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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Verbirgt sich bei meinem Mann eine Angst? Etwas länger...



butterfly38
12.02.2008, 23:20
Hallo,

ich möchte hier über die Ängste (sofern sie als solches zu bezeichnen sind) meines Mannes schreiben. Ich bin mir nicht sicher, ob das, was er hat, eine Angst ist (vielleicht ist ja auch alles ganz normal?) und frage deswegen um Rat.
Vielleicht gibt es einige unter euch, die so was schon mal mitgemacht haben, sei es bei sich selbst oder bei anderen.

Mein Mann ist eher der introvertierte, schüchterne Typ, der nicht gerne viel redet und sich lieber in den eigenen vier Wänden aufhält, als dass er was unternimmt, ausser mit der Familie. Er hat einen sehr guten (stressigen) Job, trifft auf viele Leute, muss auch Reden schwingen. Das läuft ganz gut, zumindest habe ich noch nie bemerkt, dass er damit Probleme hat. Er hat es auch noch nie erwähnt und nichts ließ bis dato darauf vermuten, dass ihm das irgendwie zu schaffen macht.

Im privaten ist es (meiner Meinung) eine Katastrophe. Wollen wir z.B. mit Freunden was unternehmen, und sei es nur eine persönliche Geburtstagsgratulation, hat er entweder schlagartig Kopfweh, fühlt sich ausgelaugt, findet dass ich das alleine machen kann, hat keine Lust, ist müde, findet alles doof, belächelt diverse Aktionen, findet vieles peinlich, oder er kennt sowieso keinen, etc etc. Ständig eine Ausrede parat warum er da und dort nicht mit muss. Meistens fühlt er sich krank!!!!

Mir ist dieses Verhalten bereits in den Anfängen unserer Beziehung aufgefallen: sobald eine Einladung bei xy anstand, eine Party oder Vereinsfeier, bin ich zu 99 Prozent allein hin. Einzige Ausnahme: die Einladungen fanden schriftlichen Zugang zu uns.

Jahrelang verteidigte ich ihn und sagte entweder er wäre nicht da oder er wäre krank. Aber irgendwann (nach 17 Jahren) glaubt das ja keiner mehr.

Nun hab ich folgenden Satz gelesen:
“…manchmal haben darüber hinaus auch die Eltern sozial isoliert gelebt oder vertreten, dass es "da draußen" gefährlich ist, dass man sich anpassen muss, unauffällig sich verhalten sollte.“

Genau diese Einstellung vertreten auch seine Eltern, besser gesagt seine Mutter auch. Seine Mutter verlässt das Haus nur für Arzt und Einkäufe. Ein Gang zu uns (100 m) erweist sich als extrem schwierig, und nach einer Stunde wird schleunigst die Heimreise angetreten. Von meinem Schwiegervater weiß ich seit einem Jahr, dass meine Schwiegermutter psychisch oft am Ende ist (hat sie vor mir zumindest immer gut verheimlichen können). Es ist ihr alles peinlich, sie traut sich nichts zu, geht nicht ausser Haus (schon gar nicht wenn die Nachbarn draussen stehen) hat eine 7-Tage Woche, in der jede Minute einem genauen immer gleichen Plan zugrunde liegt, alles was aus der Reihe tanzt macht sie fertig.

Meine Frage ist nun: könnte sich da eine Sozialphobie dahinter verstecken die vielleicht auf meinen Mann in gewisser Form weitergegeben wurde, dadurch dass ihm das ständig vorgelebt wurde????
Ich habe auch schon versucht mit ihm darüber zu reden aber er weicht ständig aus, bringt seine unzähligen Ausreden hervor. Ich glaube ihm kein Wort mehr!!!

Was meint ihr?

Danke fürs Lesen!

Lg, butterfly

Karla48
12.02.2008, 23:21
Klingt ganz nach sozialer Phobie, ja. Hast Du den Artikel in der Brigitte darüber gelesen?
Sowas ist behandelbar!
LG Karla

butterfly38
12.02.2008, 23:26
Hallo Karla,
wenn du den meinst, der heute auf der Brigitte Startseite steht, dann ja. Der war auch der Anlass, warum ich hier gepostet habe.
Ich habe null Ahnung wie ich damit umgehen soll, eben weil er ja auch noch so ein verschlossener Typ ist.

