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butterfly38
12.12.2007, 23:29
Hallo,

am Montag ist ein Klassenkamerad (9) meiner Tochter nach langer schwerer Krankheit gestorben.
Diese Familie, die ich nicht gut kenne (wir sind erst seit diesem Schuljahr an der neuen Schule) hat nun, wie ich heute erfahren habe, ihr drittes Kind verloren.

Mir tun die Eltern dieses Jungen so dermaßen leid, dass ich es nicht in Worte fassen kann.

Mich plagen nun üble Gewissensbisse, dass ich mich nicht wenigstens einmal bei den Eltern des Jungen persönlich über dessen Gesundheit erkundigt habe. Noch dazu hat mir ein anderer Vater vor längerer Zeit erzählt, dass der Junge ständig von unserer Tochter spricht (umgekehrt genauso und meine Tochter leidet nun richtig) und er ausserdem glaubt, dass die ganze Klasse ihn vergessen hätte. Es stellte sich dann heraus, dass das so nicht stimmte, da die Klasse in Briefkontakt mit ihm war. Meine Tochter hat sich auch nach mehrmaliger Aufforderung meinerseits nie getraut, bei ihm anzurufen, ich habs dann auch immer bleiben lassen. Ich weiß, ich hätte mit gutem Beispiel vorangehen sollen und hab's nicht getan.

Ich möchte den gleichen Fehler nicht noch einmal machen und würde gerne wissen, wie ich in solch einer Situation den Eltern des verstorbenen Jungen entgegentreten kann. Mir ist in vielen Beiträgen aufgefallen, dass das mangelnde bzw. nach einiger Zeit stark nachlassende Anteilnehmen am Leid der Hinterbliebenen kritisiert wird. Was hattet ihr für Erwartungen und Wünsche an Freunde, Bekannte, evtl auch so gut wie Fremde wie mich und meine Tochter bzgl. Anteilnahme am Tod eines geliebten Menschen? Ich möchte auf keinen Fall aufdringlich erscheinen sondern mir geht es um ehrliches Mitgefühl und wie man helfen kann.

Danke für eure Antworten!
LG, butterfly

Inaktiver User
12.12.2007, 23:52
Butterfly,
als unser Sohn gestorben ist (überfahren auf dem Weg zur Schule) haben wir richtig gemerkt wie unsicher alle um uns herum waren. Man hat eine ganz feine sensible Antenne dafür dann...
Die Klassenkameraden und andere Freunde aus der Schule haben alle Karten gebastelt (auch Abschiedswünsche direkt an Max gerichtet) und sie wurden zusammengeklammert als Büchlein uns von der Lehrerin gegeben. Darin waren gemalte Bilder, Gedichte oder einfach Gedanken von den Kindern - es war berührend und wie eine Umarmung für uns Eltern. So haben wir die Anteilnahme richtig gespürt.
Ausserdem wurde ein Gedenkgottesdienst in der Aula von der Schule abgehalten, dies war gleichzeitig für uns der Abschied, eine neutrale Möglichkeit für alle, Familie, Freunde, und Schulkameraden, sich zu verabschieden.

Aber Butterfly, bitte bitte, lass Dich blicken, bzw rufe an, biete Hilfe an, oder sage einfach dass Du da bist, falls sie jemand zum reden brauchen. Du brauchst nur zuzuhören, da zu sein. Auch wenn es erst abgelehnt wird. Die Freunde von uns die am hartnäckigsten waren, die wir immer wieder wegschicken wollten, haben letztendlich uns am meisten geholfen - indem sie einfach für uns da waren. Denn das Gefühl von den 'anderen' in Ruhe gelassen zu werden, ist wie verlassen werden. Es ist schwierig zu erklären, wenn sie den Kontakt ablehnen, könnte es sein, dass sie einfach Probleme haben mit der Begegnung mit Deine Tochter? Die Erinnerungen an früher würden vielleicht hochkommen? So war und ist es noch bei mir (nach über 4 Jahre!).
Dann schicke wenigstens eine liebevolle Karte, oder ein Buch über Trauerbewältigung für verwaiste Eltern, es gibt doch so viel - der Gedanke zählt am Ende!

Ich finde es aber wirklich schön, dass Du Dir Gedanken machst, Du wirst es bestimmt richtig machen, höre auf Dein Herz!

Liebe Grüße, von Inca

schluppi
13.12.2007, 00:02
Hallo butterfly,
du sprichst da ein emotional brisantes Thema an.

Aber auf der anderen Seite erstmal, DU HAST KEINEN FEHLER GEMACHT !!!
Oder wußtest du im Vorfeld was in den kommenden Tagen alles passieren wird?
Du bist deinen Gefühlen gefolgt, so wie du es für richtig gehalten hast. Dein Gewissen sagt dir zwar jetzt im Nachgang, das hättest du anders angehen sollen.
Es ist nun mal eine Art Zwiespalt.

