PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Kein Leben nach dem Tod



expat
21.06.2007, 17:22
Alle Menschen haben irgendwie Angst vor dem Tod, das ist klar. Vor dem eigenen und vor dem geliebter Menschen. Viele finden Trost in Religion, und in der Hoffnung auf Leben nach dem Tod...selbst wenn sie sich nicht vorstellen, dass der Verstorbene buchstäblich mit Flügeln auf einer Wolke sitzt. Die meisten denken ja an ein "abstraktes" Weiterleben als Seele oder auch einfach durch die Erinnerung der Nichtgestorbenen.
Ich kann das nicht und das frisst mich auf.
Ich wäre gern religiös, einfach um zu glauben, dass es nach dem Tod nicht ganz aufhört. Aber mit meinem Verstand weiß ich, dass alles aufhört. Liebe Erinnerungen genügen mir nicht. Meine Lieblingsoma hat nichts davon, dass ich an sie denke und mir vorstelle wie sie abends an meinem Bett sitzt und mich anschaut. Ja, ich versuche mir das vorzustellen, ich versuche sie lebendig zu machen in meinen Gedanken. Aber tief in mir drin kann ich nur dran denken, dass ihr Körper in der Erde verrottet und dass nicht das Geringste von ihr übrig ist. Sie hat keinen noch so abstrakten Gedanken mehr, sie kann mich nicht sehen, sie hält nicht ihre Hand über mich, sie ist nicht um mich wie ein kleiner Geist, sie ist nicht bei Gott, sie hat absolut nichts mehr, sie ist einfach nur weg als hätte es sie nie gegeben.
Der Gedanke, dass meine Eltern und mein Mann eines Tages sterben werden und wahrscheinlich vor mir, erdrückt mich geradezu. Ich würde so gern an ein Leben nach dem Tod glauben, aber ich weiß, wenn sie weg sind, sind sie weg und ich sehe sie NIE wieder. Sie hören auf zu existieren. Fotos und Erinnerungen halten sie nicht am Leben, ich brauche was Körperliches. Ich bin da überhaupt kein spiritueller Mensch. Das geht soweit, dass ich meine Eltern (falls es denn mal dazu käme) lieber im Koma dahinvegetieren lassen möchte, als ihnen zu wünschen sterben zu können. Ich will sie lebendig, selbst wenn nur ihr Körper noch warm ist und ihr Herz schlägt und ihr Geist unerreichbar ist. Das ist mir 100x lieber als dass sie körperlich tot wären. Ist das nicht furchtbar von mir? Für mich steckt das Leben vor allem im Körper. Im Geist natürlich auch, aber ohne den Körper ist der Geist für mich nutzlos. Ich weiß, das ist schrecklich. Es macht mich wirklich fertig. Und ich spüre auch, dass ich deshalb unbewusst versuche mich von meinen Lieben emotional ein wenig zu distanzieren - in der bescheuerten Hoffnung, dass ihr Tod mich nicht so treffen wird, wenn ich sie nicht mit ganzen Herzen liebe. Ja, soweit geht das. Und dabei bin ich noch jung! Mein Mann ist jung, meine Eltern haben sicher noch gute 20-25 Jahre vor sich. Aber ich denke jetzt schon daran. Das ist doch krank! Hat jemand so etwas ähnliches erlebt?

wolfsmond
21.06.2007, 17:33
Liebe expat,

kann Dir Deine Zweifel nicht nehmen, aber ich schreibe Dir einen
Spruch der mir im Moment viel Kraft gibt:

Der Tod ist nichts, das, was ich für euch war, bin ich immer noch.
Lacht weiterhin über das, worüber wir gemeinsam gelacht haben.
Betet und denkt an mich, damit mein Name im Hause
ausgesprochen wird, so wie es immer war.
Der Faden ist nicht durchgeschnitten.
Warum soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nur auf der anderen Seite des Weges.
Charles Péguy

wolfsmond

Inaktiver User
21.06.2007, 17:40
Ich würde so gern an ein Leben nach dem Tod glauben, aber ich weiß, wenn sie weg sind, sind sie weg und ich sehe sie NIE wieder. Sie hören auf zu existieren.


Hallo Expat,
wieso bist du dir da so sicher?

