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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Der ganz normale Wahnsinn



Inaktiver User
29.08.2007, 07:27
Klassentür auf, ich rein, Klassentür zu. So schnell wurde ich Lehrerin. Ohne Ausbildung, ohne Anleitung, ohne Überprüfung von Kompetenz und Eignung ... so beginnt ein Artikel auf SPIEGEL-online, den ich gerade gelesen habe.
Was in diesem Bericht an Ignoranz, Kaltschnäuzigkeit, Hilflosigkeit und Flickschusterei im deutschen Bildungswesen aufgezeigt wird, verblüfft dann doch mal wieder.
Man könnte der Frau, die sich auf dieses Experiment(?) einliess natürlich Blauäugigkeit vorwerfen, aber was muss man denen vorwerfen, die es hätten besser wissen müssen?

Ganz normaler Wahnsinn (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,502245,00.html)

Inaktiver User
29.08.2007, 13:22
Klassentür auf, ich rein, Klassentür zu. So schnell wurde ich Lehrerin. Ohne Ausbildung, ohne Anleitung, ohne Überprüfung von Kompetenz und Eignung ... so beginnt ein Artikel auf SPIEGEL-online, den ich gerade gelesen habe.
Was in diesem Bericht an Ignoranz, Kaltschnäuzigkeit, Hilflosigkeit und Flickschusterei im deutschen Bildungswesen aufgezeigt wird, verblüfft dann doch mal wieder.
Man könnte der Frau, die sich auf dieses Experiment(?) einliess natürlich Blauäugigkeit vorwerfen, aber was muss man denen vorwerfen, die es hätten besser wissen müssen?

Ganz normaler Wahnsinn (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,502245,00.html)

Mich wundert da nichts mehr. Dazu habe ich zu viele Bekannte gehört, die Referendariat machten und danach den Beruf wechselten.

Opelius
29.08.2007, 13:36
Toller Artikel!

Ich denke, da genau versagt unser Schulsystem am meisten.
Da wo es am meisten brennt, sind keine und zu wenige Pädagogen da. Und die läßt man im Regen stehen.

fiorina
30.08.2007, 18:54
meine güte wie deprimierend. ohne worte.

WhiteTara
31.08.2007, 11:02
:blumengabe: Ja, so kann der Alltag in der Schule für Lehrer aussehen - und die Pädagogen stehen ziemlich allein da mit den vielen Anforderungen, die an sie gestellt werden, den Erwartungen vom Ministerium, dem Schulamt, der Schullleitung, den Eltern und auch den Erwartungen der Schüler. So vieles, was getan werden müsste, so viele Brennpunkte im Großen wie im Kleinen und viel zu wenig Zeit und Kompetenz, um das alles zu meistern. Und meist findet man auch keine Unterstützung bei den Kollegen, denn die sind mit den Nöten ihrer eigenen Klassen ebenso überlastet :knatsch:

Der Bericht erinnert mich an meine eigene Zeit in der Schule, als ich damals noch hochmotiviert nach meinem Lehramtsstudium ins Referendariat ging.....dann fühlte sich niemand so richtig zuständig, mich in der zweiten Ausbildungsphase zu begleiten, der Schulleiter hatte die Ansicht, dass Frauen sowieso keine Mathematik unterrichten können (was aber mein Hauptfach war) und dank Krankheitsausfall sah ich mich schon am meinem dritten Arbeitstag in der neuen Schule allein vor einer 9 Klasse stehen, Sonderschule (mein selbstgewählter Studienschwerpunkt!)....3 Schüler lernte ich gar nicht erst kennen, weil sie eine Jugendstrafe in Verwahrung verbüßen mussten bzw. Schulverbot hatten, andere kamen und gingen wie sie wollten, die meisten Eltern kümmerten sich um gar nicht, was Erziehung oder Schule betraf und plötzliche Prügeleien mitten im Unterricht waren an der Tagesordnung.....mir hatte im Studium niemand gesagt, dass es manchmal nötig ist, eine Nahkampfausbildung zur Selbstverteidigung zu machen; dass manche Schulen finanziell so "arm dran" sind, dass mir im Schuljahr noch nicht mal genügend Papier zugebilligt wird, um meiner Klasse irgendetwas zu kopieren oder dass die Tafelkreide so rationiert ist, dass sie garantiert nicht für eine Woche ausreicht - schon gar nicht, wenn die lieben Schüler diese entwenden; dass man von Kollegen nur wenig Beistand oder gar Hilfe erwarten kann, weil diese völlig entnervt und am Ende ihrer eigenen Kräfte sind; ein Sozialarbeiter in der Brennpunktschule mal eben gestrichen wird, weil die Stadt angeblich kein Geld hat, den Lehrern aber im Gegenzug dessen Aufgaben auch noch abverlangt werden, weil sie ja noch nicht genug zu bewältigen haben......seufz und noch so vieles mehr ist mir damals passiert....und ich sollte eine gut ausgebildete Pädagogin werden - nur wie, wenn mir selbst in der Ausbildung schon die nötige Unterstützung fehlte :wie?:
Als auch viele Gespräche mit den zuständigen Stellen keine Veränderung brachten, hängte ich schweren Herzens meine Ausbildung freiwillig an den Nagel bevor an den Zuständen zu zerbrechen drohte - so konnte ich keine vernünftige Ausbildung bekommen und so wollte ich auch zukünftig als Lehrerin nicht arbeiten! Viele Jahre studiert, um dann kurz vorm Ziel zu resignieren - ganz schön traurig. Aber ich bin froh, diese Entscheidung damals getroffen zu haben für mich.....aber es tut mir immer noch leid für die Schüler, denn sie können nichts dafür, dass ihnen von vielen Seiten die Hilfe in ihrer Entwicklung fehlt...und ich war dann auch so eine, die genau diese Unterstützung ihnen versagte.

Ich arbeite heute in einem ganz anderen Bereich, wäre aber trotzdem gerne Lehrerin gewesen - nur eben unter Bedingungen unter denen man auch wirklich pädagogisch arbeiten kann - und diese Bedingungen bietet unser Schulssystem an vielen Stellen leider nicht :niedergeschmettert:

ABER: Es ist nicht an allen Schulen so gruselig! Und es gibt immer wieder engagierte Menschen, die trotz schwieriger Bedingungen den Mut nicht verlieren und mit Ideenreichtum es schaffen in ihrer Schule guten Unterricht zu machen. Hut ab vor denen, die sich jeden Schultag so unermüdlich einsetzten! :blumengabe: