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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Hermann H. und das Leid auf dieser Welt



Inaktiver User
04.10.2007, 23:50
Hallo.
Ich bin vermutlich im falschen Forum, weil ich nicht um einen mir bekannten Menschen trauere. Aber mich hat heute etwas sehr sehr mitgenommen, und ich weiß nicht, mit wem ich darüber reden soll, weil mein Freund auch gerade im Krankenhaus liegt.

Ich trauere um Hermann H., der in der JVA zu Tode gequält wurde. Mich beschäftigt das den ganzen Tag und ich bin völlig durcheinander und weine auch, was ich lange nicht getan habe. Ich bin so traurig über dieses Ende, über das, was andere Menschen einem anderen antun können. Obwohl ich wusste, dass ich schreckliche Details lesen werde, habe ich soviel wie möglich im Internet gesucht und auch gefunden. Nun geht mir das die ganze Zeit im Kopf herum und ich hoffe, dass Hermann *irgendwie* seinen Frieden gefunden hat.

Der Tag heute hat mir gezeigt, wie viel LEID auch in dieser Welt herrscht. Eine zweite Sache geschah im Krankenhaus: Wir haben aus dem Nebengebäude schrecklichste Schreie gehört - es war furchtbar, wie von einer Vorstufe jeglicher Zivilisation.
Ich habe es nicht ausgehalten und bin in das Gebäude, um zu sehen, was da passiert. Dann stand ich vor dem Zimmer, bin aber nicht hinein gegangen, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte kein Recht dazu. Ich stand davor, es war kein Voyeurismus oder so, ich las nur den Zettel an der Tür, auf dem stand "Bitte nüchtern lassen". Ich habe eine sehr hektische Ärztin auf der Treppe angesprochen, die sehr in Eile war. Ich kam mir sehr blöd vor, aber ich habe sie gefragt, was das sei. "Es hört sich an, wie ein Mensch der schreit", sagte ich. Sie war sehr unfreundlich zu mir, und meinte nur "Das ist ein Mensch, der schreit".

Völlig durcheinander habe ich noch einen kleinen Miniunfall mit dem Auto gebaut. Ich weiß nicht, warum mich das alles so mitnimmt, ich kann darüber mit niemanden reden. Habe meine Mutter angerufen, die im selben Krankenhaus Ärztin ist, und ihr von diesen Schreien erzählt, aber sie erzählte dann schnell wieder nur von sich.

Diese zwei Sachen heute haben mir in voller Wucht deutlich gemacht, dass das Leben neben vielen schönen Seiten, die ich normalerweise mit "Leben" konnotiere, auch schrecklich, SCHRECKLICH, sein kann.

Ich habe Angst um meinen Sohn bekommen, dass er entweder eines Tages in seinem Leben solche Schmerzen erleiden muss, wie dieser Mensch im Krankenhaus oder mal so gedemütigt und gefoltert wird wie Hermann.

Inaktiver User
05.10.2007, 02:01
Liebe Studentin,

jetzt grüble ich schon eine Stunde, was ich Dir antworten könnte...letzten Endes bleibt nur:
Stell' Dich vor Deinen Sohn und kämpfe wie eine Löwin.

Eine blöde Frage vorab: Hermann war doch der Inhaftierte, bei dem auf den Alarm hin die folternden Zellenkumpane versicherten, es sei "alles in Ordnung", so dass der Nachtdienst zu anderen Aufgaben weiterzog?

Gibt es -wenn Du mehr tun möchtest- eine Vollzugsanstalt bei Euch am Ort? Gibt es eine Partei, die sich die JVAs in irgendeiner Form aufs Programm geschrieben hat, gibt es eventuell Stiftungen und Initiativen?

Sprung: die Schreie in der Klinik. Das ordne ich (ha! Ordnung! ich?!) anders ein. Es kann so vieles gewesen sein - ein verwirrter Mensch, ein frisch eingelieferter Verunfallter, ein perforierter Blinddarm, der in 10 Minuten in den OP kommt.
Die Ärztin klang sicher kurz angebunden, aber sie darf Dir keine Auskunft geben! Ich habe während meiner Geburtseinleitung geschrieen wie ein Tier in der Falle (noch im Zimmer); ich hätte nicht gewollt, dass Zuhörenden gesagt wird: "Oh, das ist eine Geburtseinleitung..."

Ein bisschen klingt es, als ob in der Angst um Deinen Sohn jetzt etwas hochkommt, was manchmal in der milden Form einer Wochenbettdepression schon erlebt wird, diese Grenzerfahrung, das "ich gehe für Dich durchs Feuer".
Entschuldige, jetzt wird es bei mir etwas schräg:

Ich habe im Flirrenden Sommer 2003 entbunden, wurde "wie's sich gehört" vom Mann im Auto abgeholt, gestützt, gepampert - dauernd waren die Gedanken: wie weit würde ich es mit Dir (Kind) alleine schaffen, wie weit könnten wir zu Fuß gehen, wieviele müssen zu Fuß gehen, flüchten?

Ich war so schwach. Am zweiten Tag schaute er mir erstmals voll ins Gesicht: und war noch schwächer. Da haben wir ein Bündnis geschlossen...

Versuche, Deine Angst konstruktiv zu machen - einen besseren Rat habe ich nicht.

