PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eine ganz lange Geschichte



casalinga
04.05.2007, 19:02
Vor vielen Jahren haben wir ein Mädchen in Adoptionspflege genommen. Nach langem Hin und Her wg. rechtlicher Probleme kam es später dann auch zur Adoption.

Weil wir kein Einzelkind wollten, nahmen wir zwei Jahre später ein weiteres Mädchen bei uns auf, ebenfalls mit dem Ziel der Adoption, dazu kam es allerdings nie (wg. rechtlicher Probleme!). H. war 3 Jahre alt, als sie zu uns kam. Sie war ein lebhaftes, aufgewecktes, intelligentes Mädchen, zeigte allerdings früh eine beachtliche Dickköpfigkeit und Sturheit.

Massive Probleme ergaben sich mit Beginn der Pubertät. Sie kam schon sehr bald in „schlechte Kreise“ und u.a. auch schon mit Drogen in Kontakt, Diebstähle sowohl bei uns zuhause als auch in Läden waren an der Tagesordnung.

Viele Gespräche mit einer Erziehungsberatungsstelle und auch dem Jugendamt brachten keine Besserung. Bei einer psychologischen Untersuchung wurde festgestellt, dass „sie den Drang hat, alles zu zerstören, auch sich selbst“.

Es wurde eine stationäre Therapie empfohlen, in einer Jugendpsychiatrie, ca. 150 km von unserem Wohnort entfernt. Nach Besichtigung der Einrichtung wollte H. unbedingt dort hin und verzichtete sogar darauf, mit uns in den Sommerurlaub zu fahren. Geplant war eine sechswöchige Besuchssperre und anschließend alle 14 Tage eine Heimfahrt übers Wochenende. Schon während der ersten sechs Wochen lief H. ständig von dort weg, die Einrichtung lehnte eine Weiterbehandlung ab, auf Drängen des Jugendamts wurde noch ein Versuch gestartet, der nach 2 oder 3 Tagen schon wieder beendet war.

Zu dieser Zeit und auch schon vorher liefen wirklich schlimme Dinge ab, die unsere ganze Familie an ihre Grenzen brachte.

Es wurde dann noch ein Versuch gemacht, H. in unserer unmittelbaren Nähe in einem Jugenddorf unterzubringen, aber auch das ging gründlich schief. Anschließend übernahm das Jugendamt wieder das Sorgerecht – einesteils waren wir froh darüber ……
Kurze Zeit später wurde H. in eine geschlossene Jugendpsychiatrie zwangseingewiesen. Der dortige zuständige Psychologe wusste auch nicht recht, was eigentlich mit ihr los war, meinte aber, eine Rückkehr in unsere Familie sei ausgeschlossen.

Anschließend machte sie mehrere Mädchenwohnheime und auch Betreutes Wohnen durch, sie hielt es nirgends aus, hinterließ überall viel „Zerstörtes“.

Ich hatte immer wieder Konktakt zu ihr, die Treffen waren sehr schön, sie hatte jeweils klare Vorstellungen, wie sie ihre Zukunft gestalten wollte, alles sehr strukturiert und klar und durchdacht ….. aber handeln tat sie ganz anders!

Einmal war ich bei einer Gerichtsverhandlung dabei, da wurde von einem Sachverständigen ausgeführt, dass sie ein „Borderline-Syndrom“ hat.

Für mich war es ein langer Abschied, ca. 10 Jahre lang hab ich um „mein Kind“ getrauert, hatte immer wieder die unsinnige Hoffnung, dass „alles wieder gut wird“, dass ein Wunder geschieht.

Die letzten 1 – 2 Jahre verblassten diese Gedanken, ich dachte nur noch sporadisch an sie und ich hatte meinen Seelenfrieden wiedergefunden.

Bis sie am Ostersonntag anrief (nach ca. 8 Jahren!) , sie ist wieder mal im Gefängnis. Sie habe von den 13 Jahren, die sie nun nicht mehr bei uns ist, 9 Jahre im Gefängnis verbracht. Sie würde im April in ihr ursprüngliches Heimatland abgeschoben, sie mache das freiwillig, und würde dadurch einer 18monatigen Freiheitsstrafe entgehen. Das Gespräch war nett (im positiven Sinn!). Sie bat mich auch um Geld, so 10 € fürs Telefon (da hab ich was überwiesen) und ca. 200 € für den Neuanfang (da nicht!).

Ihre Schwester ließ sich einen Besuchstermin geben ein paar Tage später, und brachte mir dann gleich die Kontodaten fürs Telefon und einen Überweisungsträger für den Neuanfang mit! Außerdem wollte H. dass sie ihr ein Päckchen mit bestimmten Dingen schicke. Das machte sie auch und besuchte sie eine Woche später schon wieder. Aber da war H. sehr ungehalten, weil nicht alles Gewünschte im Päckchen war, und brach den Besuch auch vorzeitig ab.

Jetzt komm ich zum Kern: H. ruft mich alle paar Tage an, mir ist das zu viel! Sie wird nun doch nicht abgeschoben, sie weiß nicht, warum, und muss demzufolge die Strafe absitzen. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie irgendwann mal besuchen werde, aber frühestens im Herbst!

Jetzt gerade ein erneuter Anruf: sie weinte, es gehe ihr sehr schlecht, sie habe keine Perspektive, sie hätte sich gerade fast die Pulsadern mit einer Klinge aufgeschnitten, ich soll sie besuchen kommen. Ich sagte, dass ich das im Moment nicht wolle, da legte sie auf.

Mein Seelenfrieden ist weg, meine Gedanken rasen! Was WILL ich tun? Ich weiß es nicht! Ich fühle Mitleid, ich fühle Ärger ….. Ich denke an das Kind, das ich 10 Jahre begleiten durfte, es gab viel Schönes in diesen Jahren ….Was nützt ihr/mir ein einmaliger Besuch? Und mehr mich da reinziehen lassen will ich nicht ….

Dazu kommt, dass ich in meinem Job mit schwieriger Klientel zu tun habe und versuche, das strikt aus meinem Privatleben rauszuhalten. Und jetzt kommt das durch die Hintertür rein!

Kann/will ich sagen, dass ich keinen Kontakt mehr möchte? Sie hat keinerlei Wurzeln, außer den kärglichen Resten in unserer Familie ….

Wäre schön, wenn mir jemand seine Gedanken dazu mitteilen möchte.

kaffeesahne
04.05.2007, 20:16
Hallo Casalinga,

eine traurige Geschichte...

Ich habe ganz viel Respekt davor, was du / ihr für H. getan habt.

Ja, ich glaube, du "darfst" nein sagen.

Was könntest du für sie tun? Nichts.
Und du musst für dich selbst sorgen. Niemand hat was davon, wenn du dich verheizt.

Am Telefon hast du "Nein" gesagt.
Sie weiss es.

Sorge für dich.

Wenn du irgendwann wieder Kontakt aufnehmen sollst/ kannst, wirst du es wissen.

Und können.

Alles liebe

Kaffeesahne

Signora
04.05.2007, 21:44
Oh je.... Mal eine dicke Umarmung für dich!

Du hast bereits alles in deiner Macht stehende für das Mädchen getan!

Es ist genug.

Du willst nicht und du weißt das auch - und du weißt auch warum, mehr brauchst du nicht.

Ja, auch ich denke ganz klar, du darfst "Nein" sagen.

Liebe Grüße

kigafee
05.05.2007, 14:02
Hallo,
auch ich glaube, daß man NEIN sagen darf und auch sollte. Es geht dir so an die Nieren, daß du dich schützen solltest.

Was sagt denn der Rest deiner Familie dazu ?

Ich wünsche dir jedenfalls viel Kraft.

Liebe Grüße

Kigafee

Tabea
05.05.2007, 14:14
Liebe Casalinga!

Meinen tiefen Respekt für das, was Du geleistet hast und für die vielen Gedanken, die Du Dir jetzt (wieder) um H. machst!!!

Auch von mir ein klares: Du darfst NEIN sagen! Sage ihr, dass sie Dich nicht mehr anrufen soll. Wenn sie sich nicht daran hält, dann gibt es sicherlich technische Möglichkeiten, um ihre Anrufe zu unterbinden.

Und wenn Du im Herbst möchtest, kannst du Dich ja bei ihr melden. Ist "ihre Schwester" ihre tatsächliche Schwester oder Eure Adoptivtochter?

Alles Gute!
Tabea

casalinga
06.05.2007, 16:39
Vielen Dank für all eure Antworten!
Ja, ich denke, tief im Innern weiß ich schon was ich tun möchte .....


.
Wenn du irgendwann wieder Kontakt aufnehmen sollst/ kannst, wirst du es wissen.
Und können.


Und auch dieses Wissen ist tief in mir drinnen.

Und dennoch .... ich bin ein hilfsbereiter und sozialer Mensch ....
Und da ist jemand in Not! Und sie hat sicherlich kaum Kontakt zu Menschen aus der realen Welt. Man merkt es schon an dem Inhalt unserer Gespräche dass sie von 25 Lebensjahren 9 im Gefängnis verbracht hat. Im Grunde hat sie von einer alltäglichen normalen Welt keine Ahnung mehr.

Ihre Schwester ist nicht mit ihr verwandt, sie sind halt zusammen hier ca. 10 Jahre lang aufgewachsen. Es gibt noch einen Bruder, der unser leibliches Kind ist - also auch nicht mit ihr verwandt. Dieser will überhaupt keinen Kontakt und auch nicht groß darüber sprechen. Als damals die ganz heiße Phase hier war, war er so 7 - 8 Jahre alt, ich weiß nicht, was er alles mitbekommen hat, wie gesagt, er will nicht drüber sprechen.

Für meinen Mann ist alles schon seit "damals" erledigt, ihr Verhalten hat ihn so verletzt oder was auch immer, dass er total dichtgemacht hat. Wenn ich heute über meine Gefühle reden will, kann er es nicht verstehen, dass ich mich immer noch so reinhänge. Z.B. nach dieser Gerichtsverhandlung lief ich ca. 3 Tage rum wie im Schock (und diese Schockzustände hatte ich öfters!), und er meinte nur, "Warum tust Du Dir das auch an?"

Die Schwester ist nach dem zweiten Gefängnisbesuch auch sehr enttäuscht und will sich jetzt nicht weiter engagieren. Sie ist auch verärgert, dass H. sich jetzt immer nur noch bei mir meldet, obwohl sie doch 2x dort war und auch das Päckchen geschickt hat. Sie meinte, es sei nicht so, dass sie "eifersüchtig" auf mich sei, sie sei eben nur total enttäuscht von H., dass diese sich nicht auch bei ihr einmal gemeldet hat.

Ich "erwarte" heute ständig einen Anruf, wo H. sich tränen- und wortreich für ihr Verhalten entschuldigt .....

Aber das ist wohl das Borderline-Syndrom (ich liebe dich - ich hasse dich)

.... und ich weiß nicht, ob ich dann die Kraft habe, sie zu "bitten" von weiteren Anrufen abzusehen.

nachdenkliche Grüße - Casa

kaffeesahne
06.05.2007, 19:50
Hallo Casalinga,

H. gehört zu deiner Geschichte.
Egal, wie sich die Situation zZ oder auch dauerhaft darstellt, ihr habt eine gemeinsame Vergangenheit.

Ich glaube, das alles im Leben einen Sinn hat.
Zufälle gibt es für mich nicht.

Als sie klein war, gab es etwas, das du für sie tun konntest.

Das ist vorbei.

Deine Wehmut beim Anschauen dieser Geschichte kann ich regelrecht mitempfinden....

Du triffst jetzt eine Entscheidung für "JETZT".

Schön, das du in deinen Gedanken die mögliche Option:...vieleicht irgendwann... angenommen hast.

Bei allem Gefühl solltest du dir aber wirklich erlauben, sachlich zu argumentieren.

Du bist ein hilfsbereiter, sozialer Mensch....

Sieh dir diesen Abschnitt nochmal an.
Und dann überlege SACHLICH, was könntest du denn jetzt tun?

Mit Verlaub (und mit viel Respekt): das einzige, was eine Einbringung deinerseits jetzt begründen würde, wäre, dein Gewissen zu beruhigen.

Und das schlägt umsonst Alarm.

liebe Grüße :blumengabe:

Kaffeesahne

Strong
07.05.2007, 09:59
Du hast viel getan für dieses Kind (Frau), meine Hochachtung!
Aber du solltest dir klar sein, das sie ständig mit emotionaler Erpressung arbeitet. Wenn Profis ihr nicht helfen können, bist auch du überfordert.
Es wäre sicherlich gut für dich, wenn du deine Beziehung zu ihr selber mal mit einem Profi aufarbeitetn könntest, der hört sich deine Probleme an, hilft dir beim verarbeiten und gibt dir auch Hinweise, wie du mit ihren Kontaktaufnahmen umgehen kannst. Alleine macht dich das gewiss kaputt, du solltest dir dringend Hilfe suchen, manchmal hilft ja auch eine gute Freundin weiter, aber für mich klingt das eher nach dem Bedarf professioneller Hilfe.
Kümmere dich um dein Wohl und deine Familie!.
Viel Glück und Kraft!!!
Gruss
Strong

casalinga
08.05.2007, 19:20
Ich danke euch für eure Antworten, die ja alle in die gleiche Richtung zielen.
Im Moment gibt es nichts Neues, keine weiteren Anrufe.
Ich bin am Kofferpacken, morgen früh gehts los auf eine sonnige Mittelmeerinsel. Ich hoffe dort den nötigen Abstand und meinen Seelenfrieden wiederzubekommen.
:smile: Casa