Ich war in den vergangenen 16 Jahren in der Versicherungsbranche tätig. Habe zu sehr vielen Klienten ein mehr, oder weniger persönliches Verhältnis aufgebaut.
Leider kam es auch vor, das ich einige Klienten aufsuchen mußze, weil ein Familienmitglied verstorben ist. Ich meine speziell die Verunfallten.
Ich weiß bis heute nicht, ob ich mich "richtig" verhalten habe, denn es ist immer von der jeweiligen Stimmung/Situation abhängig.
Wenn ich dort aufschlug, habe ich meine Hand gereicht, meine Lippen zusammengepresst und sanft genickt. Ich konnte/wollte nichts sagen. Und trotzdem wurde ich verstanden.
Die Menschen, die es betrifft, wie eben diese Eltern, sind momentan hochsensibilisiert. Jedes noch so schön vorgebrachte Wort, welches nicht von der Seele geschrieben wurde, wirkt theatralisch.
Jeder Mensch geht anders damit um.
Auch dein bisheriges Verhalten. Du bist einfach so.
Und die Eltern würden dir dein jetzt "verändertes" Verhalten eh nicht abnehmen.

Es gibt kein Rezept. Und mach dich nicht fertig.

LG Schluppi

marko
13.12.2007, 00:28
Mir ist in vielen Beiträgen aufgefallen, dass das mangelnde bzw. nach einiger Zeit stark nachlassende Anteilnehmen am Leid der Hinterbliebenen kritisiert wird. Was hattet ihr für Erwartungen und Wünsche an Freunde, Bekannte, evtl auch so gut wie Fremde wie mich und meine Tochter bzgl. Anteilnahme am Tod eines geliebten Menschen?
Liebe butterfly,

gib den Eltern einfach das Gefühl " Ihr Kind ist nicht vergessen"
Sage seinen Namen und gib den Eltern die Möglichkeit über ihr Kind reden zu dürfen. Ich habe meinen Sohn verloren und habe seit dem das Gefühl immer einen großen Elefanten bei mir zu haben. Wenn ich einen Raum betreten ist dieser mit meinen Elefanten und mir übervoll, man macht einen großen Bogen um mich . Nur nicht was Falsches sagen, sich falsch Verhalten oder....... ! All diese Überlegungen helfen uns nicht, gebe den Eltern die Möglichkeit stop zu sagen, jetzt nicht oder ( wenn sie es wollen ) gib ihnen Deine ehrliche Anteilnahme und ein offenes Ohr. Fehler kannst Du nicht machen außer den Fehler uns zu meiden und zu übersehen. Bitte habe nur für unser Verhalten Verständnis denn wir sind nicht immer ausgeglichen und reagieren nicht immer nachvollziehbar für Euch

Liebe Grüße
Birgit mit Marko im Herzen

Alemanita
13.12.2007, 09:42
Das Schlimmste finde ich, was man machen kann, ist die Trauernden "in Ruhe lassen".
Ich war schon erschrocken, wieviele "Freunde" sich nicht meldeten, als meine Mutter unerwartet starb. Ich glaube, es war fast immer Unsicherheit, denn die Nachfrage wegen meinem Vater, der kurz vorher einen Unfall hatte und in Koma lag, wesentlich groesser war...Total schön fand ich persönliche Worte per Brief, die Rose vor der Túr, Karten, Trauerbüchlein. Dass Nachbarn z. B. persönlich vorbei kamen, machte mich eher unsicher...

Es gab echt einiges, aber ich habe ganz ehrlich jede Zeile gelesen.

butterfly38
13.12.2007, 20:43
Hallo,

vielen Dank für eure Ratschläge, sie waren mir sehr hilfreich. Was ich also rauslesen kann ist, dass da schon eine gewisse Angst und irgendwie auch Entsetzen vor dem Alleingelassenwerden durchkommt.

Schön zu wissen, dass euch auch die kleinste Aufmerksamkeit, wie die Rose vor der Tür, Trost gespendet hat. Ich denke, ich weiß jetzt, wie wir auf unsere Art versuchen können Trost zu geben. Ich denke auch, Trauernde total in Ruhe zu lassen ist nicht unbedingt der richtige Weg, auch wenn ich nicht wirklich der Typ bin, der gleich mit der Tür ins Haus fällt.

Ich weiß jetzt ein bisschen zumindest wie wir diesen Weg begehen werden, um den Eltern das Gefühl zu geben, dass - wie marko es nannte - ihr Kind nicht vergessen wurde.

Vielen Dank nochmal und alles Gute!
Liebe Grüße von butterfly