(Aber weil ich auch nur ein kleiner Mensch bin, habe ich noch eine Bitte: bitte lösche nicht Dein Posting und lass' mich mit meinem Gefühlsblabla alleine da stehen.)

Gruß, T. :blume:

Inaktiver User
06.10.2007, 22:54
Hallo, liebe Tarasjugina,

danke für Deine Antwort. Mir hatte es schon geholfen, mir einfach alles mal von der Seele zu schreiben, weil ich im RL keinen hatte, mit dem ich drüber hätte reden können.

Ja, Hermann war der Inhaftierte. Weil eine Zelle renoviert wurde, kamen die zwei Bewohner dieser Zelle mit in die Nachbarzelle - es waren dann vier junge Männer in einer kleinen Zelle. Hauptsächlich aus Gründen der Langeweile (es war Wochenende, wo man das Abendessen schon zusammen mit dem Frühstück kriegt und nichts passiert) hat sich dann eine schreckliche Gewaltspirale entwickelt, die ungefähr 12 Stunden ging.

Deine Idee mit der JVA in meiner Nähe finde ich sehr gut und überlege schon einige Zeit, was ich konkret machen könnte. Ich muss trotzdem zugeben, dass ich auch Hemmungen habe - JVA ist nicht unbedingt das Umfeld, in dem ich sicher auftreten könnte.

Die Schreie in der Klinik habe ich heute wieder gehört. Dieses "Nein, nein, nein", geschrieen, gewimmert, "Hilfe...nein". Mittlerweile denke ich, dass es ein behinderter Mensch ist. Entweder ein Behinderter, oder ein Mensch, der sehr starke Schmerzen hat.
Das geht schon seit vorgestern so, wobei gestern nichts zu hören war.





Ein bisschen klingt es, als ob in der Angst um Deinen Sohn jetzt etwas hochkommt, was manchmal in der milden Form einer Wochenbettdepression schon erlebt wird, diese Grenzerfahrung, das "ich gehe für Dich durchs Feuer".

Hmm. Ja, Angst kommt schon hoch, aber eher UM ihn. Ich betrachte ihn mittlerweile (er ist 4) als von mir eigenständig. Es gibt einiges, was mich traurig macht, z.B. gerade der erste Streit mit dem *besten Freund* - aber da kann ich nichts machen, da muss er alleine durch. Und vor diesen weiteren Erfahrungen, die er machen wird und bei denen ich ihm nicht wirklich helfen kann, davor habe ich Angst, weil ich ihn liebe.



Aber weil ich auch nur ein kleiner Mensch bin, habe ich noch eine Bitte: bitte lösche nicht Dein Posting und lass' mich mit meinem Gefühlsblabla alleine da stehen.

Ach nein, warum sollte ich es löschen. Es hat mich wirklich beschäftigt, und es hier hin zu schreiben hat mir gutgetan. Ich denke, gerade in diesem Teil des Brigitte Forums werden Gefühle respektiert.

Schönen Abend!

Inaktiver User
12.10.2007, 11:14
Und vor diesen weiteren Erfahrungen, die er machen wird und bei denen ich ihm nicht wirklich helfen kann, davor habe ich Angst, weil ich ihn liebe.


Natürlich hast du davor Angst. Das haben doch alle Eltern! Bei mir kommt das manchmal so anfallsartig, dieses Erschrecken: Welche Welt mutest du deinen Kindern zu? Wie wenig kann ich sie beschützen und bewahren vor all diesem Mist, der passiert? In was für eine kalte Welt muss ich meine Kinder irgendwann entlassen, weil ich nicht immer für sie da sein kann! Wie wenig Einfluss habe ich auf das, was so passieren kann! Es sind ja nicht nur Krankheiten und Verbrechen und Naturkatastrophen. Das Schicksal von Herrmann H. hat mich auch besonders berührt und empört, und manchmal weiß ich auch nicht, wie ich das alles ertragen soll. Es tröstet mich ein wenig zu wissen, dass Menschen nach ihrem Tod nicht mehr leiden müssen. Und man muss Menschen dann auch loslassen können, ihnen den Frieden gönnen.

Wenn du dich näher damit auseinandersetzen willst, ich habe da neulich ein sehr kluges Buch gelesen, von Herrad Schenk: "Glück und Schicksal: Wie planbar ist unser Leben?" Das hat mich sehr berührt. Es ist halt nicht so, dass wir alles verhindern können, was so passiert. Auch wenn das oft so dargestellt wird, als hätte man alles im Griff, so lange man sich gut versichert und richtig ernährt. So planbar ist unser Leben nicht, wie die Zeitmanagement-Ratgeber es einem weismachen wollen.

Wir sind halt alle nur ein kleiner Fleck im großen Dreck, und wir tun das, was die Natur für uns vorgesehen hat, nämlich uns fortpflanzen. Wir können uns bemühen, das Leben uns und anderen schön oder wenigstens erträglich einzurichten und Leid zu mildern, aber vieles lässt sich dennoch nicht verhindern, das Leben IST manchmal schrecklich!

Deshalb bin ich auch allergisch auf jegliche Parolen a la "Sorge dich nicht, lebe". Obwohl es natürlich stimmt, dass man sein Leben genießen kann und soll - auch in Zeiten, wo das Glück beeinträchtigt ist.

:blumengabe: