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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : angst vor neuen katastrophen



Ping
26.06.2007, 09:53
hallo,
mein name ist jule, ich bin 40ig jahre und verheiratet.
damit ihr versteht was der grund für meine ängste ist muss ich einen etwas längeren text verfassen.
es fing 2002 an, damals wurde bei meiner tante (väterlicherseits)bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt, an dem sie nach ein paar monaten furchtbaren leidens verstorben ist, wir waren alle wie versteinert...nicht nur darüber einen ganz lieben menschen zu verlieren sondern auch deshalb, weil plötzlich krebs in unserer familie war. die jahre vergingen und man dachte mal mehr mal weniger dran. bis zum frühjahr 2005, als mich plötzlich ein anruf meiner schwester ereilte....mutter liegt im krankenhaus, ist umgefallen, hat gekrampft, verdacht auf hirntumor. was man in so einem augenblick innerlich erlebt muss ich wohl nicht schildern. hirntumor, hirntumor...natürlich wälzte ich sämtliche bücher, die noch aus meiner ausbildung zur ks reichlich vorhanden waren um näheres darüber zu erfahren. hätte dies besser nicht getan denn was dort stand war nicht gut.
das ct brachte dann auch nichts gutes an den tag....glioblastom-bösartiger hirntumor-krebs im kopf!
ab der diagnose wusste ich, sie hat keine chance.
sie hat sich trotzdem tapfer geschlagen, man konnte einen teil des tumors entfernen, sie bekam bestrahlung, und chemo....sie hat alles gut überstanden...das tumorwachstum schien gepremst. wir alle waren voller hoffnung.
bis zu dem tag als sie fast gar kein wort mehr herausbrachte, nur noch weinte, nicht mehr laufen konnte, nicht mehr alleine essen, nicht schreiben...nix...
ihr leiden dauerte 2 monate, dann strab sie mit 68 jahren ohne ein wort mit uns reden zu können, ohne abschied zu nehmen, würdelos ohne noch irgendetwas selbst zu können, meine liebe mutsch, eine bis dato selbstbewusste frau....
daran zurückdenken bedeutet für mich zu weinen, unendlich viel und herabzustürzen in ein tiefes schwarzes tal, angst zu haben vor der nächsten erkrankung in unserer familie......nur noch angst zu haben vor neuen katastrophen, davor einen nächsten lieben menschen zu verlieren....
angst vor neuen krankheiten....das macht mich total verrückt, ich weiss nicht wie ich daraus finde

jule

Inaktiver User
26.06.2007, 22:44
Liebe Jule,

ich kann gut mit Dir mitfühlen! Auch ich kenne diese Verlustängste, auch wenn meine Eltern noch leben, aber ich habe schon mehrere andere enge Familienangehörige verloren. Jeder Todesfall (und in den letzten zwei Jahren waren es drei an der Zahl) bringt mich ziemlich aus dem Gleichgewicht, und ich habe mich daher schon oft mit dem Thema Sterben/Tod/Abschied/Loslassen beschäftigt. Auch wenn es eine Platitüde ist - aber ich habe dadurch tatsächlich auch einiges gelernt und kann einiges nun besser und leichter akzeptieren. Vor allem habe ich gelernt, den Augenblick besser zu nutzen, meinen Lieben häufiger zu sagen, wie sehr ich sie liebe, und überhaupt bewusster mit meinen Beziehungen und Mitmenschen umzugehen...

Ich kann Dir grundsätzlich nur empfehlen, Dir Rat bei jemandem zu holen, der etwas davon versteht, z.B. im Rahmen einer Therapie. Oder bei einer Selbsthilfegruppe. Scheu Dich nicht, Hilfe anzunehmen - das, was Du erlebt hast, ist ein so einschneidendes Erlebnis, dass es keine Schande ist, es nicht alleine verarbeiten zu können.

Alles Liebe und Gute für Dich !

pedia
09.07.2007, 21:40
Moin Moin!!!
Ich bin 37 Jahre jung, verheiratet und habe eine Tochter.
Ich kann deine Ängste sehr gut nachvollziehen, denn auch ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Alles fing damit an, als wir 1996 unsere "Hochzeitsreise" nachholten. Weisse Hochzeit, weisse "leicht verspätete" Flitterwochen :liebe: , nämlich Skiurlaub. Es war klasse. Auf dem Rückweg dann das Disaster. Auf der Autobahn hatten wir einen Unfall. Er verlief zwar sehr glimpflich, jedoch habe ich seither Angst. Ich fahre zwar gerne Auto und auch als Beifahrer, jedoch habe ich immer eine gewisse Anspannung - an schlafen brauch ich auf längeren Strecken gar nicht zu denken. Es war auch noch an dem Tag, als damals in der DomRep ein Flugzeug abstürzte; viele Tote! Wir hatten Gott sei Dank einen Schutzengel dabei - seither glaube ich auch an so etwas. So, etwa 8 Wochen später stellte man bei meinem Mann Hodenkrebs fest. Ich fiel in Panik, hatte große Angst ihn zu verlieren. Er selbst ging klasse mit seiner Krankheit um, deshalb ist wahrscheinlich auch alles so gut verlaufen. Naja, Krebs hieß bei uns immer, jedenfalls in meiner Familie - der Tod!!! Ist ja Gott sei Dank nicht immer so:blume: !!! Meine Schwiegermutter war 3 x von Krebs betroffen, und sie lebt heute noch. Mein Mann ließ alle OPs über sich ergehen, Chemotherapie und nach 3 Monaten war - dem Himmel sei Dank - alles durch!!! Ein Problem stellte sich auf - wir hatten noch kein Kind, wollten aber gerne eins. Doch durch die OP waren die Nervenstränge beschädigt worden, und mein Mann konnte somit nicht mehr auf "normalem" Wege ein Kind zeugen. Künstliche Befruchtung hieß unser Stichwort. Und wir waren doch erstmal heilfroh, das er die Krebsgeschichte überlebt hat. Doch am 31.12.1996 kündigte sich ein Wunder an: ich war schwanger, auf ganz normalem Weg!!!:freches grinsen: es hatte sich regeneriert, die Ärzte halten es wirklich für ein Wunder, weil es so gut wie nie vorkommt. Schließlich hatten wir nur eine 5 % Chance!!! Unsere Kleine ist unser Leben, wir sind mächtig stolz. Jedoch bin ich als Mutter sehr besorgt, bei jeder Schwellung und jedem Knubbel renne ich mit ihr zum Arzt. Der weiß Bescheid und findet es auch in Ordnung. Lieber 1 x zuviel, als 1 x zu wenig.
1999 dann das nächste Kapitel. Mein Cousin, sweete 15 Jahre alt, hat sich das Leben genommen. Es war mir, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Man lebt damit, klar, muss ja auch irgendwie, aber damit richtig umgehen. Ich brauche nur ein bestimmtes Lied hören, schon denke ich an ihn. Unsere Kleine war damals etwas über 2 Jahre und er (mein Cousin) war vernarrt in sie. Damals hat sie logischerweise noch nichts verstanden. Heute kennt sie die Geschichte.
Meine Oma hatte, unsere Tochter war gerade geboren, einen Schlaganfall. Sie war seitdem halbseitig gelähmt. Wo ihr Enkel - mein Cousin - sich das Leben genommen hat, hat ihr wohl "den Rest" gegeben. Sie starb 2002. Die 2. Person in meiner Familie. Dann ging kurze Zeit später mein Onkel, Lungenkrebs!!! Und vor 1 1/2 Jahren starb die Oma meine Mannes.
Man möchte am liebsten manchmal alles von sich wegschieben, jedoch geht das nicht. Ich würde gerne öfter in den Wald gehen und schreien, so laut ich kann; und ich würde fragen wollen, warum? Es tut so weh, jemanden in unmittelbarer Nähe zu verlieren. In meiner Familie wird auch noch wenig darüber gesprochen. Ich rede eigentlich sehr viel und auch gerne über solche Sachen, weil es beruhigt, es mir gut tut.
Wenn ich mir meine Tochter und meinen Mann anschaue, bin ich so glücklich, dass ich sie habe, dass sie gesund sind, dass es sie gibt!!!
Alles ist gut; alles wird gut; alles bleibt gut!!!
Angst - Angst vor neuen Katastrophen, Angst vor neuen Krankheiten, eigentlich Angst vor allem, was weh tut - ja, wer kennt das nicht. Viele reden nicht darüber, ich finde das falsch. Ich habe jedoch auch nicht viele, mit denen ich darüber reden kann, wo ich mich öffnen kann.
Ich kann dir nur viel, viel Kraft wünschen. Denke trotz allem an das Gute, auch wenn es sehr schwer fällt. Mir hat es auch geholfen. Wie ich das geschafft habe, ist mir heute noch ein Rätsel. Ein Mensch hält glaube ich ganz schön viel aus, oder bessergesagt, muss aushalten! Mein Cousin nicht, der hat es nicht geschafft. Aber da, wo er jetzt ist, geht es ihm gut!!!!
Alles alles Liebe für dich!!
pedia

:Sonne: Ich wünsche dir auf deinen Wegen immer wieder Sonne und die Fähigkeit, für andere eine Sonne zu sein:Sonne:

Inaktiver User
13.07.2007, 07:11
@ Ping
...lebe deine Traurigkeit aus, lasse sie zu. Es hört sich an, als wäre es ein aktuelles Ereignis, das braucht Zeit und Raum. Doch bestärke nicht deine Angst vor neuen Ereignissen, indem du jetzt schon "in Serie" Ängste um deinen Vater aufbaust. Schau auf deine Arbeit - ks = Krankenschwester? - bei der du viele Menschen krank ankommen und gesund gehen siehst. Wir sind auch als manchmal selbst betroffene ein Teil von allem...