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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Anrufe...die ersten Tage danach...



wolfsmond
23.06.2007, 11:43
Mir fällt auf, dass die Anrufe sehr nachgelassen haben.

In den ersten Wochen, nachdem mein geliebter Mann gestorben war, stand das Telefon kaum still. Es war für mich und meine Tochter sehr, sehr anstrengend und belastend diese ständig wiederkehrenden Fragen zu beantworten.
Ich empfand es, bei einigen wenigen Anrufern, als eine gewisse Befriedigung ihrer Neugier. Ich hatte das Gefühl, sie wollten eigentlich gar nicht wissen wie es uns geht, oder ob sie etwas für uns tun können, sondern sie benahmen sich wie die "Gaffer nach einem Unfall auf der Autobahn".
Das hat mich sehr erschreckt. Ich war und bin von dem Verhalten einiger Leute wirklich sehr entäuscht.

Mit der Familie meines Mannes hatten wir wenig Kontakt. Anrufe an Geburtstagen und ein Besuch an Weihnachten. Seine Schwester war nicht einmal bei seiner Urnenbeisetzung. Sagt doch alles, oder?

Aber zum Glück haben wir eine Hand voll sehr guter Freunde und einige meiner Familienmitglieder, die uns wirklich uneingeschränkt beigestanden haben und immer noch beistehen.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?

wolfsmond

Inaktiver User
23.06.2007, 15:12
Klar, Wolfsmond, diese Erfahrung kann ich auch bestätigen.

Natürlich erhält man am Anfang unglaublich viele Anrufe, Besuche usw. Ich denke aber, dass das Zeichen der Anteilnahme sind und unterstelle mal nicht negative Absichten.

Es stellt sich aber mit der Zeit heraus, dass das Interesse nachlässt. Viele Leute glauben, nun wäre ja der Alltag wieder eingekehrt, das Leben ginge ja weiter und mit der Trauer wäre es nun auch mal langsam gut.

Und da trennt sich die Spreu vom Weizen (heißt das so?). Wirkliche Freunde - und das sind wenige - stehen Dir weiterhin zur Seite, egal, was passiert und egal, wie lange Deine Trauer anhält. Sie sind einfach für Dich da, wenn Du sie brauchst.

Ich vermute, dass viele Menschen gar nicht wissen, wie sie mit uns Trauernden umgehen sollen. Woher auch, denn sie haben ja unsere Erfahrungen nicht gemacht. Nur, wer schon einen Angehörigen verloren hat, kann unsere Gedanken und Gefühle nachvollziehen.

Liebe Grüße
hazel

GuteLaune
23.06.2007, 15:31
Hallo liebe Wolfsmond,

ich kann dich gut verstehen. Mir ging es nach dem Tod meines Mannes ähnlich und wenn ich an so manche Situation zurückdenke, tut es heute noch, 13 Jahre später, weh!
Natürlich stimmt es, was Hazel schreibt: Wir lernen heute nicht mehr, den Tod als zum Alltag gehörig zu sehen. Wir sind gegen alles versichert, haben Medikamente für und gegen alles und gestorben wird, wenn überhaupt, im Krankenhaus. Kein Wunder, dass die Menschen dann hilflos sind, wenn sie plötzlich im engsten Umfeld mit dem Tod konfrontiert werden - zumal dann, wenn es ein plötzlicher, unerwarteter Todesfall etwa bei einem sehr jungen Menschen oder nach einem Unfall ist.
Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche vermeintlichen Freunde, mit denen wir jeden Geburtstag gefeiert hatten, weggeblieben sind. Eine dieser "Freundinnen" hat mich etwa zwei Wochen nach der Beerdigung angerufen. Als ich am Telefon in Tränen ausbrach, brach sie das Gespräch sehr schnell ab mit der Bemerkung, wenn es mir wieder besser gehe, könne ich mich ja mal melden und man könne sich mal verabreden...
Wirkliche Hilfe und Unterstützung kam von Menschen, von denen ich das gar nicht erwartet hätte bzw. die mir bis dahin gar nicht so sonderlich nahe gestanden waren.
Rückblickend kann ich sagen, dass mein Freundskreis heute (auch aus diversen anderen Gründen) ganz anders aussieht als vor 14 Jahren. Es sind wenige Freunde - aber solche, die die Bezeichnung wirklich verdienen. Sie und ich haben in den letzten Jahren so einige Schicksalsschläge wegstecken müssen und haben das alles wirklich gemeinsam durchgestanden. Ich bin unendlich dankbar für diese Menschen!

Nimm es den "Gaffern" nicht übel - vielleicht können sie wirklich nicht zeigen, wie sehr sie der Tod deines Mannes berührt. Mit der Zeit wirst du merken, wo es sich um echtes Mitgefühl und wo um Sensationslust handelte.
Auch wenn es hart klingt: Stell dich drauf ein, dass es erst mal noch schlimmer wird. In den ersten paar Wochen oder Monaten nach dem Tod deines Mannes wird man dir noch Trauer und "außergewöhnliches" Verhalten nachsehen. Aber spätestens nach einem Jahr wird dich das erste Mal jemand fragen, ob du denn jetzt "drüber weggekommen" bist. Und ob du dich nicht langsam nach einem neuen Mann umschaust....
Das war für mich wirklich hart.
Ich merke schon: Das alles sitzt noch so tief.... zu lang soll der Beitrag hier auch nicht werden. Wenn ich dir noch irgendwie helfen kann, melde dich!
Ich wünsche dir viel Kraft. Sei dankbar, dass es einige wenige Menschen gibt, die dir beistehen!

Inaktiver User
24.06.2007, 10:32
Aber spätestens nach einem Jahr wird dich das erste Mal jemand fragen, ob du denn jetzt "drüber weggekommen" bist. Und ob du dich nicht langsam nach einem neuen Mann umschaust....
....

Stimmt, Gute Laune! Nur, bei mir ist es erst acht Monate her, dass mein Mann gestorben ist und ich werde jetzt schon gefragt, ob es nicht Zeit wäre für eine neue Beziehung. Na ja, ich denke, auch hier soll einfach Mitgefühl gezeigt werden, oder was soll es sonst sein?

Aber ich habe immer konsequent geantwortet, dass ich ganz allein bestimme, ob und wann ich mich nach einem neuen Partner umschaue.

In diesem Sinne: Alles hat seine Zeit.

Liebe Grüße!

Bloodyzicke
26.06.2007, 18:23
Ihr lieben,

Ich habe sehr lange genauso gedacht... Und mich oft still und heimlich darüber beschwert. Mittlerweile, nach über einem Jahr, kann ich meine Freunde verstehen... Auch sie haben meinen Schatz gemocht, wenn nicht sogar geliebt, und sie haben ihr bestes gegeben. Nur dass ich das oft nicht als Hilfe sondern als Last empfunden habe. Wenn sie mich belagert haben, hat es mich genervt, wenn sich keiner gemeldet hat war es umso schlimmer. So ist es heute ab und an noch und es wird auch noch so bleiben, aber sie haben auch ein Leben, dass ohne einen vertrauetn Menschen weiter geht.
Und mal ganz ehrlich, es ist verdammt schwer jemanden in dieser dunklen Phase wieder aufzubauen. Die wenigsten aus dem Bekanntenkreis haben so etwas schon erlebt und dazu kommt, dass jeder die Trrauer anders durchlebt.

Sei nicht zu enttäuscht, allein zu sein, nutze die Ruhe um zu Dir zu finden, ganz vorsichtig, Schritt für Schritt, und ich verspreche Dir, wenn du nach den helfenden Händen fragst, werden sie auch da sein.

GuteLaune
27.06.2007, 09:32
Liebe Hazel,

ich weiß nicht, ob die Frage nach einer neuen Partnerschaft immer wirklichem Mitgefühl entspringt. Die Menschen, die mir wichtig waren und sind, haben das nämlich nie gefragt. Ich kann mich nur an zwei, drei Situationen erinnern, in denen mich Leute, die ich wirklich nur flüchtig kenne, lautstark in der Öffentlichkeit gefragt haben, ob ich denn nicht wieder einen Mann hätte: Die Kinder bräuchten doch wieder einen Vater!

Das habe ich als Übergriff empfunden!

@Bloodyzicke
Du hast schon recht. Der Tod meines Mannes hat ja nicht nur mir weggetan, sondern auch anderen Menschen. Und vielleicht waren viele davon wirklich ebenso hilflos in der neuen Situation wie ich. Was mich aber jetzt, viele Jahre danach, immer noch schmerzt, ist, dass manche einfach nichts getan haben, was Mitgefühl in irgendener Form erkennen ließ, sondern schlicht und einfach nach einigen Wochen oder Monaten so getan haben, als sei der ganz normale Alltag wieder eingekehrt.
Eine Freundin, die ich noch aus Kindergartenzeiten kenne und zu der ich leider (aus verschiedenen Gründen) nicht immer so engen Kontakt hatte, wie ich es eigentlich gewollt hätte, hat mir erst Jahre später gesagt - oder sagen können - dass sie meinen Mann sehr vermisst und in vielen alltäglichen Situationen plötzlich das Gefühl hat, er stünde hinter ihr.... (die beiden hatten sich sehr gern).
Und ein Jugendfreund meines Mannes, der im Laufe der Zeit zu einem der besten Freunde für mich geworden ist, ruft mich am Geburtstag und Todestag immer an oder setzt sich schon mal ins Auto und fährt 100 Kilometer, mir zu sagen, dass er findet, ich hätte bisher alles ganz toll gemacht mit den Kindern und der gesamten Situation... das nenne ich Mitgefühl.

Aber du hast ganz recht: Jeder Mensch geht anders mit seiner Trauer um...
Vielleicht hilft es manchen Frauen sogar, möglichst schnell wieder eine neue Partnerschaft zu haben...

Ricarda44
28.06.2007, 08:20
Ja, Ihr Lieben, manche Menschen, die sich wie "Gaffer" benehmen, haben nicht mal in solchen Zeiten den Anstand, ihre Neugier im Zaum zu halten. Bei dieser Spezie der Menschheit habe ich nur immer gedacht: "Weisst Du eigentlich, wie dumm Du bist?"

Die haben sich mit ihrer Art und Weise einfach disqualifiziert und haben in meinem Leben irgendwie keinen Wert mehr. Sie existieren, aber es kommt mir nicht mehr der Gedanke mal zu fragen, wie es denn bei ihnen so geht und so. Es interessiert mich einfach nicht mehr.

Wobei ich da schon auf die menschliche Qualifikation schaue und mich frage, ist das normal für den jenigen, dass er so handelt oder war es Unsicherheit und ein Nichtumgehenkönnen mit der Situation.

Ihr wisst ja selber, man wird selbst in der Zeit der Trauer von vielen Emotionen hin- und hergeschüttelt. Fällt von einem Loch ins nächste. Wenn dann noch Herr oder Frau Unsensibel daher kommen bekommt man wenigstens ein wenig Wut in den Bauch.
Also, auch wenn wir meinen, solche Leute sind echt das Letzte, dennoch lösen sie etwas in uns aus, schärfen zumindest unseren Blick.

Ja und solche "Friends", die meinen einen wieder "unter die Haube bringen zu müssen" - meinen sie es nun gut und wünschen sich, dass man mehr glücklich ist? Oder wollen sie eigentlich nur, dass sie sich nicht weiter mit Tod und Trauer befassen müssen? Was sie wohl nicht wissen ist, dass solche Lebensphasen länger andauern können.

Mit einigen, die es wert sind, sollte man Nachsicht haben. Auf andere kann man gut verzichten.

Lasst Euch nicht entmutigen von natürlich unsensiblen Menschen und schon gar nicht von denen, die es eigentlich gut meinen, aber nicht die richtigen Worte finden. Ich denke, da sollte man nachsichtig sein.