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hospitum
05.07.2007, 20:10
geht eine Frau Mitte dreißig aus dem Leben?

läßt einen Mann und eine neunjährige Tochter zurück?

nur haben wir nichts gemerkt?

Eine fröhliche, junge Frau hat uns Arbeitskollegen vollkommen den Boden unter den Füßen weggezogen.

Wir werden uns noch lange nach dem "Warum" fragen.

Hospitum

Inaktiver User
05.07.2007, 22:42
Oh Hospitum, welch eine dramatische Frage.

Mein Partner hat sich das Leben genommen- die drastischste Form des Nicht-Mehr-Miteinander-Redens. Hier sind noch einige Andere im Strang, die auch jemanden durch Selbstmord verloren haben. Keiner von uns konnte die Frage bislang wirklich beantworten. Wir haben alle gelernt, die Entscheidung unserer Lieben, zu akzeptieren, zu respektieren. Wir haben uns - so auch ich- mehr oder weniger gute Antworten ausgedacht, aber wissen, warum es passiert ist, tun wir nicht.

Es tut mir leid, dass Du mit diesem Thema konfrontiert bist. Es wird Dich lange beschäftigen - de reinzige Trost ist, dass Du am Ende die Menschen ein bischen besser kennst un sensibler für die Zwischentöne geworden bist.

Ich könnte noch viel dazu schreiben, aber jetzt erst mal Andere:blumengabe:

Frage, was immer Dich beschäftigt. Bei mir ist es über 5 Jahre her, und ich habe gelernt, mit diesem Tod umzugehen und darüber zu reden.

Liebe Grüße Kranich

hospitum
06.07.2007, 14:05
Frage, was immer Dich beschäftigt. Bei mir ist es über 5 Jahre her, und ich habe gelernt, mit diesem Tod umzugehen und darüber zu reden.


Kranich, ich danke dir.

Der Tod ist mir nicht unbekannt. Ich bin seit 4 Jahren in der Hospizbewegung tätig. Erst letzte Woche hatte ich die erste reale Begegnung mit dem Tod. Er war 85 Jahre, hatte sein Leben zufrieden gelebt.
Es war für mich ein erstaunliches Erlebnis.

Aber diese Frau war mitte 30. Hatte einen lebensfrohen, offenen Eindruck gemacht. Keiner im Umfeld hätte je daran gedacht, dass sie so etwas tun könnte.
Es schien geplant. Sie hat einen 4 Seiten langen Abschiedsbrief geschrieben. Grausam wirft sie sich vor einen Zug, mitten am Tag.

Oh Gott, ich hoffe ihr schmerzvolles so schweres Herz hat Frieden gefunden, dass ist die einzige Hoffnung die mir bleibt.

Hospitum

Eva39
06.07.2007, 14:16
Kranich, ich danke dir.

Der Tod ist mir nicht unbekannt. Ich bin seit 4 Jahren in der Hospizbewegung tätig. Erst letzte Woche hatte ich die erste reale Begegnung mit dem Tod. Er war 85 Jahre, hatte sein Leben zufrieden gelebt.
Es war für mich ein erstaunliches Erlebnis.

Aber diese Frau war mitte 30. Hatte einen lebensfrohen, offenen Eindruck gemacht. Keiner im Umfeld hätte je daran gedacht, dass sie so etwas tun könnte.
Es schien geplant. Sie hat einen 4 Seiten langen Abschiedsbrief geschrieben. Grausam wirft sie sich vor einen Zug, mitten am Tag.

Oh Gott, ich hoffe ihr schmerzvolles so schweres Herz hat Frieden gefunden, dass ist die einzige Hoffnung die mir bleibt.

