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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ist das verwerflich/herzlos?



Inaktiver User
19.04.2007, 08:53
Mein Vater verstarb vor vier Jahren : Diabetes, Nieren kaputt (kurz vor Dialyse), Herzinsuffizienz, Unterschenkel amputiert (eine seite), Leber kaputt (von vielen Medikamenten?). Es passierte kurz nach der Uunterschenkelamputation durch Herzinfarkt. Er war 70Jahre alt.
Und ich habe seinen Tod als Erlösung für ALLE Beteiligten empfunden. Er hätte keine Lebensqualität mehr gehabt und wahrscheinlich auch nicht lange zuahuse gepflegt werden können.
Angesichts der schweren Erkrankungen habe ich sogar sowas wie Dankbarkeit empfunden, dass das Leiden ein Ende gefunden hatte.
Ich arbeite in einem Altenheim und weiß, wie lange und qualvoll sich "Leben" hinziehen kann. Vielleicht klingt das jetzt hartherzig, als ob ich meinen Vater nicht geliebt hätte- doch das habe ich, und genau deswegen war ich froh, dass er nicht noch mehr erdulden mußte.

Ricarda44
19.04.2007, 09:15
Hallo, ballyprell,

wenn man einen Menschen leiden sieht, möchte man helfen und tut es auch so gut man kann. Du schreibst, Du weißt, wie lange sich "Leben" hinziehen kann. Ich denke, es war bei Deinem Vater doch das Sterben, was sich hingezogen hätte.
Es ist schon richtig, dass die Lebensqualität abnimmt, wenn man "stückchenweise" von der Teilnahme am und vom Leben Abschied nehmen muss. Vielleicht ist dieses "stückchenweise" auch dazu da, dass man bewusst stirbt?

Ich denke, die überwiegende Zahl der Menschen lebt gerne und wünscht sich, dass alles getan wird, um das Leben zu erhalten. Für mich kann ich sagen, so lange ich niemandem später mit Krankheiten usw. zur Last falle, ist es für mich o. k. Wenn ich aber merke, dass es ein zurück ins normale Leben nicht gibt und es für mich nur noch ein Warten auf den Tod wäre, dann würde ich mir wohl wünschen zu sterben.

Man merkt es ja auch oft daran, dass viele Menschen gerade nach Feiertagen oder Jubiläen sterben. Da sind die Feste noch mal so ein Auftrieb ("Das möchte ich nochmal erleben").

Dass Du Dankbarkeit, also es für Deinen Vater als Erlösung empfunden hast, da sollte niemand drüber urteilen. Denn das wäre hier völlig fehl am Platze. Niemand kannte die Umstände und das Empfinden Deines Vaters so gut wie die Familie, also die Menschen, die in seiner Nähe waren.

Hartherzig?
Na, ich weiß nicht. Jeder hat so seine Ansicht dazu. Wenn man jedoch realistisch bleibt - und das traue ich Dir auf Grund Deines Berufes zu, dass Du Erfahrung mit dem Sterben hast - kann man den Tod als zugehörend zum Leben hinnehmen. Vielleicht ist es das, was es Dir eventuell einfacher macht, besser damit umgehen zu können.

Man sagt ja immer: Das Leid ist bei den Hinterbliebenen.
Und das stimmt ja auch. Der Verstorbene ist frei von Angst und Schmerz. Bei den Hinterbliebenen dauert es unterschiedlich lang bis sie es "verarbeitet" haben.
Der Tod ist Alltag. Wie das Leben auch.

Inaktiver User
19.04.2007, 10:25
Hallo Ballyprell,
ich habe zuletzt, als jede Hoffnung zunichte war, auch so empfunden für meinen Sohn. Er war 15 !
Und ich war dankbar, als er dann erlöst wurde und in die nächste Welt gehen konnte.
Er war vollständig gelähmt und sein Nervensystem zerstört durch Krebs (3 verschiedene Tumorarten!)

Es war für ihn Erlösung, für uns Erleichterung.
ja, das muss man ehrlich zugeben - es war eine furchtbare belastende Zeit, ihn so leiden zu sehen und nichts weiter tun zu können, als bei ihm zu sein, ihn zu lieben und zu warten und jede kostbare Lebensminute wahrzunehmen.

Ja, ich war und bin dankbar, dass Menschen sterben können in solcher Situation und ich bin alles andere als hartherzig, und du bist es auch nicht.

Inaktiver User
19.04.2007, 11:34
Hallo Ballyprell,
ich habe zuletzt, als jede Hoffnung zunichte war, auch so empfunden für meinen Sohn. Er war 15 !
Und ich war dankbar, als er dann erlöst wurde und in die nächste Welt gehen konnte.
Er war vollständig gelähmt und sein Nervensystem zerstört durch Krebs (3 verschiedene Tumorarten!)

Es war für ihn Erlösung, für uns Erleichterung.
ja, das muss man ehrlich zugeben - es war eine furchtbare belastende Zeit, ihn so leiden zu sehen und nichts weiter tun zu können, als bei ihm zu sein, ihn zu lieben und zu warten und jede kostbare Lebensminute wahrzunehmen.

Ja, ich war und bin dankbar, dass Menschen sterben können in solcher Situation und ich bin alles andere als hartherzig, und du bist es auch nicht.


Mein Vater durfte wenigstens 70 Jahre leben, dein Sohn nur 15! Wahrscheinlich tut es noch viel weher, ein Kind leiden zu sehen.

Inaktiver User
19.04.2007, 13:36
Vielleicht hätte ich weglassen sollen, dass er erst 15 J. war ?


weh...
weher....

darum geht´s nicht, nicht wahr?
weh tut es allen

Hat dich jemand darauf angesprochen, dass er deine innere Haltung "herzlos findet", oder sind das deine eigenen Bedenken?
Ich habe mir damals (und bis vor kurzem noch) auch unnötige Schmerzen bereitet durch ulkige Gedanken und Schuldzuweisungen. Man muss richtig lernen (!), dass man sich selber noch am Leben erfreuen darf, obwohl ein geliebter Mensch starb.


für dich: :blumengabe:

Inaktiver User
19.04.2007, 13:42
Mein Vater verstarb vor vier Jahren : Diabetes, Nieren kaputt (kurz vor Dialyse), Herzinsuffizienz, Unterschenkel amputiert (eine seite), Leber kaputt (von vielen Medikamenten?). ...

mein vater war schon dialyse-patient, war schwer herzkrank, hatte (klar) auch diabetes, war abgemagert, konnte nicht mehr selber autofahren (was für ihn das schlimmste war) und trotzdem hat er das leben geliebt, hat es, soweit es ging, genossen und sich auch über die kleinen dinge des lebens gefreut.

vor allem hat er die hoffnung niemals aufgegeben...

als er starb war ich sehr sehr traurig, von einer "erlösung" kann ich da nicht sprechen...

Pischti_H
19.04.2007, 13:47
Jeder Mensch hat seine ganz ureigene Art mit Verlust und Trauer umzugehen. Solange Liebe und Respekt diese Zeit begleiten, kann es wohl nicht verwerflich oder gar herzlos sein.

Meine Mutter starb nach langer Krankheit. So traurig wie ich war und so sehr wie ich sie auch heute noch vermisse, ich war wirklich erleichtert, als selbst die Maschinen sie nicht mehr am Leben erhalten konnten.
Es hat mir so weh getan, sie hilflos und unansprechbar im Krankenhaus zu sehen. Und ich wusste, wenn sie aufwacht, wird sie auch nicht mit uns reden, sondern nur noch vor lauter Schmerzen schreien. Sie konnte nicht mehr in ein relativ normales Leben zurueckkehren. Und ich denke, auch fuer sie war der Tod eine Erloesung.

Selena
19.04.2007, 15:57
Liebe Bally,
Ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen, mein Opa ist jetzt 82, und schwerster Pflegefall, er kann nur noch liegen, weder alleine essen noch auf toilette noch sonst irgend etwas tun, er hat parkinson, alzheimer und alle paar wochen einen weiteren kleinen Schlaganfall der weitere Teile des Gehirns ausfallen läßt. er hat die meiste Zeit halluzinationen, mal sieht er leute von früher in seinem Zimmer, mal befindet er sich wieder im Krieg oder fragt wo seine vor 14 Jahre verstorbene Frau ist. in den wenigen Momenten in denen er klar ist weint er und sagt das er nicht mehr leben will. Meine Eltern pflegen ihn zuhause, meine Mutter geht so langsam daran psychisch und körperlich zu Grunde und auch mein Vater der sie unterstützt leidet und der Situation, sie können nicht mal gemeinsam 1-2 Stunden das Haus verlassen. ich kann sie auch nicht entlasten, denn mein Opa läßt keinen ausser meine Eltern und eine Pflegekraft die morgens kommt an sich ran, er würde nie zulassen das ich ihm z.b. die Bettpfanne unter schiebe. ich bin vor 1,5 Jahren 40 km weit weg gezogen, meine Eltern kennen meine neue Wohnung nur von Bildern, sie konnten mich noch nie besuchen, auch darunter leiden sie. Ich besuche sie 3-4 mal die Woche und wenn ich dann zu meinem Opa gehe und ihn da so liegen sehe wünsche ich mir auch das er es bald überstanden hat, denn mein wirklicher Opa, der mit mir in den Wald ging, Geschichten erzählt hat, für mich ein Baumhaus gebaut hat und jede freie Minute in seinem geliebten Garten war... der Opa ist schon vor gut 2 Jahren gestorben.

sabinemaria
19.04.2007, 16:11
Selena - fühl Dich gedrückt, wenn ich darf. Das ist eine besonders schlimme Situation, in der Du bist. Da braucht man gute Nerven, um das alles halbweg gut "rüberzubiegen".

Das alte Menschen einmal gehen müssen, ist einem ja klar und man muss auch damit rechnen. Aber dass ihnen das Gehen manchmal soooo schwer gemacht wird, ist sehr ungerecht. Ein langes Leiden ist eine echte Belastung - für alle.

Ich habe im vergangenen Jahr innerhalb eines halben Jahres meine Großeltern (Eltern meiner Mutter) verloren. Beide mussten am Ende "dahinsiechen". Gott sei Dank (oder leider??) starben beide im Krankenhaus. Meine Mutter saß Tag für Tag bei meiner Oma und hat gewartet. Als sie dann fünf Minuten raus musste - wegen der Visite - ist meine Oma gegangen.

Ich kann Dich verstehen, dass Du Deinem Opa wünschst, dass er gehen kann. Ich habe das meiner Oma und meinem Opa jedes Mal gesagt, wenn ich sie im Krankenhaus besucht habe. Auch wenn sie es nicht mehr bewusst mitgekriegt haben. "Du kannst gehen, wenn Du willst" - das waren meine Worte. Irgendwann war es dann soweit - und es war eine Erlösung. Für uns alle.

Nicht zuletzt: Mein Respekt vor Deinen Eltern. Jemanden zu Hause zu pflegen ist äußerst schwierig. Jeder, der sich das antut, hat meinen Respekt.

Ich halte es mit meinen Vorschreiberinnen: Es ist nicht herzlos, solange alles mit Respekt einhergeht.

Euch allen liebe Grüße
Sabine

Inaktiver User
19.04.2007, 16:59
Vielleicht hätte ich weglassen sollen, dass er erst 15 J. war ?


weh...
weher....

darum geht´s nicht, nicht wahr?
weh tut es allen

Hat dich jemand darauf angesprochen, dass er deine innere Haltung "herzlos findet", oder sind das deine eigenen Bedenken?
Ich habe mir damals (und bis vor kurzem noch) auch unnötige Schmerzen bereitet durch ulkige Gedanken und Schuldzuweisungen. Man muss richtig lernen (!), dass man sich selber noch am Leben erfreuen darf, obwohl ein geliebter Mensch starb.


für dich: :blumengabe:


Das sind meine ureigensten Gedanken. Der Vater einer Arbeitskollegin starb ein paar Jahre vor meinem Vater nach einem Mopedunfall- und meine Kollegin hat genauso reagiert wie ich- sie meinte damals auch, man hielte sie für gefühlskalt. Vorwürfe hat mir niemand gemacht deswegen, nur ich mir selber.

sleepless
19.04.2007, 17:17
Liebe ballyprell,

ich war dabei als meine Mutter nach längerem Krebsleiden gestorben ist und ganz ehrlich: das erste Gefühl , das ich kurz nach ihrem Tod hatte, war Erleichterung.
Vor allem , weil ich gewusst habe, dass sie selbst schon vorher den Tod gewünscht hatte. Aber auch ich habe mich hinterher noch oft für dieses Gefühl geschämt, bin auch im Bekanntenkreis auf Unverständnis gestossen, als ich es mal erzählt habe.
Gerade wenn man jemand liebt, muss man auch loslassen können.

Getrauert habe ich natürlich trotzdem.

LG Sleepless

Inaktiver User
19.04.2007, 20:02
Gerade wenn man jemand liebt, muss man auch loslassen können.


genau

und wenn man von Herzen liebt und respektiert, dann wünscht man sich das selbe, was sich auch der Sterbende wünscht

mein Junge hatte den Wunsch zu sterben, er sprach es auch offen aus und ich hielt ihn, seine Hand, und meine Schwester, die grad zu Besuch da war, auch
Wir hielten ihn nicht nur, wir hielten auch seinen Schmerz aus, seine Verzweiflung, seinen Todeswunsch

er weinte so sehr und wünschte sich sehr, sterben zu dürfen als er gewahr wurde, dass er für den Rest seines Lebens gelähmt sein würde
er konnte gerade noch etwas die rechte Hand bewegen und den Kopf, das war alles

er hatte keine Freude mehr am Dasein, wie auch?

Ich sagte ihm: Das darfst du auch, du darfst sterben!
Ich sagte ihm nicht, dass er sterben muss.
Er wusste das wohl ohnehin tief im Innersten.
Ich weiß nicht mehr, waren es zwei Wochen oder mehr, bis dann endlich der Tag kam, an dem er seinen letzten Atemzug tat und seine letzten Worte sprach, ganz kurz bevor er ging
Meine Erinnerung hat kein Zeitgefühl mehr.
Es waren nur wenige Wochen, aber für mich war es so eine Art Ewigkeit.

Und nun ist das 5 Jahre her, und es ist mir, als wären es 5 Tage oder 50 Jahre - kein echtes Zeitempfinden dafür, nur ein Wissen um den Kalender. aber stete Präsenz dieser Geschehnisse, wenn ich es zulasse
:niedergeschmettert:

Ricarda44
20.04.2007, 20:31
"Man sieht nur mit dem Herzen gut."