PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Geht mir nach einem Jahr erst richtig dreckig



Lilje
19.09.2007, 17:40
Hallo, ihr Lieben,
puh, ich habe grad eine so schlimme Phase wie noch nie, "depressive Phase", sagt meine Therapeutin. Ein Jahr ist es jetzt her und seitdem meine Lebensgefährtin verstorben ist, ging es mir noch nie so schlecht wie jetzt. Und das ist übel, denn JETZT versteht es keiner so richtig, aber jetzt kommt es richtig raus und ich muss mir ständig Kommentare anhören wie "Ist es wirklich SIE wegen der du traurig bist oder ist es mehr das Alleinsein?", "Was jetzt noch?", "Nach einem Jahr?", "Sie haben es noch nicht verarbeitet?" (Arzt). Finde das unglaublich. Tja, aber das versteht keiner. Hatte schon sehr gute Phasen und es ging bergauf, aber gerade ist es eben wieder ganz schlimm. Einfach so, ohne Auslöser. Und JA natürlich ist SIE es, denn wer denkt im enrst, man könnte jmd., den man vn Herzen geliebt hat und der wichtigste Mensch im Leben war, nach einem Jahr einfach so "vergessen", "verarbeiten" oder sonstwas?Ich liebe sie immer noch und werde es immer tun.
So, jetzt hab ich mich ausgekotzt. Wollte wissen, ob euch vielleicht Ähnliches widerfahren ist? Bin grad krankgeschrieben und fühl mich echt mies.
Bussi von Lilje

Inaktiver User
19.09.2007, 18:15
Liebe Lilje,

mir ist es genauso ergangen wie dir! Mir ging es auch ein Jahr nachdem meine beste Freundin gestorben ist am schlechtesten. Und von vielen Bekannten kam die gleiche Reaktion wie du sie grad erfährst. "Kann es nicht auch was anderes sein? Das ist doch schon so lange her!"
Aber es war nichts anderes. Natürlich hat man zeitgleich auch noch mit anderen Problemen zu kämpfen, die man aber meistern könnte - wäre da nicht diese tiefe Trauer, die einen nicht loslässt. Und hinzu kommt dann dieses Nicht-Verstanden-Werden.
Ich habe Hilfe von einer Neurologin (mit Psychologischer Praxis) bekommen, die ganz vorsichtig und liebevoll herausgefunden hat, was mit mir los ist und mir dann mit Ratschlägen und lieben Worten geholfen hat aus meinem Loch herauszukommen.

Seit dem geht es mir im großen und ganzen etwas besser. Von einer anderen Psychologin bekam ich den Tipp, all meine Gedanken aufzuschreiben. Ich habe wie früher angefangen Tagebuch zu schreiben und nachdem mir meine Schwester vor kurzem von diesem Forum erzählt hat, tausche ich mich auch hier aus. Und es hilft wirklich!

Liebe Grüße :in den arm nehmen:

malea

malouca
19.09.2007, 18:56
Ich kann nicht viel dazu schreiben, außer das ich Deine Gefühle sehr sehr ernst nehme und nicht hinterfrage und Dich einfach mal virtuell drücke!!! :in den arm nehmen:

Ist ja emotional echt sehr turbulent bei Dir!

Inaktiver User
19.09.2007, 19:45
Hallo Lilje,

ich habe so etwas Gott sei dank nicht erleben müssen, stelle es mir aber schlimm vor. Und ich denke, daß jeder Mensch anders verarbeitet. Und Deine Art der Verabeitung geschieht scheinbar Stückweise in Interwallen. Auch wenn das Gerede der Anderen weh tut, nimm Dich so wie Du bist, so wie es Dir jetzt gerade geht, liebevoll in Deinem Schmerz, in Deinem Tief an. Nimm Dich und Deine Gefühle wichtig. Vielleicht würde es Dir helfen, wenn Du Deiner Lebensgefährtin einen Brief schreibst, all Deine Gefühle dort hineinpackst und ihr sagst, daß Du sie jetzt losläßt, daß Du sie NIE vergessen wirst, aber daß Du sie dem Himmel und den Engeln übergibst und daß sie dennoch ewig in Deinem Herzen sein wird. Und Du dann den Brief in ein schönes Kästchen tust, eine Schleife darum bindest und vor ein Bild von ihr stellst, ein Teelicht daneben stellst und abbrennen läßt, während Du in der Nähe verweilst und dies nochmals als ein ganz persönliches Abschied nehmen ansiehst, für Dich und für sie.

Sei lieb umarmt - Liebe Grüße Stiena

Lilje
20.09.2007, 01:19
Hallo, liebe Malouca,
ich weiß, das mag so erscheinen-turbulent.... wenn man meine Facetten so liest. Ist es auch. Das eine hat aber mit dem anderen irgendwie gar nichts zu tun. Ich habe auch schon wieder Interesse an anderen Frauen, sehne mich oft nach Leidenschaft und ein bisschen Prickeln, aber ich bin trotzdem so traurig wegen meiner Freundin. Das macht es manchmal auch anstrengend, diese Auf und Abs. Im Moment ist es aber eher ein großes AB.....kannte ich bis jetzt so fies noch nicht.
Danke für euren anderen Ideen und Worte. Ich schreibe auch wieder viel Tagebuch und mache gerade ein Album für meine Freundin, klebe Fotos ein, höre Musik, die mich erinnert und lebe den Schmerz. Es tut gut, das in Ruhe machen zu können- ohne Arbeitsstress, nehm mir diese Woche auch. Und es war so, ich musste im ersten Jahr so viel wubben, Wohnungswechsel und all das, was mit so einem absolut veränderten Leben zu tun hat, sodassich eigentlich mehr damit beschäftigt war zu überleben anstatt wirlich zu trauern. Zum Glück unterstützt mein Arzt mich auch jetzt noch. Dieses Forum finde ich auch sehr angenehm. Habe mich heute auch mal nach einer richtigen Trauerbegleitung umgehört. Wahrscheinlich brauche ich es doch. Habe eben einen Abend mit der Tochter meiner Freundin verbracht und das tat auch sehr gut. Tja, man sucht sich immer seine Inseln und Strategien. Ich glaub auch, dass es wichtig ist alles so anzunehmen wie es kommt- egal, wie merkwürdig es (für andere) sein mag....einen nächtlichen Gruß von Lilje

Inaktiver User
20.09.2007, 15:02
Hallo liebe Lilje

Ich kann dir sehr gut nachfühlen glaube mir... mein Schatz ist am 15.9.06 von dieser Welt gegangen und mir gings eine Woche bis und mit einen Tag nach dem Jahrestag auch sehr sehr schlecht (natürlich auch vorher schon, aber schon lange nicht mehr so extrem). Jetzt gehts wieder einigermassen. Ich denke, du weisst schon sehr gut, was dir gut tut und was nicht und dass man manchmal eine schlechte Phase oder Tage einfach akzeptieren muss. Man kann beim Thema Trauer halt nichts "planen". Ich dachte auch, Weihnachten, Silvester und sein Geburtstag überstehe ich nicht... ging aber teils besser als manch anderer "normaler" Tag.

Ich möchte dir etwas auf den Weg geben, vielleicht hilfts dir auch:

ich war vorher nie ein gläubiger Mensch... wie so viele habe ich einfach gesagt "jaja, irgendwas wirds da schon geben". Aber durch dieses ganze traurige Schicksal habe ich für mich einen Weg gefunden.

Durch alle Begebenheiten (Gespräche mit anderen betroffenen Personen, viele (!) Bücher, "Zeichen von oben" etc.) bin ich überzeugt, dass da eine wunderbare, grosse Macht (Gott, Schöpfer, Licht, was auch immer) bestehen MUSS!
Am Sonntag, 16.9.07, als ich so verzweifelt war, dass ich dachte, der Stein in meinem Herzen erschlägt mich, habe ich wieder einmal ganz fest gebetet, was ich auch sonst oft tue (zu "Gott", meinem Liebsten, meinen Schutzengel --> manchmal weiss ich nicht mit wem zuerst, dann nehme ich halt alle drei zusammen :-)). Und es ist jedes Mal das gleiche - mir gehts innert kürzester Zeit etwas besser, mein Herz ist leichter und ich kann mich wieder aufraffen.

Ich weiss nicht, ob du damit etwas anfangen kannst, aber mir hilft das sehr!

Es tut mir sehr leid, dass du deine Partnerin verloren hast. Ich kann dir gut nachfühlen (auch die zwiespältigen Gefühle, d.h. mal Spass haben wollen, Bedürfnis nach körperlicher Zuwendung etc.)

Alles Liebe!
Martina

Lilje
20.09.2007, 18:50
Hallo, liebe Martina,
einfach mal ein dickes :blumengabe: und :kuss: von mir an dich. Und jetzt geh ich mit meinen fiesen Dosenraviolis auf die Couch und guck DAS PERFEKTE DINNER....ich mach gerade einfach immer genau das, was mit gut tut!Bald mehr!Lilje

Inaktiver User
20.09.2007, 19:37
Hallo Lilje,

bei mir war das 2. Jahr auch eines der Schlimmsten.
Kann dich gut verstehen.
:in den arm nehmen::blumengabe:

Bin jetzt im 5. Jahr und erst jetzt geht es mir gut; habe allerdings noch unter Nachwirkungen zu leiden


Nimm dir soviel Zeit, wie du brauchst und lass die anderen ahnungslosen Drängler einfach reden.
DU bestimmst das Tempo, nur du

Anita66666
21.09.2007, 08:48
Hallo Lilje

Zuerst einmal tut es mir wahnsinnig leid, dass auch du dieses schreckliche Schicksal erleiden musstest. Lass dich mal :in den arm nehmen:

Ich kann noch nicht sagen, dass es mir so ging wie dir - da mein Freund seit "erst" fast 4 Monaten verstorben ist. Nur jetzt habe ich gerade so eine "Phase" wo es mir so vorkommt, dass ich irgendwie alles verdränge und nicht daran denken will. Ich habe auch sehr viel zu tun..am Anfang das ausziehen aus unserer gemeinsamen Wohnung, dann der Stress mit den Behörden usw., meine Abendschule wo ich irgendwie noch meine Matura abschließen sollte, neue Jobsuche, jetzt noch der bevorstehende Gerichtstermin usw...
Am Anfang ging es mir viel schlechter, ich konnte es zwar nicht verstehen aber irgendwie habe ich es mehr akzeptiert als jetzt. Jetzt kann ich es überhaupt nicht verstehen und akzeptieren. Ich glaube es einfach nicht, dass mein Freund nicht mehr kommt. Irgendwie schon sehr komisch oder? Es ist doch erst 4 Monate her? Ich versuche mich so gut wie möglich abzulenken, es zu verdrängen, damit ich ich dieses unendlich großen Schmerz nicht ertragen muss. Aber ich will das doch garnicht???

Ach, ich weiß selber nicht was ich denke und fühle. Irgendwie geht es mir momentan sehr komisch.

Ich wollte Dir nur sagen, dass ich dich voll verstehen kann und das jeder seine Zeit braucht um zu Trauern. Wie Lavendelmond sagst, "DU bestimmst das Tempo, nur du"

Und hier was das Forum betrifft, mir hilft es sehr - und ich denke mir, dir sicherlich auch. Hier hören dir alle zu ..

Alles Liebe
Anita

Inaktiver User
21.09.2007, 10:19
Liebe Lilje,
auch bei mir war es ein ständiges Auf- und Ab. Im November ist mein Partner 6 Jahre tot. Aber ich sehe mich noch an seinem ersten Todestag mit all der Verzweifelung, die ich spüren konnte.

Es ist wohl etwas dran, dass das Trauerjahr akzeptiert ist als dunkles zurückgezogenes Dasein, in dem auch die Umwelt noch Rücksicht nimmt. Danach soll alles wieder normal sein, die Rückkehr zum Alltag wird erwartet. Und so kommt m. E. die Einsamkeit und die Traurigkeit viel deutlicher zum Ausdruck. Ich habe im ersten Jahr meine Trauer als "normal" angesehen, im 2. Jahr war ich immer noch traurig, hatte aber das Gefühl ich übertreibe, werde hysterisch, weil meine Umgebung meine Traurigkeit nicht mehr wollte. Ich vermißte meinen Partner und mußte mich gegen diese Sprüche - jetzt reiß Dich zusammen, das Leben geht weiter, such dir jemand Neues, usw. - wehren.

Dieser Doppelkampf hat mich viel mehr Kraft gekostet als das Trauern im ersten Jahr. Ich habe mittlerweile verstanden, dass meine Umgebung, die noch keine Erfahrung mit dem Tod gemacht hatte, auch an der Grenze zum Überfordertsein mit mir war, aber damals war ich froh, dass meine einzige "Verständnis-Person" meine Trauertherapeutin war, zu der ich immer wieder gehen konnte, um zu klären, dass ich völlig "normal" war.

:in den arm nehmen: :blumengabe:

Lilje
21.09.2007, 18:22
Hallo, ihr Lieben,
ach, es tut wirklich so gut hier. Ich glaube- oder so hatte ich bei mir das Gefühl...und so habe ich es mal gelesen...der Körper, die Seele und das Hirn verdrängen immer automatisch mal wieder, damit man sich erholen kann- denn IMMER diese fiesen Zeiten kann ja keiner ertragen. Und so kam mir das erste Jahr oder das erste halbe Jahr auch so vor, als konnte ich es akzeptieren und verstehen, aber lebte unter einer Glocke, die Gefühle kamen nicht richtig raus. Ich habe all das getan, was ich tun musste. Richtig krass war die Abend nach ihrem Tod- hab einfach geschlafen und gelacht und es war fast, als wäre nichts geschehen.
Naja, und ich glaube auch, dass eigentlich die Umwelt das Problem ist, denn die erwarten das von uns bzw. es geht ihnen besser, wenn es uns auch besser geht und wenn wir uns "normal" verhalten- normal, d.h. so, wie sie mit uns umgehen können. Verübeln kann man es natürlich keinem ,aber es ist hart, finde ich. Sich immer wieder erklären müssen und auf Unverständnis zu treffen. Ich habe gerade so eine tolle Karte gefunden "Ich folge meiner inneren Weisheit" und das mache ich wirklich, denn die weiß zum Glück immer genau was und wer mir gut tut. Und deshalb kommt morgen meine kleine Nichte (5) und schläft wieder bei mir. Sie sagt einfach sowas wie "Schade, dass Regi nicht mehr lebt. Sie war so lieb und hat immer mit mir gespielt." und "Es wär so schön, wenn sie nur einmal kurz zurückkommen könnte"...sowas tut mir so gut und ich knuddel sie dann und bin froh, dass sie es so direkt auf den Punkt bringen kann.
Habe mich auch gerade um eine Trauerbegleitung gekümmert. Was macht ihr da so?Hilft das?
Bussi von Lilje