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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Grabstein



wolfsmond
17.06.2007, 11:25
Gestern waren meine Tochter und ich beim Steinmetz. Die Schrift
für den Grabstein meines geliebten Mannes wurde geliefert und wir
haben zusammen festgelegt wie sie angebracht wird.
Ich habe jetzt richtig Panik, weil der Stein in der nächsten Woche
gesetzt werden soll. Wieder geht unser W. einen weiteren Schritt
von uns fort.
Bisher stand ein Holzkreuz auf seinem Grab. Anfangs dachten wir
immer, wenn wir jetzt um die Ecke biegen ist das Kreuz und das
Grab verschwunden. Wir gehen nach Hause und er liegt auf
seiner Couch und lächelt und zu und fragt: "Na, wo kommt ihr
zwei denn her?"

Ich bin durch Zufall auf diese Seite gestossen und habe bereits
einige Wochen mitgelesen bevor ich mich angemeldet habe.

Mein Mann ist wegen sehr schlechter Blutwerte und Verdacht auf
Hepatitis, am 2. März diesen Jahres ins Krankenhaus eingeliefert
worden. Danach folgte eine schreckliche Zeit mit furchtbaren
Diagnosen. Krebs in der Speiseröhre und der Leber.
An seinem letzten Tag wurde eine Knochenmarkentnahme aus
dem Hüftknochen entnommen. Am Folgetag hätte die Chemo
beginnen sollen. Er hat sich schon so auf zu Hause gefreut.
Leider kam es zu Komplikationen und er ist an einer Einblutung
im Brustkorb verstorben. Am 20. März um 10 Minuten vor
Mitternacht. Die Ergebnisse der Knochenmarkuntersuchung haben
meine Tochter und ich erst zwei Tage später durch den Stations-
arzt erfahren: Krebs - die Lymphdrüsen waren auch schon be-
troffen. Ich weiß, das ihm und uns viel, viel Leid erspart geblieben
ist. Aber wir hätten ihn wirklich sehr, sehr gerne noch länger bei
uns gehabt.
Ich kann Euch gar nicht schreiben wie wir die Anfangszeit über-
standen haben. Wir dachten immer wir sind im falschen Film. Das
kann und darf nicht passiert sein. Mit 43 Jahren. Acht Tage vor
seinem 44. Geburtstag.
Im Moment empfinden wir das Leben als sehr ungerecht.
Warum er? Jetzt wird er nie bei der Hochzeit unserer Tochter
körperlich dabei sein können. Nie mit seinen Enkelkindern Fußball
spielen können usw. usw. usw.
Unendliche viele Gelegenheiten wo wir ihn einfach schrecklich
vermissen werden.
Wir sind sehr, sehr traurig darüber.

wolfsmond

Inaktiver User
17.06.2007, 11:46
Liebe Wolfsmond,

fühl dich hier willkommen. Du kannst hier alles aufschreiben, was dich bedrückt.

Alles Liebe:blumengabe:

Ricarda44
17.06.2007, 15:29
Liebe wolfsmond,

in jedem Deiner Sätze spürt man die Liebe und die Verzweiflung. Deine Trauer und die Hoffnung auf die Möglichkeit einer Umkehr.

Deine Liebe lebt in Deinem Herzen.
Und das wird sich mit Sicherheit sehr schmerzlich anfühlen.
Du möchtest sie Deinem Mann geben und er ist körperlich nicht gegenwärtig.

Ja, wolfsmond, es werden Dich viele hier verstehen.
Auch Deinen Schmerz.
Wir kennen die Tränen, die Du weinst.
Weinen bis man meint, da könnten doch gar keine Tränen mehr sein.
Weinen bis die Seele leer ist?
Weinen bis man selbst leer ist?

Und dann versucht man wieder irgendwie, irgendwas zu machen und merkt, der Körper funktioniert noch, auch wenn wir nichts mehr fühlen außer dieser Leere.

Man könnte sagen "Weinen befreit".
Das ist jedoch viel zu lapidar für das, was Du jetzt durchmachst.
Und jedes Wort für Dich hat jetzt Gewicht.

Ich hoffe, Du hast Menschen um Dich, die Dich in den Arm nehmen und Dir zeigen, dass Ihr in der schweren Zeit nicht allein seid.

Mein bestes "Mittel", wenn man das mal so bezeichnen darf, war das Alleinsein und das Heulen ohne Aufhören zu müssen.

Ich hätte beim Heulen vor anderen immer das Gefühl gehabt, sie nicht belasten zu wollen.
Es ist sowieso der ureigene persönliche Schmerz, den jeder so individuell spürt wie man selbst ist und wie die Beziehung zueinander war.
Ein anderer Schmerz als der, den Kinder z. B. haben.

Und auch wenn viele Menschen einem zur Seite stehen wollen - die stille, innige Kommunikation zwischen Dir und Deinem Mann kommt nur in der Zeit, wo Du allein mit Dir bist.

Und ich glaube daran, dass Eure Liebe Dich wieder auffangen wird und auch, Dir die Kraft geben wird.

Wenn Dein Mann Dir jetzt Worte sagen könnte, welche wären das?

Du hörst sie nicht über Deine Ohren.
Aber Du kannst sie spüren und verstehen, denn Du hast alles, was Eure Liebe, Euer Leben ausmachte, in Dir.

Ich wünsche Dir in Eurer schweren Zeit, Menschen um Dich, die Euch lieben und Halt geben. Genauso wie die stillen Stunden nur für Dich.

Wenn Du uns hier brauchst, sind wir gerne für Dich da.

Alles Liebe für Dich und Deine Familie!

wolfsmond
19.06.2007, 15:18
Vielen Dank Euch Beiden!

wolfsmond

Nadi67
19.06.2007, 15:21
Liebe Wolfsmond,

ich drück Dich mal stumm und bin in Gedanken bei Dir und Deiner Tochter!!

Lieben Gruß
Nadi67

wolfsmond
19.06.2007, 15:27
Danke Nadi!

wolfsmond

Inaktiver User
19.06.2007, 15:41
Ach Wolfsmond, das ist ja traurig!

Mein Vater ist auch an Krebs gestorben - er war damals 29 Jahre jung. Er wurde operiert, war aber so geschwächt, daß er einfach nicht mehr aus der Narkose aufgewacht ist. Ich war damals noch ein kleines Mädchen (dreieinhalb Jahre) und habe das alles nicht so richtig mitbekommen und verstanden.

Aber was ich seitdem WEISS, ohne daß man es mir gesagt hätte: ich habe einen direkten Verbindungsmann im Himmel! Meinen persönlichen Schutzengel. Jemanden, der auf mich aufpasst - und auf mich wartet... und ich habe mich noch nicht ein einziges Mal in meinem Leben vor meinem eigenen Tod gefürchtet!

Diese Gedanken werden Dich jetzt noch nicht trösten, weil Du ihn einfach lieber "hier unten" als "dort oben" hättest. Aber vielleicht eines Tages...

Viele Grüße von Betsi, der bunten Kuh

wolfsmond
19.06.2007, 16:00
Hallo Betsi,

jetzt heule ich schon wieder, aber das mit dem persönlichen Schutzengel hat meine Tochter (20 Jahre) auch gesagt.

Es tut mir sehr leid für Dich, dass Du Deinen Papa schon so früh verloren hast. Aber Du kannst bestimmt immer auf Deinen
"Verbindungsmann" im Himmel zählen!

wolfsmond

fuechsine
19.06.2007, 16:15
Lieber Wolfsmond, ich las den Namen meines Mannes auf dem Kreuz wieder, wieder und wieder. Buchstabe um Buchstabe. Weil mein Hirn es einfach nicht glauben wollte.
Und ich habe wirklich gebrüllt: welcher Idiot hat dieses Kreuz aufgestellt, was soll dieser Schei...... Verdammt, es reicht jetzt.
Du kommst jetzt nach Hause. Ich hab keine Lust mehr.
Und diese spontanen Gedanken: ach, das muß ich aber gleich.... erzählen. Beng:gegen die wand:
Es tut mir so leid, daß Du und Deine Tochter dies jetzt durchmachen müßt. Manchmal glaubt man, es nicht aushalten zu können oder verrückt zu werden. Und wie damals alle mir immer wieder versprochen haben - es dauert. Es dauert lange, aber irgendwann kannst du wieder atmen ohne Steine auf der Brust. Es wird besser. Denk nur von einem Tag zum nächsten. Mehr mußt Du jetzt im Moment nicht schaffen.
Ganz liebe Grüße

wolfsmond
19.06.2007, 16:21
Liebe Fuechsine,

Du sprichst mir aus der Seele. DANKE.:blumengabe:
Bin so froh das ich Euch hier gefunden habe.

wolfsmond

Ricarda44
19.06.2007, 16:37
Das, liebe wolfsmond, sind wir wohl alle, die sich hier gefunden haben, um das persönliche Schicksal irgendwann, irgendwie wieder in eine gute Bahn zu lenken.
Gibt Dir Zeit und schreib Dir ruhig alles von der Seele, wenn es mal wieder zu viel wird.

Inaktiver User
20.06.2007, 15:18
Liebe Wolfsmond,

alles, was Du schreibst, kann ich so gut nachvollziehen! Ich empfinde es auch (einerseits) als zutiefst ungerecht, dass mein Mann mit 54 Jahren sterben musste, andererseits ist ihm und mir noch mehr Leiden erspart geblieben, als es sowieso schon gewesen ist.

Mein Mann hatte eine unheilbare Lungenkrankheit und ist quasi langsam erstickt. Es war schrecklich, sein entsetzliches Leiden mit ansehen zu müssen, ohne ihm helfen zu können. Er war ein absoluter Pflegefall und völlig auf mich angewiesen.

Inzwischen, acht Monate nach seinem Tod, habe ich meinen Alltag neu strukturiert und es gibt auch wieder schöne Momente. Aber eins habe ich gelernt: Jeder trauert auf seine Weise, so lange oder so kurz, so intensiv oder auch nicht, wie nur man selbst es entscheiden kann.

Hier in diesem Forum gibt es Menschen, die genau diesen individuellen Trauerprozess respektieren und unterstützen.

Schön, dass Du dabei bist!

wolfsmond
20.06.2007, 17:32
Danke Hazel!
Tut mir leid, dass auch Du Deinen Mann so früh hergeben musstest. Es ist alles so schrecklich.

Du schreibst:
Inzwischen, acht Monate nach seinem Tod, habe ich meinen Alltag neu strukturiert und es gibt auch wieder schöne Momente.

Werden die "total im tiefen Tal versinkenden Tage" weniger heftig? Hatte gestern einen extem schlimmen Tag. War ganz verzweifelt, weil ich mich überhaupt nicht mehr in den Griff gekriegt habe.
Gestern wurde nämlich der Grabstein gesetzt und der Gedanke daran hat mich völlig vereinnahmt. Das hat mich sehr erschreckt.
Meine Freundin sagt, ich solle nicht zuviel von mir erwarten und sie wäre total stolz auf mich, wie tapfer ich mich bisher geschlagen hätte. Tapfer, was bleibt mir denn übrig?

Ich wünschte es würde weniger wehtun.

wolfsmond

Ricarda44
20.06.2007, 17:46
Hallo, wolfsmond!

Und hazel entschuldige, wenn ich Dir schon mal zuvor komme:

Ja, wolfsmond, die Tiefen werden irgendwann weniger. Und so wie Du es hier schon oft gehört hast, es braucht alles seine Zeit. Selbst dann, wenn man meint irgendwann etwas "über'n Berg" zu sein, kann immer wieder so eine Phase des Zweifelns und Verzagens kommen.

Aber irgendwann wird es.... Stück für Stück.... Stunde für Stunde...
Es wird immer alles in Deinem Herzen bleiben, aber die neue Realität verlangt auch jeden Tag Deinen Einsatz.

Lass Dir Zeit.
Alle Zeit, die Du brauchst.

Liebe Grüße.

Inaktiver User
21.06.2007, 14:29
Ich empfinde mein jetziges Leben als Auf und Ab.

Wie gesagt, es gibt schöne Momente. Aber schlimme Tage kommen auch immer wieder, bei mir völlig ohne Vorwarnung. Dann bin ich verzweifelt und denke, dass es nie wieder schön wird.

An solchen Tagen nehme ich mir besonders viel Zeit für mich und lasse meine Gedanken einfach laufen. Ich versuche, auf mich zu achten und genau in mich zu horchen. Was fühle ich? Was brauche ich? Weshalb bin ich so schlecht drauf?

Liebe Wolfsmond, die Sache mit dem Grabstein fand ich auch schwer. Allein der Gedanke, den Namen meines Mannes dort lesen zu müssen, hat mich total traurig gemacht. Meine Tochter hat das Grab fotografiert und ich habe das Foto jetzt neben meinem Schreibtisch liegen. Ab und zu nehme ich es in die Hand und betrachte es. Am Anfang habe ich immer geweint, aber langsam wird es besser. Ich empfinde viel Liebe, wenn ich das mit bunten Blumen bepflanzte Grab sehe.

Ich finde übrigens, dass wir Trauernden uns keineswegs "in den Griff kriegen" müssen. Manchmal überwältigt einen die Trauer so sehr, dass alles andere daneben unwichtig wird. Hab kein schlechtes Gewissen, wenn Du so fühlst.

Liebe Ricarda, wieder einmal kann ich Dir nur zustimmen: das neue Leben muss wirklich jeden Tag bewusst angegangen werden.

Liebe Grüße an Euch beide!

wolfsmond
21.06.2007, 17:10
Liebe Hazel
und
liebe Ricarda,

:blumengabe: :blume: :blume: :blume: :blume: :blume: :blumengabe:

wolfsmond


P.S.:
:blumengabe: :blume: :blume: :blume: :blume: :blume: :blumengabe:
Die sind für Dich liebe Betsi, für Deinen Eintrag bei der virtuellen :kerze: .

Inaktiver User
03.07.2007, 22:40
Als mein Freund beerdigt war, bin ich so oft wie möglich zum Friedhof gegangen. Als der Grabstein mit seinem Namen drauf gesetzt wurde, habe ich mich wochenlang nicht hingetraut. Ich wollte seinen Namen nicht auf einem Grabstein lesen, seinen Namen nicht mit Friedhof in Verbindung bringen.

Als ich dann doch wieder gegangen bin, war es entsetzlich. Es lies sich jetzt irgendwie überhaupt nicht mehr leugnen. Das war sein Grab, da war er beerdigt und ich konnte es sozusagen schwarz auf weiß lesen.

Aber dieses Lesen war für mich auch der erste Schritt zum Heilen. Ich fing ab dem Moment an, seinen Tod zu akzpetieren und mich damit auseinanderzusetzen. Die Zeit nach seinem Tod erinnere ich als "Einheits-Düster". Mit dem Grabstein und dem Namen wurde aus dem Düster dann zwar Schwarz, aber dunkler ging es dann auch nicht mehr, und ich fing wieder an Lichtblicke wahrzunehmen.

Inaktiver User
04.07.2007, 08:43
Liebe Wolfsmond,

gerade erst habe ich von Deinem Schicksal gelesen... es tut mir unheimlich leid, dass Du Deinen Mann so früh verloren hast. Dagegen kommt mir meine eigene Trauer richtig "klein" vor... Schön, dass Du hier auch so viel Zuspruch von so vielen klugen und warmherzigen Frauen gefunden hast. Dieses Forum ist wirklich toll.

Fühl Dich gedrückt!
Frühlingsfrau (die sich im Moment eher als Herbst fühlt...)

sabinemaria
04.07.2007, 08:58
Liebe Wolfsmond,

mein Vater war ungefähr so alt wie Dein Mann, als er starb. Meine Mutter war mit 42 Jahren Witwe, meine Schwester war 16, ich 18 Jahre alt. Es war Krebs - Lymphdrüsenkrebs. Sechs Jahre lang hat er gekämpft und schließlich den Kampf verloren.

Es war schlimm, wirklich schlimm. Ich bin lange Zeit nicht auf den Friedhof gegangen, ich habe es nicht ertragen. Diese schreckliche Zeit ist nun bald 19 Jahre her.

Und ich kann Dir sagen: Es wird besser. Von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag wird es in minimalen Schritten besser. Manches Mal kommen Rückschläge (meine Hochzeit, die Geburt meiner Nichte...) aber es geht trotzdem immer weiter. Das ist das Gute daran.

Irgendwann einmal kann man sich ohne Tränen an den großartigen Menschen erinnern, mit dem man einmal sein Leben geteilt hat. Man kann mit lächelnden Augen und offenem Herzen sich über die Zeit freuen, die man mit dem geliebten Menschen verbringen konnte.

Und - dieser Mensch wird zum Beschützer, zur Verbindung zum Himmel. Als Schutzengel zum Beispiel. Ich bitte meinen Vater immer, wenn ich auf Urlaub fahre, seine schützende Hand über mich zu halten. Und ich weiß, er tut es.

Liebe Wolfsmond, weine, wenn Du weinen musst. Lache, wenn Du lachen kannst. Aber lebe.

LG Sabine

wolfsmond
04.07.2007, 20:22
Liebe Kranich,
liebe Frühlingsfrau
und
liebe Sabinemaria,

vielen lieben Dank für eure Beiträge und euren Zuspruch.
Schön das es euch alle gibt und wir hier versuchen können, uns gegenseitig ein wenig Halt zu geben.

:blumengabe:

vlg
wolfsmond