegen.

    Ihr seid in einem Ringkampf, könnt ihr den anderen überhaupt noch hören, wahrnehmen. Ihr seid Beide so mit ziehen und gegenziehen beschäftigt, stell ich mir das sehr anstrengend vor. Ich könnte dem anderen gar nicht mehr hören, weil ich so mit meinem beschäftigt bin.

    Was würde passieren wenn Du nicht mehr ziehst?

  3. Avatar von silberklar
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    AW: Für eine Ehe zu wenig, für eine Trennung zu viel

    Hei Interpolis, ich nehme an deinen Strang haben wir schon, nicht wahr? Falls nicht, lies mal, es gibt hier einen Leidensgenossen, der dein Zwilling ist. Dort wurde schon viel zu deinem Thema geschrieben.
    Durchsage:

    "Achtung, es wurde eine herrenlose Damenhandtasche gefunden ..."

  4. Avatar von Marta-Agata
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    AW: Für eine Ehe zu wenig, für eine Trennung zu viel

    Ich verstehe überhaupt nicht, warum ihr euch trennen solltet. Wieso ist das für eine Ehe zu wenig - Du arbeitest doch an den Problemen, keiner möchte die Trennung.

    In guten wie in schlechten Zeiten - das sind halt mal schwierige Zeiten. Das ist doch aber kein Scheidungsgrund!

  5. Avatar von Marta-Agata
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    AW: Für eine Ehe zu wenig, für eine Trennung zu viel

    Zitat Zitat von silberklar Beitrag anzeigen
    Hei Interpolis, ich nehme an deinen Strang haben wir schon, nicht wahr? Falls nicht, lies mal, es gibt hier einen Leidensgenossen, der dein Zwilling ist. Dort wurde schon viel zu deinem Thema geschrieben.
    Er hat schon einen Strang mit demselben Nick, und sich dort nicht viel beteiligt, das stimmt.


  6. Registriert seit
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    AW: Für eine Ehe zu wenig, für eine Trennung zu viel

    Hallo,
    Was ich noch sagen wollte: das Thema Sex ist bei mir sehr schwierig, ich bin angespannt, ich habe Angst davor, auf meine Frau zuzugehen, um mit ihr Sex zu haben, da ich eine Kontaktaufnahme mit diesem Hintergedanken als böse betrachte. Meine Frau bezog das die ganze Zeit auf sich, sie dachte, ich finde sie nicht mehr attraktiv. Im Rahmen der Therapie kam jetzt der Verdacht auf, dass ich in meiner Kindheit von einem Bekannten meiner Eltern sexuell missbraucht worden sein könnte. Ich traue mich nicht, mit meinen Eltern darüber zu sprechen. Ich weiss nicht, wie sie reagieren. Aber langsam kommen mir so leichte nebulöse Erinnerungen von Handlungen an mir, die ich nie wollte. Meine Frau weiss mittlerweile davon und bezieht meine Abneigung gegen Sex hoffentlich nicht mehr auf sich selbst .


  7. Registriert seit
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    AW: Für eine Ehe zu wenig, für eine Trennung zu viel

    Hallo Interpolis,
    ich schlage vor, Dich nicht zu trennen,
    und auch die Entscheidung dazu aufzuschieben, bis
    1. Du sämtliche Therapien erfolgreich abgeschlossen hast, die Du für sinnvoll hältst und
    2. der Tod des Schwiegervaters mindestens ein, besser zwei Jahre zurückliegt und Deine Frau ggf ebenfalls Therapie gemacht hat.
    Bleib dran, alles Gute und viel Erfolg im neuen Jahr,
    Gruß, Silvia12

  8. Avatar von silberklar
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    AW: Für eine Ehe zu wenig, für eine Trennung zu viel

    Die Trennung aufschieben bis alle Therapien erfolgreich abgeschlossen sind? Hüstel. Eine Therapie ist kein Masterstudium, für das du irgendwann die Teilnahmebestätigung und ein Abschlusszeugnis bekommst. Die Grenzen sind fließend wann eine Therapie "abgeschlossen" ist. Oft, weil der Klient nicht mehr will, weil die Kasse keine Stunden mehr bezahlt oder anderes, das mit einer Besserung des Zustandes rein gar nichts zu tun hat.

    Zudem kann der TE natürlich eine Entscheidung auf einige Zeit nach den Tod des Vaters seiner Frau legen, was natürlich wünschenswert ist .... es könnte aber sein das seine Frau nicht so lange zuwarten will.

    Ich lese aber ohnehin nicht, dass er sich trennen will. Ganz im Gegenteil.
    Durchsage:

    "Achtung, es wurde eine herrenlose Damenhandtasche gefunden ..."

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