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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Trauerweg



Dreier
21.11.2007, 15:14
Ich habe dieses Forum vor ca. 2 Wochen im Internet entdeckt und möchte hier meinen Trauerweg bis jetzt beschreiben. Um anderen Mut zu machen und mir meine Trauer von der Seele zu schreiben. Ich hätte gern am Anfang meiner Trauer so eine Plattform gehabt - aber es ist jetzt auch nicht zu spät. Mein Name ist Heike (47) und ich habe meinen Mann (54) am 7.4.07 durch einen plötzlichen Herztod verloren. Wir waren 30 Jahre ein Paar und hätten nächstes Jahr Silberhochzeit gehabt. Wir bzw.ich besitze ein Haus mit großem Garten - also viel Arbeit. Berufstätig bin ich ganztägig. Als ich meinen Mann tot gefunden habe (das war ein Ostersamstag), konnte ich weder klar denken noch eine Träne weinen noch reden. Ich war wie ein Stein. Mein Kopf fühlte sich an, als würden permanent Blitze durchschießen. Und der einzige Gedanke, den dieses Hirn zugelassen hat war, wie kann ich am schnellstens hinterher gehen.

Ich bin an dem Todestag von meinen Nachbarn zu meinen Eltern gebracht worden. Ja, gebracht worden. Ich war nicht in der Lage, irgendetwas zu tun. Mein Herz raste vor lauter Angst und ich habe nur gedacht: Es ist nicht wahr - es ist ein Traum. Wie soll ich mein Leben allein schaffen? In der ersten Nacht habe ich versucht, mich mit einem Stromkabel zu erhängen, habe Herztabletten von meinem Vater genommen und hätte mich sicher, wenn es höher gewesen wäre, aus dem Fenster gestürzt. Das einzige, was ich konnte, war ein Tagebuch schreiben. Ein paar Zeilen nur - weil ich meine Gefühle nicht beschreiben konnte. Die Gefühle, die ich hier in diesem Forum schon so oft gelesen habe. Irgendwie vergingen die Tage bis zur Beerdigung - konnte ein paar Tage später alles regeln. Vom Zeitungsabo abmelden bis zum Urlaubsstorno. Am 14.4. war Beerdigung, mit einem überwältigendem Zuspruch. Wir haben beide in der gleichen großen Firma gearbeitet, sind jeden Tag zusammen hin- und zurückgefahren, haben unsere Mittagspausen gemeinsam verbracht. Die Kirche war so voll, daß nicht alle 'reingepaßt haben. Es war alles wie im Nebel.

Am 18.4. hatte ich Geburtstag - habe ein paar Freunde eingeladen. Und am 19.4.07 bin ich aufgestanden und da wußte ich: du willst hinterher - du mußt hinterher. Du wirst sowieso nie wieder glücklich - den Schmerz hältst du nicht mehr aus. Dann habe ich meine Gartenbücher gewälzt und Eisenhut ausgegraben. Es ist die giftigste Pflanze in Mitteleuropa und schädigt das Herz. Um ca. 14.00 h habe ich etliche klein geschnittene Wurzeln mit Wasser hinuntergespült. Bald schon bekam ich dieses Kribbeln in Händen und Füßen und es begann zu dämmern. Um 18.00 h hat mich ein Nachbar gefunden - ich kam mit Notarzt ins Krankenhaus. Das ganze Zeug kam im Laufe der Nacht wieder 'raus und mein Herz stabilisierte sich recht schnell. Immer wieder habe ich gebetet (zum Schicksal - nicht zu Gott - denn ich bin nicht gläubig), daß mein Herz aufhören soll zu schlagen. Aber ich bin zu stark. Am nächsten Tag kam der Psychologe - aber ich wollte mich nicht einweisen lassen.

Ich konnte mittlerweile nicht mehr klar denken vor Schmerz, konnte nur mit Schlafmitteln schlafen, hatte nur noch Panik vor allem und jedem. Essen konnte ich auch nicht, obwohl das in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt hat. Mein Mann und ich haben leidenschaftlich gern gekocht und gegessen, wenn es unsere knappe Zeit zugelassen hat. Ich konnte diese Schmerzgefühle nicht verstehen wußte nicht, wie ich mich verhalten sollte, konnte an meine Arbeit überhaupt nicht denken. Da habe ich mich schweren Herzens ins Landeskrankenhaus einweisen lassen. Dort war ich einen Tag - und ich beschreibe es so: Der Tod und die Gefühle sind die Hölle -aber das Krankenhaus setzte noch eins drauf. Ich kam in die geschlossene, weil alle anderen Abteilungen belegt waren. Meine Zimmergenossin hatte eine "Eifersuchtspsychose" - hat nur komisches Zeug erzählt. Ich war 1,5 Tage dort - ohne das sich ein Psychologe hat sehen lassen, ohne mit einem Menschen über die Trauer reden zu können. Es würde ein Roman werden, wenn ich alle Details aufschreiben würde. Es ist so schon alles so viel.

Ich bin dann vom Krankenhaus zu einer Neurologin gefahren worden, die mir einen Termin bei einem Therapeuten vermittelt hat. Als ich den Anruf bekam, ja, sie können kommen (gute Therapeuten haben eine Wartezeit von ca. 6 Wochen), viel mir das erste Mal, seit dem Tod, ein kleiner Stein vom Herzen. Zwischendurch hatte ich Kontakt aufgenommen zu einer Bekannten bei uns im Ort, die vor 14 Jahren ihren Sohn bei einem Verkehrsunfall verloren hat. Sie hat ihre Trauer wunderbar bewältigt (dank einer Therapeutin), und hat mit mir die ersten Gespräche geführt, wo es mir danach wirklich etwas besser ging.
Und der Therapeut war ein Glücksgriff wenn ich hier sehe, was es für schreckliche "Fachleute" gibt.

