PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Mein Vater der Alkoholiker



Inaktiver User
01.05.2008, 21:34
Ich schreibe hier, da ich lange Zeit Panikpatientin war.

Mir geht es erst seitdem wirklich besser, als ich mich von meinem Vater distanziert habe und den Kontakt komplett abbrach.

Das Problem, das ich jetzt habe: Mein Vater liegt sterbenskrank im Krankenhaus. Meine Schwestern und meine Mutter möchten das ich Ihn nach 8 Jahren besuche.
Ich möchte nicht.
Andererseits packt mich so eine Art Mitleid...

Irgendwie wäre es mir lieber gewesen, man hätte mir irgendwann nur gesagt, das er tot ist. Aber diese Situation jetzt ist echt ätzend.

Ulina
02.05.2008, 06:49
Wenn du deinen Vater auf dem Sterbebett besuchst, bedeutet es auch, dass du ihm verzeihst. Wenn du es nicht kannst, wenn es deinem Innersten widerspricht, würde ich nicht hin gehen.

geniesserin
02.05.2008, 10:52
Hallo Kaffeekomplett,

ich habe auch eine Vorgeschichte als Kind eines Alkoholikers. Bei uns gab es so eine Distanz nie- das ging aus bestimmten Umständen heraus nicht- somit kann ich natürlich nicht so vollständig nachvollziehen was du jetzt erlebst.

Meiner Vorschreiberin würde ich mich wohl anschliessen- DU solltest für dich im Bauch entscheiden womit du dich gut fühlst- hingehen oder nicht. Natürlich wird wohl deine Familie zu diesem besonderen Zeitpunkt eine Aussöhnung wünschen. Allerdings solltest du dich nicht bedrängen lassen, denn DU musst mit dir im Reinen sein. Ich kann für mich nur sagen dass diese Lebenssituation mit meinem Vater oft von mir erforderte, eine "angepasste" Haltung einzunehmen- das konnte ich selber auch nur durch eine Therapie erkennen und würde es nicht mehr so wollen. (Mein Vater ist inzwischen auch verstorben)

Entscheide du- du sagst du möchtest eigentlich nicht hin. Vermutlich würdest du dann anderenfalls nur deiner Familie zuliebe gehen? Ich denke, das wäre die falsche Motivation.. Ich drück dich mal und wünsche dir viel Kraft :blumengabe:

Inaktiver User
02.05.2008, 12:58
Ich glaub nur, das es keine richtige Entscheidung gibt.

Irgendwie habe ich Schuldgefühle. Und MItleid.

Auf der anderen Seite steht mein "Beschützer-Ich".
Vorgestern hatte ich fest vor, hinzugehen.
Es ging nicht.
Ich war wie gelähmt, und ich hatte richtige Bauchschmerzen.

Seltsame Situation derzeit. Traurig bin ich ja auch noch.

Komplettes Gefühlschaos.

Inaktiver User
02.05.2008, 13:05
Hallo,

ich glaube es würde bei dir zuviele alte Wunden wieder aufreißen...

Du bekommst ja schon Bauchschmerzen bei dem Gedanken hin zu gehen....

Schuldgefühle brauchst du wirklich nicht zu haben! Und Mitleid?

Die Sucht hat deinen Vater dahin gebracht wo er jetzt ist, das ist nicht deine Schuld.

Hier kann niemand dir sagen was du tun sollst - das mußt du leider selbst entscheiden. Wäre ich an deiner Stelle, ich würde nicht gehen (vielleicht hilft dir das)

alles Gute

Dharma

Leo.
02.05.2008, 15:33
Wenn du deinen Vater auf dem Sterbebett besuchst, bedeutet es auch, dass du ihm verzeihst. Wenn du es nicht kannst, wenn es deinem Innersten widerspricht, würde ich nicht hin gehen.

sehe ich anders..

sie sollte ihn besuchen..damit sie nochmal für sich abschied nehmen kann..
vielleicht möchte ihm was sagen od. gesagt haben..

sie soll den Kreis schliessen und ihn sehen..:blumengabe:

fiorina
02.05.2008, 21:21
gegen die bauchschmerzen jetzt kannst du was machen (rescue-tropfen oder was gaaaanz mildes zur beruhigung in absprache mit deinem arzt)
gegen die bauchschmerzen die du nach dem tode deines vaters unter umständen bekommst wenn du ihn nicht mehr gesehen hast - ist so schnell kein kraut gewachsen. ich würde hingehen.
es ist eine halbe stunde in deinem leben.

:blumengabe: fio.

geniesserin
02.05.2008, 22:10
@Kaffeekomplett: nein, es gibt garantiert kein "absolutes richtig" in dieser Frage- man muss wirklich abwägen wie es am sinnigsten für DICH ist.

Ich würde für mich selber auch wohl hingehen, um einen Abschluss zu finden. Schuldig musst du dich nicht fühlen, woran auch? Dieser Besuch sollte definitiv nicht erfolgen "weil man es so macht bzw erwartet"- DAS ist die falsche Motivation u ich glaube du wirst da auch klar abgrenzen können. Das ist auch richtig wenn du da für dich entscheidest- ohne irgendwelchen 'soll-Ansprüchen' genügen zu wollen..

Ich finde den Vorschlag von fiorina ganz gut- allerdings beurteile ich natürlich auch von meiner eigenen Warte aus. Jetzt wäre die Frage zu beantworten -weitestmöglich- inwieweit du künftig mit dem Zustand leben könntest, nicht mehr hingegangen zu sein. Aber nimm dir Zeit und vielleicht kannst du mit jemandem drüber sprechen, der dir bei deiner Therapie geholfen hatte..?

Inaktiver User
02.05.2008, 22:53
Die Sucht hat deinen Vater dahin gebracht wo er jetzt ist, das ist nicht deine Schuld.




Wohl wahr ohne Frage . Schuld muss aber nicht unbedingt geächtet werden . Gerade bei den Eltern kann man auch verzeihen gerade dann wenn es dem Ende zugeht . Ich glaube wenn da kein Abschluss da ist kann man eher schwer damit umgehen . Man kann nicht alles ungeschehen und vergessen machen aber verzeihen kann man schon .

marlenchen
03.05.2008, 00:56
vielleicht wäre es ja eine möglichkeit, dass du dir jemanden als "verstärkung" mitnimmst, der dann vor der tür oder im krankenhauspark auf dich wartet, während du dich von deinem vater verabschiedest? und die zeit deines besuchs dort vorher vielleicht begrenzt auf z.b. 30 min? würde dir das helfen? würde das deine angst davor mindern?

ich bin auch kind eines alkoholikers und habe den kontakt zu meinem vater lange zeit gemieden bzw. auf ein minimum reduziert.
im januar 2008 hatte er einen herzinfarkt. ich bin ihn besuchen gefahren und merkte, als ich dann da im krankenhaus bei ihm war, wie gut es mir getan hat, zu sehen, dass er sich wirklich aufrichtig darüber gefreut hat und ihn meine geste (der besuch) sehr berührte. das hat in mir wieder ein stückchen heilen lassen...

kann vielleicht auch für dich so sein, dass du dadurch ein wenig frieden finden kannst, was vergangenes angeht. eventuell nicht sofort, aber auf längere sicht.

und wenn es dir einfach zuviel ist, es dich überfordert, dann mach dich nicht fertig :blumengabe:

vor jahren wäre ich wohl auch noch nicht soweit gewesen, wieder ein stück auf meinen vater zuzugehen und ihm damit auch mein verzeihen zu signalisieren.

alles liebe, marlenchen

Ladyfish
15.05.2008, 09:35
Hallo,
da mein Vater auch Alk. ist und ich nur sporadisch Kontakt mit ihm habe, kann ich es vielleicht ein bisschen nachvollziehen.
Ich persönlich denke ich würde hingehen, aber nicht alleine.
Der Vorschlag kam ja schon und vielleicht wäre es für dich so eine Art wirklicher Abschied?
Keiner kann dir da wirklich einen Rat geben, aber ich denke mal so ganz schließt du es wohl selbst nicht aus hinzugehen, sonst hättest du dir die Frage erst garnicht gestellt?
Ich wünsche dir, daß du die für dich richtige Wahl triffst und wenn du magst uns vielleicht davon erzählst :)
Alles, alles liebe und viel Kraft!

Kornblumenmia
20.05.2008, 23:21
Hallo Kaffeekomplett,

mein Vater ist auch Alkoholiker, er hat mir im Endeffekt meine Jugend kaputt gemacht, erst mit seinem Saufen, dann durch die Trennung meiner Eltern, da er sich nie wieder (vom Tag unseres Auszugs) um mich bemüht hat.
Ich kann dir jetzt nicht sagen, was für dich richtig oder falsch ist, ich weiß nur, dass ich wahrscheinlich nicht hingehen würde, was ein Vater im Suff den Kindern antut, ist unverzeihlich. Ich habe vor 2 Jahren eine Tochter bekommen, mein Erzeuger weiß es bis heute nicht, auch wenn es mir manchmal - wenn ich denke, dass meine Kleine eigentlich alles einmal wissen sollte, oder die wenigen schönen Augenblicke in Erinnerung kommen.

