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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wie soll ich meiner Mutter helfen?



Alcantara
30.03.2007, 11:27
Hallo,

ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob es eine gute Idee ist, das hier jetzt alles für euch - Fremde - aufzuschreiben. Aber ich habe so ein wahnsinnig starkes Bedürfnis, mit anderen zu reden, nur möchte ich meinen Freundes- und Bekanntenkreis nicht noch weiter damit belasten. Es waren alle immer ganz lieb und haben sich rührend bemüht, aber ich merke, dass ich das zur Zeit nicht zurückgeben kann. Ich fühle mich "kalt", wenn es dann um die Probleme anderer geht, alles was mir dazu einfällt, klingt dumm und ungeschickt. Das ist nicht gut, darum rede ich nun nur noch mit meinen Mann und meiner besten Freundin darüber. Die Welt dreht sich nun mal für alle anderen weiter, da möchte man nicht dauernd wieder mit der alten Leier anfangen und seine Sorgen auf andere abwälzen.

Heute ist es fünf Wochen her, da ist mein Stiefvater ganz plötzlich und unvorbereitet an einem Herzinfarkt gestorben. Eigentlich war er mehr mein richtiger Vater, schließlich war er 17 Jahre an der Seite meiner Mutter und hat meine komplette Jugend (ich bin jetzt 27) mit erlebt.

Nun versuche ich, meiner Mutter zu helfen, wo ich nur kann. In der ersten Zeit nach seinem Tod war das noch recht "einfach", schließlich war der Schock groß und es galt, so viel zu erledigen, so viele Sorgen zu mindern. Da konnten wir noch gemeinsam anpacken und trauern.

Mittlerweile wird es schwierig. Wenn ich sie nicht tagsüber schon gesehen habe, fahre ich so gut wie jeden Abend zu ihr, um ihr wenigstens eine kurze Zeit Gesellschaft zu leisten und als Ansprechpartner da zu sein. Ich möchte ihr doch so gerne helfen! Aber immer wieder passiert es, dass sie mich nicht lässt. Sie wird dann gemein, sagt Dinge wie "ich versteh gar nicht, warum Du hier immer rumhockst, was soll das denn..." oder auf meine Frage, ob sie müde sei "tja, ich kann ja nicht so, wie ich will, wenn Du hier bist!" Das verletzt. Ich bin doch keine Fremde!

Es ist so schwierig, nie weiß ich, ob ihr meine Anwesenheit nun Recht ist oder nicht. Ich sitze einfach nur da und will sie gar nicht groß belästigen... nur da sein. Ich schlucke natürlich allen Ärger runter. Lieber soll sie mich 5 Mal verstoßen und beim sechsten Mal bin ich dann aber auch da, wenn sie mich braucht. Aber es tut so weh, denn ich bin doch auch traurig, und wenn sie weint, würde ich am liebsten mitweinen, verkneife es mir aber. In der Lage, mich zu trösten, ist sie momentan eh nicht. Und das ist ja auch okay so.

Ich bin außerdem in der 14. Woche schwanger. Ich hab das Herz meines Babys auf dem Ultraschall das erste Mal schlagen sehen zu dem Zeitpunkt, an dem das Herz meines Vaters stehen geblieben ist. Diesen Tag vergesse ich nie, es war so schlimm, es war so ein Horror... diese Szenen auf der Intensivstation, die Worte der Ärzte, meine verzweifelte Mutter...

Ich weiß auch nicht. Auch wenn ich mich wirklich bemühe, meine Bedürfnisse total zurückzustellen, so brauche ich doch gerade jetzt auch meine Mama. Ist das zuviel? Wieso kann sie nicht sagen "Du, ist ja lieb, dass Du wieder vorbeischaust. Aber ich wär heut abend lieber allein, ist das okay?" Das wär doch vollkommen in Ordnung, damit könnte ich natürlich umgehen. Ich wäre ja auch gerne mal daheim bei meinem Mann auf der Couch. Aber lieber zickt sie mich von jetzt auf sofort an (ein bisschen "zickig" war sie schon immer, das hat sich jetzt nicht durch die Trauer entwickelt).