Am 7.5.- etwa 4 Wochen später - habe ich meine Arbeit wieder aufgenommen. Mein Arbeitsgeber ist äußerst tolerant und mußte die ersten Wochen nur ein paar Stunden anwesend sein. Denn die volle Leistungsfähigkeit kam erst viel später wieder. Aber die Arbeit, die vielen lieben Kollegen und Kolleginnen, haben mich in der Woche aufgefangen. Ich habe mir mittlerweile viele Kontakte geschaffen, da ich zum Glück gern auf Menschen zugehe. Es gibt sogar eine entfernte Bekannte, die im Juli diesen Jahres ihren 47jährigen Mann durch einen plötzlichen Herztod verloren hat. Sie ist mit ihm letztes Jahr nach Mallorca ausgewandert (sie ist 53) und ist nun ganz allein. Wir mailen jeden Tag und telefonieren am Wochenende.

Die Wochenenden sind die schlimmste Zeit, weil das die Tage waren, wo ich mit meinem Mann alles zusammen getan habe: den Garten, Wanderungen im Harz, Planungen für den nächsten Urlaub, einkaufen - einfach alles. Mein Mann war wie ein Zwilling, mein bester Freund, meine große Liebe. Es ist nach 7,5 Monaten einigermaßen erträglich geworden aber nur, weil ich dieses soziale Netz habe und einen glänzenden Therapeuten und eine Betroffene, die ihre Trauer wirklich "verarbeitet" hat. Am Anfang habe ich immer gesagt, wenn ich im Dienst angesprochen wurde wie es mir: die Arbeit ist mein Leben - nicht nur in materieller Hinsicht. Das ist natürlich auch wichtig, aber nach so einem Schlag spielt das Geld eine untergeordnete Rolle. Aber i ch bin trotzdem froh, daß ich mein Auskommen habe.

So langsam räume ich auf. Die Anziehsachen meines Mannes habe ich gleich nach seinem Tod weggetan, Werkzeug (und was Männer so sammeln), kommt jetzt erst an die Reihe. Seinen Fotoapparat und den Füller kann ich jetzt auch erst annehmen - als Vermächtnis. Das war vorher zu schmerzlich. Fernsehen tue ich bis heute nicht. Kann es nicht ertragen, allein vor der Glotze zu sitzen. Dafür kann ich aber schon wieder stricken und lesen, aber ebenfalls erst seit ca. 4 Wochen. Habe auch im Okt. Urlaub gemacht - eine Gruppenreise. Es war einerseits schrecklich, das erste Mal allein Urlaub zu machen, aber andererseits war ich stolz, es geschafft zu haben. Dort habe ich wieder eine sehr nette ältere Dame kennengelernt, die auch seit 5 Jahren verwitwet ist und noch schrecklich leidet. Wir haben Kontakt und ich besuche sie des öfteren.

Der Weg, der noch vor mir liegt, ist lang und sehr steinig. Aber ein kleines Stückchen habe ich schon geschafft. Und die Selbstmordgedanken - die haben mich sehr lange begleitet. Nun habe ich das Gefühl, daß ich noch eine Aufgabe im Leben habe, und das die Verstorbenen es nicht wollten, daß wir traurig zurückbleiben. Ich werden kämpfen für ein neues Leben, in dem nicht nur die Trauer Platz hat, sondern auch wieder Fröhlichkeit - wie in meinem ersten Leben.

Außerdem möchte ich dringend raten: laßt die Finger von den Antidrepessiva! Die verlängern den Trauerprozeß! Ich habe einmal eine Tablette genommen. Ja, der Schmerz ist erträglich, aber man fühlt nicht mehr richtig. Das ist aber wichtig, so weh es auch tut. Ich muß (bzw. kann) viel weinen. Das ist ganz, ganz wichtig. Es ging am Anfang überhaupt nicht- und das hat den Schmerz ins unermeßliche gesteigert.

So, nun kennt ihr meine Geschichte. Nicht zur Nachahmung empfohlen, jedenfalls nicht der erste Teil. Auch wenn ich nicht gläubig war und es auch noch nicht bin denke ich, daß die Seele meines geliebten Mannes noch lebt - und er auf mich aufpaßt. Ich rede auch viel mit ihm. Das erleichtert. Wenn es mich demnächst wieder "überkommt" und es mir schlecht geht, wende ich mich an dieses Forum. Denn der Spruch "Reden ist silber, schweigen ist Gold", muß andersherum gesagt werden im Trauerfall: schweigen ist silber, reden ist gold. Seit herzlich gegrüßt und getröstet von Heike

Inaktiver User
21.11.2007, 20:14
Hallo Heike,

:in den arm nehmen:

du hast deine Geschichte sehr gut erzählt. Anfangs musste ich schlucken und dachte, ob das so gut ist hier zu erzählen.

Aber als ich weiterlas habe ich gemerkt, dass es eben ein Teil deines Trauerprozesses war und du inzwischen gut damit umzugehen weißt.
Es ist schön, wenn man in einem solchen Moment genau die richtigen Leute trifft, die einem irgendwie weiterhelfen.

Reden ist in unserem Fall Gold, da hast du Recht. Und dieses Forum "setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf" . Eine Hilfe, die auch ich gerne viel früher gehabt hätte.

Das ist wieder einmal der Moment hier mal allen DANKE zu sagen!!

Dir wünsche ich für heute noch einen schönen Abend.

Liebe Grüße :blume: ,
malea

Sternzeit2506
21.11.2007, 21:56
Liebe Heike,
du hast mir wirklich Mut gemacht mit deiner Geschichte, denn diese verlief ähnlich wie meine.

Auch ich habe meinen Mann tot zuhause aufgefunden und wir waren auch schon ewig zusammen, zwar nicht ganz so lange wie ihr, aber immerhin auch 20 Jahre. Diese Selbstmordgedanken sind mir so sehr vertraut, denn auch ich hatte diese und habe sie manchmal noch heute. In den ersten 5 Wochen hatte ich keinerlei Chance, diese umzusetzen, weil rund um die Uhr jemand bei mir war. Und das ist auch gut so, denn ich weiß zwischenzeitlich, dass dies natürlich keine Lösung ist, sondern nur noch mehr Leid für alle anderen bedeutet. Und meine Aufgaben scheinen genau wie die deinigen noch nicht erfüllt zu sein. Anders war es scheinbar bei Bernd und Frank.