Mir wird aber dann recht schnell wieder deutlich, wie lange ich gelitten habe, wie oft er mich versetzt hat, wie oft er nicht am Geburtstag angerufen hat, oder wie oft er mich mit falschem Namen angesprochen hat. Das schmerzt heute noch sehr, obwohl ich eigentlich denke, dass ich darüber weg bin. Diese Wunden will ich nicht wieder aufreißen, es reicht, dass störende Narben übrig geblieben sind - und ich will die Enttäuschung meiner Tochter ersparen.

Außerdem wäre mir trotz allem wichtig, dass er ehrlich und in - soweit vorhanden - Würde sterben kann.
Es ist nicht aufrichtig sich selbst und dem Vater gegenüber, nur weil er sterben muss, sich selbst und ihn zu verleugnen und einen auf heile Familie zu machen. Außerdem hätte ich zu viel Angst, dass die alte Enttäuschung aufbricht, und ich ihn alles schimpfen würde.
Dann lieber anders, sterben wie man gelebt hat - allein.

Wurde jetzt sehr lang, vielleicht helfen dir meine Gedanken

LG; Mia

Dachziegel
30.05.2008, 00:14
wie oft er mich mit falschem Namen angesprochen hat.

Wie furchtbar und kränkend.

geniesserin
31.05.2008, 00:53
@Kaffeekomplett...
ich bin mal direkt neugierig: wie ist denn die aktuelle Situation??

Warst du schon im Krankenhaus, bzw. wie geht es deinem Vater? Der Fred ist ja doch schon ein wenig gealtert:zwinker: und mich würde mal -als "Betroffene"- interessieren, wie es dir inzwischen ergangen ist.

Inaktiver User
08.06.2008, 07:49
Mein Vater ist am 04.06. gestorben und ich bin nicht hingegangen.
Und ich muss sagen, dass es mir mit dieser Entscheidung sehr gut geht.

Ich trauere nicht einmal und das ist auch das einzige, worüber ich nachdenken muss.

geniesserin
09.06.2008, 22:28
ach man..... fühl dich mal einfach in den Arm genommen...

Ich wünsch dir dass du mit deinen Gefühlen ins Reine kommst, nimm dir Zeit, das aufzuarbeiten. Vermutlich wird das immer wieder mal hochkommen... ich hab das auch immer noch- aber du hast für dich entschieden, und es fühlt sich richtig an. DAS ist doch ein klares Statement.

Alles Liebe dir und viel Kraft!!

sachensagen
11.06.2008, 13:28
Mein Vater ist am 04.06. gestorben und ich bin nicht hingegangen.
Und ich muss sagen, dass es mir mit dieser Entscheidung sehr gut geht.

Ich trauere nicht einmal und das ist auch das einzige, worüber ich nachdenken muss.

vielleicht trauerst du nicht, weil du mit deiner Trauer schon weit vor seinem Tod abgeschlossen hast. Will damit sagen: dass er für dich vielleicht schon viel viel früher gestorben ist und du diesen Tod bereits betrauert hast. So ging es mir ein bisschen mit meinem Vater (das war zwar eine andere Geschichte, aber egal.)

War nur so ein Gedanke, den ich gerade hatte.

Liebe Grüße:blumengabe:

Inaktiver User
11.06.2008, 13:34
Mein Vater ist am 04.06. gestorben und ich bin nicht hingegangen.
Und ich muss sagen, dass es mir mit dieser Entscheidung sehr gut geht.

Ich trauere nicht einmal und das ist auch das einzige, worüber ich nachdenken muss.


:in den arm nehmen:

Mach erstmal deinen Frieden mit dir selbst. Ich finde du hast richtig reagiert. Bei all dem was passiert ist, kann ich gut verstehen, dass du nicht traurig bist.

Dharma

Nena79
11.06.2008, 14:37
Wenn du deinen Vater auf dem Sterbebett besuchst, bedeutet es auch, dass du ihm verzeihst. .

Das sehe ich nicht so. Sie kann in diesem (seinem letztem ) Atemzug auch Abschied auf Ihre Weise nehmen, ohne zu verzeihen. Sei kann dieses Thema abschliessen und bereut später nichts.

Gedanken ändern sich, aber Momente kannst Du nicht nachholen.

LG Nena79

PS. Sorry, hab zu spät gelesen, dass er bereits gestorben ist. Als allererstes mein Beileid. ich hoffe Du findest Deinen inneren Frieden und kannst diese geschichte abschliessen- ohne größere innere narben davonzutragen.

Ich wünsche Dir alles Glück dieser Welt

LG Nena79