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Inaktiver User
19.12.2007, 16:35
Liebe Freundinnen, liebe Menschen da draußen,

mein Papa ist seit 3 Jahren tot, meine Mama seit 11 Monaten. Ich selber bin 40 und in einer an sich nicht so üblen Beziehung. In eigentlich einer sehr guten Beziehung ...

... aber: Offensichtlich versteht keiner, wie es mir geht.

Sicher, Freunde und Bekannte fragen nach, wie ich z. B. mein Elternhaus verkauft habe (ja, ich habe es verkauft, auch zu einem guten Preis). Oder, wie ich mein Leben weiterzuleben gedenke.

Sehr schön, sehr nett, das alles.

Nur: Was mir fehlt - und zwar fehlt wie ein Bissen Brot sind: meine Eltern!

Mein Erbteil hat mein Vermögen verdoppelt. Das alles ist sehr nett, sehr schön und total unwichtig. Ich hatte vorher schon ausreichend Geld für mein Leben, so viel brauch ich nicht.

Die meisten Menschen überschätzen mein Erbe und meinen, daß mich das ererbte Geld glücklich macht.

Nun ja, mehr Geld zu haben, ist immer gut. Aber in diesem Fall ist es für mich nicht gut. Meines (mein Geld) hätte gereicht.

Aber davon will ich gar nicht sprechen, denn: Mir fehlen meine Eltern, sie fehlen mir unendlich. Ich hab noch Schwiemu Nr. 1 (Sohn verstorben, ich verwitwet), mit der ich Kontakt halte. Doch auch diese Frau baut ab, braucht meine Hilfe, sprich: Ich krieg von dort auch keine Unterstützung.

Meist ist all das okay, ich bin pragmatisch, sehr diszipliniert und versuche auch, meine Medikamente gegen meine (mittelprächtige) Depressionen regelmäßig zu nehmen.

Aber: Kein Mensch versteht mich. Ich habe 2 Familien, die gerne und oft sagen, sie adoptieren mich. Schön gesagt, aber hinterher kommt nichts. (Das ist im Gespräch passiert, ist lieb gemeint, aber natürlich nur eine Floskel. Trotzdem halten wir Kontakt, wobei ich mich mehr melde als die anderen - aber die anderen haben Familie).

Was ich niemandem verüble.

Mein Partner ist mein Partner. Aber sonst nichts - sprich: Er ist kein Elternteil, klarerweise und ich fühle mich mit 40 zwar nicht führungslos (das kann ich ohne Eltern), aber heimatlos (also: ohne Eltern).

Kann jemand aus meinem wirren Geschreibsel was rauslesen?

Ich hoffe es, denn ich fühle mich absolut ... heimatlos. In einer Hinsicht ist es angenehm, keine Eltern zu haben, denn: Man kann ein bißchen anders leben. Ohne Rückfrageprobleme.

Auf der anderen Seite bleibt da ein unglaublich tiefes Loch. Da, wo vorher Liebe, und zwar ziemlich streßrestistente Liebe war (soll heißen, die Tochter muß nicht die allergrößte, allerbeste sein, wenn sie heulend heimkommt - was ich nie getan habe, aber trotzdem - wird sie ohne Vorbehalte geknuddelt, geknutscht, notfalls aufgenommen und gepäppelt).

Päppelei war nie nötig, eher hab ich in den letzen 5 Jahren meinen Eltern assistiert und sie wußten auch, was ich kann, was auch ihr Verdienst war, da sie mich einfach ins kalte Wasser geworfen hatten und mich zu einem sehr zielgerichteten Menschen erzogen haben.

Und jetzt ... stehe ich da, und ich hab das Gefühl, keiner versteht mich.

Ist es peinlich, zu trauern? Versetze ich da Menschen in .... merkwürdige Gefühle?

Von wem kann ich annehmen, daß er mich in den Arm nimmt?

Von wem kann ich fordern, daß er mich in den Arm nimmt?

Ach, ich weiß eigentlich nicht, was ich schreiben soll, so weh tut mir das alles. Vielleicht ist es auch viel zu viel verlangt, daß jemand in einem anonymen Forum das liest und mir liebe Worte sendet.

Vor allem, da ich nicht weiß, wie ich auf alles reagieren soll!

Ziemlich hilflos,
fenetra

Inaktiver User
19.12.2007, 17:01
Liebe Fenetra,

Antworten auf Deine Fragen habe ich auch nicht.
Es wäre wohl auch anmaßend von mir zu schreiben, ich würde Dich verstehen.
Aber irgendwie glaube ich doch, Dich zu verstehen.
Meine Oma ist vor Jahren gestorben.
Erben hat mich nicht glücklich gemacht.
Unglücklich!!!!!!
Ganz furchtbar unglücklich!!!!!

Ich glaube, ein In-den-Arm-nehmen darf jeder von jedem annehmen. Wenn es von gegenüber kommt kommt es von Herzen. Ich hätte immer Angst, wenn ich es fordere, daß es gezwungen und nicht von Herzen kommt. Gezwungenes fühlt sich nicht gut an.

Stündest Du jetzt vor mir, ich würde Dich gerne in den Arm nehmen wollen, ehrlich.

Wir beide sind gleich alt.
Deinen Text hätte ich genau so über meine Oma schreiben können, meine Gefühle würde ich beschreiben, so wie Du Deine Gefühle beschreibst.

Vielleicht ist es egal, wo genau ein Gefühl herkommt, um sich gegenseitig zu verstehen..

Vielleicht bist Du genervt von mir und meinen Worten, schließlich habe ich meine Eltern noch, was steht es mir eigentlich zu, Dir überhaupt zu schreiben.

Und troz allem und trotz aller Gedanken in meinem Kopf geht mir Dein Text so zu Herzen, daß ich nicht 'still' bleiben mag.

Die Liebe, die Du 'stressresistent' nennst, nenne ich gerne "bedingungslos". Und diese Liebe scheint es wirklich nur von eigenen Eltern oder lieben eigenen Großeltern zu geben.

Meine Worte an Dich schreibe ich nicht, weil Du es verlangst. Ich schreibe sie, weil sie in mir sind und zu Dir wollen.

Ganz liebe echt lebendige Grüße an Dich - geschickt über ein unlebendiges, virtuelles Medium.

EW

Inaktiver User
19.12.2007, 17:14
Oh, meine Güte, liebe Entwicklerin ...

... Du hast mir mit Deinen Worten unendlich geholfen. Da hab ich wieder ein Puzzlesteinchen, was ich einfügen kann.

Ja, diese Art von Liebe gibt es nur, wenn man noch Eltern hat. Ein Partner verlangt (klarerweise!) auch - ein Partner verlangt Beziehungsarbeit. In welcher Form auch immer, und diese Form ist von Liebe geprägt, aber ... eine Liebe, wie sie die Eltern empfinden, kann natürlich kein Partner "bringen". Wie auch?

Ein Partner verlangt und gibt. Eltern verlangen zwar auch - aber da kann man sich als Kind abgrenzen und im schlimmsten Fall alles über Bord werfen und heulend zurückkommen. Nein, ich kam - obwohl mein Leben nicht wirklich immer Sonnenschen war - niemals heulend zurück. Aber ich hätte heulend zurückkommen können!

Eltern fordern zwar - aber auch irgendewie nie. Großeltern schon gar nicht. Wie Du Deine Oma vermißt - ich hab sie auch vermißt, ich habe beide Omas nach kurzen Aufenthalten in Pflegeheimen verloren. Die Omas geben mit - aber die Eltern prägen noch mehr!

Ich glaube, ich vermisse es, nur um mir selbst willen geliebt zu werden.

Meine Worte kamen auch einfach so - danke für Deine Worte "einfach so". Das ist mehr wert als geschliffene Worte.

Danke!

Inaktiver User
20.12.2007, 12:33
Hallo liebe Fenetra,

ich denke gerade an Dich - wie geht es Dir heute?

Gruß

EW

Inaktiver User
20.12.2007, 13:48
Danke fürs Fragen, liebe Entwicklerin!

Heute gehts mir schon viel besser, obwohl ich einen scheußlichen Hexenschuß habe und mir die Arbeit total schwerfällt. Aber zumindest die Trauer und das Gefühl, "Waise" zu sein, ist weniger da.

Freund war gestern auch sehr lieb zu mir und ich denke, für den Moment ist mal wieder alles "unter der Oberfläche" - oder ein bißchen Aufarbeitung ist wieder passiert.

Danke für Deine Worte!:blumengabe:

Inaktiver User
20.12.2007, 16:15
Na prima,

das freut mich zu lesen - daß es Dir gefühlsmäßig wieder besser geht.

Der Hexenschuß ist natürlich blöd und dafür wünsche ich Dir gute Besserung, ganz schnell!!!

Gruß

EW

stern2007
20.12.2007, 19:02
Hallo fenetra,

ich kann Dich und Deine Gefühle sehr gut verstehen.
Meine Eltern sind auch verstorben; mein Vater vor 11 Jahren
und meine Mutter vor 46 Wochen.

Als meine Mutter, mit der ich sehr eng verbunden war, starb,
riss es mir den Boden unter den Füßen weg; im ersten Augenblick
war ich unfähig mich zu bewegen, ich stand da und trotzdem
stand ich neben mir. Der Verlust meiner Mutter hat ein sehr
großes, tiefes Loch hinterlassen.

Trauern kann ich auch nur für mich.
Andere Personen in meiner Nähe können nicht nachvollziehen,
wie es mir geht.
Der Verlust zerreist mich, der tiefe Schmerz ist fast unerträglich ,
meine Mutter fehlt mir so sehr!!!!!!

Tabea
20.12.2007, 19:16
Liebe fenetra,

Deine Worte rühren mich sehr an - weil ich genauso alt bin wie Du, meine Eltern beide noch habe und das manchmal gar nicht zu schätzen weiß. Ich nehme es völlig für selbstverständlich.

Zu Deiner Trauer: erstens, ist es völlig normal, dass Du noch nicht darüberhinweg bist. Mache Dir da keinen Druck - es ist so, wie es ist. Und zweitens: Du darfst Dich und Deine Trauer ruhig anderen zumuten! Du darfst deinem Partner, deiner besten Freundin, deinem Therapeuten oder deinem Pfarrer ruhig sagen "heute geht es mir gar nicht gut, ich bin so traurig!". So lange das nicht dauernd und den ganzen Tag so ist!
Ich habe in Zeiten der Trauer gesehen, dass Menschen von sich aus nicht fragen - dafür ist es wirklich zu sehr ein Tabu-Thema. Wenn man aber anfängt zu erzählen, gibt es doch einige Menschen, die trösten und zuhören wollen und können. Nicht alle und nicht alle gleich gut, aber sie gibt es.
Vielleicht könnte eine Selbsthilfegruppe für Dich hilfreich sein?

Alles, alles Gute! :in den arm nehmen:
Tabea

GretaGarbo
20.12.2007, 20:14
Liebe fenetra...

...ich bin 44 und meine Eltern leben noch, doch kann ich ein klein Wenig nachvollziehen, wie es Dir geht. Auch für mich sind meine Eltern der Inbegriff von Heimat...egal wo sie gerade sind. Und auch diese bedingungslose Liebe......ist etwas Einmaliges...ein sicheres Netz der Liebe......man macht es sich nur zu selten klar.....
Wenn ich mir vorstelle, wie es wäre, wenn meine Eltern nicht mehr wären....die Luft zum Atmen wäre nicht mehr da......

Trauer ist niemals etwas Peinliches.....nie. Viele Gespräche....mit Freunden oder wem auch immer.....haben mir geholfen, ein Stück Schwere abzugeben (über den Tod meiner Tante+meiner Omi).......den Schmerz wirklich gelindert haben sie nicht.....aber es tut gut, es mit anderen zu teilen.......

Man wird immer wieder überrollt von der übergrossen Welle der Trauer.....egal, wie lange es her ist.......diese Menschen waren ein Stück von einem Selbst........


Liebe Grüsse.....Greta