Ich bin auch sehr froh, einen Job zu haben, der mich ausfüllt und der mir Spaß macht. Die Ablenkung ist wirklich wichtig, denn die Wochenenden können schon manchmal sehr hart sein. Plötzlich wacht man am Sonntag alleine auf und hat sooooo viel Zeit, Zeit, die man früher gemeinsam verbracht hat und in der man die Partnerschaft so sehr genossen hat. Das tut schon manchmal verdammt weh. Überhaupt schmerzen mich die Erinnerungen noch sehr. Ich hoffe bald an den Punkt zu kommen, wo ich mit einem Lächeln an die schönen Erlebnisse zurückdenken kann. Bist du schon soweit?

Fernsehen gucke ich auch noch nicht wieder. Es geht mir wie dir, alleine vor dem Fernseher sitzen ist schrecklich. Vielleicht auch, weil es einfach zu sehr Alltag ist. Alltag, der ja in der Form nicht mehr vorhanden ist.

Auf jeden Fall hat mich deine Geschichte etwas hoffnungsvoller werden lassen, dass es irgendwann auch wieder "gut" ist, das Leben. Peu à peu merke ich es ja schon, dass es voran geht, aber manchmal möchte man diesen Prozess doch gerne etwas beschleunigen. Oder aber die Zeit vordrehen, denn vor den Feiertagen graut mir sehr. Am liebsten würde ich mich alleine zuhause verkriechen, aber dann habe ich wieder ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Schwiegereltern, die sich so sehr um mich kümmern und die ansonsten alleine wären. Tja, was machen? Was ist richtig? Ich weiß es nicht und lasse es auf mich zukommen.

Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und uns allen, dass es ganz schnell besser wird.

Alles Liebe, Sternzeit

Karla48
21.11.2007, 23:24
Außerdem möchte ich dringend raten: laßt die Finger von den Antidrepessiva! Die verlängern den Trauerprozeß! Ich habe einmal eine Tablette genommen. Ja, der Schmerz ist erträglich, aber man fühlt nicht mehr richtig. Das ist aber wichtig, so weh es auch tut. Ich muß (bzw. kann) viel weinen. Das ist ganz, ganz wichtig.

Liebe Heike!
Zunächst möchte ich Dir mein ganz aufrichtiges Mitgefühl sagen. Ich finde es sehr bewundernswert, wie Du durchhältst und kämpfst. Dein Mut wird belohnt, und das ist etwas, was man anderen Trauernden mitgeben kann.

Nicht ganz einverstanden bin ich mit Deinem als allgemein gültig erteilten Rat in Sachen Medikamente.

So etwas ist individuell zu entscheiden. Jeder Mensch braucht etwas anderes, und manch einer kann es ohne Medikamente überhaupt nicht durchstehen.

So, wie Du es darstellst, besteht die Gefahr, daß jemand in einer tiefen Depression sich tatsächlich das Leben nimmt, weil er denkt, er kann es nicht schaffen. Über diese Hürde haben schon vielen Menschen moderne Medikamente hinweg geholfen. Natürlich nicht nur sie, aber eine Facette der Therapie können sie sein.

Das war mir wichtig, klarzustellen.

Man kann nicht in Bausch und Bogen etwas schlechtreden, was für andere, die hier lesen, vielleicht hilfreich und der einzige Weg sein kann, um eine Schwächephase zu überbrücken.

Ich meine dieses nicht vorwurfsvoll gegen Dich, keineswegs. Du hast den Kopf voll mit Dir selbst und Deinen Sorgen und da kann man nicht alles und jedes bedenken, was Andere angeht. Völlig klar.

Es ist nur eine Klarstellung für die anderen Betroffenen. Ok?

Danke fürs Zulesen.
Lieber Gruß

und: Du wirst in meinem Nachtgebet vorkommen...

Karla

Inaktiver User
22.11.2007, 05:39
liebe heike!

deine worte haben mich tief berührt.

ich wünsche dir alles ,alles liebe und viel kraft!


herzliche grüße!

dorothea

Dreier
22.11.2007, 14:27
Liebe Sternzeit,

danke für die schöne Antwort.Ich freue mich ehrlich, wenn ich dir ein bißchen Mut gemacht habe. Ich weiß nicht so genau, wieweit dein Verlust zurückliegt - aber sicher nicht ganz so lange wie meiner. Deshalb: Du mußt sehr viel Geduld mit dir haben. Die größte Hilfe war die Bekannte im Dorf, die ihren Sohn verlor und wieder lachen und fröhlich sein kann. Sie hat übrigens eine gute Therapeutin gehabt die zu Beginn ihrer Trauerzeit gesagt hat: Wenn du dich an das Schöne mit deinem Sohn ohne Schmerz erinnern kannst - dann hast du die Trauerzeit erfolgreich beendet. Mit ihr habe ich anfänglich sehr lange geredet. Immer, wenn es mir besonders schlecht ging oder geht (vor allem am Wochenende oder an Feiertagen) rufe ich sie an und frage: Christa, es tut so weh, ist das normal? Ja, sagt sie dann, es ist normal. Das wird noch lange so bleiben. Aber mit einer positiven Einstellung, mit dem Gedanken "ich will da 'raus", wird es gehen. Ich kann es mir auch noch nicht vorstellen - aber sie hat es mir vorgelebt. So einen Fall habe ich dann vor kurzem noch einmal kennengelernt. Diese Frau hat vor über 20 Jahren ihren Mann verloren - und es ging ihr (mit 4jährigem Kind und schwanger!) - sehr schlecht - auch finanziell. Aber nach 2 Jahren konnte sie wieder heiraten und ist in ihrer zweiten Ehe sehr glücklich. Auch sie ist ein positiver Mensch und ich glaube, du bist es im Grunde deines Herzens auch.