Es kommt gerade unheimlich viel für sie zusammen, der Verlust ihres Mannes, sie muss aus der Wohnung raus, eine neue finden, finanzielle Sorgen (die unbegründet sind, denn sie verdient gut - aber dass sich die Rechnungen alle bezahlen lassen, kann sie mir nicht glauben), das Alleinesein. Sie tut mir so unendlich leid, ich kann es nicht ertragen, sie so leiden zu sehen. Ich möchte ihr doch nur helfen, ich möchte ihr damit all das wiedergeben, was sie mein ganzes Leben schon für mich getan hat.

Versteht es nicht falsch, wir verbringen auch viel "schöne" Zeit miteinander. Die meiste Zeit ist "schön". Wir kümmern uns oft gemeinsam um mein altes Pferd (das mein Vater vorher täglich versorgt hat), machen gemeinsame Erledigungen usw. Irgendwie sind wir auch zusammengerückt, zumindest bilde ich mir das ein. Ich freue mich immer so, wenn sie mich um Hilfe bittet oder mich fragt, ob ich sie irgendwohin begleiten möchte! Auch wenn es für mich sehr viel ist, es kommt halt grad alles zusammen. Jetzt hat mich mein Frauenarzt sogar für zwei Wochen krank geschrieben, weil diese Vierfachbelastung Gift für das Baby sei, so meint er. Arbeiten, zwei Pferde, Mutter, Haushalt, all die Sorgen... dazu noch die Schwangerschaft... es heißt immer "Genieße die Schwangerschaft, das ist eine einzigartige, wundervolle Zeit..." Haha. Wie denn. Meinen Mann sehe ich eigentlich nur noch Abends kurz vorm Zubettgehen. Aber das ist okay, das krieg ich hin! Wenn ich nur ein bisschen die Unterstützung meiner Mutter hätte. Was heißt, dass es ja reichen würde, wenn sie mich an sich ranlassen würde!

Vielleicht sehe ich das jetzt grade ein bisschen sehr schwarz, weil sie gerade gestern abend wieder so ungerecht war. Ich verzeihe ihr das, sie hat es so schwer. Ich wüsste nicht, wie ich in ihrer Situation weiterleben sollte. Dennoch muss das doch mal besser werden. Sie sitzt auf der Couch und hat Tränen in den Augen, und lässt mich nicht an sich ran. Wenn ich irgendwas sagen möchte, werde ich dann im schlimmsten Fall ignoriert. Andere Male ist es dann ganz anders, da redet sie mit mir und lässt sich auch wieder aufmuntern, lacht sogar, wenn mir ein lustiger Satz gelungen ist. Es wechselt ständig, und das macht es für mich so schwer eine Entscheidung zu treffen! Wie könnte ich denn so die Konsequenz für mich ziehen, sie künftig öfter alleine zu lassen (und alleine ist sie ja so schon genug!)? Was ist, wenn sie dann da sitzt und nur weint, und es ist keiner da, der sie auffängt? Meine Oma wohnt 400km weit weg, mehr Familie haben wir hier nicht. Ich bin doch die einzige Familie, die sie hier hat. Ich und ihr ungeborenes Enkelkind.

Er hat sich so auf sein Enkelchen gefreut, er hatte so viele Pläne.

Was mich noch verletzt: ein lieber Bekannter der beiden ruft jeden Tag kurz an und fragt, wie es ihr geht. Es bemüht sich und ist wirklich der einzige, der sich nicht nach drei Pflichtanrufen wieder verdünnisiert hat. Dann sagt sie "ach, mein lieber XY, wenn ich ihn nicht hätte, was würde ich machen... er ist mein einziger Freund..."
Und was bin ich??? Das tut so weh. Ich will doch auch ihr Freund sein. Ich bin doch auch immer da. Ich tue doch auch alles. Das verletzt mich wirklich, auch wenn ich es ihr natürlich nicht zeige. Es ist ja schön, wenn noch jemand für sie da ist. Dennoch - warum kann sie sowas nicht auch mal zu mir sagen? Das würde mir wirklich helfen. Unter normalen Umständen würde ich sie darauf ansprechen - aber ich möchte sie zur Zeit wirklich nicht noch mehr belasten und um die Lösung meiner Probleme bitten. Nee, wirklich nicht.

So, jetzt hab ich euch so lang erzählt, ich hoffe, ihr habt bis hierhin durchgehalten. Warum ich das getan habe, weiß ich immer noch nicht so recht. Aber es tat zumindest gut, es einfach mal aufzuschreiben, und vielleicht habt ihr ja den ein oder anderen Denkanstoß für mich?

Auch wenn ich natürlich weiß, dass es sich irgendwann ändert und das Leben weitergeht - ich frage mich dennoch, wie das alles mal wieder besser werden soll. Man kann es in so einer Situation irgendwie nicht glauben.

Liebe Grüße
Alcantara

Inaktiver User
30.03.2007, 11:33
Liebe alcantara,

ich habe leider nicht viel Zeit. Deshalb wollte ich dir nur ganz kurz schreiben, dass du hier genau richtig bist. Du wirst hier einen Ort finden, an welchem du dich mitteilen kannst

Ich möchte dir -vorab- nur eins sagen:

Eins weiß ich sicher: Dass deine Mutter sich glücklich schätzen kann, eine Tochter wie dich zu haben. Ich bin sicher, deine Liebe tröstet sie, auch wenn sie es vielleicht nicht zeigen mag, weil sie dich nicht belasten will.

Später vielleicht mehr.

Laborschnecke
30.03.2007, 12:05
Liebe Alcantara,
erst einmal: Es tut mir leid, dass Du diesen Verlust erleiden mußtest, gerade auch in Deiner Schwangerschaft.

Ich möchte Dir nicht raten, Deine Mutter einfach allein zu lassen. Aber vergiß Deine eigene Trauer nicht! Die Kraft, die Du Deiner Mutter geben willst, muß ja auch irgendwoher kommen. Nimm Dir unbedingt Zeit für Dich und Deinen Mann!

Und: Gib Deiner Mutter Zeit. Dass sie im Moment so mit Dir spricht ist verletzend. Aber ich glaube, manche Menschen sind wütend, dass sie früh von einem Menschen verlassen werden.
Das war bei meiner Mutter, als ihre Eltern im Abstand von 2 Jahren gestorben sind, auch so, nur dass sie in Kopfschmerz geflüchtet ist.

Deine Mutter wird gewiß nicht ewig so weiterleben. Das Enkelkind wird vielleicht das Seine dazu beitragen.
Dennoch wirst Du ihr die Trauer kaum abnehmen können.

Ich wünsche Dir ganz viel Kraft

Laborschnecke

prinzessin01979
30.03.2007, 12:27
Liebe Alcanta,

erstmal mein tiefstes beileid, zum verlust deines stiefvaters.

Ich kann es sehr gut nachempfinden, wie du sich fühlen musst.
Auch meine mutsch ist manchmal sehr ungerecht zu mir, seit mein kleiner bruder gestorben ist.

Manchmal mault sie mich ungerechtfertigter weise voll oder fängt streit mit mir an, wo es gar nichts zu streiten gibt.

Ich schlucke dann auch immer, lasse mich nicht darauf ein, sage dann nichts, weil ich mir immer denke: ihr kind ist gestorben...

ich weiss nicht, wie ungerecht ich dann wäre, gegenüber der welt.

Hart natürlich, dass es uns, die am nähsten stehen trifft...

Einmal hat sie sich bei mir unter tränen auch entschuldigt, dass sie das immer gar nicht will und nicht weiss, warum sie ausgerechnet zu mir so ist. Ich nahm sie darauf hin einfach nur in den arm, sagte ihr das ich es schön finde, dass sie mir das einmal sagt und das ich sie lieb habe und sie sich deswegen keinen kopf machen soll, da ich weiss das sie viel wut in ihrer trauer empfindet und das ja irgendwo hin muss... ( auch wenn das nunmal mich ausgerechnet trifft )

Ich bin auch fast jeden tag bei meiner mutsch u. wir können gut zusammen trauern ( wenn, dass jetzt auch blöd klingt ) . Wir haben beide mit der zeit antennen dafür entwickelt, ob der andere heut lieber nicht reden möchte oder anders rum.

Ich kann dir nur raten, deiner mum immer wieder zu sagen, dass du für sie da bist, wenn sie das möchte und dich braucht.

Vielleicht sagst du ihr , dass du dich hilflos fühlst, dass du nicht weisst, wie du mit ihr am besten umgehen kannst, so das es für sie i.O. ist usw. Frag sie, was du am besten machen kannst um
für sie in ihrer trauer da zu sein.

Ich denke, mit der zeit, wird sie es sehr zu schätzen wissen, dass du für sie da bist.

Liebe Grüße,
Melissa

Inaktiver User
30.03.2007, 14:46
Liebe Alcantara,

mein herzliches Beileid auch von mir. Ich moechte Dir den Rat geben, Dich um Deine Trauer, Dein Leben, Dein Baby und Deinen Mann zu kuemmern (Reihenfolge willkuerlich). Aber ich denke, es ist nicht gut, dass Du Dich so auf Deine Mutter konzentrierst. Jeder trauert anders, und ich koennte mir gut vorstellen, dass Deine Mutter einfach Zeit fuer sich braucht. Ich habe vor zwei Wochen meinen Mann verloren. Ich habe sehr liebe Freunde, die sich um mich kuemmern (wollen), aber die meiste Zeit *will* ich alleine sein - das ist mein Schmerz, durch den ich alleine durch muss, und niemand kann mir das abnehmen. Im Gegenteil, wenn ich da jetzt nicht durchgehe und das verarbeite, werde ich in meiner Zukunft Probleme haben. Sage ihr, dass Du jederzeit fuer sie erreichbar bist, aber fahr oder geh nicht mehr jeden Tag hin. Dein Baby braucht Dich, und mach bitte nicht den Fehler, Deinen Mann zu vernachlaessigen - und vor allem, lass zu, dass er Dir bei der Trauer um Deinen Vater hilft. Deine Mutter ist da weniger der richtige Ansprechpartner fuer, und versuche sie bitte nicht in die Rolle zu draengen, dass sie Dich troesten muss.

Alles Gute fuer Dich und liebe Gruesse, Bluebonnet

Alcantara
31.03.2007, 11:55
Hallo,

vielen Dank für eure Sichtweisen. Besonders Dir, Bluebonnet, dass Du von Deiner Situation berichtest - sie scheint ja wirklich ähnlich zu sein, es tut mir so leid. Es muss schrecklich sein.

Irgendwie habt ihr alle Recht. Ich denke auch, dass ich ihr Freiraum lassen sollte (den hat sie ja auch, ich klebe ja nicht den ganzen Tag wie eine Klette an ihr...), und dass ich meine Antennen noch weiter entwickeln muss, um genau zu spüren, ob sie jetzt meine Nähe braucht oder nicht. Das ist vielleicht gerade das Schwierige, aber bestimmt machbar.

So fühle ich mich manchmal wie ein dummer junger Hund, der immer wieder schwanzwedelnd mit seinem Lieblingsball ankommt und dafür Prügel bezieht. Versteht ihr?

Gestern nachmittag waren wir zusammen im Stall, und das war schön. Solche Stunden erleichtern mich immer so sehr. Auch wenn es irgendwie total "anstrengend" ist, ständig auf ihre Gemütslage zu achten... aber sie ist stark, sie ist eine so starke Frau. Sie schafft das mit Links, das weiß ich. Irgendwie ist es doch auch logisch, den ganzen Tag funktioniert sie und lässt den Alltag laufen, da muss doch immer mal der Zeitpunkt kommen, an dem wieder kurzzeitig alles zusammenbricht, oder? Und ist es da nicht naheliegend, dass sie es dann an mir - ihrer Tochter - auslässt? Ist es nicht irgendwie auch gut so? Der Gedanke kam mir grade.

Prinzessin, Du hast sicher auch Recht. Ich werde, wenn der Zeitpunkt einmal passt, sicher mit ihr reden müssen. Vielleicht denkt sie ja auch, dass das Thema für mich schon ziemlich abgehakt ist, weil ich immer so "normal" tue? Wer weiß. Aber da muss die Situation stimmen, sie muss in dem Moment offen für so ein Gespräch sein. Naja, wir werden sehen.

Laborschnecke, Dein Satz "... die Kraft, die Du Deiner Mutter geben willst, muss ja auch irgendwo her kommen" hat mich sehr nachdenklich gemacht. Das stimmt natürlich. Jetzt, wo ich noch krank geschrieben bin, habe ich ja relativ viel "Zeit" um Kraft zu schöpfen. Aber mich graut es ein bisschen, wenn ich wieder bis 17 Uhr arbeiten muss und dann noch das ganze Programm habe... aber auch da werde ich wohl lernen, mir Zeit für mich und meine kleine eigene Welt zu schaffen. Das wär doch gelacht!

Vielen Dank nochmal, es hilft wirklich sehr, von Menschen zu hören, die wissen, wovon man spricht. Es "Unbeteiligten" zu erklären und zu vermitteln, ist ja leider sehr schwer... oh Mann, ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell mal zu den "Beteiligten" gehören könnte...

Liebe Grüße
Alcantara