PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Beim Bombenanschlag ums Leben gekommen



hamburger_deern
23.10.2007, 19:21
Seit knapp 4 Wochen hat sich meine ganze Welt verändert. Ich habe das dritte Mal im Leben einen sehr geliebten Menschen verloren, und obwohl jeder Tod so sinnlos, so absurd ist - ich kann immer noch nicht glauben, was vor einigen wochen geschehen ist. meine liebste, beste freundin ist bei einem bombenanschlag in beirut, libanon ums leben gekommen. seit einem knappen jahr lebte sie dort, hatte eben geheiratet, war glücklich, nachdem sie hier in deutschlan lange nur pech mit arbeit, familie und männern hatte. wir hatten uns von september 2006 bis august 2007 nicht gesehen und dann diesen sommer das wunderbare, herrliche wiedersehen - wir sind 3 wochen gemeinsam durch jordanien gereist, hatten spaß, haben pläne gemacht, haben ihre ehe, ihre neue familie gefeiert ... und dann ... wenige wochen später schreibt mir ihre schwester, dass eine autobombe hayat auf dem weg zur arbeit schwer verletzt hat. gestern vor 3 wochen, am 1.oktober ist sie verstorben.
ich kann es immer noch nicht glauben, dass dieser wunderbare, lebensfrohe mensch nicht mehr da sein soll ... ich hatte sie doc grade erst gesehen ... sie war wie eine schwester für mich, die einzige, die wirklich alles von mir wusste, der ich alles anvertraut, mit der ich alles geteilt habe. ich verliere einen der wundervollsten menschen, den ich je gekannt habe und weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. ich bin einfach nur traurig, in einem unendlich tiefen loch, kann mir kein bild von ihr ansehen, keinen brief oder mail lesen, alles, was mich mit ihr verbindet, lässt mich in tränen ausbrechen. in 90% meiner erinnerungen der letzten 8 jahre spielt sie eine rolle - uni, erster job, gemeinsame lieben und trennungen, familienquerälen, traurige, lustige, schöne und chaotische ereignisse ... alles hat mit ihr zu tun, mit ihr geht so viel, gehen so viele erinnerungen, die ich mit sonst niemandem je geteilt habe. sie ist gerade 27 gewesen und hat ihr erstes kind erwartet, was sie sich so wahnsinnig gewünscht hat ... ich kann es einfach nicht begreifen, nicht verkraften, dass ihr tod realität sein soll. es tut so weh, das alles zu denken, sich vorzustellen, dass sie schmerzen hatte, dass ich sie nie wiedersehen werde ... warum das alles? warum?? und wie kommt man je wieder aus diesem loch? wie kann ich es jemals wieder schaffen, mir die bilder unserer reise im august anzusehen? zu sehen, dass das alles kaum 2 monate her ist und nun alles anders sein soll? meinen vater habe ich verloren, da war ich 9, meinen großvater mit 19 ... aber diesen tod jetzt - von meiner besten freundin, meiner kleinen schwester? ich weiß nicht wie ich das jemals überwinden soll ...

Inaktiver User
23.10.2007, 19:52
:kerze: Ich kann leider nicht viel sagen ausser :in den arm nehmen:

Inaktiver User
23.10.2007, 19:55
Liebe Hamburger Deern,

das tut mir so leid, lass dich erstmal :in den arm nehmen:

Ich kann dich so gut verstehen. Auch meine beste Freundin ist vor 2 1/2 Jahren gestorben. Sie hatte 5 Jahre lang Krebs, ist dann aber dennoch ganz plötzlich und unerwartet gestorben, so dass ein richtiger Abschied nicht möglich war.

Was du schreibst, dass die Erinnerungen, Geheimnisse, Dinge, die nur ihr voneinander wusstet plötzlich mit ihr weg sind - genau das habe ich auch so erlebt.

Im Moment bin ich krank und kann nicht so lange schreiben. Ich wollte aber wenigstens kurz sagen, wie sehr ich dich verstehe und werde auf jeden Fall morgen mehr dazu schreiben.

Für heute sage ich noch, dass ich dir ganz viel Kraft für die nächste Zeit wünsche.

Liebe Grüße,
malea

Henne65
23.10.2007, 19:57
...ich bin ganz erschüttert von deiner geschichte und möchte dir gern mein herzliches beileid aussprechen.

hast du liebe menschen um dich rum? familie, freunde?

du musst da nicht allein durch!

Blumenstrauss
23.10.2007, 20:06
Liebe Hamburger Deern,

auch mir fehlen die Worte. :in den arm nehmen:
Eine :kerze: für deine Freundin

hamburger_deern
23.10.2007, 22:43
Liebe alle - vielen Dank für eure worte und auch für eure kerzen! ich bin sehr froh, auf dieses forum gestoßen zu sein und in diesem rahmen meine gefühle und gedanken mit menschen teilen zu können, denen es ähnlich ergangen ist. ich möchte noch so vieles sagen, schreiben, was mich beschäftigt, aber ich glaube, für heute ist es erst einmal genug, überhaupt den schritt gegangen zu sein, den anfang dieser geschichte zu erzählen ... danke für euer mitgefühl! ein speziellen dank und gute besserung an malea! ich fühle auch mit dir und deiner freundin!

Inaktiver User
24.10.2007, 15:27
Liebe Hamburger Deern,

das Forum ist mir auch eine echte Hilfe! Ich hab es ja erst vor kurzem entdeckt, hätte es aber mit genau deinen Gedanken viel eher gebrauchen können.

Ich hatte oft das Gefühl mit meiner Trauer allein da zu stehen. Ich bin ja nicht Familie und viele haben eh Schwierigkeiten mit Trauernden überhaupt umzugehen. Das ist hier ganz anders.

Für mich ist es auch heut noch schwer, dass ich die kleinen und großen Geheimnisse - meine und auch ihre - die man nunmal nur mit der besten Freundin teilt jetzt plötzlich ganz allein tragen muss. Oder hat sie sie mitgenommen? Ist auch möglich. Andrea und ich waren 34 Jahre die besten Freundinnen. Wir haben alles zusammen erlebt. Die Schule, die Jugend, Liebeskummer, die 1. große Liebe, unsere Kinder ... wie du schon sagst einfach alles.

Anfangs konnte ich mir auch ganz schlecht Bilder und Erinnerungen anschauen, aber irgendwann geht es wieder und irgendwann schaut man sie sich dann wieder gerne an.

Es wird dir gut tun, deine Gedanken hier aufzuschreiben.

Danke für deine Genesungswünsche, heut geht`s mir schon besser.

Liebe Grüße :blume: ,
malea

hamburger_deern
24.10.2007, 21:48
liebe malea, es tut gut, von jemandem zu hören, dem es ähnlich ergangen ist. ich bin eineirseits so voll von gefühlen, von entsetzen, von schock, traurigkeit und allen voran von so unglaublich großem schmerz. der gedanke an hayat, ihr name allein tut mir weh als würden mich tausend schwerter ins herz stechen. andererseits ist da diese unendliche leere, als hätte sie ein großes stück von mir mit sich genommen. vielleicht hat sie das. der mensch der mich am besten kannte. besser als mein mann, besser als meine familie. niemand konnte mir so viel kraft, so viel freude mit nur einem lachen geben. ihre lebensfreude, ihre zuversicht, all ihre positive energie - sie hat es einfach nicht verdient.
viel schlimmer - als wäre der verlust nicht schlimm genug - machen es die ganzen umstände. ich weiß nicht, ob das jemand je verstehen wird, selbst ich habe nie geglaubt, mal etwas in dieser art erstehen zu müssen. ich kenne jetzt jemanden, der der gewalt im nahen osten zum opfer gefallen ist. die nachrichten sind plötzlich ganz nah, in meiner wohnung; eine autobombe!!!! eine autobombe, die für einen politiker bestimmt war, reißt diese wundervolle junge frau, eine gerade verheiratete ehefrau, eine schwangere frau aus dem leben!!! wie grausam kann das leben denn sein?? dieses loch, was sie in meinem leben hinterlässt, wird sich nie mehr füllen - eine zweite hayat gibt es nicht; jeder mensch, der sie gekannt hat, kann sich glücklich schätzen, an diesem wundervollen menschen teil gehabt zu haben - und sie war meine beste freundin!
ich kann nicht mehr -- ich bin so müde, so traurig, so voll schmerz ... wie soll das weitergehen???