Hospitum

Es sind manchmal tiefe Verletzungen, die man nicht mehr los wird. Oft hat man das Gefühl, niemand kann einem jemals helfen, diese schlimmen Verletzungen zu bewältigen. Niemand versteht auch nur ansatzweise, was in einem vorgeht. Zum Schutz vor Unverständnis und weiteren Verletzungen legt man sich einen Panzer zu. So ein Panzer kann auch aus Fröhlichkeit und Offenheit bestehen. Offenheit und Fröhlichkeit an der Oberfläche bis zu einem gewissen Punkt. Dann wird es düster. Diese tiefe Traurigkeit ist einem nicht immer bewusst. Sie ist da und steigt manchmal empor. Manchmal unerträglich, manchmal vergeht sie wieder, manchmal auch nicht, aber sie scheint unbesiegbar.

Als kleiner lieb gemeinter Trost :blumengabe:

Ich habe im Herbst eine Tante durch Selbstmord verloren. Vor vielen Jahren meinen damals besten Freund.

hospitum
06.07.2007, 15:48
Es sind manchmal tiefe Verletzungen, die man nicht mehr los wird. Oft hat man das Gefühl, niemand kann einem jemals helfen, diese schlimmen Verletzungen zu bewältigen. Niemand versteht auch nur ansatzweise, was in einem vorgeht. Zum Schutz vor Unverständnis und weiteren Verletzungen legt man sich einen Panzer zu. So ein Panzer kann auch aus Fröhlichkeit und Offenheit bestehen. Offenheit und Fröhlichkeit an der Oberfläche bis zu einem gewissen Punkt. Dann wird es düster. Diese tiefe Traurigkeit ist einem nicht immer bewusst. Sie ist da und steigt manchmal empor. Manchmal unerträglich, manchmal vergeht sie wieder, manchmal auch nicht, aber sie scheint unbesiegbar.


Hallo Eva,
Aber warum hat sie nicht im "Hilfe" geschrieen?

Ich würde so gern verstehen wollen.

Hospitum

Eva39
06.07.2007, 16:00
Liebe Hospita,

ich habe versucht, mich in sie hineinzufühlen. Dabei kenne ich sie nicht einmal, aber ich denke, es gibt viele Gründe.

Für großes Leid ist im Alltag kein Platz. Alle müssen funktionieren", gerade im Job, keine Schwäche zeigen. Jeder hat genug Sorgen, da kann man die Sorgen des anderen nicht auch noch gebrauchen, dachte sie möglicherweise, wollte vielleicht niemanden belasten mit ihrem Kummer. Vielleicht hat man ihren Hilferuf auch nicht gehört und wenn doch, hat man sie nicht verstanden oder ihr nicht die Antworten gegeben, die ihr geholfen hätten. Irgendwann war sie nur noch allein mit ihrer Last bis sie zu schwer war.

So ein furchtbares Geschehen löst Entsetzen aus und viele Fragen. Vielleicht findest Du Antworten, vielleicht auch nicht, wir suchen nach Schuld in uns. Das ist ein schlimmer Prozess. Am Ende steht das Akzeptieren.

Alles Liebe! :blumengabe:

Eva

Inaktiver User
06.07.2007, 23:57
Letztendlich kann es kein lebender Mensch wirklich nachvollziehbar erklären. Ich habe damals alle Bücher zum Thema Selbstmord gelesen. Ich habe es nicht verstanden. Aber ich habe verstanden, dass wir Lebenden Weiten im Denken und Handeln haben, die Menschen, die sich das Leben nehmen fehlt. Ich habe mir nach wirklich monate- und bald jahrelangem Grübeln das so erklärt, dass so ein Mensch in ein Leben wie eine Art Tüte geboren wird - so eine dreieckige, so wie die braunen oder grünen Obstpapiertüten auf dem Markt. Er fängt oben an der Tüte an, wenn er geboren wird. Um ihn rum ist alles offen und frei- es gibt keinerlei Begrenzungen, er sieht alles, nimmt alles wahr, hört alles. Aber je weiter er in die Tüte hineinkommt, je länger er lebt, um so begrenzter wird es. Es dringt nicht mehr alles zu ihm. Er beginnt, Menschen, Gefühle, Licht nicht mehr wahrzunehmen, da die Tüte immer näher an ihn dran kommt, es wird enger, weniger Raum ist da. Und irgendwann ist er vorne in der Spitze angekommen. Dort gibt es keine Wahrnehmung mehr - alles ist eng um ihn herum, es dringt nichts mehr zu ihm, die Wände der Tüte haben ihn fest umschlungen. Weil man ein Leben nicht rückwärts Leben kann, gibt es am Ende nur noch eine Möglichkeit, den nächsten Schritt zu machen - und das ist durch die Tütenspitze raus aus dem Leben.

So habe ich mir damals auch erklärt, dass mein Freund eines Nachmittags losgegangen ist durch einen Park, in ein Hochhausund runtergesprungen ist. Ich bin mir sicher, dass er am Ende nichts mehr wahrgenommen hat. Mich und Freunde, Verwandte, Bekannte nicht, aber auch sich selbst nicht. Ich habe so oft in Hochhäusern gestanden und habe runtergeschaut. Da springt niemand, der das Gefühl Angst kennt.

Und auch Deine Kollegin wird nicht mehr wahrgenommen haben, was es bedeutet, von einem Zug erfasst zu werden. Die Themen des Lebens sind nicht mehr zu ihr gedrungen. Es wird nie jemand verstehen können. Aber ich bin sicher, sie hatte keine Angst und keine Schmerzen mehr. Sie war schon losgelöst von unserer Welt und den Bindungen, die sie hatte, bevor sie auf die Gleise gegangen ist.

Meine Erklärung kann ich nicht beweisen, es kann auch niemand das Gegenteil beweisen. Mir hat es geholfen, den Schritt meines Freundes zu verstehen. Ob er irgendwann mitbekommen hat, dass er sich von den Wahrnehmungen des Lebens löst? Ich denke ja - er hat sich in den letzten Monaten verändert, aber das konnte ich auch erst erkennen, als er tot war. Mein Freund hat ein paar Mal angedeutet, dass er sich das Leben nehmen könnte. Wir haben viel darüber gesprochen in den letzten Wochen. Verhindern konnte es niemand - ich bin sicher, auch wenn wir ihn eingesperrt hätten, hätte er einen Weg gefunden.

Er ist im Winter 6 Jahre tot - ich habe gelernt, zu respektieren, zu akzeptieren, mir auch selbst keine Vorwürfe zu machen. Ich weiß nicht, warum es Menschen gibt, die in solche Tüten hineingeboren werden. Vielleicht werden wir alle hinein geboren, gehen nur langsamer und sind alt und schwach, wenn wir vorne angekommen sind und "entscheiden" dann an Altersschwäche zu sterben. Und manche leben eben in einem Tempo, dass sie schon in der Spitze sind, wenn das Leben noch jung ist.

Vielleicht gibt es Dir eine Möglichkeit, so darüber nachzudenken. Aber wie gesagt - frage Alles, was Dich bewegt.:blumengabe:

LG Kranich

hospitum
09.07.2007, 10:42
Liebe Kranich,

du hast eine für mich sehr schlüssige Erklärung gefunden.
Damit kann ich sehr gut leben, ich hab mir so ein "Konstrukt" die letzten Tage ganz ähnlich gebaut.

Vielleicht ist es mir auch leichter gefallen, weil sie eben "nur" Arbeitskollegin war.

Ich habe mich am Wochendene mit einem viel mehr betroffenen Kollegen unterhalten, der sie viel besser gekannt hat. Wie es scheint, sind die Schuldgefühle um so größer - nicht erkannt zu haben - je besser man die Person gekannt hat.

Er macht sich Vorwürfe, unter anderem auch, weil sie von Arbeitsüberlastung in ihrem Brief geschrieben hat. Jetzt fragt er sich ständig, ob er es nicht hätte sehen müssen.

Er wird wohl eine ganz eigene Antwort für sich finden müssen.

Ich bedanke mich dafür, dass ich hier schreiben konnte. Für die Mühe, die sich hier jede gemacht hat um zu antworten.

Schön, dass hier alle so offen und ehrlich schreiben können.

Liebe Grüße
Hospitum