Karla48
12.02.2008, 23:39
Ja, den meine ich.

Ich würde mit meinem Mann darüber reden. Ihm vielleicht auch den Artikel mal ausdrucken, mir noch ein Buch darüber kaufen.
Dann kann man mal gemeinsam zum Hausarzt gehen , und ihn fragen, was er darüber denkt. Der nächste Schritt wäre ein Facharzt, der eine Therapie befürwortet. Dann Therapeuten suchen und anfangen. Eventuell eine Kur machen zu dem Thema.

Wichtig ist glaube ich, daß Du mit ihm nicht anklagend redest so nach dem Motto "ey, du hast da ne Macke". Sondern liebevoll und auch daß Du sagst, daß DEIN Leben extrem eingeschränkt wird durch sein Verhalten.

Auf jeden Fall ist zentraler Angelpunkt für Dich DEIN Wohlbefinden. Man kann andere Menschen nie zu einer Therapie bewegen, das müssen die von alleine wollen. Auch Du kannst mit Deinem Hausarzt über Dein Problem sprechen.

LG Karla

butterfly38
14.02.2008, 10:06
Wichtig ist glaube ich, daß Du mit ihm nicht anklagend redest so nach dem Motto "ey, du hast da ne Macke". Sondern liebevoll und auch daß Du sagst, daß DEIN Leben extrem eingeschränkt wird durch sein Verhalten.
LG Karla

Ihn anklagen oder herablassende Bemerkungen würde ich mir nie anmaßen, falls er da wirklich ein Problem hat. Allerdings reagiert er stets abweisend und verneint, wenn ich die Sprache mal darauf bringe. Er scheint es sich selbst nicht einzugestehen. Mehr als reden kann ich auch nicht. Du hast schon recht, man kann keinen zu einem Arztbesuch zwingen. Mir ist schon immer aufgefallen, dass er zwei bis drei Tage vor einem Treffen mit anderen grundsätzlich grippeähnliche Symptome hat. Ich habe ja wie gesagt nicht viel Ahnung inwieweit sich so eine Angst bemerkbar machen kann.

Karla48
14.02.2008, 16:45
Letztlich haben wir eben nur unser eigenes Leben unter Kontrolle, so ist es nunmal. Also Du mußt Dich fragen, wie lange Du so ein Leben mit ihm noch mitmachen kannst, ohne selbst darunter zu sehr zu leiden. Solange der Mensch nicht genug Druck bekommt, wird er sich wohl freiwillig nicht in eine Therapie begeben, schätze ich...

Für mich wäre ein Sozialphobiker die Hölle, weil ich extroviertiert bin und jede Menge unterwegs. Aber vielleicht macht es Dir ja nicht so viel aus, dieses nicht-reden und das nicht-weggehen...? Man ist nicht verpflichtet, ein Leben zu führen, was nicht lebenswert ist. Dann kann man sich auch mal vorübergehend voneinander distanzieren. Ich spreche nicht von "im Stich lassen" sondern von "selber nicht an der Krankheit des anderen kaputtgehen" (denn damit ist auch keinem geholfen).

LG Karla

cartouche
15.02.2008, 00:12
Ich weiss nicht ob ich als Mann hier antworten soll. Aber da ich mich , in leicht veränderter Form wieder erkennen, wage ich es einfach mal. Bei mir war es auch so,ich hatte eine leitende Funktion, ich war also immer Herr der Situation. Ich konnte eine Besprechung beenden, ich konnte also Macht ausüben. Wenn ich irgendwo eingeladen bin muss ich erstmal das Spiel der anderen spielen. Und das war mir oft peinlich, ich kann nicht über irgend einen Witz lachen der mich anekelt, ich kann kein Essen loben, welches ich freiwillig nicht essen würde usw. Ich konnte aber auch nicht immer nur in der Nähe meiner Frau sein, da fühlte ich mich wohl, wir verstanden uns mit einem Blick, aber meine Frau war nicht so wählerisch, ist wahrscheinlich der falsche Ausdruck. Sie hat aber auch mal aus Gefälligkeit fünf gerade sein lassen wenn eine Diskussion in irgend etwas abglitt. Gut kam ich mit den Situationen zurecht wenn es eine Gartenparty war, also wo man sich mal so ein bisschen entfernen konnte. Ich merke schon ein Rat ist das wahrscheinlich nicht, nur eben ein kleiner Blick in die Psyche eines introvertierten Menschen , Mann oder Frau ist da sekundär. LG Cartouche

butterfly38
16.02.2008, 23:09
Hallo cartouche,

schön, dass du mir geschrieben hast, von dieser Sicht aus hab ich das noch nie gesehen.

