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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Grundlos - sicher nicht richtig



Grundlos
22.04.2007, 08:46
Hallo

ich weiß nicht, warum ich diesen Beitrag schreibe - aber vielleicht muß ich einfach drüber schreiben, reden.

Mein Vater hat sich am Freitag abend umgebracht. Punkt.

Es gab Probleme - grundlos als Username ist also sicher eine Irreführung.

Er hat Selbstmord über 20 Jahre als eines von vielen Druckmitteln gegenüber der Familie genutzt, meine Mutter damit gehalten, uns Kinder manipuliert.

Wir haben jahrzehntelang versucht, ein Leben zu führen, das ihm Anerkennung für uns abringt. Erfolglos.

Vor einigen Monaten hat meine Mutter den Absprung geschafft - und zum ersten Mal funktionierte die emotionale Erpressung bei keinem von uns.

Er drohte, er bettelte, er wollte seine heile Welt wieder. Aber keiner von uns wollte dieses Versprechen machen.

Wir haben Kontakt mit ihm gehalten - aber jedes Gespräch wurde von ihm abgebrochen, wenn man ihm nicht sagen konnte "wir werden wieder eine glückliche Familie".

Am Freitag hat er sich für immer jeder Diskussion entzogen - wie er das schon immer und immer gemacht hat.

"grad zum Trotz - ihr habt mir nicht geglaubt - ich zeigs Euch"

Noch weiß ich nicht, ob Montag womöglich in meinem Briefkasten ein Abschiedsbrief kommt.

Und bei uns - Wut? Trauer? Entsetzen?

Grundlos...

Ricarda44
22.04.2007, 10:10
Hallo, "Grundlos",

es tut mir leid für Deine Familie, dass sie mit diesem Schicksal konfrontiert wurde.
Es tut mir leid für Deinen Vater, dass er nicht in der Lage war, andere Wege zu finden um ein selbstbestimmtes, glückliches Leben zu führen.

Das Leben bringt die Tatsache mit sich, das JEDER FÜR SICH VERANTWORTLICH IST.
Man kann keinen anderen dafür verantwortlich machen, dass im eigenen Leben nicht alles geradeaus läuft. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die es versuchen, anderen die Schuld zuzuweisen und ihnen damit ein schlechtes Gewissen einzureden.

Ihr werdet es spüren, dass die Masse der Menschen der Thematik Suizid unwissend gegenüber steht. Ich habe mich z. B. damit auch erst befasst, als ich so einem Ereignis unmittelbar gegenüber stand. Die ganzen klugen Ratschläge, man solle solche Androhungen ernst nehmen und Hilfe suchen - ja, die habe ich hinterher auch gelesen. Da war es zu spät.

Ich habe mich jetzt ein langes Jahr mit dieser Thematik befasst und stehe hinter der Aussage:

JEDER GESUNDE MENSCH HAT DAS RECHT ÜBER SEIN LEBEN
(und damit auch sein Nichtleben)
SELBST ZU ENTSCHEIDEN.

Die Menschen, die diese Entscheidung eines auf diesem Wege von uns Gegangenen in ihrem Alltag nun weiter tragen müssen, werden einige Hürden zu bewältigen haben. Denn oftmals kommt doch automatisch von anderen die Schuldzuweisung "Er oder Sie müssen es ja so schwer gehabt haben in der Familie."

Lasst Euch davon nicht unterkriegen! Denn da haben wir sie wieder, die Schuldzuweisung anderer.

Es beruhigt sich alles wieder.
Das mag jetzt ein Satz in Deinen Augen sein, dessen Realität noch ganz weit weg ist.
Aber glaube es mir, es ist so.

Irgendwann - ich bin froh, dass ich nach einem Jahr schon wieder so weit bin - geht auch Euer Alltag wieder in die Normalität über.

Du schreibst, dass Deine Mutter vor Monaten den emotionalen Absprung geschafft hat. Auch Deine Aussage, sich der Diskussion zu entziehen, sind mir nicht fremd. Ich kenne es auch, dass man bedroht wurde mit solchen Aussagen "Ich bring mich um" oder so ähnlich. Letzteres allerdings habe ich auch erst hinterher erfahren, dass unseren Kindern gegenüber solche Äußerungen getätigt wurden mit dem Schlusssatz "Versprecht mir, Mutti davon nichts zu sagen, dann sage ich sowas nie wieder und werde es bestimmt nicht tun."

Ja, wenn das nicht alles so schlimm wäre, könnte man es für eine Szene aus einem schlechten Film halten.

Und weißt Du was: Es sind doppelt so viele, die im Jahr sich das Leben nehmen als das es Verkehrstote gibt. Die Dunkelziffer derer, die es immer wieder versuchen ist auch recht hoch.

Ja, was soll man denn da tun? Und wie viele nehmen sich das Leben aus irgendeinem Pille-Palle heraus? Für denjenigen, der es tut, mag es ja Weltuntergangscharakter haben. Aber lässt sich nicht alles vernünftig lösen?
Ich denke schon.

Ich könnte solche schwerwiegenden Entscheidungen wohl akzeptieren, wenn jemand sterbenskrank ist und weiß, dass man Qualen erleiden muss. Aber so???

Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu diesem Thema zu ordnen. Ich hatte mich seit einigen Wochen nämlich so ziemlich davon verabschiedet, darüber noch nachdenken zu wollen. Aber als ich Dein Posting las, dachte ich: "Scheiße, wieder einer ....."

Ich denke, Du und Deine Familie, Ihr werdet eine andere Zeit der Trauer vor Euch haben als andere. Bei mir waren es monatelang nur Wut und Zorn, Enttäuschung und all solch negative Empfindungen, die mich runter gezogen, aber auch aufrecht gehalten haben. Ja, das war dann mein Trotz, den Kindern den Weg zurück in ein normales Leben zu zeigen und selbst auch wieder Fuß zu fassen.

Jeder fühlt und lebt es anders. Aber ich weiß, alles was Ihr tun werdet, wird Euch Stück für Stück wieder zurück in einen normalen Alltag bringen.
Nicht jetzt und auch noch nicht morgen.
Aber es wird.
Da könnt Ihr drauf vertrauen.

Als ich vor einigen Monaten gegenüber meinem Sohn anfing, mir Selbstvorwürfe zu machen, dass man vielleicht doch das Ganze hätte ernster nehmen sollen, beendete mein damals 15jähriger diesen Versuch mit den Worten: "Hör auf! Es war seine Entscheidung. Er hat es so gewollt. Wir schaffen das schon."

Ja, er hat Recht.

Das klingt hart und so manch einer mag mich dafür verurteilen, aber ich muss Dir sagen, das ist mir mittlerweile so ziemlich sch..... egal.

Unser Leben geht weiter. Und wir sind froh drüber, es zu haben. Wir werden sorgfältig damit umgehen und auf uns aufpassen.

Ich wünsche Dir und Deiner lieben Familie ganz viel Kraft, die kommende Zeit so gut es geht, zu bewältigen.

Die Tatsachen, die Dein Vater geschaffen hat, sind nicht zu ändern. Ihr werdet es lernen, damit zu leben. Auch wenn es manches mal echt hart sein kann.

Du hast einen guten Schritt getan, in dem Du Dir ein Minimum, was Dich wohl bewegen mag, von der Seele geschrieben hast.

Es ist ein Anfang.
Nach einem Ende.

Es wird die Zeit kommen, wo Ihr sagen könnt: Es war eine lange Zeit des Nichtverstehens, der inneren Verzweiflung, der Suche nach Antworten, die nicht gefunden werden. Aber es ging weiter. Immer weiter.

Und dann wird wieder Hoffnung wachsen, dann wird der Blick wieder nach vorne gehen und nicht nur gesenkt sein. Dann kommen wieder die Fragen: Da war doch noch was? Was ist mit meinem Leben? Wo wollte ich noch hin, bevor ich aus dem Gleichgewicht geworfen wurde?

Es gibt viele Menschen, die von diesem Schicksal gebeutelt wurden. Einige verzagen daran. Andere vertrauen darauf, dass wirklich auch die Zeit und der Austausch mit anderen Wunden wieder heilen lässt.

Meine Bitte: Seid nicht so hart zu Euch und auch nicht zum Verstorbenen. Es hätte einen anderen, ich meine besseren Weg gegeben. Er wollte ihn nicht gehen. Seine Entscheidung hat er gefällt. Ich wünsche Euch, dass Ihr klügere Entscheidungen trefft und mit diesem Einschlag im Leben umgehen lernt.

Alles Liebe für Euch. Gebt Euch gegenseitig Kraft oder lasst auch ruhig Eure Wut heraus, haltet Euch fest, wenn Ihr es braucht.
Ihr kommt aus dieser jetzigen düsteren Zeit wieder heraus, wenn Ihr es wollt.

Liebe Grüße!

prinzessin01979
06.05.2007, 18:13
Hallo Grundlos,

habe deinen beitrag erst jetzt entdeckt u. gelesen. Mir tut es sehr leid, für euch, dass ihr nun auch solch schweres schicksal tragen müsst.

Ganz viel Kraft wünsche ich dir und deiner familie!

Sei lieb gegrüßt,
Melissa

Für Dich- :blume: :blume: :blume: