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Inaktiver User
02.04.2007, 14:22
Ich leide, also bin ich

Das scheint das Lebensmotto meiner Mutter (75 J. ) zu sein.
Sie ist multimorbide und dement und treibt mich noch in den "Wahnsinn" wenn ich nicht aufpasse.

Aber ich passe auf mich auf. Ich halte mich raus, so gut es geht, und handle auch gegen ihren Willen, wenn es sein muss, aber lasse ihr auch ihren Willen durchgehen, wenn es sich um relativ "harmlose" Sachen handelt, die aber auch unangenehme Konsquenzen nach sich ziehen.

Mutter will keine Decke im Rollstuhl?
Gut, gehen wir ohne.
Auch wenn sie dann etwas friert.

Worauf ich jetzt hinaus will:

Sie lehnt ALLES ab, direkt oder indirekt, was dazubeitragen könnte, ihre Lebensumstände zu verbessern oder gar ihre Gesundheit zu verbessern.
Der Neurologe, der mich heute anrief (ein Segen von einem Arzt!) ist derselben Meinung und wir haben jetzt eine Strategie festgelegt wo auch die Hausärztin noch miteinbezogen wird.
Die Mutter muss ins Krankenhaus, irgendwie, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass sie eine schwere Magenkrankheit hat. Von dort aus kann sie dann in eine AHB gehen, deren Kostenübernahme die Kasse NICHT ablehnen kann und das Endziel ist neben der Verbesserung des Allg. Zustandes auch eine Pflegestufe.

So. Das jetzt nur vorweg.

Was mich interessiert, was ich verstehen möchte....., ist:

Warum, aus welchen psychologischen Gründen heraus, verhält sich ein Mensch so?

Was macht das für einen Sinn zu leiden, zu klagen, um Hilfe zu heischen um dann die Hilfe mehr oder weniger brüsk zurückzuweisen.



?
:wie?:



Kann mir das einer erklären?

Woodstock62
02.04.2007, 15:46
Liebe Lavendel,

erstmal wünsche ich Dir weiterhin gute Nerven...

nach Deiner Beschreibung der Fakten denke ich, sie spielt Machtspielchen mit Dir. Sie will bestimmen und hat scheinbar Angst ihr Leben aus der Hand zu geben.

Wie man damit jetzt allerdings umgeht :wie?: da bin ich auch überfragt.

Lieben Gruss
Woody

Karla48
02.04.2007, 15:55
Wir haben einen ähnlichen Fall in der Familie. Meine Theorie:
Sie wollen leiden, weil das Aufmerksamkeit bringt. Die sie anders meinen, nicht zu bekommen. Vergleichbar mit kleinen Kindern, die die wildesten Sachen anstellen und dann Probleme mit den Eltern kriegen - denen ist die Art der Aufmerksamkeit auch egal, Hauptsache Aufmerksamkeit. Außerdem ist "ich bin krank" eine prima Ausrede, gewissen Pflichten auf keinen Fall nachkommen zu können, oder auch sich dauernd im Ton vergreifen zu dürfen, denn man "hatte Schmerzen".
Gruß Karla

Inaktiver User
02.04.2007, 17:13
Jedenfalls bindet das viel Energie meinerseits :ooooh:

"Machtspielchen" und "Aufmerksamkeit suchen" passen durchaus in ihr "Seelenmuster".
Sie war schon immer etwas schwierig, um es milde auszudrücken.

Aber letztlich hat sie nicht wirklich was davon !
Die Enkel kommen nicht mehr (wenn überhaupt nur zu hohen Festtagen) weil sie das ewige Jammern nicht ertragen wollen und außerdem werden sie meist eh verwechselt, namentlich.

Und ich lasse mir auch nicht mehr alles gefallen und gebe auch Kontra, in dem Sinne, dass ich ihr klar vor Augen führe, dass sie keine guten Entscheidungen für sich fällt (z.B. Tabletten selber nehmen wollen, aber dann vergessen und/oder doppelt nehmen)
Essen tut sie auch nicht richtig, weil sie magenkrank ist, aber ihr ist alles egal, was wiederum auch von der Depression kommt (die allerdings behandelt wird, das ewige Heulen tritt nicht mehr auf).

Also, eigentlich hat sie nur mehr Distanz davon und beklagt sich aber über Einsamkeit.
Sie ist nur schwer zu ertragen, bei allem Wohlwollen und zärtlich-liebenden Tochtergefühlen, die ich noch aufbringen kann.

:wie?:

Keela
03.04.2007, 07:16
Guten Morgen Lavendelmond
Ich meine mich zu erinnern, dass du berichtet hattest, dass dein e Mutter eine beginnende Demenz hat? Wenn das so ist, vergiß ganz schnell die Suche nach Logik. Die ist für Außenstehende nicht nachzuvollziehen. Damit machst du dir dann nur das Leben schwer und vergeudest Kraft. Und das wär doch schade.
LG Keela

Inaktiver User
03.04.2007, 08:15
Mittlerweile ist es keine beginnende Demenz mehr, fürchte ich.

Allerdings war sie schon immer "so drauf", wenn es um Krankheiten/Schmerzen ging. Ihr Hirnabbau scheint diese Verhaltensweisen zu komprimieren, zu "kristallisieren"

Erst "rufen", dann "wegstoßen"

Tatra
03.04.2007, 08:15
Hallo Lavendelmond,
ich denke auch es ist eine Mischung aus beginnender Demenz und Aufmerksamkeintsheischendem Verhalten. Tröste Dich das Gegenteil ist auch sehr anstrengend. Meine Oma war so selbstlos das es einen in den Wahnsinn getrieben hat. Man hat nie eine klare Auskunft von ihr bekommen. "Oma ich gehe einkaufen, was brauchst Du."" Ach ich brauche ja nichts, du brauchst nicht extra gehen, ich komme schon irgendwie zurecht, mach dir keine Mühe wegen mir." In der Zeit bis man rausgeleiert hatte was sie möchte hätte man problemlos alles einkaufen können.
Ich habe irgendwann mal rausgefunden das man ihr nicht zu viele Wahlmöglichkeiten lassen durfte, sondern etwas kommandieren mußte, so schwer es auch fiel. Auf die Frage welchen der drei Kuchen sie denn gerne möchte endloses Geleier. Auf die Frage "Oma willst Du Käsekuchen oder Streuselkuchen" eine klare Antwort, durchaus dann auch "nein, lieber Torte". Auf die Frage "ich gehe einkaufen soll ich Dir Milch mitbringen" "Nein, ich brauche Schinken".
Vielleicht geht es ja bei Euch auch wenn Du etwas bestimmter wirst, d.h. nicht Frage ob Decke oder nicht sondern Rollstuhl mit Decke hinstellen, fertig?

Inaktiver User
03.04.2007, 09:22
Hi Tatra, das werde ich zukünftig wohl machen müssen. Mehr "klare Ansagen", auch wenn es mir widerstrebt. Sie ist ja kein kleines Kind, aber sie benimmt sich wie eines!

Ihre Begründung für "keine Decke" war übrigens: die müsse erstmal gewaschen (!) werden, bevor sie die in den Rollstuhl mitnimmt .....

glaubt mir, die Decke ist sauber, absolut sauber !

Inaktiver User
03.04.2007, 09:37
Ich leide, also bin ich
Was mich interessiert, was ich verstehen möchte....., ist:

Warum, aus welchen psychologischen Gründen heraus, verhält sich ein Mensch so?

Was macht das für einen Sinn zu leiden, zu klagen, um Hilfe zu heischen um dann die Hilfe mehr oder weniger brüsk zurückzuweisen.
oh, mein papi ist auch so.
immer schon gewesen.
wir freuen uns schon darauf, wenn er pflegebedürftig wird, was nur noch eine frage der zeit ist.
man darf aber nicht glauben, dass diese menschen das extra machen. sie leiden darunter, dass sie dafür nicht gemocht werden, glaub mir. sie können aber nicht anders. mein papi zum beispiel glaubt, dass man nur dann das recht auf die aufmerksamkeit von anderen hat, wenn man leidet. leider hat er nie bemerkt, dass das auf dauer nicht funktioniert, und sich auf diese weise mit der zeit in ein echtes leiden hineinmanövriert - isolation.

ich glaube, dass das ein erbe der kriegsgeneration ist. deren kinder durften sich nicht mucken, es sei denn, es ging ihnen so richtig dreckig.

Inaktiver User
03.04.2007, 12:30
ich glaube, dass das ein erbe der kriegsgeneration ist. deren kinder durften sich nicht mucken, es sei denn, es ging ihnen so richtig dreckig.


:erleuchtung: Das ist einleuchtend ! Das passt absolut, sie durfte als Kind nie klagen, wurde dafür noch geschlagen.

Naja, jetzt holt sie alles nach :knatsch:
Und wird dafür mit Einsamkeit geschlagen.
Traurig.

Aber ich tu mein Bestes.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Mehr als ein Lindern ist das nicht, aber immerhin. :wie?:

Tabea
03.04.2007, 12:35
Liebe Lavendelmond,

Hast Du Dich schon mal mit dem Thema "Demenz" näher befasst?

Da hilft keine Logik mehr - ich habe jahrelang im Altenheim gearbeitet und die kurioseste Geschichte die mir im Zusmammenhang mit Demenz passierte, war mal eine Frau, die eine Stunde mit mirdarüber diskutierte, dass ihr angeblich eine Sicherheitsnadel gestohlen wurde!

Es gibt viele gute Bücher zu dem Thema - und auch Gesprächsgruppen von Angehörigen.

Ich wünsche Dir viel Geduld und starke Nerven!!!

Tabea

Inaktiver User
03.04.2007, 13:18
Hast Du Dich schon mal mit dem Thema "Demenz" näher befasst?


Ich las mal ein Buch von pflegenden Angehörigen von Alzheimerpatienten.

Danach war ich "bedient" und wollte nichts mehr davon wissen :peinlich:

Aber ich muss wohl doch mehr darüber lesen und in Erfahrung bringen.

*megatiefer Seufzer*

Tabea
03.04.2007, 13:25
Ja, ich glaube, das solltest Du... :smirksmile:

Weil man nämlich schnell merkt, dass man zum einen nicht alleine mit dem Problem klarkommen muss und zum anderen sieht, dass man das Verhalten der dementen Person nicht persönlich nehmen darf - auch wenn´s einem noch so schwer fällt - es ist ein KRANKHEITSBILD...

Alles Gute!
Tabea

Inaktiver User
03.04.2007, 13:39
:blumengabe::blumengabe::blumengabe:

Lena1234
03.04.2007, 18:38
Ich kenne das auch von meiner Mum. Scheint die Sonne, scheint sie natürlich zu hell. Scheint sie nicht ist es auch Mist. Der Sommer ist zu heiß, der Winter zu kalt und Frühling und Herbst sind sowieso Mist.
Wenn man aber genug Abstand hat zwischendurch kann man das Gejammer schon ertragen, man muß nur aufpassen dass man den Ausgleich auch hat sonst ziehts einen mit runter.

Inaktiver User
04.04.2007, 08:03
Ja, Lena, ich habe ja auch keine andere Wahl, als das zu ertragen.
Meiner Mutter soll es ja gut ergehen hier. Ich habe Geduld und konzentriere mich sehr darauf, im Zusammensein mit ihr, "das Richtige" zu tun und zu sagen - aber hinterher könnte ich manchmal schier ausflippen.

Montag hat sie sich im Keller verlaufen !!! (mehrere Häuser gemeinsam unterkellert, echt gefährlich für sie)
Wir hatten das oft geübt "wie finde ich meinen Keller?" - ist im Grunde ein kurzer simpler Weg
Aber nicht mal das geht.
Ich habe ihr dann eindringlich geraten, nicht alleine in den Keller zu gehen, habe es ihr quasi "verboten" - und was macht sie???
Dabei ist GAR nichts im Keller was sie braucht. Sie wollte nur ihren Rollator dort reinstellen !!!!
(Den BRAUCHT sie doch)
Dabei ist im Treppenhaus genug Platz für Rollstuhl und Rollator.

Ich verstehe das nicht. Aber davon muss ich mich eh verabschieden, das alles "verstehen zu wollen"

Ist eben jetzt alles mit Unlogik durchtränkt, das ist eine neue Erfahrung für mich, das lerne ich jetzt.