Irgendwie ist es ja paradox: im Berufsleben hören viele auf euer Kommando und im privaten Bereich, unter Freunden, Bekannten, also in Situationen, in denen man ja gerade relaxed sein kann und man oftmals nicht überlegen muß, wie man was zu wem sagen soll etc seid ihr dann verspannt und fühlt euch unwohl...
Wenn ich ehrlich bin, bei mir wärs genau umgekehrt.
Ziemlich verworren, aber ich glaube dir aufs Wort und es könnte eine mögliche Erklärung sein.
Was genau läuft da in dir ab? Sagst du dann nichts mehr und schweigst oder läßt du dich von diesem Gefühl so beherrschen dass du nirgends mehr hingehst?

Lg, butterfly

Noodie
17.02.2008, 08:39
Hallo butterfly! Ich lese hier gerade mit und mir kommt ...

Die Machtposition im Beuf gibt ja auch eine gewisse Distanz die vielleicht Sicherheit bedeutet. Im Privatleben ist man unter Gleichgestellten, man ist sich emotional viel näher, und jedes falsche Wort könnte verletzend sein. Vielleicht ist das etwas was Angst macht, könnte ich mir vorstellen.

LG von Noodie

butterfly38
17.02.2008, 19:42
Hallo Noodie,

schön langsam könnt ich immer mehr verstehen. Mein Mann ist eh ein Sensibelchen, man muß schwer aufpassen was man sagt. Ich weiß was ich zu ihm sagen kann, aber es ist doch schon ab und zu mal passiert, dass jdn auf seine Kosten einen heftigeren Witz gemacht hat (passiert halt mal, ich denk mir da z.B. nichts). In solchen Momenten weiß ich dann sofort, dass ihn diverse Sachen ziemlich treffen. Wie's halt ist, wenn man zusammensitzt und es lustig ist.

Danke für deinen Denkanstoß,
lg butterfly

cartouche
18.02.2008, 00:31
Hallo Butterfly. Ich will hier nur mal ein ganz kleines Beispiel aus meinem Leben erzählen. Wir waren bei einem unserer Trauzeugen eingeladen, wir hatten ein sehr gutes Verhältnis , wir Männer kochten sehr gerne, versuchten uns auch ganz sportlich mit immer neuen Rezepten zu übertreffen usw. Und, es war ein Freitag Abend, ich hatte meiner Frau am Vortag erzählt dass der Vorstand beschlossen hatte mir eine Abteilung zu übergeben. Meine Frau stolz wie Oskar, und in dem Glauben, das kann ich dem Freund, denn Trauzeugen kann man ja wohl als Freunde bezeichnen, ja erzählen,quasi in der Hoffnung auf eine Gratulation oder ein Glas Sekt, also meine Frau, sagt so im Laufe des Abends, ach so Achim, (thats me) kriegt die Abteilung. Schweigen, meine Frau schaut in die Runde und sagt plötzlich: " Manfred, Du wirst ja ganz gelb" . Die Freundschaft, wenn es denn eine gewesen war, passe. Und wenn man selbst solche Neidgefühle nicht kennt ist die Ernüchterung noch kompletter. Und wenn man, wie ich, introvertiert ist, dann will man solchen oder ähnlichen Begebenheiten ausweichen.Ich habe einige Semester Psychologie studiert und kenne den Begriff der relativen Deprivation . Ein bekannter Psychologe hat mal gesagt, ein Bettler beneidet nicht den Millionär sondern den anderen Bettler. Vielleicht hat Dein Mann ähnliches erlebt oder er ahnt,was passieren kann wenn er sich zu weit öffnet. War nett mit Dir zu posten. LG. Cartouche.