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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : er soll sich nicht so fühlen müssen...



Mirei
10.11.2007, 00:02
Hallo,

Das ist etwas kompliziert, aber ich hoffe, dass ich es einigermaßen verständlich ausdrücken kann.

Es geht um einen Freund. Sein Bruder ist vor zwei Monaten durch eigene Hand verstorben. Der Freund versucht es anders zu sehen, er möchte gerne glauben, dass es ein Unfall war und ich möchte ihn in dem Glauben lassen, weil ich denke, dass es das für ihn erträglicher macht. Ansonsten sind die Schuldgefühle zu groß. Obwohl ich denke die Schuldgefühle sind auch so da. Eigentlich glaube ich sie sind dadurch überhaupt nicht kleiner.
Der Freund hat schon seit Jahren schwere Depressionen. Die Eltern der beiden sind vor über 10 Jahren gestorben, die Schwester hat den Kontakt zu ihnen abgebrochen. Die beiden Brüder standen sich immer sehr nahe bis vor einiger Zeit Dinge passiert sind, weswegen es durchaus Gründe gibt warum der Freund auf den Bruder sauer war. Und das hat er für sich im Nachhinein betrachtet zu sehr ausgelebt... dazu die Depression, das führte dazu, dass er es seinem Bruder, mit dem er zusammengelebt hat, nicht leicht gemacht hat. Eigentlich eher schwer, jedoch ist er normal kein rücksichtsloser Mensch, sondern "fertig" und vielleicht versteht ihr das hier auch gut, dass man dann einfach nicht so freundlich sein kann.
Das letzte was sie miteinander gesprochen haben war leider in einem Streit. In einem schlimmen Streit und im Nachhinein betrachtet hat der Bruder darin angedeutet, dass er eventuell nicht mehr kann und der Freund hat unfreundlich-abweisend reagiert.

Seit dem Tod des Bruders ist der Freund absolut erschüttert. Er konnte nichts mehr bei sich behalten, musste deswegen sogar ins Krankenhaus, kann nicht weinen und vor allem kann er nicht sprechen. Kein Wort. Auch nichts ganz normales, banales.
Er ist wegen seiner sonstigen Probleme ohnehin schon in psychischer Behandlung, also auch jetzt.
Hilft ansonsten nur Zeit?
Ich würde ihm gerne helfen, aber ich weiß nicht wirklich wie.
Ging es einem von euch auch so, dass ihr vor Schock wochenlang eure Sprache verloren habt? Was hilft da? Ausser Geduld... :unterwerf:

Ich kannte den Bruder auch. Ich wusste sogar, dass es ihm nicht besonders gut geht, und ich hab versucht ihm ein wenig zu sagen, dass er sein Leben ändern muss, weil es ihm so nicht gut tut, aber er wollte oder konnte wohl nicht.
Für einige der Streitigkeiten zwischen den beiden bin ich verantwortlich. Ungewollt, es ist zu kompliziert das zu erklären. Auch der letzte Streit war in gewisser Weise wegen mir (nicht so wie das klingt). Ich weiß nicht, ob womöglich unterbewusst... der Freund deswegen wütend auf mich ist. Ich weiß aber, was er antworten würde, wenn ich ihn genau das fragen würde, nämlich nein. Er sucht die Schuld eigentlich ohnehin immer an sich, was in dieser ganzen Sache absolut nicht hilfreich ist...

Ich selbst kann mir glauben, dass ich versucht habe ihm zu helfen. Nicht gut genug zwar, aber trotzdem habe ich es schon allein dadurch sehr viel leichter als der Freund.
Ich habe mir jetzt für mich selbst überlegt, dass ich offen mit ihm reden sollte. Auch über Schuldgefühle. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihm so ein Gespräch keine einimpfen würde, sondern sie da sind... Es könnte höchstens sein, dass er sie einigermaßen in Schach hält und ich das durch so ein Gespräch aufrüttle. Aber es gibt wenigstens ein paar Sätze mit denen ich versuchen kann ihm zu zeigen, dass er nicht "schuld" ist. Er hätte es... vielleicht verhindern können, schuld ist er nicht. Schuld ist niemand und verhindern können hätten es alle. Ach verdammt. :niedergeschmettert:

Und ich weiß nicht ob es hilfreicher oder richtiger wäre zu versuchen den Freund abzulenken oder mit ihm darüber zu sprechen. Er ist im Moment stationär und nur Sonntags zu hause. Das heißt er hat eigentlich viel zu viel Zeit über all das nachzudenken. Das spricht für Ablenken. Andererseits, wenn ich ihm auch nur den Versuch einer anderen Perspektive auf das alles anbieten kann (obwohl er meine Sichtweise der Dinge kennt, aber ich glaube manche Dinge muss man öfter hören), könnte er vielleicht wenigstens einen Satz davon für sich übernehmen und wenigstens diesen einen in seine ganzen schlimmen Grübeleien mit einbeziehen. :wie?: Was wäre denn eure Meinung dazu?

Ich hoffe es war überhaupt zu verstehen. Tut mir leid, dass es so lang geworden ist.
Es wäre schön wenn irgendwer antworten würde.

Danke.
Mirei

Inaktiver User
10.11.2007, 01:32
Hallo mirei,

ja, ich denke, es ist besser, mit Deinem Freund zu sprechen, statt ihn abzulenken.

Spontan fand ich Deinen Satz -als Ausgangspunkt- gut: Schuld ist niemand, und verhindern können hätten es alle.
Aber vielleicht "brennt" sich dann bei ihm ein: "warum habe ich es nicht verhindert?"

Nein - wohl besser nur: Du bist nicht Schuld.

Und keine fertigen Erklärungen bzw. Deine Version schildern, sondern eher ihm zuhören, wie er seine erarbeitet. Ich denke, irgendein Konstrukt wird er brauchen für das Unerklärbare.

Ich hoffe, dass er bald wieder sprechen kann.
Alles Gute, T.

Inaktiver User
10.11.2007, 03:01
hallo mirei.....

erst einmal....
du kannst deinem freund nicht seine gefühle abnehmen.......auch, wenn es für aussenstehende manchmal schwer zu ertragen ist.......
ich bin auch der meinung, das es besser wäre, mit deinem freund zu sprechen.....vielleicht solltest du einfach von deinen gefühlen erzählen, die du hast....welche schuldgefühle dich evtl. quälen oder welche gedanken du dir machst, wie du es evtl. hättest verhindern können.....einfach von dir und deinen gefühlen reden, so das dein freund darüber vielleicht einen "einstieg" bekommt und von seinen eigenen gefühlen sprechen kann, wenn er sieht, das du dich mit ähnlichen gedanken beschäfftigst.......

liebe grüsse
vorbei

Nadine75
10.11.2007, 03:27
:in den arm nehmen: Setz dich einfach etwas zu ihm und warte was er redet.
Es wird sich schon was ergeben.

Diese Depressionen sind leider kein aktioves Denken, sondern ein passives und spiralförmig herrunterreißendes.

Ich wünsche euch ganz viel Kraft. Es ist sicher zu schaffen.
:in den arm nehmen:

Inaktiver User
10.11.2007, 09:23
Liebe Mirei,

bist Du sicher, dass Du hier nicht über Deine eigenen Gefühle und Ängste schreibst? Ist es nicht so, dass Du Dir Gedanken über Schuld sein, und hätte ich es verhindern können machst?

Bevor Du Dich um Deinen Freund kümmerst, solltest Du m. E. Dich selbst und Deine Gedanken, Deine Gefühle sehr genau klären.

Dein Freund ist in Behandlung und wird betreut, aufgefangen. Wer kümmert sich um Dich? Mit wem kannst Du - professionell - über Deine Gedanken, die Du hier schilderst sprechen.

Ich empfinde Dein Posting als Schrei für Dich selbst. Und das ist auch verständlich, und es ist gut, dass Du Dich dazu äußerst. Du scheinst den Brüdern ja sehr nahe zu stehen. Du bist also durch den Selbstmord auch sehr betroffen. Kümmere Dich um Dich, damit auch Du den Schock verarbeiten kannst.

Und die Frage, ob Du mit Deinem Freund über den Selbstmord sprechen solltest, beantworte ich mit einem klaren Nein. Er ist in Behandlung, wird doch sehr intensiv betreut. Lass diese Betreuer, Therapeuten zunächst mit ihm umgehen, bis er stabil genug ist. Dass er stationär behandelt wird, zeigt ja, wie verletzt seine Seele ist. Versuche nicht die Arbeit im Krankenhaus am Sonntag auf eigene Faust zu übernehmen. Das kann gewaltig schief gehen.

Vielleicht zur Ergänzung: Ich weiß wovon ich schreibe. Mein Lebensgefährte hat sich gestern vor 6 Jahren umgebracht. Die Familie hat auch lange an einen Unfall geglaubt. Ich habe mich mit dem Thema Schuld, Verhindern auch lange beschäftigen müssen. Nicht nur aus Selbstschutz, sondern wirklich aus Überzeugung bin ich sicher, dass niemand etwas verhindern kann, wenn jemand diese Welt verlassen will.

Meine wichtigste Aussage für Dich: Kümmere Dich um Dich:in den arm nehmen:

Mirei
11.11.2007, 02:54
Danke euch für die Antworten.



Und keine fertigen Erklärungen bzw. Deine Version schildern, sondern eher ihm zuhören, wie er seine erarbeitet. Ich denke, irgendein Konstrukt wird er brauchen für das Unerklärbare.

Setz dich einfach etwas zu ihm und warte was er redet.
Es wird sich schon was ergeben.


einfach von dir und deinen gefühlen reden, so das dein freund darüber vielleicht einen "einstieg" bekommt und von seinen eigenen gefühlen sprechen kann, wenn er sieht, das du dich mit ähnlichen gedanken beschäfftigst..
Ich denke das stimmt alles drei, bzw. klingt es vernünftig. Irgendwie wäre es gut es könnte alles nach seiner Zeit ablaufen...
Was ich allerdings nicht möchte, vorbei, ist dass er das Gefühl bekommt er müsste mich "verteidigen" gegenüber meinen hätte-ich-doch-dieses-und-jenes-Gedanken. Ich kann mich gegen die gut selbst verteidigen, aber wenn ich darüber spreche, habe ich das Gefühl den anderen geradezu zu drängen, zu sagen, dass ich es so gut gemacht habe wie ich konnte und ihm möchte ich das nicht zumuten. Das bringt mich ein bisschen in eine Zwickmühle...



bist Du sicher, dass Du hier nicht über Deine eigenen Gefühle und Ängste schreibst? Ist es nicht so, dass Du Dir Gedanken über Schuld sein, und hätte ich es verhindern können machst?
Hm. Oder macht es mir mehr Gedanken, dass ich wirklich denke, dass, wenn der Freund in dem Streit anders reagiert hätte, der Bruder noch leben würde? Das soll aber nicht heißen, dass ich ihm schuld gebe. Tut es auch nicht, oder?
Denn obwohl ich das denke, weiß ich, dass er keine Schuld hat. Ich empfinde, dass er keine Schuld hat. Es ist wie, wenn jemand sich von seinem Partner trennt und sich der Partner deshalb das Leben nimmt. Der jemand, der sich getrennt hat, ist trotzdem nicht schuld.
Es ist der Auslöser...

Aber er ist NICHT schuld.

Ja, Kranich, der Freund wird betreut. Ich weiß aber nicht wieviel er gegenüber den Therapeuten preisgibt. Ich weiß nicht, ob er ihnen mitteilt, dass sie diesen Streit hatten. Es fällt ihm schwer sich zu öffnen.
Ich möchte sicher nicht die Therapie ersetzen, mir ist klar, dass ich das nicht kann, aber irgendwie reagieren muss ich ja. Und ich kann doch auch nicht das Thema einfach komplett meiden, das wäre doch auch schlimm.
Vielleicht hast du mich missverstanden, Kranich, ich möchte kein "Therapiegespräch" mit ihm führen, ich möchte (wenn das für ihn okay ist) gemeinsam mit ihm trauern. Was mir ohnehin durch den Kopf geht ist, dass ich an diese Schuld-Sache nicht leicht rankäme, weil ich dazu reden müsste, als wäre es kein Unfall. Und dieses Denken will ich ihm ja nicht nehmen. Das heißt Begriffe wie "Schuld" oder "verhindern" müssten ohnehin erst mal von ihm kommen, bevor ich dazu etwas sagen könnte.

Tut mir leid, ich habe mir das alles noch nicht richtig überlegt.

Um auf deine zweite Frage zu antworten: Ich spreche mit niemandem Professionelles darüber. Aber es kommt mir manchmal so vor als wäre ich etwas gefühlsarm, ich meine ich komme mit solchen Dingen relativ gut zurecht. Er ist auch nicht der erste Mensch, den ich kannte, der auf solche Weise gegangen ist. Das andere ist schon über 4 Jahre her und ich glaube nicht, dass ich dazu unaufgeräumte Gedanken oder Gefühle habe. Es ist nicht so, dass mich schlimme Dinge nicht treffen und beschäftigen, aber sie tun es nicht so sehr, wie man es wohl erwarten könnte. Ich weiß auch nicht...
Aber danke, dass du dir Gedanken um mich machst. Vielleicht denke ich bei dem Gespräch sowieso unter anderem an mich und würde es schön finden, einfach über den Bruder sprechen zu können...?

Jedenfalls nochmals danke euch vier.

Liebe Grüße,
Mirei