Ich darf mich bloß nicht fragen, wo das alles noch hinführen wird und "was als nächstes kommen mag"

:-(

Karla48
04.04.2007, 08:24
Jetzt verstehe ich, es geht also um Demenz bei Deiner Mutter. Das ist natürlich schlimm.
Wie eine Vorschreiberin auch schon riet: Es gibt Informationsveranstaltungen und auch Gruppen für Angehörige. Ich finde Gespräche immer hilfreicher, als ein Buch zu lesen...man stellt fest, dass man nicht alleine ist mit seinem (welchem auch immer) Problem, und kann vielleicht gute Anregungen bekommen. Irgendwann stellt sich ja auch die Frage: Schaffe ich das alles alleine noch, oder wird es langsam zu gefährlich - diese Menschen tun ja die unglaublichsten Dinge - und muss an einen Heimaufenthalt denken...Für all das ist es doch ungeheuer hilfreich, Gesprächspartner zu haben. Ich habe da übrigens einiges erlebt bei der Tante einer Freundin, daher meine Infos.
Alles Gute
Karla

Inaktiver User
05.04.2007, 00:11
HI LAVENDEL;

BEI ALLEM VERSTÄNDNIS - HAST DU MAL DARÜBER NACHGEDACHT WAS SIE DIR SPIEGELT?

IST DIR BEWUßT WAS DU ZB MIT DIESEM SATZ AUSSAGST?

"JA LENA ICH HABE JA AUCH KEINE ANDERE WAHL ALS DAS ZU ERTRAGEN"

SIEHT GANZ NACH LEIDMUSTER AUS - NIX FÜR UNGUT!

GRÜßE GHOST

Inaktiver User
05.04.2007, 11:05
brauchst nicht so "schreien" ;-)


Wenn man aber genug Anstand hat kann man das Gejammer schon ertragen, man muß nur aufpassen dass man den Ausgleich auch hat sonst ziehts einen mit runter.
Würdest du Lena jetzt auch ein "Leidmuster" unterstellen?

Ghost, du steckst nicht in meiner Haut, gehst nicht in meinen "Mokassins" .... hast keinen Umgang mit meiner Mutter... (!)

Schau. Ghost, du kannst mir nicht wegen einem Wort gleich ein "Leidensmuster" unterstellen.

Was sich hier spiegelt, wenn wir es mal auf diese Weise betrachten wollen, ist, dass der Körper die jahrzehntelangen Denkmuster meiner Mutter widerspiegelt.

Diesen Strang hier habe ich aufgemacht, weil ich ihr Verhalten ("klagen/leiden-rufen-Helferwegstoßen") nicht verstehen konnte.
Dank der Userinnen, die sich darauf bezogen haben, bin ich ein gutes Stück weitergekommen, wofür ich danken möchte.

Und ich habe in der Tat keine "Wahl", denn sie ist meine Mutter und braucht Schutz, ich muss sie so nehmen wie sie ist (sie "ertragen"), sie wird sich wohl kaum noch ändern können. Wenn ich lerne, mein Verhalten und mein Denken auf sie und ihre Besonderheiten einzustellen, dann wird das wohl letztlich für alle Beteiligten ein tragbarer Zustand sein, die letzten Jahre mit ihr zu erleben.
Leicht ist es gewiß nicht, aber das ergeht vielen anderen ja auch so!


dito nix für ungut
Grüße an JdT

Jenufa
05.04.2007, 15:49
Ich fürchte, das wird noch schlimmer. Sogar im "früheren Leben" geduldige Menschen werden bei Demenz oft unleidlich bis bösartig oder sogar aggressiv (körperlich). Das hat meines Wissens gerade bei Alzheimer einerseits hirnorganiscche Gründe. Andererseits muss man mal versuchen, sich in die Menschen hinienzuversetzen (das soll nicht heißen, dass ich dir vorwerfe, das nicht zu versuchen). Die merken irgendwie selber, dass das alles nicht mehr so funktioniert, dass sie Sachen vergessen, dass sie die Kontrolle über ihr Leben total verlieren. Und sie verstehen nicht warum, wie das kommen konnte. Aus allem, was sie mitkriegen, konstruieren sie sich ein Weltbild, das mit der Realität zunehmend weniger zu tun hat. Sie wollen nicht die Kontrolle verlieren und sie wollen uns nicht zur Last fallen, weshalb sie gerne jede Hilfe ablehnen (was uns dann das Leben schwerer statt leichter macht).

