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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Von den Eltern abnabeln - mit 33



Pflume
20.04.2007, 23:15
Hallo ihr lieben, ich brauche dringend ein paar Verhaltenstipps. Doch damit ihr die Situation versteht, muss ich alles (sehr gekürzt) erzählen.

Als ich ca. 8 Jahre alt war, haben meine Eltern gebaut, mein Vater kurz darauf einen Herzinfarkt bekommen, wir haben finazielle Schwierigkeiten gehabt und dann kam noch ein Todesfall dazu. Das alles hat meine Mutter nicht verkraftet und hat versucht sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Ich habe ihren Abschiedsbrief gefunden und ihr das Leben gerettet. Als sie aus dem Krankenhaus kam hat sie mir versprochen so etwas nie wieder zu machen - ein Jahr später tat sie es doch. Das gleiche Spiel noch einmal los.

Inzwischen sind einige Jahre vergangen, wir haben das Haus halten können, mein Vater konnte wieder arbeiten und meine Mutter hat außer ihren Depressionen (bei denen sie keine Hilfe annimmt) recht normal leben können. Meine Eltern waren sehr bemüht um mich und ich war - und bin das wichtigste in ihrem Leben.

Als ich 25 Jahre alt war und studierte lernte ich einen Mann kennen, der meinen Eltern nicht gefiel. Sie zwangen mich schluss zu machen. Erst habe ich es getan, doch dann bin ich doch abgehauen/rausgeschmissen worden. Die Befürchtungen, die sie hatten haben sich in Wahrheit gewandelt und die Beziehung ist gescheitert. Damals war ich völlig alleine und habe intensiv mit dem Gedanken gespielt, mir das Leben zu nehmen.

Einige Zeit später habe ich wieder jemanden kennengelernt und wir waren ein Paar. Doch leider ist auch diese Beziehung gescheitert. Damals hatte ich keine Lust mehr zu kämpfen. Ich hatte mein Diplom und sah dennoch keine Zukunft. Auch damals habe ich versucht mir die Pulsadern aufzuschneiden, doch außer einem bisschen Ritzen habe ich trotz Alkohol nicht geschafft.

Davon haben meine Eltern erfahren und wieder den Kontakt zu mir gesucht. Seitdem verstehen wir uns recht gut. Ich bin nach wie vor sehr wichtig für sie und sie machen sich viele Gedanken um mich. Leider habe ich Architektur studiuert - ein Beruf, bei dem man keinen Blumentopf gewinnen kann. Aus diesem Grund läuft bei mir nicht alles optimal und ich fühle mich oft auf den Rat meiner Eltern angewiesen.

Inzwischen habe ich auch noch einige Beziehungen gehabt, doch meine Eltern sind sehr skeptisch, was meine Partner betrifft. Immer haben sie Schwierigkeiten mit der einen oder anderen Eigenschaft. Und leider haben sie oft recht. Jetzt ist es wieder so weit.

Ich habe mich in einen Mann verliebt. Er ist auch im Baubereich tätig und ist mit seinem Job unzufrieden. Leider sind wir ca. 700 km voneinander getrennt und er hängt stark an der Gegend in der er lebt. Diese ist leider sehr strukturschwach und bietet für ihn, wie für mich keine berufliche Perspektive. Darum bitte ich ihn, dass er sich doch deutschlandweit bewerben möge. Dazu sieht er sich leider derzeit nicht in der Lage, weil seit seinem 5. Lebensjahr Halbweise ist, seine Mutter letzten Dezember gestorben ist, er noch ein Haus verkaufen muss, er dort Freunde hat, er dort Verwander hat, er dort seine Kindheit verbracht hat etc.

Meine Eltern haben eine riesen Wut auf ihn und wenn es nach ihnen ginge müsste ich wahnsinnige Druckmmethoden anwenden (mich mit anderen Männern treffen, das Ende der Beziehung androhen etc.) doch ich finde das nur blöd und will mir da eigentlich gar nicht so sehr dazwischen reden lassen. Doch wenn ich mir Einmischungen verbiete, werden meine Eltern sehr aggresiv und verweigern sich mir auf allen Gebieten.
Ich kann verstehen, dass sie nur das Beste für mich wollen und Angst haben, ich könnte Leiden, doch wie soll ich mich verhalten?

Vielen Dank, dass ihr bis hier durchgehalten habt, wenn ihr noch den einen anderen Tipp gebt (bitte nicht ich solll zum Profi - dafür habe ich gerade keine Zeit), wäre ich euch wirklich dankbar.

Machts gut!

