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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ganz gefühllos - kennt ihr das?



Haferflocke
15.12.2007, 14:43
Geht es euch auch manchmal so, dass ihr fast nichts fühlen könnt? Manchmal bin ich schrecklich traurig und verzweifelt, dann gibt es Zeiten, wo ich ganz friedlich und mit ihm bin und dann gibt es zwischendurch immer wieder Tage, wo ich das Gefühl habe, garnichts fühlen zu können. Leere. Dann kann ich ein Bild von ihm anschauen und ich sehe einfach das Bild, ohne Kummer und ohne Freude und denke, ja, er ist weg. Das fühlt sich nicht gut an, denn dann kann ich ihn auch nicht spüren. Und dann denke ich, warum fühle ich nichts. Ich liebe ihn doch...ich verstehe mich dann selbst nicht mehr und frage mich, ob das der Anfang vom Abschied ist?

Bine0369
16.12.2007, 07:40
Liebe Haferflocke,

ich denke eher, es ist eine Hilfe, eine kleine Atempause in der langanhaltenden Trauer, die so sehr schmerzt.

:blumengabe:

Inaktiver User
16.12.2007, 13:38
Liebe Haferflocke,

ich denke eher, es ist eine Hilfe, eine kleine Atempause in der langanhaltenden Trauer, die so sehr schmerzt.

:blumengabe:

Ganz genau.
Ich halte es auch für eine Art Erschöpfung. Kein Mensch kann pausenlos tiefe, tragische Gefühle haben (zum Glück).
Das ist so ähnlich, als wenn das Fieber erst runtergeht um dann noch mal zu steigen.

Liebe Haferflocke, wenn man Trauer in all ihren Facetten durchlebt, lernt man Gefühlszustände kennen, von denen man nicht wusste, dass sie existieren.
Ich kann mich an die drei Tage erinnern, wo ich überhaupt nichts mehr fühlte, auch nicht meinem lebenden Sohn oder meinem Mann gegenüber. NICHTS.
Im Nachhinein war das grauenvoll - als ich es just erlebte, völlig gleichgültig und nichtig, ganz seltsam.
Sei tapfer, halte durch und tu dir viel Gutes :blumengabe:

Haferflocke
16.12.2007, 20:45
Ich danke euch für eure Antworten. Vielleicht habt ihr recht. Vor der Gefühllosigkeit war es so schrecklich, so hätte es auch nicht mehr lange weitergehen können. Eigentlich gut, dass der Körper es schafft, sich zu schützen und zu erholen, wenn er es braucht.
Ich wünsche euch einen guten Start in die Woche!
Liebe Grüße, Haferflocke

Inaktiver User
21.09.2008, 11:42
Liebe Haferflocke,

ich habe in deinem Bericht an Lillian gelesen,wo dein Freund jetzt ist.Das hat mich tief berührt,denn auch ich konnte mich nicht richtig von meinem Mann verabschieden.Ich weiß nicht,ob ich hier so offen sein darf.Er hatte einen Motorradunfall,frontal mit einem Auto. Das Auto fing sofort Feuer,er ist verbrannt.Festellung der Identität nur durch Dna.Anfangs hat mich dieses Bild,das brennende Auto war im Fersehen.verfolgt.Ich habe mir immer diesen Körper vorgestellt.Es war entsetzlich.Aber inzwischen sage ich mir,er hat es nicht mehr gespürt,war sofort tot.Und wird unsere sterbliche Hülle nicht fast immer durch eine Feuerbestattung beigesetzt?Auch ich liebte diesen Körper,seine zärtlichen Hände,sein Gesicht.Ich versuche jetzt immer, ihn mir so vorzustellen,wie er war.Ich sehe mir Bilder und Videos an,höre seine Stimme noch einmal.Das hat mir geholfen.Ich habe noch viel Trauerarbeit vor mir,es ist jetzt gerade mal 12 Wochen her und ich vermisse ihn so sehr.Aber ich versuche auch die furchtbaren Gedanken weit weg zu verbannen.Er war ein Motorradfahrer aus Leidenschaft,ein lebenshungriger,lustiger Mensch.Er hatte bis zum Todeszeitpunkt noch Spaß.Er wollte ,das, wenn es mal soweit ist,der Tod bei etwas Schönen eintritt, ganz plötzlich.So ist es gekommen,genau wie bei deinem freund.Er war doch sicher auch ein Bergsteiger aus Leidenschaft.Das Schicksal hat sie uns nur viel zu früh genommen.Und wir müssen damit fertig werden.


Es grüßt dich ganz lieb Abendrot.

Haferflocke
21.09.2008, 12:36
Liebe Andrea,

danke für Deine lieben Worte. Ich habe schon von Deinem Schicksal und dem Deines Mannes gelesen und möchte Dir an dieser Stelle sagen, wie leid es mir tut für euch beide.

Dass wir uns alle uns nicht verabschieden konnten, dass ist vielleicht das schlimmste. Ich hätte meinem Freund noch soviel zu sagen gesagt. Ich habe ihm alles nach seinem Tod gesagt, aber das ist natürlich nicht dasselbe...

Die schrecklichen Bilder, ja, die quälen. Aber es gelingt mir oft, mich an den lebenden Menschen zu erinnern, nicht an den Toten. Aber das heißt nicht, dass es weniger weh tut, oder?
Fotos und Videos habe ich mir auch oft angeschaut, aber in letzter Zeit vermeide ich das. Am Anfang war ich geradezu süchtig danach, jetzt traue ich mir oft nicht, sie anzuschauen, weil ich Angst habe vor dem Schmerz. Ich hüte sie wie einen Schatz, den man sich nur selten anschaut, aber das Wissen, dass er da ist, das ist sehr wichtig.

Was Du über die Leidenschaft unserer Liebsten geschrieben hast, die uns trösten kann, da stimme ich Dir zu, auch wenn es mich nicht immer tröstet, aber doch zumindest manchmal. Mein Freund war ein leidenschaftlicher Bergsteiger. Und wer sich einmal in die Berge verliebt hat, der kommt davon nicht mehr los. Ich habe lange geforscht, warum Bergsteiger immer wieder in die Berge gehen, trotz der Gefahr. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen: sie können nicht anders. Es ist das, was sie erfüllt. Hätte man meinen Freund gefragt, wo er einmal sterben möchte, dann hätte er sicherich gesagt, in den Bergen. Manchmal habe ich mir gewünscht, er hätte gerettet werden können. Aber dann wäre er wahrscheinlich ein Wrack gewesen und hätte nicht mehr in die Berge gehen können. So hätte er nicht leben können. Und so bin ich immer wieder zu dem Ergebnis gekommen, es ist besser so, wie es gekommen ist. Du hast Recht, es ist ein Trost zu wissen, dass unsere Liebsten bei etwas ums Leben gekommen sind, was sie geliebt haben. Aber es war eben viel zu früh....

Ich wünsche Dir für deinen Weg in der Trauer alles Gute, liebe Andrea. 12 Wochen ist es jetzt bei Dir her. Ich kann mich gerade nur vage erinnern, wie sich das angefühlt hat, zum Glück vielleicht. Aber es muss unendlich schwer gewesen sein, denn es ist bei mir jetzt noch schwer, nach über einem Jahr. Aber wir müssen darauf vertrauen, dass es irgendwann wirklich wieder gut werden kann, anders, aber wieder gut. Bis dahin müssen wir trauern und heilen...

Alles Liebe,
Haferflocke

Inaktiver User
24.09.2008, 19:53
Liebe Haferflocke,mich hat dein Schicksal sehr beschäftigt,vor allem das du keinen Ort hast,an dem du deinen Mann besuchen kannst.Ich weiß nicht ob du vielleicht einen Garten hast,oder ob es einen Ort gibt an dem ihr gern zusammen gewesen seid.Ich habe in unserem Garten.an seiner Lieblingsecke am Teich eine Gedenkstelle geschaffen.Mit Natursteinen, seiner Lieblingspflanze in der Mitte und einer Gedenktafel mit der Inschrift ;; Tommy auf ewig in unserem Herzen;;.Ich glaube, dass seine Seele hier bei mir,auf diesem Stückchen Erde ist,dass er so geliebt hat.Ich kann auch nicht so oft auf den Friedhof gehen.Aber an unserer Gedenkstelle stelle ich immer frische Blumen hin,rede mit ihm,fühle ihn ganz nah bei mir.Mir hat es sehr geholfen.Ich weiß,jeder muss für sich seinen Weg finden.Es drückt dich ganz lieb Andrea.

Haferflocke
24.09.2008, 22:44
Liebe Andrea,

schön, dass Du Dir einen Ort geschaffen hast, wo Du Deinen Thomas findest und mit ihm reden kannst. Jeder hat da seinen eigenen Weg und es schön, wenn dieser Ort Dir gut tut.

Ich habe mich daran gewöhnt, dass wir kein Grab haben und ich auch keinen Gedenkplatz als reellen Ort habe. Und ich brauche diesen Ort auch nicht. Ich glaube, ein Grab, in dem sein Körper oder seine Asche liegt, würde mir nicht helfen. Warum sollte er dort sein? Und ein "eingerichteter" Gedenkplatz, nein, das würde mir auch nicht helfen. Ich habe diesen Ort, an dem ich an meinen Freund denke, in mir. Er ist überall, wo ich bin. Ich kann überall mit ihm reden.
Und es gibt dazu noch einen besonderen Ort für mich in dem Land, in dem er gestorben ist, auch wenn ich nicht genau weiß wo. Dieses Land ist sehr weit weg. Seine Eltern und ich haben dort in diesem August eine Gedenktafel angebracht. Sicher werde ich, wenn das Schicksal es mir erlaubt, noch so manches Mal dorthin fahren. Als ich da war, habe ich gespürt, ja, hier ist er...Er hat einen schönen Platz gefunden.

Schlaf gut, liebe Andrea, und ein paar :Sonne: -Strahlen für unsere Herzen, die ein bißchen Wärme bringen,
Haferflocke