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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Dossier: Wie meistern Sie die Pflege Ihrer Eltern



BRIGITTE Community-Team
05.10.2007, 13:13
Liebe Userinnen,

in der aktuellen BRIGITTE (Heft 22, ab 10. Oktober am Kiosk) stellen wir Ihnen vier Töchter vor, deren Eltern Pflege brauchen. Eine der Geschichten können Sie hier (http://www.brigitte.de/frau/gesellschaft/bezahlte-hilfe/index.html)nachlesen - und sich hier im Forum darüber austauschen, wie Sie die Pflege Ihrer Eltern meistern.

Angeregte Diskussionen wünscht Ihnen

das Brigitte.de-Team

pflegenetz-HN
18.10.2007, 12:53
Das Pflegenetz Heilbronn e.V. (größtes real existierendes Pflegenetz: [...] )
will zur Wahl des Pflegeheims eine konkrete Antwort geben:
„Sterne für gute Pflege“
- Verbraucherschutz durch verständliche Transparenz -

Durch unser Pilotprojekt:
Bewertungssystem für stationäre und ambulante Altenhilfe zur allgemeinverständliche Transparenz sowie zur positiven Differenzierung von Pflegedienstleistungen für die Öffentlichkeit.

Die Wahl der Einrichtung in der stationären und ambulanten Altenhilfe für den letzten Lebensabschnitt des älteren Menschen bereitet angesichts der großen Auswahl mitunter auch große Probleme. Die Unsicherheit darüber, worauf geachtet werden sollte, der Stress, der mit der Auswahl verbunden ist und andere Faktoren machen die Wahl nicht immer zu einer rationalen Entscheidung, sondern eher zu einem Glücks- oder Fehlgriff.

Ein vertrauenswürdiges Bewertungssystem (wie z.B. die Hoteleinstufung) bietet sich zur Orientierung an. Während ein Hotel sich aber auf Unterkunft und Verpflegung beschränkt, sind bei Pflegeeinrichtungen alle Aspekte des alltäglichen Lebens zu berücksichtigen.

Dieser Vielschichtigkeit muss Rechnung getragen und ein umfassendes Bewertungssystem entwickelt werden, das einerseits bereits vorhandenen Bewertungen einbezieht und andererseits die noch fehlenden Aspekte erhebt. Das Gesamtergebnis muss für den Interessenten an der Pflegeeinrichtung leicht verständlich und zuverlässig sein.

Deshalb schlagen wir ein Sternesystem (1 bis 5 Sterne) vor. Sterne weisen den Weg, sind Qualitätszeichen und Gütesiegel – Symbole, auch ohne Worte verständlich.

Das System muss fachlich kompetent, objektiv, nachvollziehbar und rückverfolgbar sein. Dies ist Voraussetzung, dass es von den potenziellen Nutzern, den Kostenträgern und den Einrichtungen anerkannt wird. Welche und wie viele der nachfolgenden Aspekte tatsächlich miteinbezogen werden, ist mit den Verantwortlichen zu diskutieren und zu entscheiden.

Folgende Erhebungen sollten in das Prüfungssystem einbezogen werden:
· Heimaufsicht
· Medizinischer Dienst der KVs (MDK)
· Alltagsqualität der Einrichtung
· Selbsteinschätzung der Einrichtungen
· Qualifikation des Personals
· Infrastruktur der Einrichtung
· Zertifizierungen der Einrichtungen
· Einschätzungen der Alltagsexperten
· Mitarbeitereinschätzung, Bewohnereinschätzung
· Beurteilung von Pflegesituationen

Für die praktische Erprobung einer positiven Differenzierung von Qualität in der Altenhilfe stellt das Pflegenetz Heilbronn e.V. zwölf Einrichtungen - stationär, teilstationär und ambulant - unterschiedlicher Träger zur Verfügung. Das Projekt ist in neun Monaten in der Theorie entstanden, wurde am 8.10. erstmals in der Region Heilbronn der Öffentlichkeit präsentiert und wird jetzt am 22.10.2007 in den praktischen Test geführt.

Die Sternvergabe wird als Verbraucherschutz gesehen. Um einen guten Schutz zu garantieren, sollte das Bewertungssystem in das vorhandene Prüfschema anderer Institutionen wie Heimaufsichtsbehörde oder MDK eingefügt und mit diesen abgestimmt werden. Somit ergibt sich, dass eine jährliche Überprüfung anzustreben ist.

Unter aktiver Beteiligung der erfahrenen Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Einrichtungen des Pflegenetz Heilbronn e.V. wurden die Kriterien kompetent, konstruktiv und praxisnah gemeinsam unter der externen (wissenschaftlichen) Begleitung von Dr. Claus Offermann sowie Claus Fussek erarbeitet. Ebenso sind die im Pflegenetz tätigen Ehrenamtlichen und die beiden Berufsfachschulen für Altenpflege mit eingebunden.

Fazit: Der Bedarf nach einem transparenten System ist offensichtlich, die Wahl der angemessenen Pflegeeinrichtung darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Den Betroffenen muss eine zuverlässige Orientierung über das Leben im letzten Lebensabschnitt zur Verfügung gestellt werden.
Das Pflegenetz Heilbronn nimmt diese Herausforderung an!

Es wäre toll, wenn Sie uns zu unserem Projekt Ihre Meinung sagen, weil nur eine breite Unterstützung der Öffentlichkeit und konstruktive Kritik bringen uns weiter!

Das „Pflegenetz Heilbronn e.V.“ ist als eingetragener gemeinnütziger Verein inzwischen fester Bestandteil der Gesundheitslandschaft des Stadt- und Landkreises Heilbronn. Mehr als 40 Einrichtungen und Dienstleistungserbringer in der Pflege – 10 ambulante Dienste, 20 stationäre Einrichtungen, 5 Krankenhäuser, 2 Hospize, 2 Schulen usw. – stellen derzeit das größte real existierende Pflegenetz in Deutschland dar, das sich selbst sowie durch Spenden finanziert und mit seiner eigenen Zeitung die Bürger in der Region Heilbronn rund um das Thema Pflege informiert. Von Aufmachung und Qualität des Inhaltes der bisherigen acht Ausgaben können Sie sich über unsere Internetseite [...] gerne überzeugen.

Laut Satzung ist das Pflegenetzwerk angetreten, die Schnittstellen im Gesundheitswesen praxisbezogen zu optimieren und die medizinische Versorgung und pflegerische Betreuung zum Wohle des Bürgers und Patienten (auf Augenhöhe) in Einklang zu bringen. Schließlich ist es die Pflege, die als einziges durchgängiges Bindeglied im gesamten Gesundheitsprozess nicht nur dessen Schwächen und Mängel erkennt, sondern diese zusammen mit den Betroffenen auch „aushalten“ muss – ohne eigene Lobby und Unterstützung.

Pflegenetz Heilbronn e.V.
Gemeinnützig und mildtätig gemäß §§ 51 ff. AO und § 5 Abs.1 Nr.9 KStG Vereinsregister Heilbronn Nr. 3058
...

Wir sind dankbar für jede Form der Unterstützung.

goelenz
31.10.2007, 11:32
Es muss bundesweit allgemeingültige Regeln geben, um die Qualität einer stationären Altenpfegeeinrichtung zu erfassen und darzustellen. Dies sieht nun endlich die Reform des Qualitätssicherungsgesetz für 2008 vor. Ich halte nichts davon, ein Bewertungssystem nach Sternen einzuführen. Denn müssten dann nicht auch andere Einrichtungen oder Dienstleistungsunternehmen ebenso nach Sternen begutachtet und bewertet werden ? - wie zum Beispiel Kindergärten, Schulen, öffentliche Verkehrsmittel - wie fiele derzeit eine Berwertung der Bahn aus (STREIK)?! Eine Altenpflegeeinrichtung muss nach gesetzlichen Anforderungen arbeiten - und dennoch: ein Altenpflegeheim ist so gut wie seine Mitarbeiter. Und ist das in Sternen wieder zu erkennen?

Inaktiver User
01.11.2007, 12:47
Wenn ich ganz ehrlich bin: Da stecke ich im Moment noch den Kopf in den Sand.:knatsch:

Mein Vater und mein Schwiegervater sind in diesem Jahr gestorben.
Wären sie es nicht, wären sie jetzt Pflegefälle.
Ganz klar ist für mich, dass ich es nicht über mich bringen würde, jemanden zu Hause zu pflegen ( mein Mann und meine Kinder ausgenommen).Ich habe selber in der Pflege gearbeitet und weiß für mich, dass ich das nicht will.

Eine Nachbarin hat für ihre demenzkranke Mutter eine Polin, die mit der Mutter in ihrem (eigenen Haus) wohnt. Die Frau ist richtig aufgeblüht.
Das würde für mich für meine Mutter auch in Frage kommen, wenn es denn mal so ist, dass sie sich selber nicht mehr versorgen kann.


Unverschämt finde ich die hohen monatlichen Kosten, die man für ein Pflegeheim bezahlt, die in keiner Relation zu der Leistung stehen.
Trocken, satt, sauber -und oft ist nicht mal das da.

Tabea57
01.11.2007, 13:02
Wir haben es geschafft, meine Schwiegermutter bis zu ihrem Tod zu Hause zu betreuen.