Sehr viele Menschen denken da anders und habe auch entsprechende Erfahrungen gemacht.
Würde es dir evtl. helfen, gute Bücher zu diesem Thema zu lesen, damit du deine Verlustängste verarbeiten kannst?
Es gibt einige anerkannte Autoren, die sich mit dem "Leben nach dem Tod" befaßt haben, geforscht haben usw.
Denk mal an all die Nahtoderfahrungen, die Menschen gemacht haben.
Oder an die spirituellen Medien, die im Geiste mit Verstorbenen reden können.

So zu denken und zu fühlen, wie du es jetzt tust, ist doch sehr belastend, gerade auch weil du noch so jung bist.

Möglicherweise helfen dir aber diese Bücher auch nicht, weil der Grund für deine Ängste nicht in fehlenden, glaubhaften Informationen liegt.
Hast du schon mal mit einem Psychologen über diese Verlustangst gesprochen? Das könnte dir Erleichterung bringen.

Alles Gute :blumengabe:

fuechsine
21.06.2007, 19:06
Ich glaube nicht an einen Himmel oder Hölle oder was immer auch vergleichbares. Aber ich glaube, daß wir in einem geschlossenen System sind. Das Energie unvergänglich ist und deshalb kreist. Und ich stelle mir vor, daß die Energie, die meinen Mann ausmachte zurückgeflossen ist in das riesige Energiefeld, sich Dinge darin teilen, umwandeln , in anderer Form existieren, aber niemals vergehen.

Cerise
21.06.2007, 20:05
Hallo Expat,

Dein Beitrag hat mich sehr traurig gemacht.

als mein Vater vor 10 Jahren starb, habe ich mich sehr viel mit dem Thema beschäftigt, habe Bücher über Sterbeforschung und Nahtoderfahrungen geradezu verschlungen.

Und ich bin sicher, dass wir nicht aufhören zu existieren. Schau Dir an wie der Mensch funktioniert in seiner Einheit von Körper und Seele - ich sehe da eine derartige Perfektion, eine Einzigartigkeit und Liebe vom Schöpfer, es kann nicht sein, dass diese Liebe gerade mal für jämmerliche 70 Jahre in dieser kleinen begrenzten Welt ausreicht, nein, niemals.

Wenn Du magst, kann ich Dir entsprechende Literatur empfehlen, gern auch über pn.

LG
Cerise

Cerise
21.06.2007, 20:09
Für alle Zweifler und Verzweifelte habe ich eine schöne Geschichte gefunden:

Was weiß der Frosch im Brunnen von der Weite des Meeres?

Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch seiner Mutter.

"Sag mal, glaubst du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?" fragt der eine Zwilling.

"Ja auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das was draußen kommen wird." antwortet der andere Zwilling.

"Ich glaube, das ist Blödsinn!" sagt der erste. "Es kann kein Leben nach der Geburt geben - wie sollte das denn bitteschön aussehen?"

"So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?"

"So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz."

"Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders."

"Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen von 'nach der Geburt'. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Punktum."

"Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden und sie wird für uns sorgen."

"Mutter??? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?"

"Na hier - überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!"

"Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht."

"Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt...."

Inaktiver User
21.06.2007, 20:18
Alle Menschen haben irgendwie Angst vor dem Tod, das ist klar. Vor dem eigenen und vor dem geliebter Menschen. Viele finden Trost in Religion, und in der Hoffnung auf Leben nach dem Tod...selbst wenn sie sich nicht vorstellen, dass der Verstorbene buchstäblich mit Flügeln auf einer Wolke sitzt. Die meisten denken ja an ein "abstraktes" Weiterleben als Seele oder auch einfach durch die Erinnerung der Nichtgestorbenen.
Ich kann das nicht und das frisst mich auf.
Ich wäre gern religiös, einfach um zu glauben, dass es nach dem Tod nicht ganz aufhört. Aber mit meinem Verstand weiß ich, dass alles aufhört. Liebe Erinnerungen genügen mir nicht. Meine Lieblingsoma hat nichts davon, dass ich an sie denke und mir vorstelle wie sie abends an meinem Bett sitzt und mich anschaut. Ja, ich versuche mir das vorzustellen, ich versuche sie lebendig zu machen in meinen Gedanken. Aber tief in mir drin kann ich nur dran denken, dass ihr Körper in der Erde verrottet und dass nicht das Geringste von ihr übrig ist. Sie hat keinen noch so abstrakten Gedanken mehr, sie kann mich nicht sehen, sie hält nicht ihre Hand über mich, sie ist nicht um mich wie ein kleiner Geist, sie ist nicht bei Gott, sie hat absolut nichts mehr, sie ist einfach nur weg als hätte es sie nie gegeben.
Der Gedanke, dass meine Eltern und mein Mann eines Tages sterben werden und wahrscheinlich vor mir, erdrückt mich geradezu. Ich würde so gern an ein Leben nach dem Tod glauben, aber ich weiß, wenn sie weg sind, sind sie weg und ich sehe sie NIE wieder. Sie hören auf zu existieren. Fotos und Erinnerungen halten sie nicht am Leben, ich brauche was Körperliches. Ich bin da überhaupt kein spiritueller Mensch. Das geht soweit, dass ich meine Eltern (falls es denn mal dazu käme) lieber im Koma dahinvegetieren lassen möchte, als ihnen zu wünschen sterben zu können. Ich will sie lebendig, selbst wenn nur ihr Körper noch warm ist und ihr Herz schlägt und ihr Geist unerreichbar ist. Das ist mir 100x lieber als dass sie körperlich tot wären. Ist das nicht furchtbar von mir? Für mich steckt das Leben vor allem im Körper. Im Geist natürlich auch, aber ohne den Körper ist der Geist für mich nutzlos. Ich weiß, das ist schrecklich. Es macht mich wirklich fertig. Und ich spüre auch, dass ich deshalb unbewusst versuche mich von meinen Lieben emotional ein wenig zu distanzieren - in der bescheuerten Hoffnung, dass ihr Tod mich nicht so treffen wird, wenn ich sie nicht mit ganzen Herzen liebe. Ja, soweit geht das. Und dabei bin ich noch jung! Mein Mann ist jung, meine Eltern haben sicher noch gute 20-25 Jahre vor sich. Aber ich denke jetzt schon daran. Das ist doch krank! Hat jemand so etwas ähnliches erlebt?

Vielleicht solltest Du Dich von konventionellen Gedanken befreien - z.B. dass Verstorbene auf uns herabblicken. Du fühlst es nicht und möchtest es auch nicht, stattdessen suchst Du andere Antworten, deshalb hast Du auch Angst, um die die Du liebst, dass Du sie nach dem Tod nicht mehr spüren kannst.
Ich habe vor ein paar Monaten meine liebe Omi verloren, sie ging, weil ihr Körper verbraucht war. Ich vermisse sie unendlich, aber ich spüre: sie ist nicht weg, sie ist noch da. Wo, ist für mich nicht wichtig. Das gleiche Gefühl habe ich bei meiner Tante.
Ich bin auch kein wirklich spiritueller Mensch, aber ich beschäftige mich gern mit den Fragen nach Leben und Tod und den Zusammenhängen.
Nach ihrem Tod habe ich meine Oma nicht mehr als meine alte Omi gesehen, sondern als ganzen Mensch, vom Kind bis zur Greisin, weil ich ihre ganzen Fotos betrachten durfte. Es ist etwas vollendet worden - ein Leben. Es ist aber nichts verloren, nach meinem Gefühl.
Ich hoffe, ich konnte Dir einen kleinen Denkanstoß geben.

Inaktiver User
21.06.2007, 21:19
Liebe expat,

als ich Deinen Text gerade gelesen habe, dachte ich, wow, da gibt es tatsächlich noch jemanden der genau die gleichen Gedanken hat. Mir geht es nämlich fast genau so. Und ich sage Dir lieber gleich, das wird jetzt lang und einiges zu lesen :smirksmile:


Alle Menschen haben irgendwie Angst vor dem Tod, das ist klar. Vor dem eigenen und vor dem geliebter Menschen.

Oh ja, ich habe auch eine riesen Angst davor. Und er hat ja auch gerade zugeschlagen, deshalb wächst die Angst um so mehr oder besser, deswegen befasse ich mich damit umso mehr.



Viele finden Trost in Religion, und in der Hoffnung auf Leben nach dem Tod...selbst wenn sie sich nicht vorstellen, dass der Verstorbene buchstäblich mit Flügeln auf einer Wolke sitzt. Die meisten denken ja an ein "abstraktes" Weiterleben als Seele oder auch einfach durch die Erinnerung der Nichtgestorbenen.
Ich kann das nicht und das frisst mich auf.

Nein, ich kann das auch nicht und ich finde es auch ganz schrecklich.



Ich wäre gern religiös, einfach um zu glauben, dass es nach dem Tod nicht ganz aufhört. Aber mit meinem Verstand weiß ich, dass alles aufhört. Liebe Erinnerungen genügen mir nicht. Meine Lieblingsoma hat nichts davon, dass ich an sie denke und mir vorstelle wie sie abends an meinem Bett sitzt und mich anschaut. Ja, ich versuche mir das vorzustellen, ich versuche sie lebendig zu machen in meinen Gedanken. Aber tief in mir drin kann ich nur dran denken, dass ihr Körper in der Erde verrottet und dass nicht das Geringste von ihr übrig ist. Sie hat keinen noch so abstrakten Gedanken mehr, sie kann mich nicht sehen, sie hält nicht ihre Hand über mich, sie ist nicht um mich wie ein kleiner Geist, sie ist nicht bei Gott, sie hat absolut nichts mehr, sie ist einfach nur weg als hätte es sie nie gegeben.

Ich würde einfach am liebsten nur "ja ja ja" sagen, denn genau so denke ich auch. Ich würde mir so wünschen, dass ich glauben könnte. Dazu muss ich jetzt erstmal sagen, dass mein Lebensgefährte am 15.4. bei einem Unfall ums Leben gekommen ist und deshalb stecke ich da natürlich gerade voll drin. Eine Kollegin von mir - sehr gläubig - meinte nur als sie erfuhr, dass ich nicht glaube "Mein Gott muss das schlimm und unerträglich sein". Ich dachte nur, prima... und was fange ich damit jetzt an? Ich kann mich nicht zwingen irgendwas zu glauben. Es ist auch nicht so, dass ich gar nicht glaube, es ist so, dass ich nicht weiß. Ich weiß nicht, gibt es da noch was oder gibt es nichts mehr, man kann es nicht wissen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann kann ich es mir einfach nicht vorstellen. Dazu sehe ich das Ganze zu "biologisch" oder so was in der Art. Genau so, wie Du schreibst... die Menschen, die gestorben sind verwesen schlicht und einfach (oder sie wurden verbrannt, wie mein Rainer... oh Mann, das zu sagen und zu schreiben ist schon die Hölle).



Der Gedanke, dass meine Eltern und mein Mann eines Tages sterben werden und wahrscheinlich vor mir, erdrückt mich geradezu. Ich würde so gern an ein Leben nach dem Tod glauben, aber ich weiß, wenn sie weg sind, sind sie weg und ich sehe sie NIE wieder. Sie hören auf zu existieren. Fotos und Erinnerungen halten sie nicht am Leben, ich brauche was Körperliches. Ich bin da überhaupt kein spiritueller Mensch. Das geht soweit, dass ich meine Eltern (falls es denn mal dazu käme) lieber im Koma dahinvegetieren lassen möchte, als ihnen zu wünschen sterben zu können. Ich will sie lebendig, selbst wenn nur ihr Körper noch warm ist und ihr Herz schlägt und ihr Geist unerreichbar ist. Das ist mir 100x lieber als dass sie körperlich tot wären. Ist das nicht furchtbar von mir?


Ich finde das überhaupt nicht furchtbar. Ich finde das total verständlich. Vor allem wenn man so denkt und fühlt wie wir das tun. Es ist vielleicht nicht ganz fair, denn in dem Moment sollte man das tun, was für den Menschen, der im Sterben liegt das richtige ist, also was sich dieser Mensch wünschen würde. Zumindest denke ich das.



Für mich steckt das Leben vor allem im Körper. Im Geist natürlich auch, aber ohne den Körper ist der Geist für mich nutzlos. Ich weiß, das ist schrecklich. Es macht mich wirklich fertig. Und ich spüre auch, dass ich deshalb unbewusst versuche mich von meinen Lieben emotional ein wenig zu distanzieren - in der bescheuerten Hoffnung, dass ihr Tod mich nicht so treffen wird, wenn ich sie nicht mit ganzen Herzen liebe. Ja, soweit geht das. Und dabei bin ich noch jung! Mein Mann ist jung, meine Eltern haben sicher noch gute 20-25 Jahre vor sich. Aber ich denke jetzt schon daran. Das ist doch krank! Hat jemand so etwas ähnliches erlebt?

Wie gesagt, ich fühle und denke da genau so. Und da ich momentan voll in der Trauer stecke ist es umso schlimmer. Aber es verändert sich in dieser Situation auch etwas und davon will ich Dir erzählen. Ich habe trotz allem das Gefühl, dass mein Rainer bei mir ist. Ich weiß, er ist tot, ich weiß, wir haben ihn verbrennen lassen, beerdigt, es ist nichts mehr da von ihm und damit meine ich für mich körperlich und geistig, denn ich kann mir auch nicht vorstellen, dass irgendwelche Schwingungen oder sonstiges von ihm noch ausgeht und zu mir durchdringt. Es geht einfach nicht. Dennoch... er ist da... in mir. Er hat so viel für mich getan, er hat mein Leben so verändert, mich zu einem anderen Menschen gemacht. Ohne ihn wäre ich jetzt eine andere, hätte bestimmte Erfahrungen nicht gemacht, Einsichten nicht gewonnen. Hätte vielleicht nicht auf diese Art lieben könne, wäre nicht auf diese Art geliebt worden. So vieles von dem was ihn ausgemacht hat steckt nun in mir. Ich weiß, was er von vielen Dingen gehalten hat, zum Beispiel hat er auch nicht geglaubt. Er hat immer genau das gesagt, was ich oben schon geschrieben habe. Er wüsste es nicht, er kann es aber auch nicht wissen, ob es einen Gott (oder sonst etwas in der Art gibt). Er hatte da seine ganz eigene Logik, ich fand es bewundernswert und bin ganz traurig, dass ich es nicht so klar ausdrücken kann, wie er es konnte. Aber was das wichtige ist, ich habe einige Dinge von ihm angenommen, übernommen und so habe ich wirklich das Gefühl, dass er in mir weiter lebt. Nicht so, wie wir uns das Leben vorstellen, das habe ich ja schon gesagt, das existiert für mich nicht mehr (so weh das auch tut und so verzweifelt einen das auch macht). Ich spüre ihn dennoch in mir, weiß oft tief in meinem Herzen was er nun sagen würde, was er von machen Dingen halten würde und genau das ist etwas, woran ich nie gedacht hätte. Es ist kein "Leben nach dem Tod" und trotzdem so etwas in der Art. Meine Therapeutin hat das neulich auch sehr schön gesagt, nämlich genau so, dass wir alle Dinge von uns weiter geben an die Menschen die wir lieben. Auch ich werde eines Tages etwas weiter geben, habe es bestimmt schon, denn ich habe Freunde, denen ich was bedeute, die einige Ansichten von mir, Eigenschaften von mir gut finden und vielleicht auch die eine oder andere übernehmen, vielleicht auch mehr daraus machen - und das ist ja auch eigentlich dann das tolle. In dem Moment wenn ich was weiteregebe, wird etwas von mir weiter existieren. So fühle ich mich gerade. Das einzig dumme daran ist jetzt, dass ich im Moment natürlich meine große Liebe verloren habe und bei all dem, wenn ich an meinen eigenen Tod denke verzweifeln könnte. Klar, die eben erwähnten Freunde gibt es, aber es gibt eben nicht diesen einen ganz wichtigen Menschen, in dem ich, wenn ich sterbe so richtig weiter leben werde. Dieser Mensch ist gerade selbst gestorben und hat mich mit meinen Schmerzen hier zurück gelassen. Aber auch mit diesen Gedanken, die ich nun mit Dir (und allen anderen hier) teile. Die hätte ich sonst bestimmt auch nicht. Wobei... wenn ich mir aussuchen könnte, was mir lieber ist, ist schon klar, was ich wählen würde.
Kannst Du mit diesen Gedanken etwas anfangen? Kann es Dich etwas trösten? Selbst wenn man an "nichts" glaubt, gibt es doch etwas, was von den Lieben bleibt. Und um darauf zu kommen, dass Du sagst, Du distanzierst Dich aus dem Grund schon auch mal von Deinen Lieben... das ist dafür dann natürlich schlecht. Denn dann kannst Du sie nicht so kennenlernen, dass sie einmal in Dir weiter leben können. Es ist hart, es ist verdammt hart, wenn es dann so weit ist, da will ich Dir nichts vormachen, das kann man nicht beschönigen. Mir sind Erinnerungen eigentlich auch zu wenig, aber es ist jetzt wirklich das einzige, was noch geblieben ist. Es ist bei mir noch zu frisch, um wirklich diese Erinnerungen aufleben lassen zu können. Aber wenn ich sie nicht in diesem Umfang hätte, ich würde verzweifeln. Es tut weh, es ist aber auch gleichzeitig schön. Das ist schwer zu beschreiben.