Ich habe sehr viel über Trauer und Trauerarbeit gelesen. Von Freud über Kübler-Ross bis Doris Wolf. Es war alles in allem für mich hilfreich. Ich bin auch noch lange nicht darüber hinweg - oder wie man das sagt. Ich kann aber schon wieder mit Kollegen lachen. Nur an das Schöne mit meinem Mann - da kann ich noch nicht ohne Schmerz denken. Sein Leben neu zu ordnen und nur für sich zu "leben" - das erfordert Zeit und Kraft.

Ich fahre übrigens Weihnachten mit einem befreundeten Ehepaar (sie ist meine älteste Freundin - wir kannten uns schon vor unseren Männer und haben zu viert viel unternommen) nach Ägypten auf eine Nilkreuzfahrt. Ich wollte Weihnachten nicht mit meinen Eltern od. Schwiegervater od. Schwester mit 2 kl. Kindern verbringen. Dort herrscht Fröhlichkeit - das kann ich in geballter Form noch nicht ertragen. Meine Eltern haben dafür Verständnis - mein Schwiegervater äußert sich nicht dazu - er hat die Trauer sowieso total verdrängt. Er redet überhaupt nicht von seinem verstorbenen Sohn. Das tut mir weh - aber er kann nicht anders. Einen Tipp für diese Zeit möchte ich nicht abgeben aber ich weiß, daß viele Trauernde an solchen Tagen gern mit sich allein sind . Zumindest in den ersten 1 od. 2 Jahren. Manche haben das bis heute durchgezogen, andere haben sich ihr Weihnachtsfest total anders gestaltet (verreisen z.B.)Wenn du sehr starken Schmerz empfindest, mit deinen Schwiegereltern zusammen zu sein, dann tue es auch nicht. Vielleicht gibt es einen Kompromiß: einen Tag - oder nur 2 Abende o.ä. Hör' mal in dich rein.

Der Zufall wollte es außerdem noch, daß eine Bekannte von mir letztes Jahr nach Mallorca ausgewandert ist. Das war im September. Im Mai hat sie und ihr Mann einen Job gefunden - es war alles super. Und im Juli findet sie ihren 47jährigen Mann tot im Bett - auch Herzinfarkt. Keine Anzeichen vorher - wie bei mir auch. Nun haben wir regen Kontakt - per Mail und per Telefon. Im Februar werde ich sie besuchen. Sie möchte dort bleiben - den Traum, den sie mit ihrem Mann gehabt hat, durchzuziehen. Sie glaubt wie ich, daß unsere Lieben uns zuschauen - die Seele noch bei uns ist. Sie würden sicher wollen, daß wir wieder ein klein wenig glücklich werden.

Im Urlaub habe ich wieder eine ältere Dame (72) kennengelernt - sie ist vor 5 Jahren verwitwet. Sie hat keine Freundin - wenig Bekannte. Geht viel zum Sport und zum schwimmen - fühlt sich aber sehr einsam. Ich besuche sie alle 2-3 Wochen - dann reden wir über unsere Trauer. Das kann sie jetzt mit mir das erste Mal. Und das ist ganz wichtig. Deshalb finde ich dieses Forum ausgesprochen hilfreich. Ich habe jede Hand, die mir gereicht wurde, angenommen. Auch wenn ich das ganz am Anfang nicht wollte. Ich wollte meinen Bernd zurück - nur ihn allein. Nur mit ihm all die schönen Dinge tun - du kennst es ja. Aber er ist einfach nicht mehr da! Wie oft und wie lange konnte ich es nicht glauben. Der Kopf wußte es - aber das Gefühl manchmal immer noch nicht.

Die Beschreibung "es zerreißt einem das Herz" - ich weiß jetzt, wie sich das anfühlt. Und nur Betroffene können es "nachfühlen". Die anderen können nur ihr Ohr leihen - das hilft am meisten. Den schlimmsten Spruch, den ich mir von meiner Nachbarin anhören mußte war: Na, da hast du ja genug Zeit zum trauern! Das war die Zeit, als ich nur 6 Stunden am Tag arbeiten konnte. Kann man den Schmerz überhaupt zeitlich begrenzen? Was wußte diese Frau schon davon wie schlimm es ist, seinen langjährigen Partner zu verlieren. Und wie ungeheuer kraftraubend - auch körperlich - dieser hammerharte Schmerz ist (ich nenne ihn so - wenn es sehr schlimm ist). Ein Kollege sagt damals: du siehst "durchsichtig" aus. Aber wenn du besser aussehen würdest, hättest du ihn nicht wirklich geliebt. Er hat Recht. Je mehr man geliebt hat, je schlimmer ist die Trauer. Dafür hatte man ein wunderbares, gemeinsames Leben gehabt. Die Erinnerung tut nach 7,5 Monaten immer noch weh - die Dankbarkeit kommt viel, viel später.

Ich wünsche dir weiterhin alle Kraft der Welt, ebenfalls natürlich allen Trauernden hier im Forum. Dank an alle für die lieben Worte - auch die Kritik wegen der Tabletten habe ich zur Kenntnis genommen.

Herzlichst Heike

Dreier
22.11.2007, 14:30
Liebe Doro,

danke für dein Mitgefühl. Ich habe gesehen, daß du gerade Online bist - deshalb hier ein persönliches Dankeschön

Viele Grüße

Heike

Lyanna
22.11.2007, 18:30
Liebe Heike

Ich möchte dir von Herzen für deinen Bericht und deine wundervollen, nachfühlbaren Worte danken.
Sie geben mir sehr viel Kraft und Mut, weiterzumachen auf meinem Weg.
JEDER Weg ist ja etwas ganz "persönliches", jeder geht ihn so, wie er ihn gehen muss!

Mein Tommy ist vor acht Monaten gegangen, von jetzt auf gleich, ohne ein winziges vorhergehendes Anzeichen ...
Auch ich stand lange Zeit unter Schock und begann, wie die meisten von uns, mich in Schuld und Verzweiflung "zuhause" zu fühlen.
Ich zerfleischte mich und verstand die Welt nicht mehr!
Ich stand total unter Schock und hätte es nicht geglaubt, wenn mir das jemand gesagt hätte.
Ich wollte meinem Mann "nachgehen" und hoffte jeden Tag, dass ich den nächsten nicht mehr erlebe ...
Wenn Tommy nicht mehr da ist, "darf" es mir nicht gutgehen.
Ohne ihn hat mein Leben keinen Sinn ...ER war mein Leben!
Ist er immer noch und so wird es bleiben!

Auch ich habe eine sehr einfühlsame, liebevolle und aufmerksame Therapeutin an meiner Seite.
Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich mich heute wähne ...
Ich weiss und fühle, dass alles genauso richtig ist ...
wenn ich es auch lieber anders hätte ...wenn ICH es ändern könnte.
Kann ich nicht, kann keiner von uns.

"Schuldgefühle" und Hoffnungslosigkeit zu ertragen, war immer noch besser,
als mir meine verdammte absolute Hilflosigkeit gegenüber dem Tod einzugestehen ...sie akzeptieren und annehmen ...das war nicht leicht, hat sehr geschmerzt, war für mich unumgänglich!
Ist es vielleicht für JEDEN?!

Heute weiss ich, ich fühle es, dass ICH und jeder andere dem TOD gegenüber "hilflos" ist!
Um die Hilflosigkeit nicht fühlen zu müssen, ertrug ich lieber die "altbekannten" Gefühle wie Schuld, Scham , Verzweiflung, Suizidgedanken und noch vieles mehr ...

Warum das so ist bei mir und vielen, die ich kenne?
Es ist die ganz tief in uns wohnende "Schuld des Überlebens"!
Es ist so, obwohl ich es erst nicht glauben konnte ...
als ich es genauso fühlte, wusste ich: ja, so ist es.
Ich war fassungslos ...
Jetzt, nach 8 Monaten habe ich Tommys Tod akzeptiert (bleibt mir ja nichts anderes übrig)
Er kommt nicht mehr! Nie mehr!

Ich komme mit dem Leben zurecht,mal besser, mal schlechter, wenngleich ich mich denn doch "amputiert" fühle.
Und ich falle einfach so von jetzt auf gleich in tiefe Löcher und weine, weine , weine, wo es für "andere" nichts zu weinen gibt.
Meine Trauer hat eine Tiefe erreicht, von der ich nie wusste, dass so gefühlt werden kann ...so schmerzlich, so tief, so unendlich, so bedingungslos.

Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht um mich selbst weine?
Es wird wohl so sein!
Na und, ein bisschen Selbstmitleid steht mir zu, steht jedem zu.
Was ist "schlechtes" an Selbstmitleid?
Nix! Wenn ich nicht vorhabe, darin zu verharren.
Das habe ich n i c h t vor.
Ich lebe meine Trauer ...nie hätte ich gedacht, so tief fühlen zu können ...
und ich dachte immer, ich hätte schon alles er -und gelebt, was "Mensch" so leben kann?!

Deine Worte, liebe Heike, sind wie ein Sonnenstrahl in diesen trüben Tagen.
Ich wärme mich an ihnen und danke dir. :Sonne:

Es ist wirklich schön, dass es dieses Forum gibt.

Ich danke allen für ihre Offenheit:blumengabe:

Viel Kraft und Mut auf den weiteren Lebenswegen
Lyanna

Inaktiver User
22.11.2007, 22:06
Liebe Lyanna,

auch du hast über deine Trauer hier so aus tiefstem Herzen geschrieben.

Vieles stimmt genau mit dem überein, wie auch ich empfinde. Ich habe zwar nicht meinen Mann verloren, sondern meine beste Freundin (30 Jahre waren wir befreundet), aber die Gefühle sind doch sehr ähnlich.

Du verfasst auch in der "virtuellen Kerze" immer sehr warme, liebevolle Texte für deinen Tommy, die mir immer wieder Gänsehaut bereiten :in den arm nehmen:.

Auch dir viel Mut und Kraft für die kommende Zeit :blume:

Liebe Grüße,
malea

Dreier
23.11.2007, 09:45
Liebe Lyanna,

auch dir vielen Dank für deine offenen Worte. Es ist doch seltsam, wie ähnlich unsere Gefühle sind. Ganz genauso habe ich es empfunden - wollte nur hinterhergehen, sah keinen Sinn im Leben. Beinahe hätte es ja geklappt - aber meinen Eltern hätte ich das Herz gebrochen. Aber zu dieser Einsicht bin ich erst viel später gelangt. Noch heute bete ich das Schicksal an, mich auch zu holen. Wir waren ein Paar - aber doch wie ein Mensch. Wie du schon gesagt hast: er war mein Leben. Und wenn das Schicksal meint, es müsse einen davon haben - warum dann nicht beide? Warum ist das Leben so grausam, und läßt einen in tiefster Verzweiflung und Schmerz zurück? Das verstehe ich bis heute nicht.

Es tröstet ein wenig, wenn mir bewußt wird, wieviel Trauerfälle es gibt um einen herum. Klar, man wird sensibel für solche Schicksale - aber es sind doch eine Menge Menschen, die so furchtbar und entsetzlich leiden müssen. Ich glaube Selbstmitleid, das empfindet jeder. Das können wir nur in einem Forum wie diesen erzählen - deine Umwelt will es nach wenigen Monaten nicht mehr hören. Manchmal geht es mir auch noch so schlecht (morgens schlechter als abends), daß ich denke, wie lange reicht die Kraft noch, du kannst diesen tiefen Schmerz nicht mehr länger ertragen. Und doch vergeht ein Tag nach dem anderen.