Aaaber... das war eine kurze, überschaubare Zeit, und das wussten wir. Die Ärzte hatten uns einen Zeitrahmen von 3 - 6 Monaten gesagt, im Endeffekt waren es dann nur 3 Monate.

So lange konnten wir das schaffen, und wir hatten einen hervorragenden Pflegedienst. Die Frauen von der Caritas haben uns unterstützt, uns bestärkt und auch mal getröstet.

Wenn mal etwas passierte, mit dem wir allein nicht fertigwurden - und das kam öfters vor - dann kamen sie auch ausserhalb ihres Planes.

Ich fand diese Zeit hart, aber auch intensiv und auch eine Art schön. Ich habe z.B. meine Schwägerin völlig anders erlebt. Nie hätte ich gedacht, dass sie sich so engagieren würde, und ich musste erkennen, wie viele Vorurteile ich doch hatte. Merke: auch jemand, der sich einerseits die Brüste vergrößern lässt, kann doch andererseits sehr liebevoll und engagiert in der Pflege sein.

Auch, wie unsere Kinder mitzogen, hat mich beeindruckt. Da hat auch mal der 16-jährige Enkel zusammen mit seinem Opa die Oma auf dem Klostuhl gesetzt, weil grad niemand Anderer da war. Er hat ihr die Hose hochgezogen und geholfen, sie wieder ins Bett zu legen.

Ich fand, es war eine wichtige Zeit für uns. Aber ich weiß auch ganz genau, dass ich das nicht jahrelang könnte. Es war uns nur möglich, weil wir wussten, dass wir in einigen Monaten unser "normales" Leben wieder hätten - die Zeit der Pflege habe ich nicht als normales Leben empfunden, da sich eben alles nur darum drehte. Und es ging nur, weil wir zu vier Erwachsenen waren, die sich alle so einbrachten, wie es ihnen zeitlich möglich war.

Als Einzelkind und über einen längeren Zeitraum - Alptraum pur!

Tabea57

Inaktiver User
01.11.2007, 13:32
Merke: auch jemand, der sich einerseits die Brüste vergrößern lässt, kann doch andererseits sehr liebevoll und engagiert in der Pflege sein. :wie?:

Hä??
Da sehe ich jetzt irgendwie den Zusammenhang nicht:knatsch:


Aaaber... das war eine kurze, überschaubare Zeit, und das wussten wir. Die Ärzte hatten uns einen Zeitrahmen von 3 - 6 Monaten gesagt, im Endeffekt waren es dann nur 3 Monate.

Da stimme ich dir zu!
Ich sah Leute, die über mehr als 20!!!! Jahre ihre pflegebedürftigen Angehörigen zu Hause betreuten. Meist waren es die Frauen, an denen alles hängen blieb. Da sind Ehen dran zerbrochen, die Kinder hat es aus dem Haus getrieben.
Ich sehe es einfach so, dass ich auch ein Leben habe.
Andrerseits erwarte ich von meinen Kindern nicht, dass sie sich in der Beziehung für mich aufopfern.
Ich bin zwar "erst" 44, habe aber schon eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, die vielleicht einiges an Entscheidung erleichtern werden, wenn es nötig ist.

Steinbock07
01.11.2007, 20:52
Ich "pflege" seit mehreren Jahren meine Mutter.Sie lebt zwar noch
in Ihrer eigenen Wohnung, aber muss mit allen um- und versorgt werden. Das tägliche Versorgen ist nicht das Problem, sondern eher die phychische Belastung. Sie ist so was von labil und steigert sich in allem, was ihr fehlt, extrem rein. Im Moment ist sie fest davon überzeugt, eine Rippe gebrochen zu haben, weigert sich aber standhaft, zum Arzt zu gehen. Seit Monaten geht sie nicht mehr zum Arzt, bzw. kann ich sie nicht mehr dort hinbringen. Die kleinste Untersuchung wird zum Drama. Sie war immer schon sehr labil, seit ich denken kann, dreht sich alles nur um Krankeit bei ihr. Mein Bruder kümmert sich überhaupt nicht, an mir und meiner Familie bleibt alles hängen. Ich habe ich klipp und klar gesagt, wenn sie bettlägerig wird, muss sie in ein Heim. Das hört sich total hart an, aber irgendwo sind Grenzen.Sie hat keinerlei soziale Kontakte, nur mich bzw. meine Familie. Wir sollen alles auffangen, was sie im Laufe ihres Lebens nicht geschafft hat.
Ich kenne meine Mutter nur jammernd und klagend, da stumpft man irgendwann ab. Den sozialen Dienst,Ärzte etc. alles lehnt sie ab.Ichhab jeden Tag Magenschmerzen,, wenn ich dorthin muss.
Aber es bleibt mir ja nichts anderes übrig.

Inaktiver User
01.11.2007, 22:23
Aber es bleibt mir ja nichts anderes übrig.


Das ist die Frage !
Bleibt dir wirklich nichts anderes übrig?

Wenn es dich nicht gäbe (mal theroretisch) oder auch "praktisch", du könntest ja mal wochenlang im KH liegen oder ins Ausland reisen.... dann müsste die Mutter ja auch irgendwie überleben.

Ich kenne das ja von meiner, nicht dass sie ganz so labil wäre wie deine, aber auch so manipulierend über die Krankheitsschiene

Es ist in der Tat so, dass man so ein neurotisches Verhalten "erhält" und unterstützt, wenn man mitleidig immerzu hilft udn ausgleicht.
Ich glaube, der fachliche Begriff dafür ist "Krankheitsgewinn"

Irgendwie sitzt man als liebende Tochter ganz schön in der Falle.
Obwohl meine Mutter oft schon sehr passiv-aggressiv-gemein war und auch verlogen, so denke ich immer wieder darüber nach aufs Neue, wie ich ihr helfen kann, ein angenehmeres Leben zu haben.
Auch wenn sie immer und immer wieder meine Bemühungen torpediert.

Ist schon was seltsames, diese "Tochter-Mutter-Beziehung"

:knatsch:

Valentine
09.11.2007, 08:39
hallo lavendelmond,

die frage ist, wie es uns geht, wenn wir gut erzogenen *kinder* unsere eltern dann im pflegeheim besuchen und finden, dass sie dort evtl. auch nicht gut unter gebracht sind????
ich erlebe viele töchter und söhne, die sich permament schlecht fühlen und die von den eltern deutlich gezeigt bekommen, wie enttäuscht sie sind. das stelle ich mir auch schwierig vor.

liebe grüsse valentine

Valentine
09.11.2007, 08:45
hallo,

wie manche sicher schon gelesen haben, pflegen meine drei geschwister und ich unseren vater, der mit meiner relativ rüstigen mama im eltenrhaus wohnt. nachdem wir uns letztes jahr innerlich schon von meinem vater verabschiedet haben, hat uns dieser eines besseren belehrt.
der sehr grosse dekubitus ist abgeheilt. derzeit hat er wieder eine phase, in der er unpassierte kost selbständig essen kann.
und er kann inzwischen mit hilf eines vierpunktstocks sogar kleine strecken gehen. mit klein meine ich maximal 10 meter.
unterstützt werden wir vom hausarzt, der wöchentlich zu meinen eltern kommt-wir leben auf dem land ;) und unterstützt werden wir von einer sehr engagierte physiotherapeutin, die meinen vater schon vor drei jahren nach seiner hirntumoroperation wieder auf die beine gebracht hat.
wir hatten monatelang 4 termine täglich abzudecken und inzwischen konnte wir auf 2 termine reduzieren. am montag wird unser vater 86 und was wir von ihm in dem jahr gelernt haben, darauf möchte ich nicht verzichten.

ganz liebe grüsse valentine

Inaktiver User
09.11.2007, 10:51
was wir von ihm in dem jahr gelernt haben, darauf möchte ich nicht verzichten.

Das ist schön, wenn man noch etwas positives mitnehmen kann.

Bei meinem Vater war es so, dass er jegliche Behandlung ablehnte. Er ließ weder seinen Parkinson vernünftig einstellen, noch war er mit einer Darmspiegelung einverstanden, die man ihm wegen chronischer Durchfälle anriet.
Das Ende vom Lied war, dass meine Mutter ihn nicht mal mehr überreden konnte sich in das angeschaffte Krankenbett zu legen, sondern in der Dachschräge einer Mansarde rumkrabbelte, um ihm die ständig beschmutzten Pampers zu wechseln. Dabei wurden wir von ihm noch auf übelste Weise beschimpft und handgreiflich wurde er auch.
Nachdem dann wegen massiver, blutiger Durchfälle der Notarzt die Überweisung ins KKH ausstellte, ist er dort, weiterhin alles verweigernd, innerhalb von 2 Tagen gestorben.
Ich würde auf diese Erfahrungen gerne verzichten.

Tabea57
09.11.2007, 11:20
:wie?:

Hä??
Da sehe ich jetzt irgendwie den Zusammenhang nicht:knatsch:





Hab ich doch geschrieben, Wales:


...und ich musste erkennen, wie viele Vorurteile ich doch hatte...


Was Du mit Deinem Vater erlebt hast, war sicher sehr schwer.

Helfen und pflegen ist ja nie einfach, aber wenn dann auch noch Beschimpfungen und Aggressionen dazu kommen... da muss man schon Mutter Teresa-Gene haben, um das ohne eigene innerliche Aggressionen zu schaffen.

Tabea57

ginello
29.01.2008, 11:35
...

