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petcemetary
13.07.2007, 20:39
Der Schatten in dir

Wir waren dreieinhalb Jahre zusammen. Du liebtest VW-Käfer, Musik für alte Männer und mich. 32 Jahre sind einfach kein Alter, um zu sterben.

Es begann mit dem Internet. Ich war vor vier, fünf Jahren eine Zeitlang im angeblich weltumspannendsten Netz auf der Suche nach dir. Dann gab ich auf und löschte alle Anzeigen. Eine habe ich vergessen, und auf die hast du geantwortet. Bei einem unserer ersten Telefonate hast du einen Witz gemacht, und ich taufte dich daraufhin "gemeiner alter Mann", weil du viereinhalb Jahre älter warst als ich. 29, damals.

Du hast immer wieder mit diesem Ehrentitel kokettiert. Aber alt werden war kein Thema für dich. Es war selbstverständlich und so weit weg. Du sagtest immer, du würdest 137 Jahre alt werden, und ein Superschlosser sei eh "unkaputtbar". Die Kranke in unserer Beziehung war eigentlich ich, mit meiner ewigen Hypochondrie. Psychokram. Du brachtest mir Orangen und Tee und Wärmflaschen ans Bett und wundertest dich milde darüber, dass Frauen so schnell hintereinander erst zu kalt und dann zu warm sein kann. Als ich mir ein Band am Fuß riss, besorgtest du mir, mit breitem Grinsen, einen Rollstuhl von deinem Freund Hans. Ich denke mir, es war wohl ein Hinweis darauf, dass ich mein Leiden etwas übertrieb. Aber deine Zwischentöne, die habe ich wie so oft überhört.

Meine Versuche, dir gegen Erkältungen eine scheußlich rote Mütze aufzudrängen oder Vitamine einzuflößen, meine Ängste um dich, als du dir einen rostigen Nagel in den Fuß getreten hattest und dann damit seelenruhig ins Auto stiegst und zum Arzt fuhrst, diese weibliche Fürsorglichkeit hast du immer weggelächelt. Mich nicht ganz ernst genommen.

"Alles wird gut". Das war dein Motto. Auch wenn es immer etwas bitterer klang, wenn du es in letzter Zeit gesagt hast. Denn deine Selbständigkeit als Ebay-Powerseller war mühsam. Und gelegentlich hast du ironisch überlegt, ob du dir nicht die Axt ins Bein hauen solltest, um Hartz IV beantragen zu können und dennoch nicht aufs Spargelfeld geschickt zu werden. Du hast Lotto gespielt. Auf die Zukunft gehofft. Gespart. Gewartet. Als wir in eine Beziehungskrise gerieten, weil wir beide zu viel arbeiteten, weil wir uns nur noch morgens und spät abends sahen, da hast du an uns festgehalten, als ich schwankte.

Du sagtest, du wolltest dir mit mir etwas aufbauen. Wir dachten an Kinder. Ich dachte, immer mal wieder, ans Heiraten. Keiner von uns hat es ausgesprochen. Wir haben ja Zeit. Wir müssen erst einmal diese unrenovierte Wohnung in den Griff kriegen. Wieder mehr zueinander finden. Ich will eine Festanstellung. Du willst endlich die Früchte deiner monatelangen Arbeiten an deinen Artikelbeschreibungen ernten. Es soll voran gehen mit uns. Wir wollen, so kitschig das klingt, irgendwann den Horizont sehen.

Weil du schnarchst, schläfst du auf einer Matratze. In deinem Büro, auf dem alten roten Teppich, den wir immer mal mit Laminat bedecken wollen. Ist natürlich nur vorübergehend, alles. Alles wird gut.

An diesem Morgen höre ich von nebenan Geräusche von dir. Sie klingen nicht gut. Sie klingen nach schlimmen Alptraum. Ich springe aus dem Bett, laufe zu dir. Du liegst halb auf dem Boden, halb auf der Matratze. Deine Arme sind verdreht. Eines deiner Augen ist offen, eines halb zu. Deine Lippen werden blau. Ich schüttele dich, rufe deinen Namen, sage dir, dass du aufwachen sollst. Ich rufe den Notarzt. Meine Haare hängen mir ins Gesicht. Ich versuche, Witze zu machen, damit wir später im Krankenhaus etwas haben, worüber wir lachen können. Ich sage zu dir: "Wer soll denn den Müll rausbringen, wenn du jetzt schlapp machst?"

Wenn ich nur gewusst hätte, dass das wohl die letzten Worte waren, die du von mir gehört hast. Du hast noch ein paar Geräusche gemacht, ich habe versucht, dich zu beatmen, aber ich habe wohl nur noch deinen Magen aufgeblasen. Du wurdest im ganzen Gesicht lila. Deine Hand war kalt. Deine Brust noch warm, vom Bett.

Als der Notarzt kam, sagte er nur noch hilflos: "Der ist tot." Du hattest eine Nullinie. Meine Aufforderung, doch den Defibrilator an dir einzusetzen, wurde ignoriert. Weil es nichts mehr gebracht hätte. Unser Kater strich den Sanitätern um die Beine. Du wurdest 32 Jahre und sechs Monate alt. Du lagst lila auf dem roten Teppich im Türrahmen.

Bis mittags. So lange hat es gedauert, bis die Kripo alle Fragen geklärt hatte, bis der Bestatter da war, bis wir deine Eltern informiert hatten, bis meine Eltern da waren.

Du wurdest noch am gleichen Tag obduziert. Eine Lungenembolie, vermutlich verursacht von deiner Trichterbrust, die doch nie gefährlich war. Ein Gerinnsel, ein kleiner verdammter Klumpen deiner selbst, hat dich umgebracht. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Wir haben zwar zwei Tage vorher noch zusammen das Staffelfinale von "Grey's Anatomy" geguckt, aber medizinische Kenntnisse hatte ich trotzdem nicht. Du warst der Ersthelfer von uns beiden. Du warst beim THW und gingst regelmäßig zu Schulungen. Vielleicht hättest du gewusst, was zu tun ist. Ich wusste es nicht.

Ich konnte dir nicht helfen. Alles, was ich tun konnte, war, den Pfarrer dazu zu bewegen, auf deiner Beerdigung dein Lieblingslied zu spielen. "Nothing else matters". Und nun? Leere. Das Leben geht weiter, aber nichts wird mehr gut.

Inaktiver User
13.07.2007, 21:31
Liebe Petcemetary,
wollte dir nur sagen, wie bestürzt ich von deiner geschichte bin.
du schreibst ganz wundervoll..
ich wünsche dir ganz viel kraft und liebe menschen, die bei dir sind.
Lillan

wolfsmond
14.07.2007, 14:08
Liebe Petcemetary,

sitze hier und bin am Heulen. Es tut mir so leid für Dich! Was für ein schreckliches Ende. Wie hilflos musst Du Dich gefühlt haben?!

Wünsche Dir viel, viel Kraft und Menschen die Dich in Deiner Trauer stützen.

wolfsmond

petcemetary
14.07.2007, 17:31
danke euch. es ist nur so scheiße ungerecht. er hat was besseres verdient.

stern2007
15.07.2007, 08:56
Liebe Petcemetary,

ich wünsche Dir viel Kraft und Stärke.:kerze: :kerze: :kerze: :kerze: :kerze:

wolfsmond
15.07.2007, 14:52
Liebe petcemetary,

ich weiß genau was Du meinst.
Meinem Mann hätte ich auch noch viele, viele schöne Jahre gewünscht.
Wer hat schon (in jungen Jahren) so ein Ende verdient.
Aber so hart es auch klingt, wir müssen uns damit abfinden!

Liebe Grüße und viel, viel Kraft
sendet Dir

wolfsmond
:blumengabe: