Ich möchte mit einer kleinen Geschichte beginnen, die vermutlich viele kennen. Es geht um die Kugelmenschen, die von den Göttern am Olymp aus den besten Anteilen ihrer selbst geschaffen und auf die Erde geschickt wurden, ausgestattet mit 4 Armen, 4 Beinen, 2 Köpfen, 2 Herzen usw. Weil diese den Göttern dann zu perfekt waren, haben die Götter diese Wesen gespalten, und seither irren sie nur noch als Hälfte umher, und müssen das ganze Leben mit der Suche nach der anderen Hälfte verbringen (frei nach Platon).
Auf der anderen Seite bringt die Familiensoziologie mit Statistiken über Beziehungs- bzw. Familienstudien und anderen Unannehmlichkeiten kalte, empirische Zahlen hervor, die Zweifel wecken. Die Betrugs- und Scheidungsraten sind hoch, und hier werden in den einzelnen Strängen die zahlreichen Schwierigkeiten besprochen, die eine Partnerschaft mit sich bringt, bis hin zu Desinteresse, emotionaler Kälte, im Extremfall Gewalt.
Viele haben das Scheitern von Beziehungen erlebt, sind ein Stück weit desillusioniert, manche gar traumatisiert, zumindest: der Glauben an eine dauerhaft liebevollen Beziehung ist beschädigt.
Wir leben in einer Zeit des „anything goes“, aus einer einfachen Welt ist eine komplexe Entscheidungswelt mit zahlreichen Optionen geworden, wo wohne ich, was arbeite ich, wer sind meine Freunde, was glaube ich, was sind meine Hobbies, welche Musik höre ich, wo und mit wem verbringe ich meinen Urlaub, welches Auto, welches Handy und und und.
Partnerbörsen und ihre Derivate boomen, Millionen suchen so ihre andere Hälfte. Leider zeigt die Forschung, dass diese Beziehungen eine geringere Haltbarkeit haben als „natürlich“ zustande gekommene, die „künstliche“ Genese scheint gegenüber den klassischen Partnermärkten wie Freundeskreis, Verein, Studium, Beruf einen Nachteil zu haben.
Die Forderung nach „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ endet für Kant in der Frage: „Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was sollen wir tun?“, die Gemeinschaft der Liebenden wird zur Suchgemeinschaft. Oder besser den Weg alleine gehen?
Das „anything goes“ gilt ebenso für Beziehungen: Vom gemeinsamen monogamen Alltag bis zur Fernbeziehung mit wechselnden Sexualpartnern oder Single-Dasein mit One-Night-Stands ist alles drin. Biologistische Thesen mit Hinweis auf die im Tierreich selten vertretene Monogamie oder das männliche Bedürfnis des Verteilens seiner Gene machen die Runde, sollen legitimieren?
Das Individuum möchte sich selbst verwirklichen (manchmal nichts ahnend, wie das Selbst von Märkten und Moden gesteuert wird); eine Partnerschaft wird oft als Einschränkung empfunden, andererseits – wenn sich zwei zusammen tun, können auch beide gewinnen.
Gleichzeitig, neben all den bekannten Gefahren und Einschränkungen, Unsicherheit und Ängsten, spüren die meisten alleine Lebenden eine tiefe Sehnsucht nach Wärme, Nähe und Verschmelzung, einer unbefristeten und bedingungslosen Verbindung.
Ist die langfristige romantische Liebe nur eine Fiktion, besser eine Illusion? Eine Erfindung von Literatur und Film?
Susykük
Disclaimer:
- ich entschuldige mich vorab für jede Pauschalisierung
- wem das zu pessimistisch klingt: ich oute mich als grundoptimistischer hoffnungsloser Romatiker![]()
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 259
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19.11.2010, 17:31
Ist die romantische Liebe eine Illusion?
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19.11.2010, 19:52
AW: Ist die romantische Liebe eine Illusion?
Die romantische Liebe ist sicher keine Fiktion, der Knackpunkt liegt eher beim Wort langfristig. Das kann sie meines Erachtens nur sein, wenn jeder der Beteiligten bereit ist, trotz schlechter Erfahrungen erneut Vertrauen zu schenken und sich zu trauen, eine längere Begegnung zuzulassen. Sicherheitshalber wählen wohl viele eine "kleinere Liebe", um nicht Gefahr zu laufen, allzu große Enttäuschungen und Verletzungen zu erleiden, wenn es nicht so läuft, wie es soll.Ist die langfristige romantische Liebe nur eine Fiktion, besser eine Illusion? Eine Erfindung von Literatur und Film?
Davon abgesehen sind insbesondere Frauen gut beraten, nicht allzu sehr darauf zu hoffen und zu warten, dass sich Filmhandlungen aus romantischen Liebesschnulzen auch in ihrem eigenen Leben eines Tages so zutragen werden. Daraus resultiert meines Erachtens die größte Gefahr, vom Gegenüber enttäuscht zu werden. Ein Hauch Pragmatismus, Wachsamkeit und Realitätsnähe gehören zu jeder Liebe bzw. Beziehung dazu. Sonst droht diese im emotionalen Mustopf zu versinken bzw. der Partner vom allzu hohen Podest, auf das man ihn gestellt hat, herunterzufallen.
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19.11.2010, 23:41
AW: Ist die romantische Liebe eine Illusion?
Na hoffentlich nicht!
Ist euch schon mal aufgefallen, dass die berühmtesten Liebesgeschichten auch in Film und Literatur eher tragisch sind/enden und das die meisten Film/Literaturromanzen mit der Hochzeit enden?
Mit gutem Grund.
Niemand will den drögen Alltag danach sehen.
Schonmal "Szenen einer Ehe" von Ingmar Bergman gesehen?
Guter Film, aber quälend.
Damit kann man kein Boxoffice/Bestseller machen.
Und so eine Ehe will auch niemand.
Kennt ihr irgendeine Liebesgeschichte aus eurem Bekannten/Verwandtenkreis, die ihr euch als attraktive Filmhandlung vorstellen könntet?
Von daher:
Ist die romantische Liebe eine Illusion?
JA!* * Lottofee * *
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19.11.2010, 23:53
AW: Ist die romantische Liebe eine Illusion?
"Illusion" ist wahrscheinlich das falsche Wort. Ich persönlich halte den Gedankenansatz nur für falsch. "Romantik" ist für mich eine Art Emotion, eine temporär begrenzte Sache. "Romantische Liebe" umfasst für mich nicht den Gesamtbegrifft von Liebe - es ist nur ein Teilaspekt.
Genau so wenig, wie jemand ständig traurig, aufgeregt, nervös, erwartungsvoll, wütend, lustig usw. sein will, will man doch nicht Zeit seines Lebens romantisch sein. Das Schöne ist doch gerade, dass man es "mal" erleben darf. Somit ist es dann etwas Besonderes."Neid ist die Religion der Mittelmäßigen..... Selig der, den die Idioten anbellen, denn seine Seele wird ihnen nie gehören. (C.R. Zafón)
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19.11.2010, 23:57Inaktiver User
AW: Ist die romantische Liebe eine Illusion?
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20.11.2010, 00:21Inaktiver User
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20.11.2010, 00:40
AW: Ist die romantische Liebe eine Illusion?
Nein - keine Illusion.. ich empfinde meine Liebe als solche..
Ich empfinde es als ein Geschenk das erleben zu dürfen... und - ich selbst bringe die Fähigkeit mit sehr romantisch, schwärmerisch und langfristig (!) zu lieben
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20.11.2010, 01:01Inaktiver User
AW: Ist die romantische Liebe eine Illusion?
Es ist genau das, was du daraus konstruierst, denkst, fühlst und daraus als Handeln ableitest. Alles eine Frage der Perspektive: der radikal-konstruktivistische Ansatz lässt da z.B. eine faszinierende Spannweite zu, die von der Möglichkeit einer "romantischen Liebe" bis zur Fremdsteuerung allen menschlichen Denkens von kleinen, grünen Männchen hinter dem Mars als "real", "wirklich", oder wahrscheinlich erscheinen lässt. Auf die reinen Begriffe heruntergebrochen und nüchterner betrachtet passen "Romantik "und "Langfristig" eher schwerlich zusammen, sehen sich doch die (noch filmfreien) Protagonisten der Romantik eher in der Kritik des massvollen, stabilen, vernünftigen der Aufklärung und Klassik verortet. Noch nüchternere GesellenInnen sehen in diesem Konstrukt vor allem einen höchst profitablen Markt.
.Geändert von Inaktiver User (20.11.2010 um 01:04 Uhr)
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20.11.2010, 01:43
AW: Ist die romantische Liebe eine Illusion?
Vor allem und gerade bei dem Thema würde ich sagen "grau ist alle Theorie"
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20.11.2010, 02:17
AW: Ist die romantische Liebe eine Illusion?
Eine Erfindung von Literatur ist sie auf jeden Fall, Goethes "Die Leiden des jungen Werthers", Schillers "Kabale und Liebe" und Schlegels "Lucinde" haben im 18. Jahrhundert das romantische Liebesideal erfunden und in die Welt gesetzt.
Zuerst wurde es nur von der privilegierten Oberschicht übernommen und später im Laufe des 19. Jahrhunderts hat es sich breit durchgesetzt. Das wurde möglich, weil der zunehmende Wohlstand die Vernunftheirat überflüssig und der Liebesehe Platz gemacht hat.
Allerdings hat gleichzeitig der Kapitalismus und die Werbung das Thema okkupiert und so das ursprüngliche Ideal einigermaßen verzerrt.
Eine Illusion ist das romatische Liebeideal auch deswegen, weil es von vornherein paradox angelegt ist. Sexuelles Begehren und Dauerhaftigkeit sollen eine Verbindung eingehen, was aber widersprüchlich ist. Die erotische Liebe ist von Natur aus gefährlich, das Begehren kann verschwinden, es gibt diesbezüglich keine Sicherheit. Das genau will aber der romantisch Liebende: Sicherheit, Treue, Geborgenheit.
Meine Antwort auf die Frage im Titel: Jein. Die romantische Liebe gibt es insofern wirklich als man die immer wieder hartnäckigen Bemühungen und das Ringen um diese Liebe bei vielen Menschen beobachten kann. Dieses Ringen stelle ich aber seltener fest in Langzeitbeziehungen, weswegen ich der Langzeitbeziehung nicht automatisch die Hoheit über die romantische Liebe zuspreche.


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