Aufrufe für Rundfunk und TV werden nicht akzeptiert.

Inaktiver User
29.01.2008, 12:59
ich habe schon jetzt horror davor. im moment habe ich keine ambitionen, meinen vater zu pflegen - der gerade dabei ist, zum pflegefall zu werden und (noch) von meiner mutter unterstuetzt werden kann.

er selbst hat die pflege seiner eigenen altern eltern vollstaendig auf meine mutter abgeschoben. mit uns kindern ist er immer hart umgesprungen. auch hat er sich sein ganzes leben lang sozial isoliert, der umgang mit ihm ist sehr anstrengend. meine mutter hat das klaglos hingenommen.

meine mutter wuerde ich dagegen sofort und ohne wenn und aber pflegen. dafuer wuerde ich mir vom beruf auch eine auszeit nehmen, was mein arbeitgeber gluecklicherweise auch moeglich machen wuerde.

Brooklyn
29.01.2008, 16:37
Meine Mutter war 8 Jahre lang dement und ich habe bis zu ihrem Tod mit ihr zusammengewohnt. Die Demenz kam auf leisen Sohlen. Es dauerte, bis ich sie wirklich als solche wahrnahm und mir auch klar wurde, dass ich etwas unternehmen mußte, und zwar sofort.

Zu Beginn der Demenz war nur Hilfe bei der Körperpflege erforderlich, dann beim An- und Ausziehen und Aufstehen und Zubettgehen, dann beim Essen. Damals hatte ich eine Frau engagiert, die Mittagessen kochte und gemeinsam mit ihr aß und nachmittags einen kleinen Spaziergang mit ihr machte. Nach circa 2 Jahren konnte sie überhaupt nicht mehr alleine bleiben, da sie allein Angstzustände bekam.

Mit Hilfe einer Tagespflegeeinrichtung, zu der ich sie jeden Morgen brachte, der örtlichen Nachbarschaftshilfe und einiger älteren Frauen, die sich mit der Beaufsichtigung älterer Hilfsbedürftiger einen Zusatz zur Rente verdienen, konnte ich meine Mutter immer zuhause behalten, denn die Tagespflege lieferte die Patienten um 16.00 Uhr ab und bis ich nach Hause kam, dauerte es i.d.R. noch 2 bis 3 Stunden. Es war für mich immer Stress pur, da ich berufstätig war, öfters auf Geschäftsreise mußte und auch keinen pünktlichen Büroschluß hatte. Die ganze Situation schlug sich natürlich auch auf mein Befinden nieder. Tagsüber Bürostress, abends die demente Mutter, die sich mit mir im Haus bewegte, als sei sie per Gummiband mit mir verbunden. Sie wollte auch nicht früh zu Bett gehen, sondern genauso lang aufbleiben wie ich.

Einmal sah ich mir ein Pflegeheim in der Nähe an, da ich mich vollkommen überfordert und isoliert fühlte. Ich konnte mich jedoch nicht entschließen, die Entscheidung zu treffen, meine Mutter in ein Pflegeheim zu geben. Vielleicht auch deshalb, weil mein Stiefvater vor Jahren 10 Tage nach Einlieferung in ein Pflegeheim starb und unser Hausarzt anschließend meinte, dass es üblich sei, dass alte Menschen schnell stürben, wenn sie aus ihrer angestammten Umgebung herausgerissen würden.

(Inzwischen mußte ich meine Mutter versorgen wie ein Baby). Für mich am schlimmsten war an der Pflege nicht das Thema Windeln, etc., sondern, dass man vollkommen angebunden ist. Und holt man sich Hilfe, muß man zu einem relativ frühen Zeitpunkt den Termin mit der Hilfsperson vereinbaren, d.h. spontan läuft gar nichts mehr. Im Familienverband ist die Pflegeaufgabe bestimmt einfacher zu bewältigen und zudem auch nicht so kostspielig.

Es war fast Schicksal: Von dem Moment an, wo ich mich in Altersteilzeit befand, wurde meine Mutter bettlägerig und war
kaum noch ansprechbar. Die Diakonie kam in den letzten 12 Monaten vor ihrem Tod, da ich nach 6 Monaten Mutterpflege körperliche Probleme bekommen hatte (Handgelenke, Rücken). Sie entwickelte sich immer weiter zurück. Zuerst konnte ich ihr noch Kleinkindkost verabreichen, später Babykost, zum Schluß Astronautennahrung aus der Apotheke, als Flüssigkeitszufuhr bekam sie Kochsalzlösung per Tropf. Keine schöne Prozedur, das Pieksen, aber auch das habe ich gelernt.