Ich flüchte auch sehr viel - nehme mir jeden Tag (trotz meiner Arbeit) immer etwas vor. Gehe ins Fitneßstudio, fahre zu meinen Eltern oder zu einer Freundin. Dann denke ich oft: wie lange soll das noch so gehen? Eine Kollegin sagte mir einmal (sie ist auch eine Betroffene):" die Flucht hört eines Tages von allein auf. Nur bewußt steuern kann man das nicht." So wie man auch die Schmerzattacken nicht steuern kann - sie kommen manchmal in den unmöglichsten Situationen. Dann fühlt man sich wie an den Anfang zurückgeworfen.

Das du eine gute Therapeutin hast, finde ich Klasse. Meiner ist auch fantastisch. Ohne ihn wäre ich auch noch nicht so weit. Ach, Lyanna, wie oft habe ich gefragt: Warum - warum ich, warum so früh, warum so plötzlich? Aber das Schicksal antwortet dir nicht. Man muß es einfach akzeptieren - muß es lernen, so hinzunehmen wie es ist.

Ich bin aber auch fest davon überzeugt, daß die Natur es so eingerichtet hat, daß wir gesund aus der Trauer wieder auftauchen; wenn wir uns auf diesen schmerzlichen Prozeß einlassen. Wir alle werden es schaffen - das sind wir den Verstorbenen schuldig. Und das wir uns hier gegenseitig aufrichten können - ist eine supertolle Sache.

Liebe Lyanna, wir alle werden uns sicher bald "wiederhören". Am Wochenende bin ich nicht online - erst am Montag wieder. Halte die Ohren steif - es wird schon. Ganz viel Kraft verteile ich auf diesem Weg an dich und an alle anderen.

Sei ganz herzlich gegrüßt von Heike

prinzessin01979
23.11.2007, 13:12
Liebe Heike, :in den arm nehmen:

mir trieb es die tränen in die augen, als ich deine zeilen las. Wie sehr leid mir das alles tut..

Ich kann dich so gut verstehen. Auch ich hatte viele momente, wo ich meinen kleinen bruder folgen wollte. Einfach nichts mehr fühlen - den schmerz nicht mehr ertragen müssen. Wieder bei ihm zu sein, diese gedanken begleiteten mich schon oft auf meinem weg durch die trauer.

Doch dann dachte ich an meine eltern, noch ein weiteres kind zu verlieren- das hätte ich ihnen niemals antuen können.


Weisst du das du genau an dem selben tag wie mein kleiner bruder geburtstag hast? Im nächsten jahr wäre er gerade mal 18 jahre alt geworden...:heul:

Ich wünsche dir ganz viel kraft für den weiteren weg durch deine trauer:in den arm nehmen:

Und es ist gut das du noch bei uns bist!!!

Sei lieb gegrüßt,
Melissa:blume:

Dreier
23.11.2007, 15:21
Liebe Melissa,

danke für die netten Zeilen. Ich fiinde dieses Forum sehr, sehr hilfreich. Am Montag, wenn ich wieder online bin, werde ich mich wieder mit euch "unterhalten"

Ich wünsche dir auch ganz viel Kraft für den schweren Weg, der noch vor dir liegt. Halt die Ohren steif.

Herzliche Grüße von

Heike

Dreier
26.11.2007, 09:51
Hallo ihr Lieben,

mir geht es momentan nicht besonders. Am Samstag konnte ich lange und heftig weinen, habe meinen Bernd angefleht, mich zu holen - mich nicht allein zu lassen. Vergebens. Gestern habe ich dann wohl viel Kraft gelassen, von der ich noch nicht besonders viel habe. War mit meiner neuen Bekannten zum schwimmen und wir haben den ganzen Tag geredet. Sie ist 72 Jahre alt und hat ihren Mann vor 5 Jahren verloren. Sie hatte und hat niemanden, mit dem sie über ihre Trauer reden konnte - ich bin sozusagen die erste Betroffene. Sie leidet noch genauso wie am Anfang, findet einfach keinen Sinn mehr im Leben, ohne ihren geliebten Mann, mit dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat. Das alte Haus, der Garten (1800 qm!) - sie versorgt das alles allein - hat so manchen Tag kaum Kraft aufzustehen. Sie tut es dennoch. 2 oder 3mal pro Woche geht sie zur Gymnastik, das tut ihr gut. Sie verreist auch viel - die einzige Ablenkung in ihrem Leben. Zu mir sagt sie: du bist noch jung - du hast dein halbes Leben noch vor dir. Aber ich - ich habe meins gelebt und nun ist es eigentlich vorbei. Nehme jeden Tag so hin - aber Freude und echtes Lachen - gibt es nicht mehr.

Ich habe furchtbare Angst, daß dieser Schmerz - das Vermissen - solange anhält. Sie tut mir leid - möchte ihr helfen. Aber heute muß ich mir wieder bei meinen Arbeitskollegen ein wenig Kraft zurückholen. Es kamen mir Gedanken, wenn es bei mir auch so lange und heftig anhält - dann kann ich nicht mehr, will ich nicht mehr leben. Man muß ja positiv denken - versuche das auch umzusetzen - aber es funktioniert nur sehr selten.

Die Wochenenden sind schlimm - egal was ich anstelle. Das Leben geht weiter, aber warum, habe ich vergessen.

Wie geht es euch anderen denn heute?

Seit ganz lieb gegrüßt von einer sehr traurigen

Heike

Sternzeit2506
26.11.2007, 10:17
Liebe Heike,
es tut mir sehr leid, dass es dir am Wochenende nicht gut ging. Bei mir sind die Wochenenden besser geworden, aber ich habe auch "schon" 5 Monate hinter mir. Die ersten vier Monate waren eine Katastrophe, ich hatte richtig Panik vor dem Wochenende und habe mir diese immer so voll gepackt, dass ich gar nicht zum Luftholen gekommen bin.

Heute sind sie immer noch sehr voll (früher habe ich die Ruhe am Wochenende mit Frank genossen), aber ich habe auch durchaus mal etwas Zeit für mich. Vergangenes Wochenende z.B. war ich ganz alleine. Ich hätte eigentlich Besuch aus Irland bekommen sollen, aber der musste kurzfristig abgesagt werden. Da alle Freunde dachten, ich wäre ausgebucht, hat sich niemand gemeldet und ich habe es auch niemandem gesagt. Und es tat mir gut. Ein ganzes Wochenende nur ich und meine Gedanken an Frank. Ich habe gemerkt, dass ich solche Tage viel häufiger brauche, allerdings fällt es mir noch schwer, das durchzuziehen, weil ich schon froh bin, wenn ich abgelenkt werde. Also ein echter Zwiespalt.

Ich habe auch Panik davor, dass die Trauer in diesem Format noch sehr lange anhält, denn wie du schon schreibst, Trauer ist anstrengend und irgendwann verlässt einen vielleicht die Kraft. Auch hier im Forum kann man ja durchaus lesen, dass es einigen auch nach Jahren noch schlecht geht, so wie deiner Freundin. Und genau davor habe ich auch Angst, genau wie du. Ich möchte um Frank trauern, natürlich, aber es muss auch irgendwann besser werden, sonst ist das Leben nicht mehr lebenswert.

Aber wie du schreibst, wir müssen positiv denken. Heute scheint die Sonne, es ist zwar sehr kalt, aber der Tag ist schön. Halten wir uns an solchen Kleinigkeiten fest, dann wird es vielleicht irgendwann wieder "gut".

Einen dicken Drücker für dich und viel Kraft,
Sternzeit

Dreier
26.11.2007, 15:34
Liebe Sternzeit,

danke für deine Worte. Bei mir sind es schon 7,5 Monate her, und an den Wochenenden trauere ich besonders. Auch ich nehme mir sehr viel vor. Vielleicht sollte ich das auch 'mal tun, und nichts machen bzw. mit mir ganz allein. Man muß anfangen, sich an kleinen Dingen zu erfreuen. Aber ich kann es nicht. Ich versuche es, aber es geht nicht. Der Schmerz hört heute, obwohl ein Arbeitstag und Montag, nicht auf. Natürlich erreicht er nicht mehr die Tiefe wie am Anfang - das würde man wirklich nicht überleben - aber es ist so schlimm, daß mir richtig körperlich schlecht ist. Warte dann immer auf den Abend, auf die Nacht, wo ich dann zumindest für ca. 4 Stunden am Stück schlafen kann. Ich weiß zwar, daß der Schmerz irgendwann wieder weniger wird, aber heute ist es lange schlimm.

Erst in der Mittagspause treffe ich eine Kollegin, die mich wieder aufbaut und mir sagt: laß die Trauer zu - der Schmerz muß sein. Aber es gibt Menschen, die vergraben sich darin, wie die ältere Dame. Ich soll den Kontakt im Moment nicht ausbauen, weil ich noch zu instabil bin. Du bist sicher auch auf einem guten Weg, denn das Alleinsein muß hin- und wieder sein. Sonst lenkt man sich zu sehr ab - und schiebt die Trauer vor sich her. Hat mir auch die Kollegin erzählt, die selbst auch schlimmes durchgemacht hat und nun wieder lebensfroh und glücklich geworden ist. Es gibt eben positive Erfahrungen und negative. Es ist noch ein langer Weg - aber wir werden ihn zu Ende gehen.

Sei ganz lieb gegrüßt und viel, viel Kraft weiterhin.

Heike

Dreier
10.12.2007, 14:10
Hier ist Heike, der es heute ziemlich schlecht geht. Liegt das am Wetter (es ist grau und grau), oder an der Vorweihnachtszeit? Ich muß ständig an meinen Mann denken - an die gemeinsamen Erinnerungen. Obwohl es nun schon 8 Monate sind, die ich allein lebe. Aber heute ist es schlimm - gestern habe ich auch schon soviel geweint. Dann lese ich immer wieder die tröstenden Worte von Frain und Lavendelmond und denke: du schaffst es auch. Irgendwann wirst du wieder leben können. Du mußt einfach die Trauer durchleiden - aber es ist soooo schwer!

Heute habe ich gedacht, so depremiert war ich schon lange nicht. Oder bildet man sich das ein? Weil es einem schon 'mal besser ging und die Stufe davor nicht mehr "fühlen" kann? Dann habe ich mich gefreut, wieder einigermaßen schlafen zu können, nun habe ich einen schlimmen Reizhusten. Mehr als 2 Stunden Schlaf an einem Stück ist momentan nicht möglich. Das geht seit einer Woche so - nichts hilft. Nun werde ich heute zum Arzt gehen, und mir etwas stärkeres verschreiben lassen. Denn ich will auf keinen Fall zu Hause bleiben.

Ich hoffe, ich habe die richtige Form im Forum gefunden. Manchmal weiß ich nicht genau, ob es richtig ist, auf das eigene Thema zu "antworten". Ich wollte einfach nur 'mal wieder jammern und mir leid tun dürfen, nicht immer nur stark tun.

Euch allen wünsche ich noch erträgliche Stunden und Tage. Werde bestimmt bald wieder schreiben müssen.

Herzlichst eure Heike

Karla48
10.12.2007, 14:33
Liebe Heike!
Na klar, immer ´raus damit - hier bist Du Mensch. :in den arm nehmen: ...ich kenne das ja selber: Zuhause mag man nicht immer denselben Leuten etwas "vorjammern". Obwohl das völlig normal ist.

Ich finde es gut, daß Du weinen kannst. Aaaargh wie ich diesen Satz haßte, als mir das jemand sagte. DANKE! Ich WILL aber nicht immer weinen...Aber schau mal: Du bist zutiefst verletzt und traurig, verunsichert und fühlst Dich oft allein. Da wird man doch wohl weinen dürfen. Es gibt auch Menschen, die können das nicht. Dadurch dauert es viiiiiel länger, bis die Trauer weniger wird. So meine ich das, ok?

Diese Aufs und Abs, ich kenne sie nur zu gut. Heute denkt man "Prima, geht doch, Land in Sicht, ich konnte lachen". Zwei Stunden später - der falsche Song im Radio: Es geht wieder los.

Hatte ich Dir von dem "Trauerbegleitungsseminar" berichtet, was ich besucht habe? Und - wie denkst Du über so etwas? Oder erstmal ein Buch darüber?

Vielleicht kann Dein Arzt Dir etwas gegen den lästigen Husten verschreiben. Gerade in angespannten Situationen braucht man unbedingt Schlaf. Ich merke das sofort an meinem Nervenkostüm, wenn ich nur 4 Stunden hatte. Man darf mich dann manchmal abends noch nichtmal schief angucken, dann heule ich schon. Frag den Doktor, denn über Weihnachten ist das alles schwierig, jedenfalls lästig, wenn man dann ein Rezept braucht. Die rezeptfreien Mittel helfen bei mir nur bei Husten, der mich nicht nachts wachhält. Letzteres ist ätzend, ich tu mir das nicht mehr an. Der ganze Brustkorb tut weh. Besten Dank, der nicht auch noch ;-))

Ich drück Dich erstmal aus der Ferne und bitteschön :blumengabe: guck mal, für Dich! Ein kleines Lächeln?
:zauberer: wäre ich gerne und würde die Herzschmerzen gerne einfach wegpusten *pffffft*...Aber ich bete für Dich, ok, verlaß Dich drauf.
Ganz liebe Grüße
Karla

Dreier
11.12.2007, 16:11
LIebe Karla,

ich danke dir ganz, ganz doll für die lieben Zeilen. Du hast mich sehr getröstet. Es ist schon verrückt, daß der alte Spruch "Geteiltes Leid ist halbes Leid" so passend ist. Mit dem Weinen - da hast du ja so recht! Ich konnte das am Anfang gar nicht, da war nur Platz für Schmerz und Panik. Ich bin mittlerweile froh, daß hin- und wieder ein paar Tränen 'rauskommen. Dann jammere ich für mich - schimpfe mit meinem Mann, der mich so früh verlassen hat. Und dann denke ich an die Forum-Teilnehmer, die alle diese schreckliche Zeit durchmachen od. durchgemacht haben. Ich bin nicht allein.

Liebe Karla, es würde mich sehr interessieren, wenn du mir über das "Trauerbegleitungsseminar" etwas erzählen könntest. Ich habe mich gleich am Anfang meiner Trauerzeit mit Büchern eingedeckt, die eigentlich alle ein bißchen hilfreich waren. Am Anfang wußte ich nicht, was ich da für Gefühle erlebe und ob die so richtig sind. Die Bücher haben mir gesagt: ja, es ist so in Ordnung. Also wenn es noch mehr Bücher gibt, immer her damit.

Mit meinem Husten bin ich nun zum Doc gegangen und habe Hustendämpfer bekommen - mit Codein. Man ist zwar etwas schlapp davon, aber der Husten hat mich nun letzte Nacht in Ruhe gelassen. Ich bin auch wieder auf der Arbeit, obwohl ich eigentlich Ruhe brauche. Aber du weißt sicher auch, wie blöd es ist, einen Tag allein zu Hause zu verbringen. Wollte ich nicht. Aber nun bin ich doch ganz schön alle.

Ich möchte dich auch gern von hier aus in den Arm nehmen - es tut auch virtuell unglaublich gut. Auch dir möchte alles Gute wünschen, brauchst sicher auch noch viel Kraft, um das Leben zu meistern. Dein "Lächelsmiley" hat gewirkt - habe heute ein paarmal gelacht.

Liebe Karla, ich würde mich riesig freuen, von dir zu hören. Nun wünsche ich dir eine gute Nacht.

Herzlichst Heike

Karla48
11.12.2007, 16:35
Liebe Heike,
danke für Deine Zeilen - sag ich doch: Beten hilft. :zwinker:
Klar verstehe ich das - lieber zur Arbeit, bloß nicht zu Hause rumhängen jetzt. Aber paß gut auf Dich auf, mit einer Erkältung, die man verschleppt, tut man sich auch nichts Gutes, is klar.

Canacakis heißt der Mann, der die Trauerseminare "erfunden" hat, von denen ich eines besucht habe (bei einer Frau, die von ihm ausgebildet wurde). Er hat auch eine Homepage, schau mal in einer Suchmaschine z.B. ixquick (die speichert Deine Suchen nicht). Du kannst dort auch schauen, wo ein Seminarmensch in Deiner Nähe ist, denke ich. Jedenfalls kannst du ihn dort ansprechen. Dann kannst Du immer noch schauen, ob Du ein Buch möchtest (gibt es auch).

Ich wünsche Dir auch eine gute Nacht. Es ist noch so früh - bist Du auf einem anderen Kontinent, nicht in Deutschland, oder Du gehst jetzt zu Bett - :wie?: ?
Wie dem auch sei,
Liebe Grüße,
Karla :smile:

Dreier
12.12.2007, 09:22
Guten Morgen, liebe Karla

vielen Dank für den Tipp. Werde mich gleich drum kümmern. Ich habe den Namen schon irgendwie gehört. Mich würde noch interessieren: wie lange hast du dieses Seminar besucht oder besuchst du es immer noch? Ich gehe davon aus, daß es dir sehr geholfen hat.

Deine Frage zur "Guten Nacht": Ich chatte während meiner Dienstzeit im Internet - zu Hause habe ich das immer nicht haben wollen, weil ich während meiner Freizeit nicht auch noch auf einen Bildschirm starren wollte. Das hat sich nun, seit mein Mann tot ist, etwas geändert. Wäre nun doch gern "mit der Welt" verbunden und bin am klären. Aber deshalb der frühe "GuteNacht"-Gruß.

Mit der Gesundheit hast du recht: der Körper sollte gepflegt werden, nicht nur die Seele. Werde wohl heute auch ein paar Stunden eher Feierabend machen.

Liebe Karla, ganz, ganz lieben Dank für deine Infos und Wünsche. Wir werden sicher noch voneinander hören.

Sei herzlich umarmt von

Heike