PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Vor 6 Wochen ist mein Papi gegangen



missingdad
09.08.2007, 01:38
Hallo,

mein Posting wird glaube ich etwas länger. Vor ziemlich genau drei Jahren habe ich eine neue Familie bekommen. Da war ich 28. Mein Leben bestand davor aus einer ziemlich kühlen leiblichen Familie, mein leiblicher Vater spricht kein Wort mehr mit mir seit ich 12 bin, ich weiß nicht mal mehr wie es dazu kam.

Wir hatten nette Nachbarn als ich klein war, die ich manchmal besuhen durfte. Aber der Kontakt war weg als wir innerhalb der Stadt umzogen. Durch einen Zufall habe ich sie vor drei Jahren wieder getroffen und es entwickelte sich ein äußerst herzliches liebevolles Verhältnis, zwischen meiner neuen Mami, Papi und auch deren Verwandten und mir. Besonders meinen Papi habe ich sehr geliebt, ich habe vorher nie sowas gehabt. Es hat sich irgendwie so gefügt, er hat sich immer eine Tochter gewünscht und ich mir einen Vater. Er war ein besonderer Mensch, den alle gern hatten, vor dem kein Mensch und kein Tier Angst haben brauchte, der alles getan hat für seine Söhne und wie selbstverständlich auch für mich. Mit Mami war es ähnlich.

Das Ganze fing an im August 2004. Wir haben viel Zeit zusammen verbracht, er hat mir auch geholfen zu einem Großteil aus meinen Panikzuständen heraus zu kommen (ich konnte vorher über 2 Jahre kaum das Haus verlassen). Im Januar 2005 kam er ins Krankenhaus in eine neurologische Abteilung. Es bestand ein Verdacht auf einen Schlaganfall, weil er eine verschwommene Sprache hatte und ein Bein nicht mehr so richtig wollte. Ich habe versucht Mami zu beruhigen, man kann heute schon soviel machen. Nach zehn Tagen wurde er mit einer schrecklichen Diagnose entlassen: ALS, Amyotrophe Lateralsklerose, eine Krankheit die Nervenzellen absterben lässt und dadurch einen Muskelabbau hervorruft. Es gibt keine Hilfe dagegen. Die Aussicht war, dass er sich irgendwann nicht mehr bewegen kann, nicht mehr sprechen, nicht mehr atmen. Lebenserwartung 2-3 Jahre. Er war gerade 63.

2 1/2 Jahre haben Mami und ich alles getan, was wir konnten, insbesondere das letzte halbe Jahr war ich viel dort, weil er nicht mehr allein bleiben konnte, er saß im Rollstuhl und konnte kaum noch sprechen und zum Schluß nur noch Astronautennahrung zu sich nehmen. Er war nur noch Haut und Knochen. Trotzdem hatte er selbst da noch soviel Liebe zu geben.

Am 26. Juni fuhr ich mittags hin. Der Arzt wollte kommen und da war ich oft dabei, sie wollten das gerne so. Als ich reinkam schlief er im Rollstuhl, wie oft, er hat Morphium bekommen. Mami war ziemlich aufgeregt, weil er noch nichts getrunken hatte. Als ich näher kam habe ich gesehen, dass er ganz blaue Fingernägel hat. Mami sagte ihm ich wäre jetzt da und er hat mich ganz kurz angesehen und danach nicht mehr die Augen aufgemacht. Man sah auch dass der Puls ganz unregelmäßig ging. Der Arzt, der ihn die ganze Krankheit durch begleitet hat, kam und sagte das heute der Tag ist. Ich habe nie so etwas erlebt, ich wußte nicht was in etwa auf mich zukommt und hatte die blanke Angst. Wir haben ihn ins Bett getragen und ab da konnte ich nicht mehr dabei bleiben und habe im Wohnzimmer gesesssen. Der Arzt hat mir gesagt er hat keine Schmerzen und wird ruhig einschlafen. Zwei Stunden später war es passiert. Was dann kam weiß ich überhaupt nicht mehr richtig. Ich habe nicht geweint, ich habe von meiner leiblichen Familie gelernt, das zu unterlassen und erst wieder rauszukommen wenn es wieder weg ist. Das steckt so in mir drin, dass es auch nie anders passiert.

Papi wollte anonym bestattet werden, damit niemand Arbeit mit einem Grab hat. Ich fand es so unwürdig, so einen Menschen einfach ohne Namen irgendwo zu beerdigen. Auch die Vorstellung mit dem Krematorium, ihn einfach in so einen Ofen zu schieben. Wir haben Trauerkarten geschrieben, Brötchen für die "Feier" bestellt und sind so über die erste Zeit gekommen.

Die Trauerfeier war die Erste in meinem Leben, wieder nur Angst, wie wird das sein auf diese Urne zu sehen. Aber ich bin trotzdem hin, seine älteren Schwestern, sein Sohn, alle waren nett zu mir. Das Schlimmste war, ihn dann einfach da stehen zu lassen, die Bestattung findet ja dann an einem unbekannten Termin statt. Am nächsten Tag war ich allein auf dem Friedhof, es ist ein Waldfriedhof, der sehr unheimlich ist. Irgendwo soll eine Wiese sein wo die Anonymen hinkommen. Da stand ich dann vor einem Rasen wo man halt nur Rasen sieht, keine Grabsteine, nichts und mir wurde erst richtig bewußt, dass es gar keinen Ort gibt, wo ich ihn jetzt besuchen kann. Damit versuche ich seit fast 5 Wochen klar zu kommen. Es gibt eine Stelle ca. 200m entfernt von der Wiese wo man Blumen und Kerzen hinstellen kann, aber das ist irgendwie nicht dasselbe wie einen konkreten Ort zu haben wo man weiß, dort liegt der Verstorbene. Mami hat gesagt, man könnte beim Bestatter fragen, die wissen wo er liegt, aber ich hatte Angst dass die mir das nicht sagen, weil ich ja nicht wirklich die Tochter bin.