Ich hoffe, ich habe Dich jetzt nicht zu sehr zugetextet, aber ich habe wirklich Deine Nachricht gelesen und dachte nur, da muss ich schreiben, das ist genau das was ich auch denke und womit ich gerade wirklich zu kämpfen habe. Wobei ich aber auch schon eine kleine, neue Erkenntnis gewonnen habe. Lass mich wissen, ob Du damit was anfangen kannst. Das würde mich schon interessieren.

Liebe Grüße,
Vonna

Inaktiver User
21.06.2007, 21:23
Hallo Expat,

gibt es aktuell etwas was diese existenziellen Verlustängste auslöst?

Es ist wichtig das Du Dich um die Ursachen kümmerst, dazu kannst Du gerne professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Es geht darum das
Du Selbstvertrauen entwickelst, auf eigenen Beinen stehen kannst.

Du hast in den letzten Sätzen Deines Postings schon gut reflektiert. Du vermeidest den möglichen Schmerz - und nimmst Dir ganz viel wenn Du auf Distanz gehst. Gleichwohl weißt Du das Sterben zum Leben gehört und das das irgendwann auf Dich zukommen wird.

Eine wirkliche Hilfe wird Dir (zumindest jetzt) der Glaube an ein weiterleben nach dem Tod nicht sein. Es tröstet uns, nimmt uns aber nicht die Verantwortung für unser Leben ab.

Wünsche Dir hilfreiche Hände beim "Wurzeln" schlagen! Gut verankert in der Erde, wirft Dich im Leben nichts so schnell um!

LG Ghost

expat
22.06.2007, 16:54
Liebe Vonna,
danke für deine schöne lange Nachricht. Sie hat mir schon geholfen, weil ich einerseits gesehen habe, dass ich nicht allein bin und andererseits, weil du dir (leider aus einem schrecklich traurigen Anlass) Gedanken machst, wie du trotzdem etwas von deinem Lebensgefährten behalten und mitnehmen und in die Welt tragen kannst. Ich hoffe, ich kann das auch, wenn es mich mal schlimm trifft und ich jemanden verliere. Meine Oma ist ja gestorben, aber immerhin war sie alt und hatte ein langes, wirklich glückliches Leben. Da kann ich mir zumindest sagen, OK, das wars für sie, sie ist weg, aber zumindest hat sie es bis auf die letzten Tage schön gehabt und es hat sich alles für sie gelohnt. Eine Tante, die ich gar nicht so gut kannte, andererseits, ist vor 3 Jahren mit 54 Jahren an Brustkrebs gestorben. Obwohl ich kaum persönliche Gefühle für sie hatte, bin ich bei der Beerdigung total zusammengebrochen und musste rausgehen, konnte den Sarg nicht ansehen. Ich saß draußen auf dem Boden und konnte nicht aufhören zu heulen. Einfach weil ic dachte: es ist so unfair! Sie war erst 54 und jetzt liegt sie kalt und tot in dieser Kiste und wird nie wieder etwas denken und fühlen und essen und lieben. Dieser Gedanke an ihren toten Körper hat mir wirklich den Rest gegeben. Am Ende habe ich mich von ihrem eigenen Sohn, meinem Cousin, der natürlich 1000x trauriger sein musste als ich, trösten lassen müssen. Auch meine Oma: Es ist so, dass ich es fast lieber vermeide an sie zu denken (die für mich praktisch eine zweite Mutter war), weil ich statt der lieben Erinnerungen am Ende immer wieder bei dem Gedanken lande, dass ihre leblosen Überreste jetzt in der Erde liegen und keine noch so schöne Erinnerung daran irgendetwas ändert.

Ach Vonna, und all ihr anderen, die ihr mir geschrieben habt, ihr habt mir aber trotzdem etwas Mut gemacht.

Und ja, Sterben gehört einfach zum Leben, das weiß ich schon. Trotzdem.
Vielleicht sollte ich wirklich zu einem Psychologen gehen, denn ich will mich nicht von meiner Familie emotional distanzieren, nur damit ich dann in 20 oder 50 Jahren nicht so stark trauere. Das ist lächerlich, das weiß ich. Man kann so nicht durchs Leben gehen. Gerade wenn man vor dem Tod Angst hat, sollte man doch das Leben erst recht genießen, nicht wahr? Und nicht ständig an das Furchtbare denken, was kommen wird.

Danke und viel Kraft beim Trauern

Ilvi

expat
22.06.2007, 17:00
Liebe Cerise,
deine Geschichte mit den Zwillingen im Bauch, die sich über ein Leben nach der Geburt unterhalten, ist toll! Ich hatte noch nie daran gedacht, es so zu sehen...es hilft wirklich ein bisschen. Allerdings nur ein bisschen, denn...ja, natürlich ist all das ohnehin nur eine Metapher. Und...ich weiß nicht...ich kann unser Leben hier auf der Erde einfach nicht als "Vorbereitung" zu einem anderen Leben sehen. Dazu müsste ich, glaub ich, dann doch religiös sein, was ich einfach nicht bin, so gern ich es auch wäre.
Aber trotzdem hab ich mich sehr gefreut, denn manchmal können einem solche Metaphern doch viel sagen :-)

_Beate_
22.06.2007, 17:09
Und ja, Sterben gehört einfach zum Leben, das weiß ich schon. Trotzdem.
Vielleicht sollte ich wirklich zu einem Psychologen gehen, denn ich will mich nicht von meiner Familie emotional distanzieren, nur damit ich dann in 20 oder 50 Jahren nicht so stark trauere. Das ist lächerlich, das weiß ich. Man kann so nicht durchs Leben gehen. Gerade wenn man vor dem Tod Angst hat, sollte man doch das Leben erst recht genießen, nicht wahr? Und nicht ständig an das Furchtbare denken, was kommen wird.

Ilvi


Liebe Ilvi,

das ist gar nicht lächerlich. Allerdings vielleicht ein deutlicher Hinweis darauf, dass es wirklich etwas gibt, dass Dich zur Zeit massiv daran hindert, das Leben mit all seiner Lebendigkeit zu "nehmen" - in Dich rein zu nehmen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Angst vor dem Tod und alle damit verbundenen Fragen immer am schlimmsten und am raumfüllendsten sind, wenn ich mich auf irgendeine Art vom Leben abschneide, mich zurückziehe von allem Lebendigen.

Nimm es als Hinweiss - und nimm ihn bitte ernst. Irgendetwas scheint in Deinem Leben sehr schräg zu laufen und es ist bestimmt eine gute Idee zusammen mit einem Außenstehenden, der hilfreich zur Seite steht, zu gucken, was Deine momentane "Schräglage" sein könnte.

Ich wünsche Dir alles Liebe! :blumengabe:

Beate

Inaktiver User
24.06.2007, 18:14
Liebe Ilvi,

ich kann Deine Gedanken gut nachvollziehen, habe mich selbst schon oft mit dem Tod auseinandergesetzt, glaube aber rückblickend, dass es in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem LEBEN war. Eine Angst vor dem Tod ist nämlich immer auch eine Angst vor dem Leben, davon bin ich überzeugt.

Auch wenn ich nicht leugnen kann, dass ich immer noch eine gewisse Grund-Angst vor dem Tod habe, so bin ich im Laufe der Zeit zu einigen Grundüberzeugungen gekommen, mit denen ich inzwischen gut leben kann.

Mein erster Gedanke hierzu lautet: "Der Mensch ist nicht Mensch, nur weil er einen Körper hat!" Oder glaubst Du, dass ein Mensch seine Persönlichkeit ändert, weil er z.B. einen Arm verliert oder ein Bein? Und wenn dies für einzelne "Stücke" eines Körpers gilt, dann doch auch für die Gesamtheit des Körpers! Ich glaube ganz fest daran, dass ein Mensch unzerstörbar ist, auch wenn sein Körper irgendwann nur noch aus Staub besteht. Er besteht z.B. vielleicht in seinen Kindern fort oder durch bestimmte Entwicklungen, die er durch seine Handlungen ausgelöst hat. Kennst Du den Film "Ist das Leben nicht wunderbar" mit James Stewart? Läuft immer an Heiligabend - da geht es um einen Mann, der sich umbringen will, weil er das Gefühl hat, für alle nur noch eine Last zu sein. Durch einen Engel bekommt er aber die Möglichkeit zu sehen, wie das Leben seiner Verwandten und Freunde verlaufen wäre, wenn es ihn gar nicht gegeben hätte... Jeder Mensch ist also quasi Auslöser von Kettenreaktionen, die immer weiter laufen, auch wenn er als erster, gefallener Dominostein irgendwann aus dem Spiel genommen wird...

Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch, jedes Leben den Lauf der Welt beeinflusst! Auch wenn z.B. Deine Ururgroßeltern heute niemand mehr kennt und erinnert, so haben sie aber doch z.B. dazu beigetragen, dass es DICH heute gibt. Du magst jetzt vielleicht einwenden, dass die beiden "nichts davon haben", dass es Dich heute gibt - aber glaubst Du wirklich, dass sie darunter leiden? Dass das ein Problem für sie ist? Ihr Körper ist längst zerfallen (sowie die Körper von Milliarden von Menschen zuvor...), ihre Seele lebte zunächst in ihren Kindern und sonstigen Angehörigen weiter, hat sich aber über diese natürlich auch irgendwie weiterentwickelt.

Das bringt mich quasi zu meiner nächsten These: Alles ist gut so wie es ist! Denn ich habe mal den Gedanken zu Ende gesponnen: Angenommen ich hätte die Erde und den Menschen erschaffen - hätte ich den Tod dann weggelassen? Irgendetwas anders gemacht? (Nein, ich leide nicht unter Größenwahn :freches grinsen: )´. Mein Ergebnis war: Ich hätte es ganz genauso gemacht! Wenn z.B. das Leben kein Ende hätte, wüsste man weder das Leben an sich zu schätzen, noch gäbe es irgendeine Möglichkeit, dass das Leben sich weiterentwickelt. Es ist doch eine gute Sache, dass es immer wieder neue Menschen gibt, die neue Erfahrungen machen und mit frischem Blick und neuen Ideen die Gesellschaft weiterentwickeln. Und wenn wir genau wüssten, was nach dem Tod kommt, dann würde sicher niemand mehr leben wollen (falls es z.B. tatsächlich ein Paradies gibt).

Alles in allem muss man aber zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass es eigentlich gar keinen Sinn macht, sich mit dem Tod zu beschäftigen, weil dies ein Rätsel gibt, das man schlichtweg nicht lösen kann. Punkt. Sehr sinnvoll ist es allerdings, sich mit dem Leben zu beschäftigen und sich dafür zu entscheiden, mit dem Leben, das einem geschenkt wurde, bewusst und gut umzugehen. Vielleicht gibt es sogar mehrere Leben? - Egal - wichtig ist, das Beste aus dem "aktuellen" herauszuholen. Wenn ich dann mal tot bin, gibt es entweder ein großes Nichts - oder ich muss halt auch dann versuchen, das Beste aus dem neuen Dasein zu machen :freches grinsen: .

Ich sympathisiere sehr mit solchen Sätzen wie "alles ist im Fluss". Ich glaube, das Leben ist ein ständiger Lern- und Entwicklungsprozess, bei dem man immer wieder loslassen und aber auch wieder offen für Neues sein muss. Wie z.B. in meinem Lieblingsgedicht "Stufen" von Hermann Hesse beschrieben (http://www.gedichte.vu/?stufen.html) . Schön ist auch das Buch "Das Orangenmädchen" von Jostein Gaarder. Darin findet sich übrigens auch dieses hübsche Gleichnis: "Wenn Du auf einem fremden Planeten einen Rolls-Royce finden würdest, mitten im Nirgendwo, mit der allerausgefeiltesten Technik - würdest Du dann an einen Zufall glauben? Oder nicht doch ganz klar von einem Schöpfer ausgehen? Wie kann man dann auch die Idee kommen, dass die Erde mit all ihren Details, die um vieles komplexer und wundervoller sind als die eines RR-Motors, sich aus Zufall entwickelt hat und dass es keinen Schöpfer gibt?"

Schöner Gedanke, oder? Aber selbst wenn man nicht glaubt (wie ich), so kann man doch wenigstens die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es einen Gott gibt. Und vielleicht sogar mit einer gewissen Spannung darauf warten, dass wir dieses Rätsel irgendwann mal lösen werden...

Liebe Ilvi, ich wünsche Dir, dass Du bei aller Angst vor dem Tod nicht das Leben vergisst. Wenn Du so pragmatisch bist wie Du scheinst, wirst Du sicher auch bald zu dem Schluss kommen, dass Dir gar keine andere Wahl bleibt :smile: . Alles Liebe!:smile: