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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ich liebe einen Mann, der trauert



gremlin
27.03.2007, 11:46
Es ist ein bisschen komisch, das hier zu schreiben...
Ich liebe einen Mann, der vor einem Jahr seine Frau verloren hat. Sie war seine große Liebe, und sie waren zwanzig sehr glückliche Jahre lang zusammen.
Ich habe ihn kurz nach dem Tod seiner Frau kennengelernt.
Wir haben seither viel Zeit miteinander verbracht und sind uns sehr nah gekommen.
Wir reden viel, haben auch viel Spaß zusammen, verstehen uns einmalig gut. Wir haben einfach die selbe Wellenlänge.
Von Anfang an war da einfach etwas Besonderes.
Natürlich kann von einer Beziehung, so wie sie normalerweise läuft, keine Rede sein. Das würde ich auch gar nicht wollen, denn ich weiß, es würde ihn davon abhalten, seine Trauer-"Aufgabe" zu erfüllen.
Aber es ist eine schöne und tiefe Freundschaft.
Und es hat auch nichts mit einer sozialen Ader meinerseits zu tun. Ich bin einfach unheimlich gern mit ihm zusammen und könnte mir mein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen.
Über seine Trauer reden wir nicht sehr viel, weil er das nicht so gern möchte. Er ist eher der Typ, der nach außen hin verdrängt.
Obwohl er fröhlich und ausgeglichen wirkt, sieht er in seinem Leben nicht mehr viel Sinn. Und er sagt, dass es für ihn nichts gibt, auf das er sich freuen könnte.
Ich finde, er müsste sich der Trauer mehr stellen, aber ich kann ihm nicht vorschreiben, wie er mit seinen Gefühlen umgehen soll... und sagen, "du MUSST so und so trauern", wo ich doch selber die Situation gar nicht so nachvollziehen kann.
Ich weiß überhaupt nicht, wie ich ihm da helfen könnte.
Ich würde so gern etwas tun, was ihm wieder Auftrieb gibt.
Aber ich stehe hilflos da, und es kommt mir vor, als hätte ich nur Banalitäten zu sagen und nichts zu geben.
Kann ich denn überhaupt irgendetwas tun?

Ihr habt da alle viel mehr Erfahrung als ich.
Was hat euch geholfen?
Ich weiß, es gibt kein Patentrezept.
Gibt es noch irgendetwas, das ich tun kann, aber vielleicht nicht sehe? Bitte antwortet mir.

Alles Liebe an euch alle,
Mira

Inaktiver User
27.03.2007, 19:15
Obwohl er fröhlich und ausgeglichen wirkt, sieht er in seinem Leben nicht mehr viel Sinn. Und er sagt, dass es für ihn nichts gibt, auf das er sich freuen könnte.


Hallo Mira,
frag ihn doch mal wie er eure Freundschaft empfindet; ob er daran keine Freude hätte?
Vielleicht wird ihm dann bewußt, dass da immer noch etwas Schönes in seinem Leben ist, bzw. sein kann.

Ansonsten kann ich dir nur raten:
Habe Geduld mit ihm.
Seine Frau ist erst 1 Jahr tot, und die beiden waren lange 20 glückliche Jahren zusammen.
Er ist nicht mehr "vollständig", ich denke du verstehst wie ich es meine.
Das braucht seine Zeit, ehe er wieder heil und ein ganzer Mensch ist.


Alles Gute für euch!

gremlin
27.03.2007, 23:19
Ja, du hast recht, er fühlt sich sicher "nicht vollständig".
Da ist ein Riesenloch, in seinem Leben, in seiner Familie.
Alles erinnert ihn an das Leben "davor"...
Ich würde es gut finden, wenn er mehr mit mir darüber redet.
Aber dazu kann man wohl niemanden zwingen.
Ich habe heute den ganzen Tag darüber nachgedacht - was kann ich tun? Vielleicht einfach nur da sein.
Ich liebe ihn eben sehr, weiß aber, dass es unrealistisch wäre, im Moment Forderungen zu stellen oder Erwartungen zu haben.
Damit wären wir beide überfordert.
Es ist nur schlimm, ihn leiden zu sehen.
Die Sachen seiner Frau sind noch überall, so, als ob sie vor einer Minute weggegangen wäre... würdest du ihm vorschlagen, etwas wegzugeben?

Alles Liebe,
Mira

Inaktiver User
28.03.2007, 06:44
Mira, dazu kann ich Dir aus umgekehrter Sicht etwas schreiben. Ich denke auch, Du kannst nur fuer ihn da sein - mehr nicht. Mein Mann ist vor gut zwei Wochen gestorben. Wir waren nur vier Jahre verheiratet, und sein Tod hinterlaesst eine riesengrosse Luecke, die auch nicht so schnell gefuellt werden kann. Jeder Mensch geht anders mit Trauer um, und wenn er 20 Jahre gluecklich verheiratet war, dann ist ein Jahr Trauer - und mehr - in meinen Augen nicht ungewoehnlich. Du hast selbst schon richtig erkannt, dass es nicht an Dir ist, Forderungen zu stellen. Dann eruebrigt sich auch die Frage, ob Du ihm vorschlagen sollst, etwas von den Sachen seiner Frau wegzugeben. Das muss von ihm aus kommen. Das einzige, was ich vielleicht mal ganz vorsichtig ins Gespraech einflechten wuerde, ist ein dezenter Hinweis, dass er mal ueber professionelle Hilfe nachdenken sollte. Hier in den USA gibt es grief counselors, und zu so einem werde ich wohl naechste Woche oder so gehen. Das hat nicht so sehr was mit Therapie zu tun, als mit einer Aufarbeitung und Verarbeitung eines Traumas. Ich koennte mir vorstellen, dass solche Ratgeberdienste auch in D angeboten werden - z.B. Kirche, Caritas oder dergleichen?!

:blume: LG, Bluebonnet

gremlin
28.03.2007, 12:40
Auf so einen Vorschlag würde er ganz sicher nicht eingehen.
Nach dem Tod seiner Frau haben ihn einige Leute kontaktiert, die ihm helfen wollten, auch Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben (wir wohnen auf dem Land, da gibt es neben viel Neugier auch echte Anteilnahme).
Aber er ist nicht darauf eingegangen - "das ist nichts für mich".
Auch mit mir redet er nicht so viel darüber. In letzter Zeit etwas mehr. Vielleicht ein gutes Zeichen?
Er will mich damit nicht belasten, aber ewig kann man das Thema ja nicht totschweigen. Es gehört nun einmal zu ihm und zu seinem Leben.
Manchmal kommt es mir so vor, als ob viele Menschen angesichts der eigenen Trauer sehr ratlos sind. Da spreche ich auch aus eigener Erfahrung - nach dem Tod meiner liebsten Freundin habe ich irgendwie NICHTS gefühlt und war deswegen ziemlich verwirrt. Bis heute ist es so, ich kann nicht richtig traurig sein. Allerdings habe ich oft das Gefühl, dass sie bei mir ist, und ich habe auch Zeichen von ihr bekommen.
Ich glaube, dass du mit dem grief counselor den richtigen Schritt tust.

Ich wünsche dir viel Kraft und alles Gute,
Mira

Inaktiver User
28.03.2007, 17:31
Es ist weder ein gutes, noch ein schlechtes Zeichen. Es ist einfach seine Art, mit dem, was passiert ist, umzugehen.

Trauer ist völlig un-sexy und Trauer ist auch etwas, was in unserer Zeit fast keinen Platz hat. Doch: Ein Mensch, der trauert, zeigt, daß er lebte, mit seinem Partner lebte!

Laß ein wenig Zeit vergehen, ich wünsche Dir Geduld. Du wirst möglicherweise viel von ihm bekommen - wenn es so weit ist.

gremlin
28.03.2007, 19:05
Ich hatte gehofft, es wäre ein Zeichen dafür, dass er verstanden hat, dass er mich damit NICHT belastet. Denn schließlich möchte ich gern wissen, was ihn beschäftigt.
Aber ich muss es ihm überlassen, wieviel er mir davon zumuten will. Ich merke, dass er zur Zeit "feststeckt", aber ich habe eingesehen, dass ich ihm nicht dabei helfen kann, den nächsten Schritt zu machen.
Apropos "bekommen": Das Schönste an unserer Freundschaft/Beziehung ist, dass wir uns gegenseitig viel geben können - er mir mindestens genau so viel wie ich ihm.

Ich habe in den letzten Tagen viele der Beiträge in diesem Forum gelesen und verstehe jetzt vieles besser. Dafür möchte ich euch danken. Ihr seid wirklich eine Bereicherung.
Alles Liebe,
Mira

Inaktiver User
28.03.2007, 20:18
Ich hatte gehofft, es wäre ein Zeichen dafür, dass er verstanden hat, dass er mich damit NICHT belastet.


Bedenke, es könnte ihn selber belasten, darüber zusprechen !?

Vielleicht bist du seine "trauerfreie Zone"

gremlin
28.03.2007, 22:01
"Trauerfreie Zone"...
Ich glaube, damit hast du es auf den Punkt gebracht.
So habe ich es noch nie betrachtet.

Danke für die neue Perspektive!
Alles Liebe,
Mira

Inaktiver User
29.03.2007, 14:20
Mira, eines solltest Du meines Erachtens auch bedenken und Dich selbst davor schützen:

Irgendwann wird die Trauerzeit erst abschwächen und dann vorbei sein. Du wirst dann ein Teil dieser traurigen Zeit sein. Ich habe selbst erlebt, dass gerade Menschen, und besonders eben auch Männer, irgendwann nicht mehr gerne an solche "negativ besetzten" Zeiten und Themen erinnert werden möchten und einen Strich ziehen, um zurückzulassen, was zu dieser Zeit gehört. Es könnte passieren, dass er sich dann von Dir abwendet, obwohl Du so viel für ihn tust und empfindest.

Kranich

gremlin
29.03.2007, 19:22
Darüber habe ich schon oft nachgedacht... ob ich auch mit zum "Ablenkungs-Programm" gehöre und unsere Freundschaft/Beziehung nur ein Versuch von ihm ist, eine Lücke in seinem Leben zu füllen. Ehrlich: Wahrscheinlich ist es auch so, zumindest teilweise.
Aber das Besondere, von dem ich am Anfang erzählt habe, ist ebenso da. Und das hat mit der Trauer-Situation nicht das Geringste zu tun. Die gemeinsame Wellenlänge hätten wir immer gehabt, egal, wie, wo und wann wir uns kennengelernt hätten. Das Besondere ist ja auch, dass wir so viel Spaß miteinander haben - und das Beisammensein für beide schön ist. Da hat Lavendelmond sicher recht mit der "trauerfreien Zone".
Die Frage ist: Wie könnte ich mich vor einer eventuellen Enttäuschung schützen? Eigentlich gar nicht, oder?
Denn dass ich ihn lieb habe, kann ich nicht ändern.
Ich genieße eben einfach das Zusammensein und versuche, eine gewisse Distanz einzuhalten, von der ich glaube, dass sie der Situation angemessen ist und uns beiden gut tut. Denn ich habe gemerkt, dass er mir von selbst näher kommt, wenn ich ihn nicht bedränge. Alles ganz ungezwungen...
Dass das allerdings nicht ganz so ist, habe ich gemerkt, als ich deine Antwort gelesen habe - da war ich den Tränen sehr nahe.
Weil ich wieder einmal gemerkt habe, dass ich den Verlauf der Beziehung überhaupt nicht beeinflussen kann.
Das ist das, was ich als wirklich unfair empfinde - aber daran kann man niemandem die Schuld geben.
Alles Liebe,
Mira

Inaktiver User
29.03.2007, 22:18
Mira, ich wollte Dich nicht zum weinen bringen. Nur - Du bringst so viel Zuneigung und Verständnis für diesen Mann auf, dass ich hoffe, Du schützt Dich auch gut genug.

Ich weiß es selbst, wie gut es tut, wenn jemand da ist, der einen ablenkt. Das habe ich damals auch dankbar angenommen, viel Zeit mit einem Mann verbracht. Ich hatte nur überhaupt keinen Gedanken im Kopf, dass es für irgendetwas anderes gut wäre als mich von Tag zu Tag zu retten gut wäre. Ich wäre die ersten 2 oder auch mehr Jahre nach dem Tod meines Partners gar nicht fähig gewesen, etwas wahrzunehmen, was zwischen "Mann und Frau" stattfindet. Ich kann mich noch dran erinnern, als ich vor 1,5 Jahren - knapp 4 Jahre nach seinem Tod mit einem Mann essen war, wir uns prima unterhalten und gelacht haben, und der mich plötzlich fragte, ob ich eine Idee hätte, warum er mit mir essen gehen würde. Nein, hatte ich nicht, ich habe gar nicht gemerkt, mir keine Gedanken darüber gemacht, dass er in mir eine Frau gesehen hatte.

Ich weiß nicht, wie Du Dich vor zu viel Zuneigung und Hoffnung schützen kannst. Ich weiß von mir, dass es mir umgekehrt auch schwer fällt, in solchen Situatuionen einen realistischen Blick zu behalten. Ich neige auch dazu, anderen Menschen die Hand zu reichen und irgendwann die Ebenen aus den Augen zu verlieren. Es tut ja auch selbst gut, wenn man merkt, dass man einen Menschen aus dem düsteren Tal der Tränen ans Licht bringen kann. Und irgendwann verschwimmt dann das gute Gefühl des Tröstens und Helfen mit dem guten Gefühl der Zuneigung und Liebe.

Kranich

gremlin
30.03.2007, 11:07
Liebe Kranich!
Er sieht mich auf jeden Fall als Frau und als attraktiv und begehrenswert (seine Worte). Diese Anziehung und Faszination war von Anfang an da, auch wenn ich sie zuerst nicht sehen wollte. Ich wollte nur eine gute Freundin für ihn sein, aber dabei ist es nicht geblieben. Vor allem, weil er das so wollte, und ich dann natürlich irgendwann der Versuchung nachgegeben habe - was ich nicht bereue.
Zwischen uns hätte es "gefunkt", egal wann wir uns begegnet wären. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns unter "normalen" Umständen auch verliebt hätten. Die Anziehung ist einfach sehr stark, und zwar auf allen Ebenen.
Nur macht bei ihm das Herz halt nicht mit. Er kann sich nicht auf eine neue Liebe einlassen. Er hat die Frau sterben sehen, mit der er sein Leben verbringen wollte - ich verstehe, dass er sich nicht voll und ganz jemand anderem zuwenden kann.
Das, was wir teilen, ist eigentlich schon sehr viel, wenn man seine Lage und seinen Gefühlszustand bedenkt...
Ich hoffe, dass er eines Tages MICH sehen wird und einen Schritt auf mich zu machen kann. Aber es ist mir klar, dass das vielleicht nie geschehen wird. Es ist viel zu früh für Prognosen.
Die Angst, dass ich für ihn nur ein "Verdrängungs-Mittel" bin, bleibt und ist manchmal sehr stark - darum die Tränen.
Alles Liebe,
Mira