Inaktiver User
21.04.2007, 10:30
liebe Pflume, nun will ich dir mal antworten, da deine Zeilen mich sehr bewegt haben. Bitte hol dir professionelle Hilfe, das ist wichtig für dich. Sonst kommst du aus diesem, ich sage es mal so, Teufelskreis sehr schwer raus. Ich kenne diese Problematik, noch mit 38 kämpfe ich darum, mich von meinen Eltern zu lösen.
Verhaltenstipps? Versuche es DIR recht zu machen, dass DU glücklich bist und nicht alle anderen. Höre auf DICH, auf DEINE Gefühlswelt, sonst verlierst du dich.
Ich habe es versucht, es allen recht zu machen und wusste gar nicht mehr, was ich eigentlich wollte.
Ich finde, du hast in deinem Leben schon wirklich viel geleistet.
Denke an dich.
Ich habe eine sehr dominante und kontrollsüchtige Mutter.
Es ist unheimlich schwer, diesem zu entkommen. Hinzu kommt, dass meine Eltern, so wie bei dir, meinen Partner verweigen.
Letztendlich denke ich, dass es egal ist - wer es ist.
Sie werden immer etwas dagegen haben. Deine Eltern und Du - ihr müsst lernen loszulassen, was gar nicht einfach ist, ich weiß.
Kennst du den Ausdruck selffullfilling prophecy? Daran musste ich denken, als ich das mit deinen Beziehungen und deinen Eltern gelesen habe. Deine Eltern werden, glaube ich, nie mit einem Partner von dir zufrieden sein - einfach, weil er ihnen ihr Kind wegnimmt. Du bist aber eine Frau.
Daher: Suche dir so schnell wie möglich eine professionelle Hilfe,
damit du Handwerkszeug bekommst.
Ich habe zwei Depressionen hinter mir und habe mir vorgenommen: Das reicht. Nun bin ich in Spanien, weit weg von meinen Eltern und das tut gut. Mein Freund meint immer, dass ich mir ein dickeres Fell zulegen soll. Ist aber gar nicht so einfach.
Bitte hör auf meinen Rat. Lerne zu leben - wegen dir zu leben.
Viel Kraft und alles Gute.
Annette

Inaktiver User
22.04.2007, 14:19
Hallo Pflume,

ich verstehe nicht, warum deine Eltern auf deinen Freund sauer sind? So wie ich das verstanden habe, hat er doch einen Job an seinem Heimatort, auch wenn der nicht so toll ist. Ich kann es verstehen, dass er erst mal nicht weg möchte. Immerhin ist seine Mutter im Dezember gestorben und er ist jetzt Waise. Ich an seiner Stelle hätte große Angst, komplett den Halt zu verlieren, würde ich in so einer Situation auch noch meine vertraute Umgebung (restliche Familie, Freunde und Bekannte) verlassen. Vielleicht fällt ihm das in 1-2 Jahren leichter?

Außerdem ist eine Fernbeziehung doch erst mal gar nicht so schlimm. Wie sieht es denn bei dir aus? Bist du auch regional gebunden?

Was deine Eltern angeht: Du hast dich noch nicht richtig von ihnen abgenabelt, wie du ja selbst auch in deiner Überschrift schreibst. Klar unterhält man sich mit seinen Eltern auch über seine Beziehung, aber es kann nicht sein, dass sie dir da ständig reinreden und du sie gewähren lässt.

Es war nicht richtig von deiner Mutter, dich so in ihre Probleme reinzuziehen. Es ist schwer an einer Depression zu leiden, aber sie hatte doch auch Verantwortung für dich. Du bist ihr Kind und nicht umgekehrt! Sie hätte sich behandeln lassen müssen. Es ist ganz alleine ihr Leben! Unterbewusst hast du vielleicht immernoch das Gefühl, du müsstest dich um sie sorgen, dich um sie kümmern und dich vielleicht zwischen einer Beziehung und ihnen entscheiden.
Lass das nicht mehr zu! Es ist dein Leben! Wenn deine Beziehung gut läuft, ist das dein Glück und wenn nicht, bist du betroffen und traurig, nicht deine Eltern!!!

Ich weiß nicht, ob du das so ganz ohne psychologische Hilfe hinkriegen kannst. In einer Familie spielt man ja doch immer so seine Rolle und es ist echt schwer, da so ganz allein auszubrechen.

Laetitia

Inaktiver User
22.04.2007, 20:10
(bitte nicht ich solll zum Profi - dafür habe ich gerade keine Zeit),

Hallo Pflume,

das körperliche Abnabeln bei Dir als Kind, das wurde von außen vorgenommen. Die Nabelschnur wurde fachmännisch zusammen gedrückt und abgebunden, um Blutverlust zu vermeiden. Und dann wurde mit einem Schnitt die körperliche Verbindung zwischen Dir und Deiner Mutter ausgeführt. Soweit kein Problem eigentlich.

Aber jetzt willst Du das Gleiche auch für Deinen Kopf/Dein Herz/Deine Seele? Schnipp-Schnapp?

Wie das geht? Finde es heraus und lass es Dir patentieren. Meine Erfahrung ist so:

Wir lassen es uns von unseren Eltern solange gefallen, dass sie uns behandeln wie es Ihnen gefällt, bis wir entweder:
1. Selbstmord begehen
2. Uns selbst abnabeln, unter den Schmerzen, die dieser Prozess (nicht Vorgang) der Ablösung und EIGENVERANTWORTUNG mit sich bringt.
3. Hoffen, dass unsere Eltern irgendwann sterben, damit wir unser eigenes Leben leben können.

Egal für welche Option Du Dich entscheidest, es wird immer Deine Zeit sein.

Und ob Du Dir professionelle Hilfe dazuholst oder nicht liegt in Deinem Ermessen. Auch diese Zeit ist Deine.

Es hat einen Vorteil, sich nicht abzunabeln. Der fällt weg, wenn Du es tust.

Der Vorteil, den Du dann nicht mehr hast ist der: Du bist alleine verantwortlich. Es sind nicht mehr Deine Eltern "schuld". Überlege Dir das gut :blumengabe:

nathaliethor :cool:

cestlavie
23.04.2007, 04:08
Dem Posting von Nathaliethor ist eigentlich nichts zuzufuegen!
In diesem Sinne, viel Erfolg die Schere selbst in die Hand zu nehmen!

C'est la vie.

Sternstunde
23.04.2007, 11:52
Ich sehe das auch so: Nathaliethor hat es genau richtig ausgedrückt.
Liebe Pflume, nur du bist verantwortlich für dein Leben. Du bist nicht verantwortlich für das Leben deiner Mutter/Eltern und deine Mutter ist nicht (mehr) verantwortlich für dein Leben. Ich sehe das auch aus der Sicht einer Mutter (meine Kinder sind 15 bis 25 Jahre alt): ich muss die Kinder gehen lassen!!!!
Vielleicht würde es dir ja durch eine räumlich Trennung leichter fallen? Warum soll unbedingt der Mann, den du kennengelernt hast in deine Nähe ziehen? Warum nicht du dorthin??
Und mir persönlich wird immer richtig schlecht bei dem Spruch: "ich will ja nur dein bestes..." ...
LG
Sternstunde

Inaktiver User
23.04.2007, 22:18
Ich muss mal ganz blöd fragen: Du schreibst im Forum "Psychotherapie", aber zum Profi sollen wir Dich nicht schicken, da Du keine Zeit dafür hast? Hmm, ich denke mal, bei der Abnabelung wäre Dir ein Profi hilfreich, und das kostet Dich nur 1 Std. /Woche.

Inaktiver User
26.04.2007, 11:50
Verantwortlichkeit für das eigene Leben ist die eine Sache.

Aber auch den Mut und die Kraft haben, auf eigenen Beinen zu stehen ohne dabei umzufallen, das ist wohl die Kunst!

Wenn ich nie lerne, EIGENE Wege zu gehen, Hürden zu nehmen, um mich meinen Wünschen nähern zu können, mich selbst wert zu schätzen, zu erkennen, was ICH will und was nicht, wenn ich immer nur so agiere, wie andere es von mir erwarten und dann nicht mal merke, daß mein Wille dabei gar nicht zählt, wenn Ängste mein Leben bestimmen, wenn ich nicht respektiert werde.
Wenn die Achtung gegenüber anderen größer ist als die Achtung, die ich mir selbst gegenüber habe, dann stehe ich nur auf einem Bein und falle um, wenn ich plötzlich eigenverantwortlich handeln, fühlen und denken soll.

Wenn Dir die Stärke und das Selbstbewußtsein, das absolut notwendig für Dein Leben ist, nicht mitgegeben wird und Angst sich breit macht, dann nützt all die Abnabelung nichts.

Sie gelingt Dir nicht, denn sie bedeutet Perspektivlosigkeit.

Inaktiver User
26.04.2007, 13:02
Wenn Dir die Stärke und das Selbstbewußtsein, das absolut notwendig für Dein Leben ist, nicht mitgegeben wird und Angst sich breit macht, dann nützt all die Abnabelung nichts.

Sie gelingt Dir nicht, denn sie bedeutet Perspektivlosigkeit.

Hallo Fulminaria,
das bedeutet doch im Umkehrschluss, dass es für "Schwache" besser ist immer schwach zu bleiben, auch weiterhin sich zu beugen.
Das kann es doch nicht sein.
Eine Perspektive kann doch auch sein, auf eigenen Füßen zu stehen. Nicht (mehr) abhängig zu sein. Und aus dieser Position heraus ein eigenes kleines Leben zu gestalten.
nathaliehtor

Inaktiver User
26.04.2007, 14:44
Hallo Nathaliethor,


das bedeutet doch im Umkehrschluss, dass es für "Schwache" besser ist immer schwach zu bleiben, auch weiterhin sich zu beugen.
Es ist nicht besser, aber in den Augen der "Schwachen" (was sie gar nicht sind!) vertrauter und "sicherer".
Die Strukturen sind zwar belastend, aber bekannt und überschaubar.


Eine Perspektive kann doch auch sein, auf eigenen Füßen zu stehen.
Das würde aber voraussetzen, daß ich eine Perspektive sehe und meinen eigenen Füßen vertraue.
Doch den Blick darauf versperre ich mir meist selbst.
Und wenn ich jegliche Möglichkeiten für Veränderungen ablehne (sprich Therapie) bzw. mich scheue, alte Muster zu verlassen, um neue Wege zu erkennen und auch zu gehen, dann bleibt mir nichts weiter übrig, als auf der Einbahnstrasse zu bleiben.

Therapie bedeutet ja nicht nur Hilfe sondern auch viel, viel Eigenarbeit und Schmerz.