Vor etwas über 1 Jahr ist meine Mutter gestorben. Für sie war es eine Erlösung, sie konnte nicht mehr essen und trinken. Sie wollte es auch nicht mehr. Merkwürdigerweise habe ich ihren Tod nicht als Erlösung auch für mich empfunden. Ich war aber auch nicht so traurig, wie ich gedacht habe, wie ich es einmal sein würde, denn ich habe sie wirklich sehr geliebt. Wahrscheinlich hat sie sich einfach schon so lange von mir verabschiedet, denn wenn ich daran denke, fand unser letztes normales Gespräch bestimmt vor mehr als 8 oder 10 Jahren statt. Wenn ich heute an ihrem Grab stehe, denke ich immer: "Du hast es geschafft, es ist traurig, dass es so ein langer Abschied sein mußte. Du warst nie allein und wurdest immer geliebt, einfach dafür, dass du da warst".

Ich habe durch diese Krankheit einiges gelernt: wie lange ein Mensch mit einem kranken Gehirn und einem kleinen, zierlichen Körper durchhalten können. Meine Mutter hatte Herzprobleme, Diabetes, Altersdemenz und wurde damit 91 Jahre alt. Sie nahm mindestens 13 Jahre lang (nach ihrem Herzinfarkt) einen Wust von Medikamenten ein und es ging ihr viel besser, nachdem ihr nur noch Insulin gespritzt und alles andere weggelassen wurde.

Mit 91 muß man einfach sterben dürfen.

Tabea57
29.01.2008, 21:03
Puh, Brooklyn,

ich habe Hochachtung vor dem, was Du geleistet hast.

Besonders deshalb, weil Du das ganz allein schaffen musstest.


Die Verantwortung, die anfallenden Entscheidungen... da gab es niemanden, mit dem Du das bereden konntest.

Niemand, der Dich verstand, weil er (oder sie) das gleiche mitmachte.

Und niemand, der mal sagte: Geh Du nur, ich mach das heute schon, so dass Du auch mal frei warest zwischendurch.


Acht Jahre sind eine lange, lange Zeit. :blumengabe:

Gruß,

Tabea57

Valentine
01.02.2008, 14:57
hallo,

brooklyn, 8 jahre einen dementen menschen zu versorgen, das ist eine höchstleistung!!!!

wer seine eltern pflegt, dem empfehle ich einen kinaesthetikkurs für pflegende angehörige!!! sehr interessant und man tut sich viel leichter.

grüssle valentine

Brooklyn
02.02.2008, 01:17
Hallo Tabea und Valentine,

Danke für euere mitfühlenden Worte.
Es ist schon merkwürdig, da habe ich mir mal was von der Seele geschrieben und wildfremde Frauen melden sich, die anscheinend nachempfinden können, dass diese Zeit schwierig, einsam und trostlos für mich war.

Meine Verwandtschaft (auch meine Schwester) hat sich nie anerkennend geäußert. Mir hätten damals schon Besuche von ihr, vor allem an diesen langen, einsamen Wochenenden, gut getan.

Für die Verwandtschaft war ich wahrscheinlich einfach immer diejenige, die sowieso alles wuppt.

Gute Nacht, Brooklyn

Valentine
02.02.2008, 05:02
liebe brooklyn,

für manche menschen scheint es leichter zu sein, weg zu gucken. wenn sie lob und anerkennung aussprechen würden, könnten sie das glaube ich nicht mehr, also weiter weggucken und durch.......????

liebe grüsse valentine

Tabea57
02.02.2008, 10:39
Ja, Valentine,

und wenn diese Menschen die Leistung anerkennen würden, würden sie gleichzeitig anerkennen, dass sie eben NICHTS leisten (was die Pflege angeht). Mit ihrer Nicht-Leistung wollen sie sich aber nicht auseinandersetzen, deshalb können sie keine Anerkennung geben.

Brooklyn,

dass Du eine Schwester hast, finde ich in diesem Zusammenhang erschreckend. Also nicht die Tatsache an sich, sondern, dass sie Dich da so allein gelassen hat.

Hast Du das mal bei ihr angesprochen? Ich könnte kotzen, wenn ich mir das so richtig überlege. Die Verantwortung für kranke Eltern haben doch alle Kinder, nicht nur dasjenige, das zufällig am nächsten dran wohnt!

Aber ich habe es ähnlich, wenn auch längst nicht so ausgeprägt wie Du, erlebt. Einer meiner Schwäger hielt sich auch seeehr zurück, als seine Mutter totkrank war. Aber bei ihm war für mich spürbar, dass er mit der Situation überfordert war. Seine Mutter so hilflos zu sehen, das konnte er nicht. Er kam sehr selten und war immer seltsam distanziert. Und ich war zwischendurch richtig sauer, weil er wie ein Gast auftrat, den ich womöglich noch bewirten sollte.

Wir fanden heraus, dass er konkrete Anweisungen brauchte. Und dass er sich vor allem um seinen Vater kümmern konnte, also z.B. mit ihm gemeinsam den Garten versorgte oder mit ihm zum Einkaufen fuhr. Oder nur einfach mit ihm spazieren ging.
Wenn wir ihm sagten, was er tun konnte bzw. was für Hilfe wir brachten, ging es.

Dass Deine Schwester Dich so allein gelassen hat, finde ich sehr traurig.

Lieben Gruß,

Tabea57

Brooklyn
06.02.2008, 19:12
Hallo Tabea und Valentine,

meine Schwester und ich verstehen uns eigentlich ganz gut.
Merkwürdigerweise haben wir jedoch eine vollkommen unterschiedliche Wahrnehmung. Als ich sie einmal darauf ansprach, dass ich mich all die Jahre so alleingelassen fühlte, meinte sie voller Überzeugung, sie sei immer dagewesen, wenn ich sie gebeten hätte. (Pro Jahr waren das 2, max. 3 Besuche und grundsätzlich nur auf meine ausdrückliche Bitte, nämlich immer dann, wenn ich meinte, meine Mutter überlebte die kommenden Tage nicht mehr.) Bei diesen Besuchen war sie dann tatsächlich "Besuch", der sich verwöhnen lassen wollte.

Seit dem Tod meiner Mutter war sie nie mehr da, sie erwartet von mir, dass ich zu ihr komme. Wenn ich sie besuche, freut sie sich riesig. Übrigens wohnen wir nur 100 km entfernt, es ist also kein Act, sich mal 1 Stunde ins Auto zu setzen.

Jetzt möchte ich aber etwas erwähnen, was an dieser Stelle unbedingt gesagt gehört: Ich bewundere aufrichtig all die Frauen, die sich in der Tagespflege den Demenzkranken widmen, manche helfen sogar ehrenamtlich. Und ich bewundere noch mehr die Mitarbeiterinnen der Diakonie, die die schwere Pflegearbeit verrichten. Fast alle versorgten meine Mutter liebevoll und voller Anteilnahme und trotzdem wirkten sie dabei fröhlich. Und das trotz der bescheidenen Bezahlung, die sie für diese Dienste erhalten.

Brooklyn

Valentine
29.02.2008, 06:00
hallo brooklyn

deine worte über deine schwester könnten fast meine sein.
ja eigentlich dachte ich auch, dass wir uns ähnlich sind, dass wir uns eigentlich ganz gut verstehen. wir verstehen uns immer noch, aber ich gabe sie in den zwei jahren gemeinsamer pflege besser kennengelernt, als in den 49 jahren zuvor. als ich sie mal sehr brauchte, mich sehr alleine gelassen vor kam und anrief- mein vater hatte starke schmerzen und ich fühlte mich so schlecht,w eil ich ihm nicht helfen konnte- sagte sie mir: also ich muss jetzt jedenfalls in den garten.....es wären genau 12 autominuten zu fahren gewesen.......

ich habe aber noch ne schwester, die bislang immer die ruhige war, die unauffällige, die halt da war aber nie gross in erscheinung trat. sie ist meine beste und zuverlässigste hilfe, wenn es bei mir brennt, weil ich länger arbeiten muss und den *vaterdienst* nicht nach plan verrichten kann. sie hat am meisten am hut, die grösste familie, den härtesten job aber sie hat zeit für mich und das tut gut.

liebe grüsse valentine

Brooklyn
03.03.2008, 17:53
Hallo Valentine,

erst im Ernstfall erkennt man den Charakter eines Menschen, den man vermeintlich gut zu kennen glaubte. Dieses Nichtvorhandensein jeglichen Einfühlungsvermögens ist m.E. meiner Schwester nicht bewußt. Im Gegenteil, sie hält sich für eine äußerst sensible Person.

Wie kam es eigentlich, dass dein Vater an einem Dekubitus litt? Meine Mutter erhielt mit dem Pflegebett eine Matratzenauflage, die sich permanent automatisch an unterschiedlichen Stellen aufblies. Sie hatte bis zum Schluß eine schöne und gesunde Haut (der Körper wirkte wie der einer sehr viel jüngeren Frau).

Und was hast du aus dem Kinaesthetikkurs für pflegende Angehörige mitgenommen? Wäre interessant, dazu ein paar Informationen zu erhalten.

Herzliche Grüße
Brooklyn

Valentine
04.03.2008, 14:42
hallo brooklyn

der dekubitus entstand im krankenhaus und wurde dort abgeklebt.
zuhause haben die gemeindeschwestern das waschen und die wundversorgung übernommen und die erste woche geschah gar nichts, was den deku anging, der allerdings auch im entlassungsbericht nicht dokumentiert war....es kam zu einer nekrose, zu gangbildungen usw. usw. also ich arbeite seit 7 jahre in der pflege und habe noch nie so nen deku gesehen!!!!
wir haben dann gleich ne antidekubitusmatraze bekommen und der hausarzt hat mit einer dekubeauftragten entschieden, wie weiter vorgegangen wird....

zum thema kinaesthetik:es lohnt sich auf jeden fall so nen kurs zu machen. ich mache jetzt den grundkurs, der vom arbeitgeber finanziert wird. aber diese kurse werden auch speziall für die häusliche pflege angeboten.

meine erfahrungen damit sind positiv, allerdings befinde ich mich derzeit auch in der situation, dass es deprimierend ist, wie oft man noch falsch handelt, die leute falsch anfasst, wie schwer das eigene bewegungs- und verhaltensmuster fixiiert ist und wie schwierig es ist, davon weg zu kommen. und das in der hetze des alltags eines pflegeheims.

grüssle valentine

Brunhilde44
10.08.2008, 17:15
Das ist die Frage !
Bleibt dir wirklich nichts anderes übrig?

Wenn es dich nicht gäbe (mal theroretisch) oder auch "praktisch", du könntest ja mal wochenlang im KH liegen oder ins Ausland reisen.... dann müsste die Mutter ja auch irgendwie überleben.

Ich kenne das ja von meiner, nicht dass sie ganz so labil wäre wie deine, aber auch so manipulierend über die Krankheitsschiene

Es ist in der Tat so, dass man so ein neurotisches Verhalten "erhält" und unterstützt, wenn man mitleidig immerzu hilft udn ausgleicht.
Ich glaube, der fachliche Begriff dafür ist "Krankheitsgewinn"

Irgendwie sitzt man als liebende Tochter ganz schön in der Falle.
Obwohl meine Mutter oft schon sehr passiv-aggressiv-gemein war und auch verlogen, so denke ich immer wieder darüber nach aufs Neue, wie ich ihr helfen kann, ein angenehmeres Leben zu haben.
Auch wenn sie immer und immer wieder meine Bemühungen torpediert.

Ist schon was seltsames, diese "Tochter-Mutter-Beziehung"

:knatsch:
........es ist sicherlich extrem schwierig und eine grosse Herausforderung,einer adäquaten Versorgung gerecht zu werden.

Meine Eltern legten zu Lebzeiten (+2005,beide), Wert darauf,so unabhängig wie irgend möglich von fremder Unterstützung zu sein.
Das sah dann faktisch so aus,dass ich im Akutfall handeln musste.
Meist war das dann recht anstrengend, beide in unterschiedlichen Krankenhäusern zu betreuen und die Nachversorgung wuschgemäss in die Wege zu leiten.
Ein Auge hatte ich auf die Verträge der Sozialstation,Anträge ans Versorgungsamt und die Pflegekasse= Vater war schwerkriegsbeschädigt.
Von beiden Eltern war ich bevollmächtigt,was den Ablauf vereinfachte.
Wir hatten bis zum Ableben der Eltern und lange Jahre zuvor glücklicherweise sehr sehr gute Nachbarn,die meine Eltern unterstützten im Bedarfsfall-und auch spontan Hilfe leisteten.
Bis zum heutigen Tag bin ich den damals beteiligten Personen unendlich dankbar.

Glücklicherweise waren meine Eltern nicht an Alzheimer erkrankt.Bis zum Ende waren beide bei klarem Verstand. Erkrankungen des Bewegungsapparates,Rheuma,Herz-Kreislauf-Magen-und Prostatakrebs beim Vater erschwerten die letzten Jahre.
Ich hatte mit beiden immer abgesprochen,was wir wie machen könnten.Oft stiess ich auf Granit,was ich für sinnvoll erachtet hätte,und rigoros,besonders von meiner Mutter,abgelehnt wurde...es war oft sehr schwierig gewesen.

Letztlich habe ich mich bemüht,das Bestmögliche für beide zu tun.
Ich hoffe,es ist mir ansatzweise gelungen.
Meine Eltern waren sehr lieb zu mir,und als einzige Tochter blieben mir zum Glück auch jegliche Erbstreitigkeiten erspart.
Sie gingen beide von dieser Welt,ohne allzu lange auf dem Pflegebett liegen zu müssen,ohne darauf Einfluss nehmen zu können.
Nach kurzen Krankenhausaufenthalten aufgrund akuter Erkrankungen verstarben beide binnen 8 Monaten relativ rasch und unerwartet.
Ich wünschte oft,sie wären noch da und ich könnte beiden erzählen,wie viel doch passiert ist die letzten 3 Jahre....

Die Erinnerung bleibt und prägt mich bis heute,an 2 sehr liebe und herzliche Menschen,die immer nur das Beste für mich wollten.