Ich bin jeden Tag zum Friedhof gegangen seitdem, habe eine kleine Laterne gekauft und mache ihm täglich eine Kerze an, eine kleine weiße Rose und ein kleines Herz aus Mamor liegen daneben. Manchmal gehe ich zu der Wiese aber da ist nichts, nur eine Grasfläche. Mami hat sich zurück gezogen und ist in ihrer Trauer sehr aggressiv und will mich nicht sehen, wir schreiben uns nur emails und sie wurde richtig böse, weil ich Papi suche, ich möchte nur einen Ort. Papi wollte nur dass Mami sich um kein Grab kümmert braucht, er hätte gesagt Du wirst mich schon finden und sicher darfst du mich besuchen, was für eine Frage! Es ist alles weg, Freunde die es interessiert wie es mir geht habe ich nicht. Eigentlich habe ich mit niemandem über meine Gefühle sprechen können. Um mich irgendeiner Gruppe anzuschließen sind die Panikattacken noch zu sehr da.

Was glaubt ihr, kann ich zu dem Bestatter gehen und fragen? Oder sagen die das nur Angehörigen? Ich habe einfach die Befürchtung dass es nur noch schlimmer ist, wenn sie mir das nicht mitteilen könnten als so, wo ein bißchen Hoffnung ist, dass Mami mir das vielleicht irgendwann sagen kann.

Sorry dass ich soviel geschrieben habe.

Fischhaeppchen
09.08.2007, 02:06
Es tut mir so leid für dich! Ich kann verstehen dass das für dich deine Familie war, du dich als seine Tochter gefühlt hast, und nun ist er weg, der Mensch der dich auch als Kind geliebt hat.

Es ist ein so großes Glück, dass du ihn noch finden und auch noch begleiten konntest ein Stück weit. Hast du Kontakt zu seinen Kindern? Manchmal hilft es ja mit der Trauer nicht alleine zu sein und sich über den Verstorbenen austauschen zu können.

Ich finde es übrigens auch sehr traurig, dass er kein Grab. Aber falls es ein Weiterleben nach dem Tod gibt (woran ich ja glaube), dann ist es letztendlich egal wo du ihn suchst. In deinem Herzen, in der Natur, du kannst zu ihm sprechen, ein Stück von ihm wird immer in deinem Herzen bewahrt bleiben.

Versuche den Kontakt mit "Mami" zu halten, vielleicht braucht sie nur Zeit, dich unterstützen kann sie im Moment wohl nicht, da ihr das liebste genommen wurde und es für sie auch unerträglich sein muss. Aber signalisiere ihr, dass du da bist, wenn es irgend geht. Geh vielleicht zu einer Trauergruppe falls du es schaffst, und sei doch stolz auf dich, dass du über deine Gefühle reden kannst,

Ich wünsche dir ganz viel Kraft auf deinem Weg

frangipani
09.08.2007, 03:47
Moeglicherweise hilft es dir ja, wenn du dir einen Platz suchst, der nur fuer dich und ihn ist, wo du Zwiesprache halten kannst. Ein Baum, ein Bachufer, eine Wiese, eine Parkbank. Oder eine Stelle in deiner Wohnung. Dann fehlt dir die konkrete Stelle, wo die Urne liegt, vielleicht auch nicht.

Es mag ein bisschen dauern, aber dann spuerst du, dass du mit ihm ueberall reden kannst.

Kennst du das Buch "Dienstags mit Morrie" von Mitch Albom? Er hat seinen Professor, der auch an ALS erkrankt war, ein paar Jahre begleitet. Ein sehr hoffnungmachendes Buch.


Und weine ruhig, das darfst du ....

Liebe Gruesse,
frangipani

LaDiva
09.08.2007, 20:50
Hallo!
Ich kann dich nur zu gut verstehen!! Mein Vater ist im Juni plötzlich gestorben. Er war mein leiblicher Vater und ich habe ihn sehr geliebt.....Er ist auch nur 65 geworden.
Am Anfang war der Schock wie eine Bleiplatte, die auf mir lag. Heute ist es so, dass ich im Alltag "funktioniere", aber es kommt mir alles surreal vor. Es ist, wie aus einem Traum zu erwachen und kurz überlegen zu müssen, ob das tatsächlich passiert ist. Und jedesmal zu erkennen, dass es leider so ist.
Es ist unerträglich, nichts daran ändern zu können und auch nichts positives zu erkennen (er war weder krank, noch bin ich gläubig etc.)
Er ist "normal" bestattet, aber am Grab finde ich ihn nicht. Ich gehe zu dem See, den er so gemocht hat und wo er immer geangelt hat.
Oder ich höre seine Lieblingsmusik.
Es ist trotzdem schwer. Ich glaube, man muss seiner Intuition folgen. Wenn du glaubst, dass es das richtige ist, das Grab zu finden: versuche es.
Unterdrücke deine Trauer nicht.

Liebe, traurige Grüße