Henne65
24.10.2007, 22:03
oh du liebe, lass dich von uns ein wenig trösten, es muss ja weitergehen, wer soll der welt (oder zumindest den lesern dieses forums) sonst von hayat erzählen?

ich freue mich auf deine geschichten über sie... :kerze:

weißt du, ich verstehe dich sehr gut, obwohl ich glücklicherweise bisher so etwas noch nicht erleben musste. doch ich habe drei allerbeste freundinnen, alle seit jahrzehnten, irgendwann habe ich den schmerz, den du jetzt hast, oder ich gehe zuerst...

Karla48
24.10.2007, 22:10
Eine Kerze für Deine Freundin und für Dich ein liebes :in den arm nehmen: .
Fühl Dich gedrückt, mein Beileid zu Deinem Verlust.
Ich habe eben schon an eine Trauernde geschrieben, jetzt geht mir die Puste aus...das geht mir auch an die Nieren...
Ich wünsche Dir erholsamen Schlaf,
daß Du gut einschlafen kannst,
und morgen ist wieder ein neuer Tag. :in den arm nehmen:
LG Karla

Inaktiver User
24.10.2007, 22:13
Liebe Hamburger Deern,

du hast natürlich Recht. Die Umstände, die zu Hayat`s Tod geführt haben sind ganz besonders schrecklich. Das macht es sicher sehr schwer für dich. Solche Nachrichten zu ertragen ist ohnehin schon schwer, keiner will sowas je so nah an sich heran lassen.
Und nun ist es doch passiert. Wie soll man damit umgehen?

Ich kann dich so gut verstehen. Das wird viel Zeit brauchen. Zeit, bis erstmal der erste Schock vorbei ist - und nochmal Zeit, es zu verarbeiten.

Hast du denn jemand, der dir dabei hilft?

LG :in den arm nehmen:
malea

hamburger_deern
25.10.2007, 16:26
Liebe alle, liebe malea - vielen dank für all eure worte, eure gedanken und euer dasein. manchmal ist es eben einfach schwer ... ja, ich habe menschen um mich herum, die immer da sind, allerdings habe ich jetzt, wo der erste schock sich gesetzt hat, immer öfter das gefühl, gern mehr allein mit meinen gedanken zu sein. oft überkommt mich meine traurigkeit ganz unerwartet und dann mag ich mich in meinem bett verkriechen und einfach nur weinen.
an einigen tagen ist es wahnsinnig schwer - wie gestern; heute scheint alles schon viel besser, weniger leer und erschreckend. heute geht es, ich habe viel gearbeitet und konnte meine gedanken gut bei mir halten. wie's morgen wird - wer weiß ....
viele gedanken kreisen um dinge jenseits des traurigseins ... ich denke viel an hayats familie, ihre eltern ... es ist so schwierig, sich in seiner eigenen trauer zu positionieren, weil man ja nicht zur familie gehört und sich anmaßend vorkommt, wenn man den schwestern gegenüber behauptet, man habe auch eine schwester verloren ... aber es ist so! sie war einfach genau wie eine schwester für mich" sie hat zu meiner familie gehhört, meine mutter auch "mama" genannt, weil ihre eigene mutter nie für sie da war ...ich fühle mich schuldig, weil ich mit anderen freunden, die auch mit ihr befreundet waren, im moment nicht sprechen will ... bin ich egoistisch? ich will einfach nicht über hayat sprechen und wenn man in einem kreis von gemeinsamen freunden ihren namen, diese schreckliche geschichte ausklammert, fühlt sich das furchtbar an ... deshalb habe ich mich im moment von 2 sehr engen gemeinsamen freunden zurück gezogen...ist das richtig? falsch? ich weiß es nicht ... wie kann man denn überhaupt wissen, wie man sich richtig verhält ...wahrscheinlich gar nicht.
ich fühle mich schwer, ausgelaugt, am ende meiner kräfte. auch, weil ich in unserer freundschaft immer die rationale, die denkende, die logische -- hayat war meine emotionale seite, alles, was mit gefühlen zu tun hatte - gut oder schlecht - habe ich mit ihr besprochen, bei ihr abgeladen, mich von ihren impulsiven gefühlen leiten lassen, bei ihr gweint, wenn es was zum weinen gab, bei ihr hysterisch gelacht, wenn es was zum lachen gab ... ich habe gerade das gefühl, dass ich unter der last, all diese gefühle jetzt ohne sie austragen zu müssen, zusammen breche ... es ist mir nie leicht gefallen, mich emotional fallen zu lassen, außer bei ihr ... und jetzt, ohne sie?? ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll ....

Inaktiver User
26.10.2007, 11:05
Liebe Hamburger Deern,

mir fiel es auch am Anfang extrem schwer, mit jemand über meine Freundin zu sprechen. Wochenlang hab ich es vermieden in die Stadt zu gehen, um ja niemanden zu treffen der mich darauf ansprechen könnte.

Immer hatte ich auch die Frage, was wollen sie wissen. Ist es Neugier oder echte Anteilnahme :knatsch: ? Ich fand mich auch selber schon ungerecht, weil ich es nicht mehr auseinander halten konnte. Bei den Meisten jedenfalls nicht.

Irgendwann hatte ich aber das Bedürfnis über sie zu sprechen und habe bei jeder Gelegenheit irgendwelche Geschichten aus unserem gemeinsamen Leben erzählt. Vielleicht, damit sie auf keinen Fall in Vergessenheit gerät. Ich weiß es nicht.

Hab ein wenig Nachsicht mit euren gemeinsamen Freundinnen.
Sie wissen vielleicht nicht, wie sie am besten mit dir umgehen sollen. Ist ja auch nicht einfach. Kann ich im Nachhinein verstehen. Aber denk dran, Freunde sind sehr wichtig!!! Nicht, dass du sie verlierst.

Viele liebe Grüße :blume: ,
malea

Karla48
26.10.2007, 15:56
Liebe Hamburger Deern,

ach Mensch, es tut mir so leid, was Du durchlebst. Denke manchmal an Dich. *blümchen* *taschentücher* *schulter* *alles rüberreich*

Kannst Du mir vertrauen und glauben, daß Du von einem Trauerprozess auch viel Gutes zurückbehältst? Schau mal: Wenn in Deinem Umfeld einmal jemand in einer ähnlichen Lage ist plötzlich, DU wirst ihn verstehen, dasein können, reagieren können, trösten können, eine Freundin und Begleiterin auf diesem schweren Weg sein können.

Woher ich das weiß? Durch meine eigene Erfahrung mit diesem ungeliebten Thema. Man geht stärker heraus, als man hineinging. Ein wenig scheint es so mit jeder schweren Aufgabe zu sein. Eines Tages hat man sie bewältigt, und man ist ein Stück gewachsen innerlich.

In Sachen Freundinnen habe ich folgende Idee:
Zunächst: Du brauchst Dich überhaupt nicht schuldig zu fühlen, weil Du momentan neben Dir stehst und andere Beziehungen nicht so problemlos weiter pflegen kannst. Das ist normal in Deiner Lage, und jeder hat das Recht, so zu trauern, wie er es eben tut.

Um für spätere Zeiten jede Möglichkeit eines Mißklangs auszuschließen:
Wie wäre es, wenn Du jeder einen kleinen Brief schickst, in dem Du Deine innere Lage grob schilderst. "Sorry, sehr traurig, kann nicht gut über XX sprechen, weine viel und unvermittelt, trau mich nicht, Euch das zuzumuten...".
Dann wissen sie, daß Du schon innerlich bei ihnen bist, und haben eine Erklärung für Deine Abwesenheit. Sie verstehen es bestimmt. Und da es Freundinnen sind, kann man doch ganz ehrlich sein. Ach Quatsch, das kann man grundsätzlich sowieso. Jeder vernünftige Mensch wird Dich verstehen.

Du sagst, es ist nicht leicht für Dich, mit Gefühlen umzugehen, generell. Daher rührt wahrscheinlich auch Dein Wunsch nach dem Alleinsein, möchtest deshalb einfach nur alleine im Bett Dich verkriechen.

Ich möchte Dir Mut machen! Wir Mädels können doch meistens sehr gut damit umgehen, wenn ein anderer Mensch weint. Ich glaube, Du darfst Deinen Freunden und Bekannten da ruhig vertrauen, und auch in ihrer Gegenwart weinen. Auch ich bin stets und ständig sehr nah am Wasser gebaut, und meine Freunde und Bekannten beneiden mich um meine Gefühlstiefe, sie schätzen es sehr, wenn ich ihnen gegenüber so offen bin, und mich so zeige, wie mir gerade ist.

Wir müssen nicht ständig strahlen und flöten, um gemocht zu werden! Im Gegenteil! Ein "schwacher" Mensch löst bei den anderen viele warme Gefühle aus, und gerade in "schwachen" Momenten wächst man zusammen und bekommt und gibt viel Liebe und Freundschaft.

Hab den Mut und probiere es aus, Du wirst sehen, daß Du Dich hinterher fragst "Meine Güte, wovor hatte ich da eigentlich Angst? Das hat sehr gut getan!".

Mir hat einmal eine mir kaum bekannte Frau (eine Russin) gesagt, als ich traurig in Tränen ausbrach: "Tut mir so leid! Möchte ich mit Dir weinen!", setzte sich zu mir und hielt mich. Diese Frau hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen, auch wenn ich sie nie wieder gesehen habe. Vielleicht begegnet auch Dir so ein Engel? Aber er kommt vermutlich nicht an Deine Bettkante, sondern er begegnet Dir irgendwo draußen.
Hab Mut und gehe unter die Menschen. Sie können Dir viel geben.

Ich drück Dich ganz vorsichtig
von hier aus.

Liebe Grüße :blume:
Karla

hamburger_deern
29.10.2007, 14:19
liebe karla, liebe malea, dank euch, dass ihr euch so viel zeit für eine so ausführliche antwort genommen habt. ihr habt vermutlich recht, ich muss einfach lernen, dass ich mich auch bei mehr als nur 2 menschen fallen lassen kann und muss ... mein mann macht sich bereits große sorgen, weil ich so stark nach vorn dränge, viel arbeite, unternehme, um bloß nicht still zu stehen. ich will mir ja auch zeit nehmen ... ach, ich weiß eigentlich auch nicht, was mich daran hindert. ich hab einfach angst, vor einem kompletten zusammenbruch.
und doch merke ich langsam die erschöpfung. dinge, egal ob bei der arbeit oder einfach nur im alltag, die mich normalerweise nicht einmal berühren würden, kosten mich unendlich viel kraft. und dennoch finde ich nicht den mut, mich bei jemandem fallen zu lassen mit meiner trauer.
ich kann nicht aufhören, an diese schrecklichen todesumstände zu denken. grausame bilder haben sich in meinem kopf festgesetzt; als gestern wieder über tote nach einem anschlag im irak berichtet wurde, hab ich eine stunde lang geweint. und ich fühle mich so schuldig ... sie war doch meine kleine schwester -- warum hab ich es nicht geschafft, von dieser völlig bescheuerten idee, im libanon leben zu wollen, abbrigen können??? warum habe ich sie nicht einfach mitgenommen, als wir uns vor 2 monaten gesehen haben??
ich weiß, es macht keinen sinn, sich all diese fragen zu stellen, dennoch bekomme ich sie nicht aus dem kopf ...
wann geht das vorbei? könnt ihr mir das beantworten? wie schafft man es, diese schuld, diese angst vor dem alleinsein, dieses fehlen auszuhalten? wann hört es auf, weh zu tun? mein mann sagt, ich sei zu streng mit mir, ich solle mir zeit lassen ---- ich weiß er hat recht, aber ich denke immer: "der hat gut reden" ... vermutlich ist all das normal, dieses schwanken zwischen wut, trauer, leere, hilflosigkeit ... doch das hilft auch nicht dabei, es zu überwinden ... liebe malea, was hat dir geholfen? wie bist du der familie deiner freundin begegnet? hattet ihr "danach" viel kontkat? eher weniger? seit wochen schiebe ich das vorhaben vor mir her, hayats eltern und auch ihrem mann zu schreiben ... ach ... ich weiß doch auch nicht ... ich glaube, ich habe einfach angst vor der erkenntnis, dass wenn ich diese briefe schreibe, ihr tod wirklich und echt und nicht mehr wegzuleugnen ist .... als käme sie so zurück ... heute ist bei der arbeit etwas sehr aufregendes, schönes passiert und ich hab mich bei dem gedanken ertappt: "ich muss heute abend unbedingt hayat anrufen um ihr das zu erzählen!" -- als ich begriffen habe, das geht nicht mehr" ...
es umarmt euch eine sehr erschöpfte
hamburger deern

Inaktiver User
29.10.2007, 15:06
Liebe Hamburger Deern,

ich erzähl dir mal kurz meine Geschichte.
Nachdem meine Freundin gestorben ist ging es mir in den ersten Wochen ganz schlecht, dann habe ich versucht, die Trauer von mir weg zu schieben.
Alle sind ganz gut damit umgegangen - ihr Mann, ihre Kinder, ihre Eltern. Da habe ich immer gedacht, jetzt kann ich doch nicht daherkommen und die absolute Trauer ausleben. Also war ich auch "stark".
Ein Jahr später sind wir mit ihrem Mann und den Kindern gemeinsam an den Urlaubsort gefahren, wo wir schon mit Andrea jedes Jahr waren. Und erst da hat es mich so richtig umgehauen. Ohne, dass ich ganz bewusst dort extrem getrauert hätte, aber genau da fingen bei mir Panikattacken an - bis zum Zusammenbruch. Panikattacken - was ist das? Kannte ich bis dahin nicht. Ich dachte, das liegt am heißen Wetter - der Kreislauf oder was auch immer. Erst zuhause (da war es immer noch nicht besser) hat meine Ärztin mich total auf den Kopf gestellt und nichts gefunden, weshalb sie mich dann mit den Worten "glaub ich zwar nicht, dass das psychisch ist, sie sind doch immer so gut drauf" zum Neurologen geschickt hat.
Bereits nach kurzen Gesprächen hat die dann herausgefunden was mit mir los war. Und sie sagte: "Sie sind nicht psychisch krank, sie trauern. Und das ist gut!"

Ich habe dann angefangen Tagebuch zu schreiben. Über meine Gedanken - meine Träume - meine Sorgen - meinen Kummer (wie auch bei dir: Warum habe ich sie nicht an dem Tag nochmal besucht, als sie das letzte Mal ansprechbar war? Hab ich ihr genug geholfen? u.s.w.)
Und erst kürzlich habe ich dann von diesem Forum gehört und erstmal nur gelesen. Dann hab ich überlegt, ob ich meine Geschichte hier schreiben soll, hab mich aber dann entschieden, denen, die gerade erst jemand verloren haben durch meine Erfahrungen zu helfen - was dann auch wieder mir hilft.

In Anita`s Strang habe ich auch schon öfter beschrieben, wie es mir gerade so geht und welche Hochs und Tiefs ich in der Trauer schon erlebt habe.

Zu Andrea`s Familie habe ich noch einen sehr guten Kontakt. Zu ihrem Mann und den Kindern aber auch zu ihren Eltern. Sie alle wohnen aber auch höchstens 15 Minuten von mir entfernt. Da ist es einfacher. Ich hab z.B. echte Schwierigkeiten zum Friedhof zu gehen. Ich kann das nicht ertragen, dass sie da so alleine liegt. Schon garnicht, wenn es so kalt ist. Irgendwann rief ihr Mann an und sagte, komm wir gehen jetzt zusammen da hin. Das fand ich total gut. Da ging es dann auch. Allein kann ich es immer noch nicht.

Ja, du siehst schon, es ist immer noch sehr schwer, aber weniger schmerzhaft. Die Trauer bleibt, doch man hält es besser aus und kann auch wieder unbeschwert lachen und leben.

Ich würde den Eltern vielleicht erstmal einen kurzen, netten Brief schreiben mit dem Hinweis, dass du in Kürze - wenn es dir besser geht (sie können ja ruhig wissen, dass auch du sehr leidest) - einen längeren Brief schreiben wirst. Dann sehen sie, dass du den Kontakt erhalten willst und sie nicht vergisst.

Ich drück dich nochmal :in den arm nehmen:

Liebe Grüße,
malea

Karla48
29.10.2007, 16:45
Liebe Deern, das klingt mir gar nicht gut. Ich weiß, Du willst das vermutlich nicht hören, aber ich rate Dir, doch einmal mit Deinem Hausarzt über Dein Befinden zu sprechen. Für mich klingt das alles, als wärst Du dabei, in eine Depression zu rutschen. Damit ist nicht zu spaßen, und es gibt sehr gute Möglichkeiten, Dir da raus zu helfen.

Gleich morgen, geh zu ihm und berichte von Deinen körperlichen Empfindungen. Wenn Du nicht Deine Trauer vor ihm ausbreiten magst, dann sage ihm etwas von "Stress" und "Überbelastung".

Nimm Dich bitte wichtig! Es ist nichts ungewöhnliches, daß einen ein Todesfall erstmal ziemlich umwirft, da braucht man sich nicht zu schämen oder so. Es ist normal! Aber hole Dir die Hilfe, die Du brauchst und verdient hast, bittebitte. Das Leid, was Du jetzt durchmachst, ist schlimm, das kann man mildern. Wohlgemerkt, ohne daß man der Trauer ausweichen könnte. Das kann man nicht. Aber man kann die Intensität kurz vermindern, damit Du wieder "klar" sehen kannst und zu Kräften kommst.

Der Kopf sagt, es ist falsch, aber die Seele arbeitet und arbeitet und rennt und rennt...kenne ich auch, diese Art Workoholismus...Aber keine Angst, der Arzt wird Dir helfen. Er wird Dir auch helfen, nach weiter führenden Möglichkeiten der Hilfe Ausschau zu halten. Ansonsten 0800 - 111 0 111, die Telefonseelsorge, die haben alle Adressen und Nummern parat für Deine Stadt.

Ganz liebe Grüße
Karla

hamburger_deern
30.10.2007, 17:53
Liebe malea
tausend dank für deine geschichte. es hilft zu wissen, dass man nicht egoistisch, verschroben oder verrückt ist, wenn man um seine beste freundin genauso trauert wie man es um eine schwester oder ein anderes familienmitglied täte. wie gesagt (und ich kann es nicht oft genug sagen) sie WAR meine schwester ... ich habe mir heute spontan eine woche frei genommen und bin zu meiner mutter gefahren. auf der 3stündigen autofahrt hatte ich viel zeit, zu weinen, mich zu erinnern und die gedanken streifen zu lassen, was mir wohl helfen würde ... das hat schonmal sehr, sehr gut getan! ich glaube, ein (oft unterschätzter) wichtiger punkt ist tatsächlich ein ritueller abschied ... bereits bei meinem vater vor 18 jahren ist uns das nicht ermöglicht worden, weil er auf den wunsch unserer familie in deren heimat beerdigt wurde - ohne die anwesenheit meiner mutter oder uns kinder; damals konnte niemand vor lauter schock absehen, dass das tatsächlich konsequenzen auf unser trauern, unsere (meine) psyche haben würde - wahrscheinlich war man damals in sachen kinderpsychologie, trauerbegleitung etc noch nicht so weit ...
mit hayat ist es nun ja ähnlich ... sie wurde im libanon bestattet, ohne dass einer von uns freunden dabei war. auf meiner fahrt heute kam mir die idee, dass es vielleicht schön wäre, eine kleine gedenkfeier hier für die zu organisieren, wo freunde und die deutsche familie zusammen kommen können ... ich denke, das würde ihr gefallen ... und mir vielleicht helfen auf dem weg, abschied zu nehmen ...ich werde mal ein wenig rumfragen und vielleicht finden die anderen leute, ihre familie die idee ja gut ...

liebe karla, auch dir herzlichen dank für deine sorge! du hast völlig recht! eine depression ist im anmarsch - ich kenn das auch nur zu gut! immerhin war ich 3 jahre genau deshalb in behandlung ... ich nehm jetzt erstmal die woche auszeit und dann lass ich mich mal richtig durchchecken und vielleicht kann sich mein sehr netter hausarzt gemeinsam mit mir etwas überlegen, damit ich nicht wahnsinnig werde.... zudem hat sich mein mann vorgenommen, dass gutes essen alles besser macht, und füttert mich dick und rund :smile: gleich gibt es risotto mit jakobsmuscheln ... er ist echt ein schatz!
genau wie ihr!!! tausend dank fürs dasein und zuhören!!! wenn ich mal was für euch tun kann ... :in den arm nehmen: !!
tausend grüße zur abwechslung mal aus dem schönen ruhrpott!
eure deern!

Inaktiver User
30.10.2007, 19:43
tausend grüße zur abwechslung mal aus dem schönen ruhrpott!


Hallo liebe Deern,

da bist du mir ja jetzt ziemlich nah :smirksmile: , ich komme nämlich genau da her!!

Heute hörst du dich gut an. Es tut immer gut, Vorsätze zu haben. Und deine finde ich ausgesprochen gut. Ich drück dir die Daumen, dass du das so umsetzen kannst, wie du es dir vorstellst. Dieses Ritual halte ich auch für sehr, sehr wichtig.

Dein Mann scheint ja auch ein ganz Lieber zu sein. Das freut mich für dich! Mein Mann hat mich auch sehr unterstützt, als es mir so schlecht ging.

Ich denke, du hast heute genau das Richtige getan, indem du dir mal eine kurze Auszeit eingeräumt hast. Mache in dieser Zeit alles, was dir gut tut. Lass dich ein wenig verwöhnen.

Und danke für deine besonders lieben Worte :blumengabe:

LG,
malea

Karla48
30.10.2007, 22:08
Liebe Deern, uff ich bin froh, daß es Dir heute besser geht und Du Maßnahmen ergreifst. Hallelujah! Jetzt geht es aufwärts, Schritt für Schritt.
Danke für die lieben Worte! :zauberer:

Die Idee mit der Trauerfeier finde ich sehr, sehr gut. Genau, ein Abschiedsritual, das ist wichtig. Ich überlege gerade: Vielleicht hat man mit ein wenig zeitlichem Abstand sogar mehr davon. So wie Du es dann jetzt haben wirst.
Damals die Beerdigung meines Vaters nämlich:
Alles wie im Nebel erlebt, die Traueransprache hab ich mir später mal schriftlich geben lassen (nix mitgekriegt), wer war eigentlich da anwesend - keine Ahnung, wie hat Mama ausgesehen - nicht wahrgenommen...Man ist viel zu geschockt, um bewußt "Adieu" sagen zu können. Das konnte ich erst viel später, im Rahmen eines Trauerbegleitungs-Kurses.

Dein Mann verwöhnt Dich so lieb, wie schön. Die Auszeit wird Dir guttun, laß Dich weiter verwöhnen und tu Dir Gutes.
Liebe Grüße
Karla