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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Trauer pur: Heute ist Papa 2 Jahre tot



Appaloosa
20.08.2007, 19:12
Hallo ihr Lieben da draußen,

im Moment fühle ich mich wieder gelähmt vor Trauer und finde in meinem direkten Umfeld nur wenig Verständnis, weil niemand gerne über den Tod spricht. Deshalb hoffe ich, dass ich hier schreiben kann, was mich bewegt. Heute vor zwei Jahren ist mein Vater urplötzlich und unerwartet gestorben - es ging binnen Sekunden, und wir haben nie erfahren, warum. Meine Mutter lehnte eine Obduktion ab, also wird es ein Rätsel bleiben.
Er war erst 65 und stand mitten im Leben.
Den ersten Todestag - also die erste "Jährung" - hab ich ganz gut überstanden. Diesmal aber ist es schrecklich. Mir geht es innerlich so schlecht, dass ich nachtschwarze Gedanken habe und manchmal denke, es hat alles keinen Sinn, weil ich das Gefühl habe, ohne meinen Vater im Rücken keinen vernünftigen Schritt mehr machen zu können. Dabei war er so dominant, dass ich in meiner Jugend oft unter seiner Strenge und seinen Wutausbrüchen gelitten habe. Nun aber fühle ich mich wie eine Feder im Wind - nicht ich bestimme, was um mich herum passiert, sondern es bestimmt mich. Ich bin fast 34 und weiß nicht, in welche Richtung mein Leben gehen soll. Ob Familie oder nicht; ob Ehe oder unkonventionelle Beziehungsmodelle. Vor allem für Kinder kann ich mich nicht entscheiden. Vor dem Tod meines Vaters hatte ich diese extremen Entscheidungsschwierigkeiten nicht.
Im Moment ist es für mich aber wichtiger, meinem Tief zu entkommen. Es hat mich so fest in seinen Klauen, dass ich gedanklich kaum dagegen steuern kann.
Leider ziehen sich die Menschen um mich fast immer zurück, wenn ich versuche, über meine Trauer zu sprechen. Das kann ich aber auch irgendwo verstehen.
Und ich weiß auch, dass ich so wie jetzt ziemlich unausstehlich bin. Man sieht mir meine Trauer ja an. Am liebsten würde ich aus meiner Haut schlüpfen...
Wie kann ich aus diesem akuten Tief nur rauskommen?
Und: Kennt jemand von euch das auch - dass der Körper die Trauer zuerst signalisiert, und dann entdeckt man erst bewusst, dass man trauert? Ich fühlte mich auf einmal wie krank und restlos erschöpft, wie sediert, bis ich registrierte, dass sich sein Tod in diesen Tagen wieder jährt - und damit auch der Schock und die traurigen Erinnerungen.
So trauert mein Körper auch immer im Oktober rund um den Tag, an dem mein Brüderchen an plötzlichem Kindstod gestorben ist. Das habe ich aber erst im vergangenen Jahr herausgefunden, dass das zusammen hängt. Vorher litt ich im Oktober und November immer unter schier unerklärlichen Depressionen und Erschöpfungszuständen.
Davor hab ich nun natürlich auch wieder Angst... Denn der Sommer geht ja langsam, aber sicher zuende.

Liebe Grüße
Appaloosa

teichmuschel
20.08.2007, 21:46
Liebe Appaloosa,

ich kann Dich gut verstehen. Meine Mutter starb letztes Jahr Ende April an einem Schlaganfall. Einfach so - ohne, dass wir noch einmal miteinander reden konnten.
Mir geht es ähnlich wie Dir. Seit dem Tod meiner Mutter fehlt mir die Rückenstärkung, ich bin in vielen Dingen unsicher und weiß auch nicht wie mein Leben weitergehen soll bzw. worin der Sinn liegt. Ich kann nicht sagen, dass meine Mutter dominant gewesen wäre. Zwischen mir und meiner Mutter war eine sehr enge Bindung, da mein Vater starb als ich 13 Jahre alt war. Damals hat niemand mit mir über den Tod von meinem Vater gesprochen. Meine Mutter hatte einfach nur Existenzsorgen, da sie für 3 Kinder sorgen musste und meine Eltern erst 7 Jahre vor dem Tod meines Vaters ein Häuschen gebaut hatten, welches noch abbezahlt werden musste.
Ich hab mich dann immer "brav" verhalten, da ich meiner Mutter keine zusätzlichen Sorgen bereiten wollte und habe ab einem gewissen Alter auch versucht ihr den Partner zu ersetzen - ein Ding der Unmöglichkeit. Meine Mutter hatte auch in Ihrer Kindheit etliche Verluste wegzustecken - u. a., dass ihre eigene Mutter in einer Silvesternacht durch einen tragischen Unfall zu Hause in der Küche von einem Familienmitglied beim Reinigen eines Gewehres erschossen wurde. Meine Mutter stand damals daneben und war ganze 9 Jahre alt. Und dies war nur der Anfang von etlichen tragischen Ereignissen in ihrem Leben.
Diese Ängste und den Kummer habe auch ich zu einem nicht unerheblichen Teil von meiner Mutter übernommen.
Und dies sind die Dinge mit denen ich zur Zeit versuche zurechtzukommen, sie zu verarbeiten und meine Trauer auszuleben. Mir fällt nach wie vor jeder Tag ziemlich schwer und ich fühle mich kraftlos.
Seit dem Tod meiner Mutter habe ich mich nur an ganz wenigen Tagen körperlich wohlgefühlt. Ich denke schon, dass sich die Trauer zuerst einmal auch über den Körper ausdrückt.
Mit tut der Rücken weh, ich habe immer ein "dumpfes Gefühl" in der Brust und fühle mich einfach nicht wohl. Und sog. Redewendungen wie: "Ich habe mein seelisches Gleichgewicht verloren" haben für mich mittlerweile eine ganz andere Bedeutung gewonnen. An manchen Tagen fühle ich mich einfach nur schwindlig.

Ich hätte gerne einen Tipp für Dich wie Du aus diesem Tief herauskommen kannst.
Reden hilft - aber es ist wirklich sehr schwer jemanden zu finden, der nach so langer Zeit noch bereit ist zuzuhören geschweige denn die Situation auch nur annähernd zu verstehen.
Was mir ein wenig hilft, dass ich seit ca. 9 Monaten zu einem Therapeuten gehe. Dort kann ich reden, weinen, meine Ängste und Sorgen darlegen.
Ich lebe in einer sog. unkonventionellen Beziehung - nicht verheiratet - seit 21 Jahren mit meinem Partner zusammen.
Wir haben uns nie so richtig für oder gegen Kinder entschieden.
Haben es bis zu einem gewissen Alter probiert und als es dann nichts wurde dies so akzeptiert. Nur z.Zt. bin ich auf der Suche nach einer Antwort, ob ich etwas versäumt habt, indem ich keine Kinder habe. So lange meine Mutter lebte war dies nie eine Frage für mich. Ich grüble darüber nach, obwohl es sich mit meinen 47 Jahren mittlerweile eh erledigt hat.
Ich konnte Dir jetzt nicht so richtig helfen, aber vielleicht ist es ja schon eine kleine Hilfe für Dich, dass Du mit Deinem Gefühlsdilemma nicht alleine dastehst.

Liebe Grüße und eine gute Nacht wünscht Dir
Teichmuschel

Appaloosa
20.08.2007, 22:28
Liebe Teichmuschel,

doch, deine Worte helfen mir und ich danke dir dafür - es ist irgendwo eine traurige Geschichte, die du erzählst, aber es ist tröstend zu wissen, dass man mit dieser "Haltlosigkeit" und der körperlichen Trauer nicht alleine ist. Meine Mutter ist übrigens auch eine extrem ängstliche Frau und ich hab ihre Ängste auch mit der Muttermilch aufgesogen. Leider habe ich zu ihr kein besonders harmonisches Verhältnis - wir gehen zwar anständig miteinander um und meiden Streit, aber das geht nur mit Hilfe von Notlügen.
Sie wollte uns Kinder nach Papas Tod auch zu einer Art Partnerschaftsersatz machen, aber ich habe das mit Müh und Not abblocken können. Ich verstehe und fühle ihren seelischen Schmerz und ihre Not, aber sie muss mir auch meine Trauer gönnen - und das tut sie bisher nicht.
Im Moment bin ich so unsicher über meinen Lebensweg und meine Perspektiven, dass ich manchmal denke, es wäre vielleicht wirklich nicht verkehrt, mit einem Profi Licht ins Dunkel zu bringen. Mein Partner ist ein paar Jahre älter, deshalb können wir uns auch mit der Kinderfrage nicht ewig Zeit lassen.
Ich bin diesbezüglich unfähig, auch nur eine vage Richtung einzuschlagen. Und ich weiß genau, dass es leichter wäre, wenn Papa noch da wäre. Weil er mich in den letzten, schönen gemeinsamen Jahren immer aufgefangen hätte, wenn mir der Boden unter den Füßen weggerissen worden wäre. Der war wie ein Fels in einer Brandung, und andererseits lag noch so viel Unausgesprochenes zwischen uns, was ich gerne noch geklärt hätte. Denn unsere Kriege in meiner Jugend waren teilweise hochdramatisch...
Tja, irgendwie brauche ich wohl auch mit fast 34 noch meinen Papa. Wir waren uns eben auch verteufelt ähnlich - sowohl optisch als auch im Geiste und im Charakter. Gleiche Interessen, gleiches Temperament, gleicher Humor, gleiche Augen... ein Teil von mir fehlt nun, und manchmal glaube ich, es war der starke Teil.
Den muss ich erst wieder aufbauen, und zwar diesmal ganz alleine.

Danke noch einmal für deine inspirierenden, berührenden Zeilen und gute Nacht
Appaloosa

nicili
25.08.2007, 19:52
...er wird immer fehlen und das ist auch gut so!
aber vergiss nicht, er ist immer in deinem herzen und in dir!
kann deine gedanken, ängste und sorgen gut nachvollziehen-
meine mutter ist vor etwas über 2 jahren auch ganz plötzlich gestorben.. zurück bleibt das gefühl der leere...
die wichtigste bezugsperson, das größte vorbild und 'das erste wort' wurden mir genommen...
manchaml fühl ich mich ganz klein und einsam- manchmal denk ich an ihre stärke und güte und bin stolz darauf zu diesem wunderbaren menschen zu gehören!
das schlimme ist- auch nach über 2 jahren fehlt etwas, etwas was nie wieder auftauchen wird, es wird nie mehr etwas geben, was diese lücke im herzen füllt...
aber wir müssen mit unserem leben weiter machen! die welt dreht sich- auch wenn man es manchmal gar nicht will!
habe auch angst vor der zukunft, vor partnerschaften, familienplanung-weil meine ma nicht da ist, um das alles mit mir zu teilen! aber ich bin sicher sie ist irgendwie ganz nah, genau wie dein papa!
sie sind bei uns und folgen uns ungesehen auf unserem weg!
vielleicht wäre eine eigene kleine familie ja genau das richtige für dich?! eine aufagbe und eine neue liebe, die die große lücke die dein pa in deinem herzen hinterlassen hat eventuell ein wenig verkleinert?!
ich wünsch dir viel mut und viel kraft!
wenn du reden magst, lass es mich wissen-
ich weiss das eigene freunde mit den monaten die notwendigkeit nicht mehr verstehen....
fühl dich gedrückt! nicili