Ich habe das bei meiner Oma jahrelang miterlebt und es war schrecklich, sie so leiden zu sehen. Und ich hatte den Vorteil, dass ich mich um ihre Pflege nicht zu kümmern brauchte und man zu der Oma immer einen größeren emotionalen Abstand hat als zru eigenen Mutter.

Der einzige praktische Tipp, den ich Dir geben kann, und der Dir vermutlich nicht sehr weiterhelfen wird im Alltag ist: Gib ihr Recht, wo es nicht zu weiterer Konfusion führt. Wenn sie meint, sie habe den Tisch gedeckt, sag ihr, dass sie es schön gemacht hat und wenn sie meint, sie hätte ihre Tante Gertrud gesprochen, sag ihr, dass das sehr schön ist und dass sie Dir erzählen soll, was die ihr erzählt hat. Sie ist verzweifelt genug in ihrer Hilflosigkeit und es nützt niemandem ihr zu erklären, dass die Tante seit 50 Jahren tot ist.

Mach jetzt Deinen Frieden mit ihr und denk daran, dass das, was Du siehst, immer mehr nur Reste ihrer Persönlichkeit aber nicht mehr die Person Deiner Mutter mit dem Willen, Dir etwas Gutes oder Böses zu tun, ist. Und mach Dich gefasst auf den Tag, an dem sie Dich nicht mehr erkennt und behandelt wie eine Fremde - ich glaube das ist der schlimmste Augenblick für die Anghörigen. Ich wünsche Dir viel Kraft und Geduld.

Tabea
05.04.2007, 15:52
Ich fürchte, das wird noch schlimmer. Sogar im "früheren Leben" geduldige Menschen werden bei Demenz oft unleidlich bis bösartig oder sogar aggressiv (körperlich). Kann sein, muss aber nicht!

Ich habe auch viele demente Menschen erlebt, die (nicht im Anfangsstadium!) eher zufrieden und fröhlich wurden! Das schlimme ist - man weiß eben nicht, wie es weiter geht!

Tabea

Tabea
05.04.2007, 15:57
Der einzige praktische Tipp, den ich Dir geben kann, und der Dir vermutlich nicht sehr weiterhelfen wird im Alltag ist: Gib ihr Recht, wo es nicht zu weiterer Konfusion führt. Wenn sie meint, sie habe den Tisch gedeckt, sag ihr, dass sie es schön gemacht hat und wenn sie meint, sie hätte ihre Tante Gertrud gesprochen, sag ihr, dass das sehr schön ist und dass sie Dir erzählen soll, was die ihr erzählt hat. Sie ist verzweifelt genug in ihrer Hilflosigkeit und es nützt niemandem ihr zu erklären, dass die Tante seit 50 Jahren tot ist.
Genau! Ich halte viel von Naomi Feil (http://www.aerztezeitung.de/docs/2002/12/12/226a0203.asp?cat=/medizin/alzheimer%C2%A0), vielleicht machst Du Dich da mal ein wenig schlau...

Tabea

Inaktiver User
05.04.2007, 18:09
Ich habe das eben gelesen im Link.
Also habe ich das gestern falsch gemacht (?) als sie mich fragte, ob wir im Garten viel geschafft hätten.
Nein, haben wir nicht, denn gestern war Mittwoch und meine Freundin zu Besuch und erst am WE werden wir in den Garten gehen und die darauffolgenden WE auch.

Wenn ich jetzt gesagt hätte: "ja, haben wir, danke"
dann wäre sie doch eher noch mehr durcheinander gekommen ?
Weil, dann hätte ja Montag sein müssen, aber die Tablettenschachtel "sagt" : es ist Mittwoch

Sie weigert sich übrigens neuerdings, sich die Tabletten täglich von mir bringen zu lassen - ich solle sie nicht wie eine Idiotin behandeln (nur leider nimmt sie die Tabl. mal doppelt, mal gar nicht)
Sie hat durchaus noch viele klare Momente, das macht es schwierig für mich, für uns...
Und ich kann natürlich nie vorhersehen, wann sie bei Verstand ist und wann nicht. Das wechselt oft spontan.

Naja, ich werde es mit der Zeit lernen (müssen)

Tabea
05.04.2007, 18:27
Ich habe das eben gelesen im Link.
Also habe ich das gestern falsch gemacht (?) als sie mich fragte, ob wir im Garten viel geschafft hätten.
Also, falsch und richtig gibt es da sowieso nicht... :smirksmile:

Es geht bei "Validation" mehr so darum, Gefühle zu spiegeln. Wenn eine 89Jährige Frau sehr nach ihrer Mutter fragt, sucht sie wahrscheinlich Geborgenheit und die soll man dann versuchen zu geben und nicht darauf herumreiten, dass eine 89jährige ja wohl keine Mutter mehr haben kann. Oder es kommt eben oft vor, dass demente Menschen Dinge durcheinander bringen. Dann geht es in erster Linie nicht darum, Realtitäten zu schaffen und Dinge klar zu stellen, sondern mit der Situation so umzugehen, dass der demente Mensch Ruhe finden kann. Fragt sie, ob denn der Alfred auch sein Mittagessen bekommen hat, dann hilft ihr ein "Dem Alfred geht es gut!" wahrscheinlich mehr, als eine völlig unnütze Diskussion darüber, dass Alfred doch im Krieg gefallen ist. Allerdings sollte man natürlich keine Lügenwelt erschaffen - es ist eben eine Frage der Empathie und für Dich, Lavendelmond, einfach eine ganz schön schwere Zeit! Wie schon weiter oben gesagt - eine Angehörigen-Gesprächsgruppe ist meistens eine sehr gute Hilfe!!!

Tabea :blumengabe:

Jenufa
10.04.2007, 19:26
Da muss ich Tabea Recht geben, "falsch" gibt es in der Situation selten. Wie der Zustand Deiner Mutter ist, kannst Du sowieso am besten entscheiden und ob es ihr bei der Orientierung hilft, sie auf Fehler hinzuweisen. Meine persönliche Erfahrung war einfach die, dass wir bzw. ich zu lange ganz automatisch sie korrigiert habe, weil ich dachte, es hilft ihr. Aber es half schon lange nichts mehr, es war mehr der Wunsch, dass sie sich wieder orientiert, dass sie lernt (bei Kindern machen wir so etwas ja analog, und für die ist es essentiell, dass wir ihnen die "richtige Ordnung der Welt" beibringen).

Ab wann Deine Mutter die Tage gar nicht mehr auseinanderhalten kann, kannst Du bestimmt am besten beurteilen. Wenn sie aber eines Tages jeden Tag nicht genau weiß, welcher Tag heute ist, dann glaube ich tatsächlich nicht, dass ihr die Diskussion darüber hilft.

Und bei aller Annahme der "sinnlosen" Aussagen und Gefühle kommt sowieso immer wieder der schmerzliche Punkt, an dem Du sie doch enttäuschen musst. Bei meiner Oma war der immer spätestens dann erreicht, wenn sie im Heim sagte "jetzt gehen wir nach Hause" und ich sie zurücklassen musste.

Deine Idee, mit dem Hausarzt und dem Neurologen zusammen einen Plan zu entwickeln, klingt gut. Vielleicht haben sie auch ein paar Tipps generell für den Umgang mit Demenzkranken (meiner Erfahrung nach mangelt es dabei aber bei den meisten Ärzten).

Weiterhin viel Kraft für Dich!

mutter
10.04.2007, 19:58
Hallo,
da gibt es ein Buch das heißt:
Pflege Demenzkranker von Erich Grond

Ich bin Hauswirtschaftsleitung in einem Pflegezentrum und kenne die "problematik" mit an Demenz erkrankten Bewohnern gut. Sehr gut nicht, da ich eben keine Altenpflegerin bin.

Weiter vorne steht das Beispiel mit der verlorenen Sicherheitsnadel. "Suchen" zusammen mit dem Demenzkranken und wenn ihr Sie nicht findet ist das für den meist in Ordnung. Auf keinen Fall in Disussionen verwickeln lassen. Abschließend sagen wenn ihr die nicht gefunden habt Du kaufst eine neue.

Das mit der Gartenarbeit schon so sagen dass Sie heute sehr fleißig war und ihr sehr weit gekommen seit. In den meisten Fällen bringe Demenzkranke den zusammenhang mit der Tablettenbox nicht zustande.

Ebenso bekannte Geschichten und Erlebnisse von früher erzählen.
Spaziergänge an Plätze die ihr vertraut sind.
Fotoalben von früher anschaun.
Das gibt ihr Halt und Vertrauen.

Und such doch mal die Seniorenberatungsstelle in deiner Gegend auf. Dort findest Du mit Sicherheit Hilfe.

Besuch eine Angehörigengruppe. Da wirst Du verstanden und kannst Dich austauschen.

Und wenn Du garnicht mehr kannst, nutz für Dich eine Auszeit und gib deine Mama in eine Kurzzeitpflege. Nein ein schlechtes Gewissen brauchtst Du dabei nicht bekommen. Du schöpfst neue Kraft für Dich, die anschließend deine Mama bekommt und deine Mama macht :Sonne: Urlaub.

Ich wünsch Dir sehr sehr viel Kraft, verzweifle nicht daran, Sie ist deine Mama.

LG:blume:

Inaktiver User
10.04.2007, 21:19
Hallo ihr :blumengabe:

Wollte mich nochmal melden.

Das Buch von Erich Grond hat unsere Bücherei, habe eben mal online nachgesehen. Vielen Dank für den Tipp !

Die Mutter war nun über Ostern täglich mit Besuch versorgt, bis auf 2 Enkel waren alle da.
Heute sind wir auf ihren Wunsch hin in die Stadt gefahren im Bus und haben auch den Rollstuhl mitgenommen (bin klug geworden, was das angeht.... zuerst sagt sie, sie hasst das Ding, aber später dann ist sie froh drüber und will gar nicht mehr raus!)

Als wir in der Stadt waren, wusste sie schon nicht mehr, was wir denn da wollten.
:niedergeschmettert:
(Kleidung kaufen)

Wir haben sogar 3 hübsche Stücke gefunden, sie hat sich sogar noch ein Buch gekauft !!!!
Aus der Hitlerzeit, Anekdoten aus dem Alltag der einfachen Leute.
Da kann sie in Erinnerungen schwelgen.
Das hat mich gefreut, dass sie Interesse zeigte.
Wir haben auch einen Kakao getrunken und ein Stück Kuchen gegessen. Sie ist zwar Diabetikerin, und hatte auch ihre Tablette am Morgen nicht genommen, aber "egal". Sie isst dermaßen wenig, dass ich froh bin, wenn sie überhaupt etwas mit Appetit isst. Ich sehe immer zu, dass das dann was "gehaltvolles" ist. Also bekam sie ihren Kakao mit Sahne.

Morgen haben wir einen Termin bei ihrer Hausärztin. Mittlerweile ist sie so vergeßlich, dass ich ihr unerwünschte Termine sozusagen unterjubeln kann.
Ich werde dafür sorgen, dass nun eine Gemeindeschwester kommt und ihr 2x tgl. die Tabletten gibt.
Wenn ich das mache, gibt es nur "Stress". Ich bin ja "nur die Tochter, die ihre Mutter wie eine Idiotin behandelt" - aber so eine Schwester im Kittel hat mehr Autorität, der wird sie wohl nicht widersprechen, wenn´s um die Medizin geht. Wie ich die Mutter kenne, wird sie sich noch freundlich bedanken dafür!

Die nächste größere Aktion wird sein, sie ins KH zu bringen für eine Magenspiegelung. Das wird morgen besprochen.

Inaktiver User
11.04.2007, 13:29
So. Ab heute kommt 2x tgl. eine Krankenschwester und verabreicht ihr die Medikamente.
Was bin ich froh, dass ich diese Verantwortung los bin !
Das wird auch unser Mutter-Tochter-Verhältnis entspannen.

Die Magenspiegelung muss leider doch ambulant gemacht werden (Termin im Juni)

Jetzt habe ich endlich einen schriftlichen Arztbericht in den Händen vom Neurologen, da kann ich nun Widerspruch einlegen gegen die Ablehnung der Pflegestufe. Mal gucken, ob das noch in der Frist ist, wenn nicht, mache ich einen neuen Antrag.

