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GretaGarbo
20.12.2007, 19:45
Kennt Ihr diesen Spruch auch? Ich hasse ihn.

Mir ist vor einer Woche ein geliebter Mensch gestorben......und immer wieder muss ich mir diesen Satz anhören.......ich würde sie am liebsten Alle anschreien.........

So etwas kann eigentlich nur Jemand sagen, der noch nie so einen Verlust erlitten hat. Oder Jemand, der unendlich gefühllos ist.

Vor einem Jahr ist auch schon ein von mir geliebter Mensch gestorben......und nichts ist geheilt.


Bekommt Ihr auch so etwas zu hören?

Inaktiver User
21.12.2007, 08:09
Liebe Greta Garbo,

eigentlich heißt mein Motto: Alles wird gut!

Heißt aber noch lange nicht, dass alle Wunden heilen. Auch mit der Zeit nicht.

Vor fast 3 Jahren ist meine beste Freundin gestorben und gerade gestern hat mich ein Auto mit ihren Initialen auf dem Nummernschild völlig aus der Fassung gebracht. Ich habe geheult wie sonst was. Da ist von Heilung noch keine Spur...

Es wird besser - aber die Wunden bleiben.

Lieben Gruß,
malea

prinzessin01979
21.12.2007, 22:19
Liebe Greta Garbo,

ich kenne den spruch zur genüge:knatsch: und er hat mich jedesmal innerlich zum brodeln gebracht.

Oder solche Floskeln, dass leben geht weiter, es wird bestimmt bald wieder besser ect. konnte ich nicht mehr erhören.

Am schlimmsten fand ich auch solch aussagen von menschen die noch nie mit dem tod eines geliebten menschen konfrontiert waren und die sagten: ich kann mir vorstellen wie es dir geht! :knatsch:

Nee, dass kann keiner und erst recht kein mensch der " sowas " noch nie erlebt hat.

Leider neigen die menschen glaube zu solchen floskeln, wenn sie sich vielleicht hilflos dem anderen seinem schmerz gegenüber fühlen oder nichts anderes wissen was sie sagen sollen..


Lg,
Melissa:kerze:

Inaktiver User
21.12.2007, 23:54
Ich glaube schon, dass die Zeit die Wunden heilt. Sie schmerzen nach einiger Zeit längst nicht mehr so wie zu Beginn, als sie offen waren, sich entzündeten und immer wieder auf´s Neue bei jeder Berührung, jeder Bewegung schmerzten.

Es bleiben aber Narben - und auch Narben sind empfindlich. Sie jucken, ziehen, schmerzen auch immer wieder. Aber - noch viel wichtiger: Narben sind immer und für alle Zeit sichtbar. Auch wenn sie nicht schmerzen, erinnern sie. Und das ist auch gut so. Dafür sind sie wichtig.

Aber dennoch, da gebe ich Euch allen recht - es kommt schon sehr drauf an, wer es sagt. Wenn mir das - auch heute noch - so ein Möchtegerntröster sagt, wüte ich immer noch. Das trifft aber auf alle Sprüche zu - ich merke mittlerweile, wer fühlt, was er sagt, und bei wem es oberflächliches oder vielleicht auch hilfloses Gebrabbel ist.

marko
22.12.2007, 10:08
Kennt Ihr diesen Spruch auch? Ich hasse ihn.

Mir ist vor einer Woche ein geliebter Mensch gestorben......und immer wieder muss ich mir diesen Satz anhören.......ich würde sie am liebsten Alle anschreien.........

So etwas kann eigentlich nur Jemand sagen, der noch nie so einen Verlust erlitten hat. Oder Jemand, der unendlich gefühllos ist.

Vor einem Jahr ist auch schon ein von mir geliebter Mensch gestorben......und nichts ist geheilt.


Bekommt Ihr auch so etwas zu hören?

Hallo Greta Garbo


Leider sind es genau diese Sätze, die Deinen Alltag ab jetzt begleiten werden. Als ich gestern Abend bei meinem Sohn war, hörte ich einen dieser Sätze wieder " Das Leben geht weiter" aber genau das geht es nicht. Nicht das was mein Leben so bereichert hat, was mein Leben ausmachte, was es lebenswert machte, was mich immer wieder kämpfen ließ. Nein das Leben geht nicht weiter, ein anderes Leben ja aber nicht das was ich mir zurück wünsche. Ich zeige es keinen aber genau diese Sätze sind schmerzhaft und lassen mich innerlich aufschreien. Nur dürfen wir uns dagegen auflehnen? Meinen es diese Menschen nicht eigentlich nur gut und sind nur überfordert. Seit mein Sohn nicht mehr bei mir ist will ich keine Floskeln mehr ertragen, will keine Oberflächlichkeit mehr akzeptieren und doch lasse ich es immer wieder geschehen.

Liebe Grüße

Birgit

Mimilette
22.12.2007, 10:38
....die zeit alleine heilt schon mal garnicht alle wunder - das hört sich so an, als müsste man nur ein bischen abwarten und schon ist wieder alles heile heile....

ich kann es gut verstehen, dass man sich über diese sprüche aufregt, manchmal denke ich mir dann auch: dann besser ganz den mund halten.

Warum bekommt man diese Sprüche trotzdem zu hören?Zum einen denke ich sind die meisten menschen in der situatione mit trauernden einfach überfordert und greifen dann auf ihnen bekannte floskeln zurück, obwohl sie gerne WIRKLICH trösten würden. Dann gibt es aber auch diejenigen, die den "Trauerkloss" mal ganz schnell vom Hals haben wollen, weil sie es ganz ganz unangenehm finden, jetzt mit SO einem Thema konfrontiert zu sein.

Trotzdem auch wenn man es nicht glauben kann, wenn der schmerz noch ganz frisch ist, so abgedroschen und unsensibel solche Sprüche auch vorgebracht werden, etwas Wahres ist schon auch dran - man bekommt Abstand und die Seele kann sich erholen, dennoch nichts ist so wie es vorher war - man ist ein anderer mensch - mit Narben - aber trotzdem wieder im Leben drin.

Opelius
22.12.2007, 11:00
Ich tue mich im Umgang mit Trauenden auch immer sehr schwer. Egal, was ich sagen werde, es wird als billiger Spruch gewertet. Selbst, wenn ich nur mit wirklichem Bedauern jemandem die Hand schüttele, so wird er dieses als Affront sehen ("nicht einmal das Maul hat er aufgekriegt!").

Ich denke, jeder von uns ist mit der Konfrontation des Todes von liebgewordenen Menschen gefühlsmäßig völlig überfordert. Als Mitmensch bin ich überfordert, irgendeinen "helfenden" Trost zu sagen. In meinen Augen greift die Liebe des Trauenden ins Leere, weil der geliebte Mensch einfach nicht mehr da ist.

Ich werde allerdings auch in Zukunft Trauernden mein Beileid aussprechen, zwar im Bewußtsein, niemand trösten zu können, aber ich finde es gehört sich so. In einem anderen Strang hier wird diskutiert, ob und was für Weihnachtsgrüße man an Trauernde senden sollte: mit Sicherheit nicht "Fröhliche Weihnacht", aber garnichts zu Weihnachten wünschen wäre in meinen Augen herzlos.

Mimilette
22.12.2007, 11:10
Lieber Opelius,
ich bin etwas erschreckt: du schreibst "es gehört sich so"....wenn du glaubst du kannst ohnehin nicht helfen und sprichst dein beileid dann nur aus, weil es sich so gehört, dann ist es besser du sagst nichts. Denn was sich gehört oder nicht ist in einem Trauerfalle so ziemlich das unwichtigste, das man sich vorstellen kann. Du kannst niemanden trösten und trotzdem ist es eine Hilfe einfach zu spüren, dass man nicht alleine ist. Von Herzen kommende Worte tun immer gut, eine Anstandsfloskel ist das Schlimmste was man tun kann

Opelius
22.12.2007, 11:36
Das, was ich erlebt habe in den Trauerfällen meiner Familie, war schlimmer. Freunde, Bekannte, Kollegen gingen mir einfach aus dem Weg. Sie wußten nicht, was sie sagen sollten. Ich war ziemlich wütend darüber, weil ich das überhaupt nicht verstand.

Von Herzen kommende Worte muss man finden, das kann halt nicht jeder. Und das habe ich inzwischen gelernt zu akzeptieren. Selbst wenn ein Arbeitskollege nur am Rande des Friedhofs während einer Beerdigung stehen bleibt, so weiß ich inzwischen, dass er mir helfen möchte und mich trösten möchte, aber es im Moment nicht kann.

Und selbst der Kollege, der während meiner Abwesenheit kommentarlos meine Arbeit mit übernahm, hat sich an meiner Trauer beteiligt, weil er schlicht das Notwendige tat.

Mimilette
22.12.2007, 11:51
...ja du hast natürlich recht, dieses aus dem Weg gehen ist noch schlimmer, ich kann es auch überhaupt nicht verstehen. Man wird dann noch zusätzlich wie ein "Aussätziger" behandelt und fühlt sich noch mehr alleine. Ich weiß, dass es sehr schwer ist die richtigen Wort zu finden, es muss ja auch kein Wort sein, sondern so wie du schreibst es kann auch ein Zeichen sein (der Kollege der die Arbeit übernimmt). Ich bin einfach über dieses "das gehört sich so" gestolpert..Ich bin momentan in der Situation, dass ich selber einen mir sehr nah stehende Menschen verloren habe, aber weiß, dass es Menschen in ihrer Umgebung gibt, die noch stärker unter dem verlust leiden werden. Ich habe mir den Kopf zermartert, wie verhalte ich mich auf der beerdigung und dann habe ich einfach in der situation aus dem gefühl gehandelt...ein feste umarmung..es war genau das richtige und ich bin froh, dass ich den schritt gemacht habe...

Inaktiver User
22.12.2007, 12:13
Greta,
es gibt eine abgeänderte Form, die ich so wahr finde:

"Die Zeit heilt nicht alle Wunden,
sie gewöhnt Dich nur an den Schmerz...."

wolfsmond
23.12.2007, 09:18
Liebe Greta Garbo,

ja diese dahingesagten Floskeln, sie sind einfach schrecklich.
-Das Leben geht doch weiter und Du bist doch noch jung -
führen bei mir die Negativliste an.

Mittlerweile habe ich eigentlich nur noch Mitleid mit diesen Menschen, die nicht das geringste Maß an Einfühlungsvermögen besitzen. Eigentlich können siie uns nur leid tun. Die meistens von denen würden gerne trösten und können es ganz schlicht und ergreifend nicht.

Wie gut tat mir eine Umarmung mit den ehrlichen Worten: "Ich weiß gar nicht was ich Dir sagen soll. Es ist alles Scheiße!"
Ein echt gemeintes: "Wenn Du Hilfe brauchst, ich bin immer für Dich da."

Am Donnerstag hatte ich auch wieder mal so eine Begegnung der unsensiblen Art. Ein Kollege hat mir allenernstes ein "wundervolles Weihnachtsfest" gewünscht. Ich dachte ich fall um. Konnte nur erwidern, dass das erste Weihnachten ohne meinen geliebten Mann, wohl so wundervoll nicht werden würde.

Viele sollten sich einfach mal vorher überlegen, wie sie selbst sich in dieser Situation fühlen würden, dann würden sie eventuell etwas sensibler mit ihren Mitmenschen umgehen.

Wünsche Euch allen viel, viel Kraft für die bevorstehende Zeit!
:in den arm nehmen:

vlg
wolfsmond

GretaGarbo
24.12.2007, 19:55
Greta,
es gibt eine abgeänderte Form, die ich so wahr finde:

"Die Zeit heilt nicht alle Wunden,
sie gewöhnt Dich nur an den Schmerz...."

Liebe Claudia.....ja, genauso stimmt dieser Satz.....das ist sehr wahr.....


Ich wünsche Dir eine friedliche Weihnacht :kerze: .........Greta

GretaGarbo
24.12.2007, 20:27
Liebe wolfsmond....

....einfache, ehrliche Gefühle wie: "Ich bin in Gedanken bei Dir.....wenn Du mich brauchst, bin ich da....." (wie Du schon geschrieben hast)....das ist es doch nur, was uns ein klein Wenig "hilft"......was überhaupt durchdringen kann.....

Natürlich kann uns keiner wirklich unsere Trauer "erleichtern"...aber eben diese Gedanken kommen von Herzen....geradeheraus.

Ich war, als ich diesen Thread eröffnete, so schockiert von einer Mail eines sehr guten Freundes, dem ich von dem Tod meiner Omi berichtet hatte.......er hat mir eine Anhäufung von leeren Phrasen geschickt......ich war wie betäubt.......gerade von ihm hätte ich es absolut nicht gedacht. Ich halte ihn jetzt erstmal fern von mir...

Man fühlt sich ohnehin wie in einem Vakuum....

Als vor einem Jahr meine Lieblingstante mit 55 an Krebs starb (sie war wie eine Schwester für mich)......da haben wir alle gelitten wie verrückt. Absolute Fassungslosigkeit in der ganzen Familie. Ich konnte die ganze Zeit nur noch denken: "So eine verdammte Scheisse!!! Was soll das???" Ich bin in den Wald und habe geschrien vor Wut, dass sie sterben musste.......

Und da gab es Personen, die einfach gesagt haben: "Wenn Du uns brauchst, sind wir da." Und Andere haben in den Arm genommen: "Dafür gibt es keine Worte."
Alles ist besser als hilflose Floskeln.....

Ich bin sicher ungerecht im Moment....wahrscheinlich gibt es Menschen, die mit Trauer nicht umgehen können..........aber die sollen mir im Moment einfach fernbleiben.


Nun schliesse ich mich wolfsmond an und wünsche Allen Kraft in dieser Zeit:kerze: ......Greta

wolfsmond
25.12.2007, 09:34
Liebe Greta,


von Greta
Ich war, als ich diesen Thread eröffnete, so schockiert von einer Mail eines sehr guten Freundes, dem ich von dem Tod meiner Omi berichtet hatte.......er hat mir eine Anhäufung von leeren Phrasen geschickt......ich war wie betäubt.......gerade von ihm hätte ich es absolut nicht gedacht. Ich halte ihn jetzt erstmal fern von mir...
Gerade von einem sehr guten Freund erwartet man in der Situation keine Phrasen. Ich kann auch nicht verstehen, dass manche Leute so reagieren, wie sie reagieren.
Angst? Alles nur nicht so nah an sich ranlassen? Es könnte einem selbst weh tun?
Oder passen wir Trauernde einfach nicht in das Bild der perfekten, super funktionierenden und leider auch oberflächlichen Welt?


von Greta
Ich bin sicher ungerecht im Moment....wahrscheinlich gibt es Menschen, die mit Trauer nicht umgehen können..........aber die sollen mir im Moment einfach fernbleiben.

Wir müssen an uns denken und an Menschen und Dinge, die uns gut tun! Für Oberflächlichkeiten haben wir keine Kraft und Zeit!!!
Daher ist Distanz zu solchen Menschen oder Dingen, die uns nicht weiterhelfen, oder ganz und gar schaden, unsere einzige Möglichkeit.

Eine :blumengabe: für Dich an einem kalten Dezembermorgen!!!

vlg
wolfsmond

Mimilette
25.12.2007, 10:38
..meiner Meinung nach gibt es noch einen anderen Grund für das Verhalten vieler Dritter, sie haben im Grunde ihres Herzens Angst vor dem Tod und folgen einem Fluchtimpuls, in dem sie Trauernden aus dem Weg gehen oder sie mit Floskeln abspeisen...denn im Umgang mit Trauernden werden sie direkt mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert....

Haferflocke
28.12.2007, 13:55
Ich habe zu Weihnachten ein Buch bekommen, in dem verschiedene Frauen darüber schreiben, wie sie den Tod ihres Partner erlebt und bewältigt haben. Unter anderem schrieb darin Dagmar Berghoff, die frühere Tagesschau-Sprecherin. Sie hat sehr unter dem Tod ihres Mannes gelitten und schwer gekämpft, wollte zeitweise sogar aufgeben.
Sie schreibt:

"Ich habe festgestellt: Die Zeit ist dein Freund. Erst legt sie ein ganz leichtes Balsamtuch über deine Wunde, ganz leicht. So irgendwann nach Monaten. Und später ein zweites Tuch, und dann wird es schon viel dichter. Wie Wunde ist da, aber diese Balsamtücher mildern, federn das irgendwie ab. Es mag komisch klingen, aber die Zeit ist wirklich dein Freund - im Grunde der einzige. Die Freunde, die mir zugehört haben, sie konnten die augenblickliche Situation entlasten, aber sie konnten mir nichts von meinem Schmerz nehmen. Den muss man ganz allein tragen."

Das hat mir Mut gemacht, auch weil diese Frau völlig am Ende war und es trotzdem geschafft hat. Sie hat wieder Mut zum Leben....und ich freue mich auf die Balsamtücher.

Liebe Grüße,
Haferflocke

Inaktiver User
31.12.2007, 10:52
Ich würde niemandem Gefühllosigkeit unterstellen, weil er sagt "Die Zeit heilt alle Wunden". Jeder Mensch geht mit Trauer anders um. Manche schluchzen bei Beerdigungen herzzerreißend, um dann schnell wieder zur Tagesordnung überzugehen, während andere sehr gefasst wirken, aber dafür um so länger an den oder die Verstorbene(n) denken oder z.B. nach Monaten oder manchmal Jahren, wenn eine Erinnerung hochkommt, im stillen Kämmerlein heulen.

Die Zeit mag Wunden nicht heilen, aber sie lindert sie. Der Schmerz bleibt nicht so groß wie zu Beginn. Er wird allmählich erträglicher. Ich kenne jedenfalls niemanden, der z.B. zehn Jahre nach dem Tode eines ihm nahestehenden Menschen noch jeden Tag genau so "fertig" ist wie unmittelbar nach dessen Ableben. So etwas zu behaupten, halte ich für verlogen. Und ich halte es auch für übertrieben, anderen Menschen Vorwürfe zu machen, die einen mit diesem Sprichwort auf etwas ungeschickte Art und Weise trösten wollen. Da gibt es wohl weitaus schlimmere moralische Verfehlungen! Und wenn einem die Menschen, die wissen, dass Worte sowieso nicht trösten können, dann aus purer Hilflosigkeit aus dem Weg gehen, wird ihnen ebenfalls Gefühllosigkeit und Herzlosigkeit unterstellt. Wie sie's machen, so machen sie's falsch. Letztlich ist so ein Beharren auf seinem ach so großen, unvergänglichen Schmerz auch Jahre und Jahrzehnte nach dem Todesfall für mich auch keine Trauer, sondern pures Selbstmitleid, das den oder die Verstorbene(n) auch nicht mehr zurückbringt.

Vor 14 Jahren ist mein Vater qualvoll an Krebs verstorben; damals war ich 30, wohnte noch zu Hause und war mitten im Abschlussexamen. Meine Mutter war schon damals chronisch krank; ich habe mir auch Sorgen gemacht, wie sie dies verkraften würde. Ich hatte aber keine Zeit, jeden Tag herumzuschluchzen; dann hätte ich nicht für die mündliche Prüfung lernen können und wäre womöglich durchgefallen (und das wäre das Letzte gewesen, was mein Vater gewollt hätte!). Trotzdem hatte ich noch sehr lange daran zu tragen; das merkte ich vor allem, als ich ein halbes Jahr danach meine erste Stelle antrat und nicht so unbeschwert sein konnte wie die anderen. Irgendwann ließ der Schmerz nach, wenngleich es auch heute noch Situationen gibt, in denen ich meinen Vater gern um Rat fragen oder ihm etwas erzählen würde. Aber ich weiß genau, dass mein Vater sich gewünscht hätte, dass ich im Leben zurecht komme und nicht an seinem Tod zerbreche und dies mit Trauer verwechsele.

Ich hätte nie Leute verurteilt, die mir damals gesagt haben: "Die Zeit heilt alle Wunden" oder "Irgendwie geht es immer weiter". In solchen Sprichwörtern steckt nämlich - wie in allen - ein wahrer Kern!

Und vielleicht sollten Trauernde bei allem Schmerz auch mal daran denken, dass keinem Menschen sein Leben lang die Konfrontation mit Leid und Tod erspart bleibt - die Menschen, die jetzt ungeschickt mit "Sprüchen" zu trösten versuchen, werden vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt Ähnliches erleben oder haben bereits zu einem früheren Zeitpunkt Ähnliches erlebt - hoffentlich sind die aktuell Trauernden, die ihnen jetzt Vorwürfe wegen angeblich mangelnder Sensibilität machen, dann ihnen gegenüber auch einfühlsam genug (bzw. einfühlsam genug gewesen)!

prinzessin01979
31.12.2007, 12:53
Mitmenschen nehmt uns Trauernde an

Geht behutsam mit uns um, denn wir sind schutzlos.

Die Wunde in uns ist noch offen und weiteren Verletzungen preisgegeben.

Wir haben so wenig Kraft, um Widerstand zu leisten.



Gestattet uns unseren Weg, der lang sein kann.

Drängt uns nicht, so zu sein, wie früher,

wir können es nicht.

Denkt daran, dass wir in Wandlung begriffen sind.

Lasst uns sagen, dass wir uns selbst fremd sind.

Habt Geduld.



Wir wissen, dass wir Bitteres in eure Zufriedenheit streuen,

dass euer Lachen ersterben kann, wenn ihr unser Erschrecken seht,

dass wir euch mit Leid konfrontieren, das ihr vermeiden wollt.



Wenn wir eure Kinder ( oder andere wie Mutter, Vater, Mann, Frau, Bruder, Schwester, Freund, Freundinnen, Oma, Opa ) sehen, leiden wir.

Wir müssen die Frage nach dem Sinn unseres Lebens stellen.

Wir haben die Sicherheit verloren, in der ihr noch lebt.



Ihr haltet uns entgegen : Auch wir haben Kummer.

Doch wenn wir euch fragen,ob ihr unser Schicksal tragen möchtet,

erschreckt ihr.

Aber verzeiht : Unser Leid ist so übermächtig, dass wir oft vergessen,

dass es viele Arten von Schmerz gibt.



Ihr wisst vielleicht nicht, wie schwer wir unsere Gedanken sammeln können.

Unsere Kinder begleiten uns.

Vieles, was wir hören, müssen wir auf sie beziehen.

Wir hören euch zu, aber unsere Gedanken schweifen ab.



Nehmt es an, wenn wir von unseren Kindern und unserer Trauer

zu sprechen beginnen.

Wir tun nur das, was in uns drängt.

Wenn wir eure Abwehr sehen, fühlen wir uns unverstanden und einsam.



Lasst unsere Kinder bedeutend werden vor euch.



Teilt mit uns den Glauben an sie.

Noch mehr als früher sind sie ein Teil von uns.

Wenn ihr unsere Kinder verletzt, verletzt ihr uns.

Mag sein, dass wir sie vollendeter machen,als sie es waren,

aber Fehler zuzugestehen fällt uns schwer.

Zerstört nicht unser Bild.

Glaubt uns : Wir brauchen es so.



Versucht euch in uns einzufühlen.

Glaubt daran, dass unsere Belastbarkeit wächst.

Glaubt daran, dass wir eines Tages mit neuem Selbstverständnis leben werden.

Euer "Zu - trauen" stärkt uns auf diesem Weg.



Wenn wir es geschafft haben, unser Schicksal anzunehmen,

werden wir euch freier begegnen.

Jetzt aber zwingt uns nicht mit Wort und Blick,

unser Unglück zu leugnen.

Wir brauchen eure Annahme.

Vergesst nicht, wir müssen so viel von Neuem lernen.

Unsere Trauer hat unser Sehen und Fühlen verändert.



Bleibt an unserer Seite.

Lernt von uns für euer eigenes Leben.


Erika Bodner

Inaktiver User
02.01.2008, 08:28
Mir fällt zu dem Thema "unbeholfene Mitmenschen" folgende Begebenheit ein:


Einige Monate nach dem Tod meines Jungen traf ich einen der Taxifahrer, die meinen Jungen monatelang zu Bestrahlungen in die Hauptstadt gefahren hatten, in der Stadt.
Er kam aus einem Hauseingang, ich wollte hinein.
Die Begegnung war also unausweichlich

Ich SAH die Panik in seinen Augen, er wäre so gerne unsichtbar geworden, ihm blieb richtig die Luft weg.

Was SAGT man denn einer Mutter???
Was sind die richtigen Worte?

Er sagte:

"Schade."

Und in diesem einen "unbeholfenen Wort" lag so viel Ehrlichkeit, Bedauern, Trauer, Mitgefühl.... und seine Augen sagten dasselbe

Ich nickte stumm, und jeder ging seiner Wege.

Dieses eine Wort gab mir soviel.
Weil es so authentisch war.
Er war kein Mann vieler gefühlvoller Worte.

Aber eine ehrliche, mitfühlende Haut.




Noch was anderes:
Wenn ich jetzt mal ehrlich sein darf, rückblickend habe ich viel Verständnis mit den Menschen, die mir damals aus dem Weg gegangen sind.
Echte Trauer eines anderes auszuhalten, ist (!) schwer.
Das kann nicht jeder.

Wenn ein Mensch so "frisch-seelenverwundet" ist und das ausstrahlt, dann ist das irritierend für andere, und belastend - alles auch auf unbewusster Ebene. Die Auren der Menschen tauschen blitzschnell Informationen aus.
Und mancheiner Zeitgenosse macht dann "dicht" weil er´s nicht ertragen kann (oder will?) und geht mit belanglosen Sprüchen oder gar gewollten Verletzungen des Trauernden auf Distanz.

Ja, es gibt Menschen, die einem Trauernden bewusst (!) wehtun, weil er eh grad so schön am Boden liegt und keine Gefahr gerade darstellt.
Habe ich erlebt innerhalb einer Frauengruppe. Die Kursleiterin hatte sich mich und eine frisch verlassene Ehefrau "ausgesucht".
Naja.
Sie wird ernten, was sie gesät hat. Altes universelles Gesetz.



Um auf das Ausgangsthema zurückzukommen:
"Die Zeit heilt alle Wunden".
Nun, das tut sie nicht unbedingt, aber sie bereitet den Boden der Heilung.
Heilung braucht Zeit.
Sie ist nicht unser Heiler, sondern unser Verbündeter und Freund.

Geben wir ruhig "der Zeit" eine Chance, uns zu helfen.

Vor Jahren noch hätte ich mir nie und nimmer nicht vorstellen können, wie gut es mir Jahre danach gehen könnte.
Es geht mir sogar besser als vor der Krankheit und vor dem Tod meines Jungen.
Ist das nicht seltsam?

Aber ich habe auch meine Chance genutzt, die die Zeit mir freundlicherweise gab.

Ich selbst war "tot", war völlig zerbrochen.
Da war gar kein "Ich" mehr da!

Ich nahm eine andere Identität an, die MiraMaureen und liess mich auch im "realen" Leben von einigen Menschen (die verstehen konnten und wollten, was mit mir geschehen war!) mit "Mira" ansprechen.
Die Gestalt der Mira trug mich so lange durchs Leben, bis in mir eine neue Persönlichkeit herangewachsen war, eine echte authentische Person, weitgehend gesund an Seele und Körper.

Lavendelmond.

Und "Lavendelmond" ist wirklich nichts weiter als ein hübscher Nickname für die BriComm.
Der Mensch dahinter ist neu und ganz sie selbst :zwinker:

MaryLoulou
10.01.2008, 17:18
Ich kann die ganzen Sprüche nicht mehr hören!!! Meine Schwester ist vor ein paar Tagen gestorben und ich könnte nur noch heulen, schreien, heulen und schreien. Wenn die Menschen, die nichts zu sagen wissen, doch einfach nur still wären, einfach einem die Hand drücken und und nichts sagen oder sagen, dass sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Sprüche tun einfach nur weh. Ich bin so tieftraurig wie noch nie in meinem ganzen Leben. Ich wusste nicht, dass Trauer so weh tut. Ich bin körperlich total erschöpft und sehr müde. Ich habe einfach nur noch Angst.
Maryloulou

Haferflocke
10.01.2008, 18:21
Liebe Marylou,
wir alle hier wissen, was Du gerade durchmachst.Wir wissen auch, dass alle Worte jetzt nicht helfen.
Das einzige war wir jetzt sagen können ist, dass Du hier immer jemanden finden wirst, der Dir zuhört.
Alles Gute für Dich,
Haferflocke

Inaktiver User
10.01.2008, 18:35
MaryLoulou :in den arm nehmen:
Ich möchte mich Haferflockes Worten anschließen.
Laß den Schmerz raus, soweit du es ertragen kannst. Du "darfst" auch wütend sein.
Du wirst verschiedene Trauerphasen durchmachen.
Wenn du möchtest, stehen wir dir bei.
Soweit das eben möglich ist in einem Forum.

nochmal: :in den arm nehmen:

fuechsine
10.01.2008, 18:40
Erzähl uns von Deiner Schwester:blume:
Gib Deiner Trauer Worte.

Lieben Gruß