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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ich liebe einen Mann, der trauert II



gremlin
12.07.2007, 20:21
Ich weiß, die meisten von euch hier haben weit wichtigere Probleme als meines. Aber vielleicht gehört dieser Teil meines Lebens ja doch irgendwie hierher... Auch, weil ich hoffe, dass mir jemand von euch aus eigener Erfahrung etwas dazu sagen kann.
Seit meinen Postings im März hat sich die Beziehung zu meinem Freund (er ist seit eineinhalb Jahren Witwer) weiter entwickelt. Wir sehen uns täglich, verbringen sehr viel Zeit miteinander, haben auch sehr viel Spaß - es ist eine sehr große Verbundenheit entstanden. Ich liebe ihn täglich mehr.
Leider gibt es aber auch immer wieder Rückschläge, wo er alles in Frage stellt, mich zurückweist, mir erklärt: "Ich hab dich ja ganz gern, aber..." und mir - manchmal sogar fast brutal - erklärt, dass er keine Beziehung haben kann und will, ständig an seine Frau denkt, etc. Unsere Beziehung ist auch nicht öffentlich, obwohl eigentlich alle unsere Bekannten und Freunde es ohnehin vermuten bzw. wissen. Alles, was in Richtung "Paar-Verhalten" geht, ist für ihn (noch?) unmöglich. Meistens kann ich damit ganz gut umgehen, ich verstehe ihn ja voll und ganz. Natürlich will er mir nicht weh tun und mich nicht verlieren, aber wenn bei ihm wieder die Trauer zuschlägt und er mich zurückstößt, verletzt mich das sehr. Wer kann es schon aushalten, von dem Menschen, den er liebt, zu hören: "Ich liebe dich nicht, ich will allein bleiben"?
Dann tut es ihm wieder leid, weil ihm bewusst wird, wie froh er ist, mich zu haben... Aber mich verfolgen diese Sätze, sie tun so weh... Manchmal denke ich mir, es ist alles viel zu früh, wir sollten nicht zusammen sein, aber einen Weg zurück gibt es nicht. Ein Freund von mir hat gesagt: "Ihr seid die Richtigen füreinander, aber zur falschen Zeit". Aber gibt es so etwas wie eine falsche Zeit?
Heute ist wieder so ein komischer Tag, ich bin nur am Grübeln, eigentlich ohne Grund, denn die letzten Wochen waren sehr schön. Aber eben wenn es für mich besonders schön ist, werde ich auch traurig, weil ich denke, dass meine Gefühle stärker sind als seine. Eigentlich teile ich ihn mit einer anderen Frau... und ich spüre ihre Anwesenheit oft sehr stark. Ich spüre, dass er ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber hat. Es ist, als wären wir nie allein, als wären seine Gedanken nie ganz bei mir.
Kann das jemals anders werden?
Mira

Inaktiver User
13.07.2007, 11:28
Liebe Mira,
um Deine letzte Frage zuerst zu beantworten:

Ja, das wird anders - in den allermeisten Fällen. Irgendwann wenden sich die Trauernden (bis auf wenige Ausnahmen) doch wieder mehr dem Leben zu. Dein Freund wird sicher nicht zu den Ausnahmen gehören, denn er nimmt ja am Leben schon jetzt teil.

Aber seine erste Frau wird trotzdem immer existent sein, denn es ist Teil seines Lebens, seiner Vergangenheit und seiner Erinnerungen. Sie wird nicht mehr die wichtige und zentrale Rolle spielen, sondern sich langsam eben nur noch in der Vergangenheit aufhalten. Aber es wird immer wieder Momente geben, in denen sie da ist. Nimm sie als einen Teil seiner Vergangenheit genauso wie Du ja auch eine Vergangenheit hast, die Dich prägt.

Ob Eure Beziehung eine Zukunft hat? Wie soll man das vorhersehen. Ich hatte damals in Deinem März-Posting schon dazu geschrieben. Vielleicht sieht er Dich als "beste Freundin", die ihn begleitet. Vielleicht bist Du irgendwann Teil einer düsteren Zeit. Andererseits bestehen auch gute Chancen, dass seine Liebe zu Dir dauerhaft bestehen bleibt, und die Wunden der Trauer verheilen. Die Aussage: er hat Dich ganz gern, spricht eher für Freundschaft als für Liebe, aber warum soll nicht aus einer Freundschaft auch Liebe werden. Und so wie Du es beschreibst, ist er wohl hin- und hergerissen zwischen den Gefühlen zu Dir und dem schlechten Gewissen gegenüber seiner Frau.

Ich kann das gut verstehen. Mein Lebensgefährte, mit dem ich 15 Jahre zusammen war, ist im Herbst 6 Jahre tot. Vor 1,5 Jahren habe ich "versucht, wie es sich anfühlt", wenn ich mich jemand Anderem zu wende. Davor wäre es bei mir unmöglich gewesen. Ich habe aber auch sehr gelitten, hatte immer eine Art schlechtes Gewissen, dass ich lebe und mein Partner tot ist. Sich selbst wieder das Leben, das Geniessen, Lachen und Freude zu erlauben, war für mich die größte Anstrengung.

Ich glaube wichtig ist, dass Du Dir für Dich klar machst, dass es einfach nicht sicher, was wird. Aber - was ist schon sicher zwischen 2 Menschen, wenn es um Gefühle geht. Und Du solltest Geduld aufbringen können. Alles, was ihn offensichtlich von seiner toten Frau wegtreiben will, wird er ablehnen. Leichter gesagt als getan: Begleite ihn ohne Erwartungen an ihn zu stellen.

Ich hoffe, dass es noch viele Antworten geben wird, denn es ist ein sehr persönliches Thema, zu dem es sicher viele Facetten gibt, die ich nicht kenne, bzw. nicht erlebt habe.

gremlin
13.07.2007, 17:42
Liebe Kranich!

"Alles, was ihn offensichtlich von seiner toten Frau wegtreiben will, wird er ablehnen" - das ist absolut richtig. Und ich verstehe es auch, denn er hat seine Zukunft und den Rest seines Lebens immer nur mit ihr geplant. Sie hat ihn sehr geprägt und ihn zu dem Menschen gemacht, der er heute ist. Dass da jetzt eine andere Frau bei ihm ist, kann er noch nicht wirklich akzeptieren (und auch vor anderen nicht zugeben) - und ich habe das Gefühl, dass das auch noch länger so sein wird.
Ich hoffe, dass ich für ihn nicht Teil einer düsteren Zeit bin... Dagegen spricht unsere starke Vertrautheit und Verbundenheit, die durch die viele miteinander verbrachte Zeit, das Reden, Miteinander-Lachen und auch die gemeinsamen Nächte entstanden ist. Durch unsere "gleiche Wellenlänge", die absolut nichts mit seiner Trauer zu tun hat (über die er mit mir auch kaum redet). Ich wünsche mir nur, dass er eines Tages MICH sehen wird, ohne einen Schatten oder ein schlechtes Gewissen...
Heute ist ein guter Tag, ich kann alles wieder positiv sehen.
Deine Antwort hat mir sehr dabei geholfen, danke!
Mira

Inaktiver User
13.07.2007, 20:21
Liebe Mira,
wie im lebendigen Leben ticken Männer ja oft auch anders. Insoweit würde ich auch im Trauer-Leben drauf achten, ob es da nicht auch Unterschiede gibt. Es gibt Trauerbücher speziell für Frauen - vielleicht weil sie anders, ev. intensiver trauern.

Hier sind ja immer mal wieder auch Männer, die um ihre Lieben trauern. Eventuell schreibt mal jemand etwas zu dem Thema.

Ich sehe Deine Situation sicher nicht mehr so "kritisch" wie noch im Frühjahr. Wenn er kategorisch bei seiner verstorbenen Frau bleiben wollte, hätte er sicher das Verhältnis zu Dir beendet. Denn letztlich ist zwischen Euch ja mehr als sich üblichweise zwischen einem verheirateten Mann und einer anderen Frau ereignet.

Ich wünsche Dir Glück, Gelassenheit, Geduld:blumengabe:

Und jetzt erstmal Dir und den Mitlesern/innen ein sonniges Wochenende. Kranich

Inaktiver User
13.07.2007, 22:29
Hallo Mira !

Deine Gefühle und Gedanken kann ich gut verstehen.

Wie wäre es wenn du dich etwas zurückziehen würdest?
Sicher schwer für dich,da du ihn liebst und ihn nicht missen möchtest.
Aber vielleicht würde er Dich vermissen,bekäme ein anderes Gefühl für eure Situation.

Eine Trauergruppe,könnte ihm/euch, auch weiterhelfen.
Das sind so meine Gedanken.

Ich wünsche dir Geduld und das deine Wünsche in erfüllung gehen.

Liebe Grüße Melia:blume:

gremlin
14.07.2007, 13:54
Liebe Melia!
Wie interessant, dass du das schreibst, denn es ist bei uns tatsächlich so, dass wir uns nach 1 bis 2 Tagen Nicht-Sehen so vermissen, dass wir uns beide immer riesig freuen, uns wiederzusehen. Er gibt auch jedes Mal zu, dass er mich sehr vermisst hat und ihm dann bewusst wird, wie froh er ist, mich zu haben. Für mich ist er - außer meinen Kindern - der wichtigste Mensch in meinem Leben, und ich bin es auch für ihn. Ich mache vielleicht den Fehler, immer sofort da zu sein, wenn er mich braucht - das macht mich vielleicht zu selbstverständlich... ein bisschen Distanz wäre da ab und zu ganz gut, da hast du sicher recht.
Liebe Grüße,
Mira

Inaktiver User
14.07.2007, 17:45
Die Idee von Dir, Melia, kann gut sein, aber ich wäre da vorsichtig. Das kann auch für ihn so sein, dass er wieder verlassen wird, oder dass er die Bestätigung dafür bekommt, dass seine verstorbene Frau "seine Königin" bleiben soll. Es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr Menschen dazu neigen, Vergangenes zu verherrlichen. Wenn er derzeit nicht stabil in seiner Wahrnehmung und seinen Gefühlen ist, kann ihn das "erschrecken".

Die Idee würde ich wenn, sehr vorsichtig und behutsam anwenden.

Inaktiver User
14.07.2007, 21:55
Ja Kranich,
da hast du sicher recht,
für eine gewisse Zeit wird es doch,noch eine Gradwanderung sein.

Schön Mira,wenn er dich vermisst,sich auf dich freut,dass war für mich noch nicht so klar,vielleicht habe ich auch etwas überlesen.:blume:

Hör auf dein Gefühl,freue dich wenn er dir entgegen kommt,einfach ist es nicht wenn man jemand verloren hat,weiss ich aus eigener Erfahrung.

Liebe Grüße Melia:blumengabe:

gremlin
15.07.2007, 10:55
Liebe Melia und Kranich!
Ich habe mir schon oft gedacht, dass ich ihm mehr Gelegenheit geben sollte, mir entgegen zu kommen, dadurch, dass ich ein bisschen mehr Distanz halte. Fast immer bin ich bei ihm, und ich komme auch immer, wenn er das möchte. Wobei oft auch ein bisschen der Gedanke dabei ist: Will er mich jetzt überhaupt bei sich haben? Was Blödsinn ist, denn sonst würde er mich nicht einladen. Wir haben ja ausgemacht, dass jeder von uns immer sagt, wann er allein sein möchte.
"Seine Königin" - das hat mir sehr zu denken gegeben... er idealisiert die Beziehung zu seiner Frau tatsächlich sehr, und auch sie als Mensch. Das Haus sieht immer noch so aus, als wäre sie bloß einen Moment weggegangen. Immerhin hat er aber doch vor kurzem einiges weggeworfen und geplant, was er im Winter umgestalten und neu machen möchte.
Die Grenzen in unserer Beziehung sind eng gesteckt: Ich bin die beste Freundin und Geliebte, eine Begleiterin, aber keine Partnerin. Ich weiß, er gibt mir so viel, wie er nur kann. Es ist eben ein Auf und Ab - mit ungewissem Ausgang.
Aber irgendwie gehören wir einfach auch zusammen.
Schönen Sonntag,
Mira