Das mit der "Reha" klappt nicht. Dafür müsste sie schon einen Schlaganfall haben, sagt die Hausärztin. Und sie hat die Erfahrung gemacht, dass die hiesigen KH-Ärzte sich nicht immer um AHB kümmern bei alten Patienten. Und es gäbe auch keinen ausreichenden Grund, die Magenspiegelung im KH zu machen.

Aber in absehbarer Zeit wird hier in einem der städt. KH eine Geriatrieabteilung aufgemacht.
Das ist doch ein kleiner Lichtblick !

mutter
11.04.2007, 14:01
Ich werde dafür sorgen, dass nun eine Gemeindeschwester kommt und ihr 2x tgl. die Tabletten gibt.
Wenn ich das mache, gibt es nur "Stress". Ich bin ja "nur die Tochter, die ihre Mutter wie eine Idiotin behandelt" - aber so eine Schwester im Kittel hat mehr Autorität, der wird sie wohl nicht widersprechen, wenn´s um die Medizin geht. Wie ich die Mutter kenne, wird sie sich noch freundlich bedanken dafür!

Hallo,
:Sonne: ja genau, das hast Du richtig gemacht.:Sonne:
Weil deine Mama Dich eben als ihre Tochter sieht. In ihrer Erinnerung hat Sie eben dass die Mama die Tochter versogt und nie umgekehrt.
Und eine Schwester ist eben da um Medikamente und dergleichen zu verabreichen. Das war früher schon so, das hat Sie in Erinnerung (nicht immer). Außerdem hast Du dann ein "Problem" weniger bzw. einen Streitfaktor.

Und wenn eine Diabetikern mal einen Kakau mit Sahne trinkt ist das nicht so schlimm. Weil Sie darf bis zu 60g Zucker zu sich nehmen. Nur keinen Zucker einfach so, also zB im Kaffee. Eingepackt in Fett, wie beim Kaba mit Sahne steigt der Blutzucker nur langsam an.

LG:blume:

Inaktiver User
25.04.2007, 15:17
Das mit der Krankenschwester klappt gut, die sind zuverlässig.
Und die Mutter akzeptiert es jetzt auch.

Heute waren wir auf dem Markt in der Altstadt. Sie ist mit mir 1,5 Std. über den Markt gebummelt und im Büchergeschäft waren wir auch.

Außer doller Vergesslichkeit und dem "immer-dasselbe-erzählen" war es heute ganz angenehm mit ihr. Ich bin nicht, wie sonst immer, total entnervt nach Hause gekommen.
Schön, dass sie auch mal "gute Tage" hat.

Inaktiver User
25.04.2007, 16:12
Hallo Lavendel,

Meine Großtante ist auch schwer dement und mittlerweile in einem speziellen Heim für Demenzkranke untergebracht.
An dem Argument mit der Kriegsgeneration ist bestimmt was dran, denn meine Großtante und ihre Schwester haben/hatten ganz ähnliche Verhaltensmuster drauf.
Viel raten kann ich dir leider nicht, aber ich habe im Demenz-Heim folgende Situation beobachtet:
Die Schwester möchte einer Patienten an dem Tag die Haare waschen, und fragt sie, ob sie das möchte. Die kann sich nicht entscheiden und startet eine lange Diskussion. Sie blockt die Schwester aber dann mit den Worten ab:"Wann soll ich denn zu ihnen kommen, um sieben oder erst um halb acht?" Und damit war die Frage, ob Haare waschen oder nicht, gegessen, sondern es war nur noch die Frage, wann. Lass ihr einfach nicht zu viele Wahlmöglichkeiten, denn sie ist wahrscheinlich auch damit überfordert. :zwinker:

Weiterhin noch viel Kraft :blumengabe:
wünscht

simonetta

Jenufa
25.04.2007, 18:24
Lavendelmond, das schön zu hören!
Überhaupt, dass Du (auch mit Hilfe der Krankenschwester) auch wieder die Distanz zur "Patientin" findest, die Dir ermöglicht, mit Deiner Mutter als Person Schönes zu erleben, so lange es noch geht.

Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft!

Jenufa

Inaktiver User
25.04.2007, 21:09
danke Jenufa :blumengabe:


ich bin auch wirklich froh darüber
einfach nur mal netter Alltag, und kein Trouble wegen Verantwortlichkeiten und so